Sonntag, 18. November 2018

"Gott ist tot, Marx ist tot, und ich selber fühle mich nicht sehr gut." Eugène Ionesco (angeblich)

In Frankreich wird neuerdings dieser Witz oft dem amerikanischen Filmregisseur Woody Allen zugeschrieben und in Deutschland und Amerika dem französisch-rumänischen Autor Eugène Ionesco. 



Manchmal wird behauptet, dieser Witz, der in einigen Varianten jahrzehntelang auf vielen Haus- und Klowänden der westlichen Welt verbreitet wurde, sei im Mai 1968 in Paris entstanden. 

Meinen Recherchen nach hat den Spruch aber wahrscheinlich der französische Autor Michel Le Bris Mitte der 1970er Jahre geprägt. Meines Wissens gibt es keinen Beleg für die Vermutung, der Spruch stamme in diesem Wortlaut aus dem Jahr 1968 oder von Woody Allen oder Eugène Ionesco.

Eugène Ionesco zitiert den Witz 1977 in einem Artikel in der Zeitung "Le Figaro", meint aber, der Spruch wäre ein Slogan im Pariser Mai 1968 gewesen (Link). Man sollte nicht Eugène Ionesco einen Witz zuschreiben, den er selbst anderen zuschreibt und für den er die Autorschaft nicht beansprucht.

Zwei Jahre vor  Eugène Ionescos Artikel taucht der Witz in den digitalisierten Texten erstmals auf: Michel Le Bris, der damals als maoistischer Philosoph galt, plane ein Buch mit dem Titel "Gott ist tot, Marx ist tot, und ich selber fühle mich nicht sehr gut", steht 1975 und 1977 in französischen und englischen Zeitschriften.

Die Metapher "Marx ist tot" ("Marx est mort") war der Titel eines Pamphlets aus dem Jahr 1970, mit dem der  französischen Philosoph Jean-Marie Benoist seinen Abschied von marxistischen Theorien erklärte. 

Vor 1970 war die Diagnose "Marx est mort" - wenn man Google-Suchen glauben kann - in Frankreich völlig unbekannt.  Ein Witz mit der Metapher "Marx est mort" kann also erst nach 1970 entstanden sein. (Zukünftige Recherchen kommen vielleicht zu einem anderen Ergebnis.) 

Gut belegt ist hingegen die Behauptung, dass auf einer Mauer der Sorbonne 1968 die Parole "Nietzsche ist tot" zu lesen war:

 Paris, Sorbonne, 1968:


  • "GOTT IST TOT
        Unterschrieben Nietzsche"
Am nächsten Tag stand darunter:
  • "NIETZSCHE IST TOT!
          Unterschrieben Gott"

    Quelle, zum Beispiel: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Ausgabe 4, C. Winters Universitätsbuchhandlung, Heidelberg: 1969, S. 9  (Link)
Wie die irrtümliche Zuschreibung des "Marx ist tot"-Spruchs an Woody Allen entstanden ist, kann ich noch nicht sagen. Jemand müsste den Nachweis erbringen, dass Allen diesen Witz vor 1975 geprägt hat, damit er als dessen Urheber bezeichnet werden könnte.

Artikel in Arbeit.
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Quellen:
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Ausgabe 4, C. Winters Universitätsbuchhandlung, Heidelberg: 1969, S. 9  (Link)

Zuschreibungen an Michel Le Bris:
1975 (Link) /books.google
1977: "le point", Nr. 250, 4. Juli 1977, S. 37  books.google

Eugène Ionesco:  (Link)

Irrtümlich Eugène Ionesco zugeschrieben: Google
Hans-Horst Skupy: "Das große Handbuch der Zitate" (Erstausgabe: 1993) Sonderausgabe Bassermann Verlag, München: 2013, 2. Auflage 2017, S. 527


Irrtümlich Woody Allen zugeschrieben: Google
1992: books.google
1997: books.google
2006: books.google

 Dieu est mort, Marx est mort, et moi-même je ne me sens pas très bien.




