Dienstag, 23. Februar 2021

"Was nicht trifft, trifft auch nicht zu." Karl Kraus (angeblich)

Mit diesem Karl Kraus unterschobenen Kalauer wird suggeriert, eine Behauptung, die nicht kränkt, müsse falsch sein.

Der Sozialwissenschaftler  Oskar Negt unterschiebt den Kalauer Karl Kraus seit 1978 in der Version 'Was nicht trifft, trifft auch nicht zu' , die Journalisten Henryk M. Broder und Jan Fleischhauer bevorzugen die krassere Fassung: "Was trifft, trifft auch zu"

Beide Varianten sind in den Texten von Karl Kraus nicht zu finden.

 

 Beispiele für falsche Zuschreibungen an Karl Kraus:

1978

  • "Karl Kraus hat einmal gesagt: 'Was nicht trifft, trifft auch nicht zu.' Die polemische Schärfe der Kritik ist es nicht, die mich bedrückt. Es ist die Denunciation, die bloße Zuordnung einer Sache, deren Sinngehalt bewußt verdreht oder verschwiegen wird, oder einer Person zu Feindpositionen, die es unmöglich machen sollen, bestimmte Konzeptionen überhaupt in den Diskussionszusammenhang gewerkschaftlicher Bildungsarbeit einzubeziehen .."
    Arbeiterbildung: soziolog. Phantasie u. exemplar. Lernen in Theorie, Kritik u. Praxis: [Lernen für Selbstbestimmung] Herausgegeben von Alfred Brock, Rowohlt: 1978, Oskar Negt, S. 84 (Link)

 

1984

  • "Wenn Karl Kraus sagt: 'Was nicht trifft, trifft auch nicht zu', dann meint er genau diese durch parteilichen Eingriff in die Verhältnisse vermittelte Wahrheitsfindung."
    Oskar Negt: "Lebendige Arbeit, enteignete Zeit: politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit" Campus Verlag, Frankfurt /New York: 1984, S. 14 (Link)

1987

  • "Dem Satz von Karl Kraus: 'Was nicht trifft , trifft auch nicht zu', gebe ich einen hohen Erkenntniswert."
    Das Argument, Band 29, 1987, Nr. 164-166, S. 495 (Link)

 

1993 behauptet Oskar Negt in einer Laudatio im SPIEGEL, Rudolf Augstein sei ein "Geistesverwandter" von Karl Kraus und beiden gemeinsam sei das von Kraus fomulierte Prinzip: "Was nicht trifft, trifft auch nicht zu". (Link)

 1995

  • "Karl Krauss (!), gewiß einer der schärfsten Zuspitzer und galligsten Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft , hat einmal gesagt: 'Was nicht trifft , trifft auch nicht zu.'" S. 134 (Link)

 

2007 verteidigt Henryk M. Broder mit diesem Pseudo-Karl-Kraus-Zitat die Moderatorin Eva Herman, allerdings in der Variante: "Was trifft, trifft auch zu" -, und 2010 verteidigt er damit Thilo Sarrazin im SPIEGEL gegen den Vorwurf, rassistisch zu argumentieren.

2012 bekennt sich Jan Fleischhauer in seinem Buch: "Der schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten" zu dieser angeblichen Maxime von Karl Kraus, wie seine Vorgänger ohne jede Quellenangabe.

  • "Ansonsten halte ich mich an den Satz von Karl Kraus: «Was trifft, trifft auch zu.» Daran gemessen kann nicht alles verkehrt sein, was sich im Folgenden an Texten findet – das ist jedenfalls die Hoffnung, an der ich mich festhalte."

Den Angestellten des vielgerühmten SPIEGEL-Archivs fällt weder auf, dass der SPIEGEL im Abstand von 14 Jahren zwei verschiedene Versionen des angeblichen Kraus-Zitats druckte, noch, dass beide Versionen in den Schriften von Karl Kraus nicht zu finden sind.

2016 kritisert Broder mit diesem falschen Karl-Kraus-Zitat den Öffentlichen Rundfunk und den ARD:

  •  "Was den Vorwurf der 'Lügenpresse' angeht, so hat Karl Kraus schon das Notwendige dazu gesagt: 'Was trifft, trifft auch zu!'" 

 
Mit der Autorität des Namens Karl Kraus kann man also Rudolf Augstein, Eva Herman und Thilo Sarrazin loben und verteidigen, den Öffentlichen Rundfunk kritisieren und jahrzehntelang bemerkt niemand, dass das Zitat gar nicht von Karl Kraus ist.

 

Das Zitat wird auch Walter Benjamin unter Kurt Tucholsky  unterschoben.

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Quellen:
Auf Google Books gibt es keinen Nachweis dieses Zitats vor dem Jahr 1978. (Die Mitteilung eventuell früherer Quellen würde mich freuen.) 
Arbeiterbildung: soziolog. Phantasie u. exemplar. Lernen in Theorie, Kritik u. Praxis: [Lernen für Selbstbestimmung] Herausgegeben von Alfred Brock, Rowohlt: 1978, Oskar Negt, S. 84 (Link)
Oskar Negt: "Lebendige Arbeit, enteignete Zeit: politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit" Campus Verlag, Frankfurt /New York: 1984, S. 14 (Link) 
Das Argument, Band 29, 1987, Nr. 164-166, S. 495 (Link)
Oskar Negt: "Von Menschen und Nachrichten" Der Spiegel 6/1993,  1. November 1993  (Link)
Henryk M. Broder: "Alvin Rosenfeld: Aus kritischer Distanz" 3. März 2007 (henryk-broder.com)
Henryk M. Broder: "Thilo und die Gene. Streitfall Sarrazin: Haben eigentlich alle dasselbe Zeug gekifft?" Der Spiegel, 36/2010, 6. September 2010 (SPIEGEL)
Jan Fleischhauer: "Der Schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten." Rowohlt, Reinbek bei Hamburg: 2012, digitalbuch (Link)
Henryk M. Broder: "Nehmt Euch in Acht vor den Propagandamedien!"  4. Mai 2016  (achgut.com) 

WikiMANNia



 

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Dank:

Tobias Blanken und Michael Gunzcy verdanke ich den Twitter-Hinweis auf dieses Falschzitat.

 

Artikel in Arbeit. Geändert:  15/3 2021