Dienstag, 25. September 2018

"Nicht: es muss sich etwas ändern, sondern: ich muss etwas tun!" Hans Scholl (angeblich)

Pseudo-Hans-Scholl-Zitat.
Diese Parole, mit der neuerdings AfD-Funktionäre werben, wird irrtümlich Hans Scholl zugeschrieben und stammt entweder von Willi Graf, einem anderen zum Tod verurteilten Mitglied der "Weißen Rose", oder wahrscheinlich von dessen Schwester Anneliese Knoop-Graf, wie Ralf Bülow herausgefunden hat.

Es ist doppelt absurd, wenn Nationalisten sich auf Widerstandskämpfer berufen, die von den mörderischsten Nationalisten des 20. Jahrhunderts enthauptet wurden und das Zitat noch dazu falsch ist.


Weiße Rose Stiftung e.V.


  • "Die Werte der Weissen Rose dürfen nicht missbraucht werden!
    Die Widerstandsgruppe Weisse Rose steht zeitübergreifend für Freiheit, Toleranz und Achtung der Menschenwürde. Wer mit Hass und Hetze gegen Minderheiten und Andersdenkende vorgeht, kann sich nicht auf sie berufen. Er verstößt vielmehr gegen die ethischen Grundprinzipien, für die die Weisse Rose nach wie vor steht. Wir halten es daher für verwerflich, wenn einzelne Personen der Widerstandsgruppe aktuell aus höchst durchsichtigen parteipolitischen Werbezwecken als Gallionsfiguren missbraucht werden. (...)

    Die Weiße Rose Stiftung e.V. sieht es als ihre Aufgabe, über die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur das Bewusstsein für unsere Gegenwart zu schärfen und sich gegen eine Instrumentalisierung hochgeachteter Personen des Widerstands zu wenden. Der aktuelle Missbrauch durch Vertreter der AfD ist auf das Schärfste zu verurteilen."
Gez. Hildegard Kronawitter, Vorsitzende | Weiße Rose Stiftung e.V.
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Das Zitat taucht in den digitalisierten Texten im Jahr 1987 erstmals auf. Die Publizistin Anneliese Knoop-Graf, die 1943 gemeinsam mit ihrem Bruder verhaftet wurde, schreibt in ihren Erinnerungen an ihren Bruder Willi Graf:

1987
  • "Auf diese grauenvolle Wirklichkeit hatte Willis Gewissen reagiert: Nicht: Es muß etwas geschehen, sondern: Ich muß etwas tun. Im April 1942 wurde Willi nach München beurlaubt und lernte hier in einer Studentenkompanie Hans Scholl und Alexander Schmorell kennen ..."

    Anneliese Knoop-Graf: "Will Grafs Weg in den Widerstand."  S. 433ff.; S. 442 (Link)
Es ist diesem Absatz nicht eindeutig zu entnehmen, ob Anneliese Knoop-Graf den Entschluss ihres  Bruders, Widerstand zu leisten, hier zitiert oder paraphrasiert. Bezeugt sind Willi Grafs wütende Worte: "Es muss doch etwas getan werden, auch wenn es den Kopf kosten sollte (Link)", und: "Ihr werdet sehen — es wird etwas geschehen (Link)".


Anscheinend wurde der Satz von Anneliese Knoop-Graf im Jahr 2005 erstmals in einem Ratgeberbuch für Ärzte irrtümlich Hans Scholl zugeschrieben und kurz später wurde diese Falschzuschreibung durch eine Zitatsammlung verbreitet. 

Dass dieses Zitat in Hans Scholls Schriften und Briefen  nicht enthalten ist, hat kürzlich nach der Weiße Rose Stiftung auch die Historikerin Miriam Gebhardt bestätigt (Link), die 2017 die Studie, "Die Weiße Rose. Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden", publizierte.


2015, Dresden; Zitat von Anneliese Knoop-Graf; irrtümlich Hans Scholl unterschoben.

 

 Früheste falsche Zuschreibungen an Hans Scholl:


2005
  • "Der Nazigegner Hans Scholl hat das treffend formuliert: 'Nicht: Es muss etwas geschehen, sondern: Ich muss etwas tun!'" S. 65 (Link)
 2007 
  •  "Nicht: Es muss etwas geschehen, sondern: Ich muss etwas tun. Hans Scholl, dt. Widerstandskämpfer, 1918–1943" S. 52 (Link)

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Quellen:
Anneliese Knoop-Graf: "Will Grafs Weg in den Widerstand." In: Peter Steinbach, ‎Winfried Becker (Hrsg.): "Widerstand: ein Problem zwischen Theorie und Geschichte."  Verlag Wissenschaft und Politik, Köln: 1987, S. 433ff.; S. 442 (Link) 
Stefan Ludmann: "Weiße Rose Stiftung wehrt sich gegen AfD", NDR.de, 24. September 2018 (Link)
Ludwig Hang: "Flugblatt und Gedicht Lebenszeugnisse des Saarbrücker Widerstandskämpfers Willi Graf",  DIE ZEIT 36/1988, 2. September 1988 (Link)
Peter Goergen: "Willi Graf - ein Weg in den Widerstand", Röhrig Universitätsverlag, Band 11 Schriftenreihe der Stiftung Demokratie Saarland, St. Ingbert: 2009, S. 164  (Link)
weisse-rose-stiftung.de/ 

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Hans Scholl:
2005: Heinz Welling: "Kommunikation in der Medizin: Leitfaden für die erfolgreiche Praxisführung", ecomed medizin, 2. überarb. Auflage, Landsberg/Lech: 2005, S. 65 (Link) 
2007: Gisela Fichtl: "Zitate für Beruf und Karriere", Haufe, 4. Auflage, Planegg/München: 2007, S. 52 (Link) 
2010 (Link) 
aphorismen.de/zitat/203309 
gutezitate.com/zitat/119008
viabilia.de/hans-scholl/autor




 
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Ich danke Ralf Bülow für den Hinweis auf dieses Zitat und seine Recherchen dazu wieder einmal sehr.


 Artikel in Arbeit.