1990
Ionesco

Samstag, 17. November 2018

"Der Tod ist das Tor zum Licht am Ende eines mühsam gewordenen Lebens." Franz von Assisi (angeblich)

Dieser  Trauerspruch ist vor dem 21. Jahrhundert völlig unbekannt und weder in den Texten Franz von Assisis noch in seriösen Nachschlagwerken zu finden.
 
Aufgekommen ist dieses inzwischen bei Traueranzeigen sehr beliebte Zitat einer unbekannten Autorin anscheinend um das Jahr 2005, und da es auch immer ohne Quellenangabe zitiert wird, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit eines der vielen Kuckuckszitate, die in den letzten Jahrzehnten christlichen Heiligen unterschoben wurden.

Pseudo-Franz-von-Assisi-Zitat.

 Dieses Pseudo-Franz-von-Assisi-Zitat könnte aus dem lateinischen Spruch "Mors janua vitae" (Der Tod ist das Tor zum Leben), der übrigens in Sprichwortsammlungen nie in Zusammenhang mit Franz von Assisi gebracht wird, entstanden sein.


Artikel in Arbeit.
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Quellen:
Ulrich Seelbach, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"
 Früheste Erwähnnungen:
 2005: groups.google
2005: med1.de/forum/ 

Wörterbücher: (Link)
Burton Egbert Stevenson: The Macmillan Book of Proverbs, Maxims, and Famous Phrases" 1948, S. 501  (Link)
(Link)
(Link)
von Salis (Link)
 Wiki italienisch (Link)

St. Bernhard (Link)

Koloman Moser, Gemälde, Verzeichnis Belvedere (Link)

"Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb." Kurt Tucholsky (angeblich)


Dieser Aphorismus von Kurt Tucholsky wird oft mit einem veränderten Wort zitiert: statt "einer gesunden Ordnung" steht im Original: "jeder gesunden Ordnung".


Fast korrektes Kurt-Tucholsky-Zitat.


Kurt Tucholsky hat den Aphorismus 1930 und 1932 in zwei leicht verschiedenen Varianten publiziert:

Kurt Tucholsky

  • 1930: Die Basis jeder gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.
  • 1932: Die Seele einer jeden Ordnung ist ein großer Papierkorb. (Link)
-

Spätere Varianten von Zitierenden:  

  • Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.
  • Die Seele jeder Ordnung ist ein großer Papierkorb.
  • Ein großer Papierkorb ist die Basis jeder Ordnung.



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Quellen:

Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 8, Reinbek bei Hamburg: 1975, S. 188-191; Erstdruck: Peter Panter: "»Das kann man noch gebrauchen –!«", Neue Leipziger Zeitung, 19. August 1930. zeno.org
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 10, Reinbek bei Hamburg: 1975, S. 106-108; Erstdruck: Peter Panter,  Rubrik "Schnipsel", Die Weltbühne, 19. Juli 1932, Nr. 29, S. 98. zeno.org

In Arbeit. (Vorerst zitiert nach zeno.org)

Montag, 12. November 2018

"Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen." Matthäus 12,14 (angeblich)

Dieser Satz aus der deutschen Einheitsübersetzung (2016) des Matthäus-Evangeliums ist umstritten, weil im griechischen Original dieser Stelle nichts von einem Mordplan der Pharisäer steht.

Der von Karl Kraus geschätzte Leander van Eß zum Beispiel übersetzte diesen Satz in seiner Edition des Neuen Testaments 1884 mit folgenden Worten:
  • "Nun begaben sich die Pharisäer weg und hielten miteinander Rath, wie sie ihn aus dem Wege schaffen könnten."
    Leander van Eß, Matthäus 12:14, Wien: 1884, S. 13
 Der Kirchenhistoriker Hans Förster schlägt vor, statt "umbringen" in der Übersetzung das Verb "loswerden" zu wählen:

  • "Als aber die Pharisäer hinausgegangen waren, berieten sie über ihn, wie sie ihn loswürden."
    Hans Förster: "Mörder oder Störenfried?", 2018 (Link)
     
"Einen Störenfried - auf welche Art auch immer - loszuwerden, ist etwas ganz anderes," schreibt Hans Förster, " als der bewusste Vorsatz, diesen töten zu wollen. (Link)"

Die Darstellung von Juden als "Christusmörder" steht in der antisemitischen Tradition des Christentums:


Hans Förster:


  • "Kittel und andere Theologen aus der Zeit des Nationalsozialismus haben mit Standardwerken wie dem "Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament" mit dazu beigetragen, dass es zwei aktuellen Revisionen, also Überarbeitungen von zentralen Bibelübersetzungen, unzureichend gelungen ist, traditionelle Antijudaismen zu überwinden. Vielmehr verschärfen die revidierte Lutherbibel (2017) und die revidierte Einheitsübersetzung (2016) das Motiv einer Dämonisierung der Juden im Neuen Testament, verglichen mit Übersetzungen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

    Deshalb sei in Erinnerung gerufen: Die Darstellung der Juden als Teufel und Dämonen war eines der am häufigsten verwendeten Motive der nationalsozialistischen Propaganda. Damit zeigt sich: Der wissenschaftlichen Aufarbeitung philologisch problematischer antijüdischer Verzerrungen des Neuen Testaments hat sich die Theologie überhaupt erst anzunehmen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine faszinierende und schwierige wissenschaftliche Herausforderung - es ist vielmehr eine moralische Pflicht."

    Hans Förster: "Mörder oder Störenfried?", Wiener Zeitung, 2018 (Link)


Matthäus 12,14


  • Ἐξελθόντες δὲ οἱ Φαρισαῖοι συμβούλιον ἔλαβον κατ’ αὐτοῦ ὅπως αὐτὸν ἀπολέσωσιν. (Link)
  • Exeuntes autem pharisaei, consilium faciebant adversus eum, quomodo perderent eum. 
  • Then the Pharisees went out, and held a council against him, how they might destroy him. King James Version (Link)
  • Aber die Pharisäer gingen hinaus und hielten Rat gegen ihn, damit sie ihn vernichten könnten. jw.org 
  • Nun begaben sich die Pharisäer weg und hielten miteinander Rath, wie sie ihn aus dem Wege schaffen könnten.
  • Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen.
  •  Als aber die Pharisäer hinausgegangen waren, berieten sie über ihn, wie sie ihn loswürden.


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Quellen:
"Die heiligen Schriften des Neuen Testamentes", übersetzt und mit zugefügten Sach-Parallelstellen und grundtextlichen Abweichungen neu revidiert von Leander van Eß, Verlag der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft, Wien: 1884, S. 13
Hans Förster: "Mörder oder Störenfried?", Wiener Zeitung extra, 10./11. November 2018, S. 25f. (Link)
bibelwissenschaft.de/online-bibeln

Artikel in Arbeit.

Freitag, 9. November 2018

"Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt – man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug.“ Stefan Zweig (angeblich)


Etwas verkürztes Stefan-Zweig-Zitat.
Dieser Satz ist die Zusammenfassung von drei Sätzen aus Stefan Zweigs Autobiographie "Die Welt von Gestern", die er in seinen drei letzten Lebensjahren verfasst hat und die posthum 1942 erschienen ist.

Der Stefan Zweig zugeschrieben Satz ist zwar kein wörtliches Zitat, aber er ist eine nicht sinnentstellende, prägnante Kurzfassung eines Gedankens Stefan Zweigs über die Taktik der Nationalsozialisten.

Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942

  • "Man sieht: all die Ungeheuerlichkeiten, wie Bücherverbrennungen und Schandpfahlfeste, die wenige Monate später schon Fakten sein sollten, waren einen Monat nach Hitlers Machtergreifung selbst für weitdenkende Leute noch jenseits aller Faßbarkeit. Denn der Nationalsozialismus in seiner skrupellosen Täuschertechnik hütete sich, die ganze Radikalität seiner Ziele zu zeigen, ehe man die Welt abgehärtet hatte. So übten sie vorsichtig ihre Methode: immer nur eine Dosis und nach der Dosis eine kleine Pause. Immer nur eine einzelne Pille und dann einen Augenblick Abwartens, ob sie nicht zu stark gewesen, ob das Weltgewissen diese Dosis noch vertrage. Und da das europäische Gewissen – zum Schaden und zur Schmach unserer Zivilisation – eifrigst seine Unbeteiligtheit betonte, weil diese Gewalttaten doch »jenseits der Grenze« vor sich gingen, wurden die Dosen immer kräftiger, bis schließlich ganz Europa an ihnen zugrunde ging. Nichts Genialeres hat Hitler geleistet als diese Taktik des langsamen Vorfühlens und immer stärkeren Steigerns gegen ein moralisch und bald auch militärisch immer schwächer werdendes Europa."
    Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers." gutenberg.spiegel.de

Im Usenet taucht die Kurzfassung erstmals im September 2000 in der deutschen Übersetzung eines griechischen Radio-Interviews mit der grünen Wiener Politikerin Maria Vassilakou auf (Link).
Im selben Jahr erinnert sich ein österreichischer Historiker, den Satz im Sommer 1999 in der Signature einer E-Mail gelesen zu haben (Link):

2000:
  • "In einer Mail-Signature las ich im vergangenen Sommer den folgenden Satz: 'Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen durchgesetzt - man hat immer ein bißchen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug.'

    In der Signature wurde dieser Satz Stefan Zweig zugeschrieben. Leider war es mir nicht möglich, eine genauere Quellenangabe zu eruieren, aber dies tut der Bedeutung des Zitats keinen Abbruch."
    Markus Cerman: "Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Einleitung" S. 132 (Link)  
Im Jahr 2010 wird dieses Zitat von einer AktivistInnengruppe gegen Rechte und Rechtsextreme durch ein Plakat verbreitet (Link):
Plakat 2010; verkürztes Stefan-Zweig-Zitat.
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Quellen:
Google
Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers." Bermann-Fischer, Stockholm: 1942; S. Fischer, Frankfurt am Main: 1982, S. 416 (Link) 
 2000: Maria Vassilakou, deutsche Übersetzung eines griechischen Interviews, 06.09.00, Marcel Kneuer: "richtigstellung zu einem griechischen interview", at.blackbox.gruene.wien.diskussionen
Maria Vassilakou in der Ethnos (Link)
2000: Markus Cerman: "Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Einleitung." in: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/00. 30. Jg. 2000, S. 132 (Link)  books.google; Online: (Link)
2010: Das Bündnis, Plakat dasbuendnis.twoday.net/stories/zweig/

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Dank:
Ich danke Jean I. Billroth für seine Recherchen; den Hinweis auf den Urspung des Zitats in der "Welt von Gestern" verdanke ich Frank Böhmert sowie David und ma am.

Artikel in Arbeit.

Montag, 5. November 2018

"Gott gibt die Nüsse, aber er knackt sie nicht." Johann Wolfgang von Goethe (angeblich)

Dieses alte deutsche Sprichwort wird auf Deutsch oft Johann Wolfgang von Goethe unterschoben und auf Englisch oft Franz Kafka.

Pseudo-Johann-Wolfgang-Goethe-Zitat.
     
Pseudo-Johann-Wolfgang-Goethe-Zitat.

Pseudo-Johann-Wolfgang-Goethe-Zitat.


Goethe scheint dieses alte Sprichwort gefallen zu haben, denn er trägt es einmal in ein Stammbuch ein:


Johann Wolfgang Goethe, 1811:

  • "'Gott giebt die Nüsse, aber er bricht sie nicht auf.' Dies altdeutsche Wort zu freundlichem Andenken.
    Goethe Weimar d. 9. Oct. 1811"
    Stammbuchblatt  books.google

 Dieses Sprichwort anonymen Ursprungs ist in einigen Varianten überliefert:

  • Gott gibt die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf.
  • Gott gibt uns wol die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf. 
  • Gott gibt uns wol die Nüsse, aber in der Schale.
  • Unser Herrgott gibt die Nüsse, aber er beisst sie nicht auf.
  • God gives the nuts, but he does not crack them.

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Franz Kafka:


Pseudo-Franz-Kafka quote.


Twitter:

Pseudo-Franz-Kafka quote.
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Quellen:
Google
Karl Friedrich Wilhelm Wander: "Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk." Zweiter Band, Gott bis Lehren, F. A. Brockaus, Leipzig: 1870,  S. 25, Nr. 531, 532  (Link)
Stammbuchblatt mit Goethes Eintrag: books.google

 books.google.at
 books.google

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Dank:
Ich danke  Michael Gunczy für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.

Artikel in Arbeit.

Montag, 29. Oktober 2018

"Strömt herbei, Besatzungsheere, schwarz und rot und braun und gelb, daß das Deutschtum sich vermehre, von der Etsch bis an den Belt! ... säubert die Germanenrasse, sei willkommen schwarze Schmach." Erich Mühsam (angeblich)

Pseudo-Erich-Mühsam-Zitat.
Diese Verse werden dem 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordeten deutschen Schriftsteller Erich Mühsam seit etwa 16 Jahren unterschoben. Als ehemaliges Mitglied des Zentralrates der bayrischen Räteregierung war er den Nationalsozialisten besonders verhasst.

Mit der falschen Zuschreibung begonnen hat im Jahr 2002 ein Autor, der es mit Zitaten auch sonst nicht sehr genau nimmt. Ein paar Absätze vor seinem falschen Erich-Mühsam-Zitat bringt er ein angebliches Richard-N.-Coudenhove-Kalergi-Zitat ("Wir erstreben die eurasisch-negroide Zukunftsrasse"), das, anders als behauptet, auch nicht in Coudenhove-Kalergis Buch "Praktischer Idealismus" vorkommt.

Als Quelle für das Erich-Mühsam-Zitat nennt dieser unseriöse Autor Ernst Manon eine Radiosendung: "Das Gedicht wurde am 2. Juni 1992 gegen 19.15 Uhr im Deutschlandfunk von der Schauspielerin Lotte Loebinger in Liedform vorgetragen."  (Manon 2002, S. 462)

Selbst wenn es wahr wäre, dass die kommunistische Schauspielerin Lotte Loebinger dieses Gedicht jemals vorgetragen hätte (ich wette, die Sache ist erlogen), wäre das keine philologisch vertrauenswürdige Quelle für das Zitat.

Rechtsextremen Autoren scheint es Spaß zu machen, ihre Leserinnen und Leser mit falschen Zitaten in die Irre zu führen, um sie von ihrem Verschwörungswahn eines angeblich lange geplanten europäischen Bevölkerungsaustausches zu überzeugen. Ist so ein Falschzitat einmal in der Welt, glauben Viele, die es zitieren, es sei ein authentisches Zitat.

Erste falsche Zuschreibung an Erich Mühsam, Ernst Manon, 2002:

  • "1923, zwei Jahre vor Coudenhove-Kalergis programmatischer Schrift Praktischer Idealismus hatte der jüdische Schriftsteller und Rebell Erich Mühsam in Niederschönenfeld, wo er wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik eine Festungshaftstrafe abbüßte, folgendes Gedicht verfaßt:
  •  Strömt herbei, Besatzungsheere,
    schwarz und rot und braun und gelb,
    daß das Deutschtum sich vermehre,
    von der Etsch bis an den Belt!

    Schwarzweißrote Jungfernhemden
    wehen stolz von jedem Dach,
    grüßen euch, ihr dunklen Fremden:
    sei willkommen, schwarze Schmach!

    Jungfern, lasset euch begatten,
    Beine breit, ihre Ehefrau`n,
    und gebäret uns Mulatten,
    möglichst schokoladenbraun!

    Schwarze, Rote, Braune, Gelbe,
    Negervolk aus aller Welt,
    ziehet über Rhein und Elbe,
    kommt nach Niederschönenfeld!

    Strömt herbei in dunkler Masse.
    und schießt los mit lautem Krach,
    säubert die Germanenrasse,
    sei willkommen, schwarze Schmach!"

    Ernst Manon: "Männer beiderlei Geschlechts und der kalte Verfassungsputsch", 2002 (Link)
Diese Verse sind unschwer als Parodie des berühmten Gedichts, "Strömt herbei, ihr Völkerschare zu des deutschen Rheines Strand", zu erkennen:


1848,  E. O. Sternau: "Neues Rheinlied"


  • "Strömt herbei, ihr Völkerschaaren
    Zu des deutschen Rheines Strand;
    Wollt ihr ächte Lust erfahren
    O, so reichet mir die Hand.
    Nur am Rheine will ich leben,
    Nur am Rhein geboren sein,
    Wo die Berge tragen Reben
    Und die Reben gold´nen Wein!

    Mögen tausend schöne Frauen
    Locken auch mit ihrer Pracht,
    Wo Italiens Himmel blauen
    Und in Düften schwelgt die Nacht:
    Nur am Rheine will ich lieben
    Denn in jedes Auges Schein,
    Steht es feurig dort geschrieben:
    Nur am Rheine mußt' du frei'n!

    Mag der Franzmann eifrig loben
    Seines Weines Allgewalt,
    Mag er voll Begeist’rung toben
    Wenn der Kork der Flaschen knallt.
    Nur am Rheine will ich trinken
    Einen echten deutschen Trank,
    Und solang die Becher blinken
    Töne laut ihm Lob und Dank!

    Doch wenn ich gelebt voll Wonne
    Treu geliebt voll Seligkeit
    Und getrunken manche Tonne,
    Wandr‘ ich gern zur Ewigkeit.
    Nur am Rheine will ich sterben,
    Grabt am Rheine mir ein Grab,
    Und des leeren Glases Scherben,
    Werft mir in die Gruft hinab."

    Otto Inkermann, Pseudonym: E. O. Sternau, Erstfassung: 1848 (Link); vertont von Peter Johann Peters, 1867 volksliederarchiv.de:

Youtube:




Die Verse von Otto Julius Inkermann standen in preußischen Schulbüchern, waren als patriotisches Gedicht im 1. Weltkrieg beliebt und sind angeblich jetzt noch in vielen Liederbüchern von Burschenschaftlern zu finden.

Nach diesen Versen und der Melodie von Peter Johann Peters entstanden zahlreiche Variationen, zum Beispiel: "Laßt ihr buntbemützten Scharen schallen euren Festgesang" (Link) oder: "Seid willkommen, Bundesbrüder, die ihr kamt von Süd und Nord" (Link).

Einige haben es schon gesucht, aber noch niemand hat Varianten dieser Verse in einem Text Erich Mühsams gefunden. Das bei Rechten und Rechtsetremen beliebte Zitat ist also ein Kuckuckszitat.

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Otto Inkermann: "Neues Rheinlied", in: "Rheinisches Dichteralbum". Herausgegeben von C. O. Sternau. Mit Beiträgen von Ernst Moritz Arndt etc. Zum Besten der Nothleidenden in Schlesien, Verlag von Johann Georg Schmitz, Köln: 1848, S. 155f. (Link) (In späteren Fassungen wurden einige Zeilen des Gedichts etwas verändert.) volksliederarchiv.de;  Noten von Peter Johann Peters:  https://www.markomannenwiki.de
 Richard N. Coudenhove-Kalergi: "Praktischer Idealismus: Adel - Technik - Pazifismus", Paneuropa Verlag, Wien - Leipzig: 1925  (Link)
 Deutscher Aufklärer: "Trolle, Zitatefälscher und Desinformation im Internet", 28. April 2018, Youtube (Link)

 Beispiele für falsche Zuschreibungen an Erich Mühsam:
2002: Ernst Manon: "Männer beiderlei Geschlechts und der kalte Verfassungsputsch", Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6. Jahrgang, Heft 3, September 2002, Castle Hill Publishers, Hastings: 2002, S. 455-462, S. 459f. (pdf)
2004: de.soc.politik.misc  groups.google
2010:  politikforen.net
  books.google
 2015: dasgelbeforum.net
2016:

 Artikel in Arbeit.