Freitag, 10. Juli 2020

"Don't talk of peace and love when you have a dead animal on your plate." Socrates (angeblich)



Pseudo-Sokrates-Zitat.
Dieses angebliche Sokrates-Zitat ist noch kaum fünf Jahre alt, existiert hauptsächlich in der Meme-Welt und ist bei einigen veganen und vegetarischen Aktivistinnen und Aktivisten sehr beliebt.

Der Slogan ist im 21. Jahrhundert von einer unbekannten Person geprägt worden und die Zuschreibung an den Athener Philosophen soll dem Satz wohl moralische Autorität verleihen.

Vor dem Jahr 2016 finden man diese Aufforderung auch ohne Zuschreibung an Sokrates.

Im klassischen Athen hat niemand von "peace and love" geredet und dieses Sokrates-Kuckuckszitat ist weder so noch so ähnlich in Texten aus dem klassischen Athen zu finden.

Sokrates wird in letzter Zeit öfters als Vegetarier bezeichnet. Dafür gibt es keinerlei Nachweis, während  Pythagoras und seine Schüler bekanntlich wirklich auf Fleischnahrung verzichteten.


Twitter 2015 ohne, 2016 mit Zuschreibung an Sokrates:




Artikel in Arbeit.
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Quellen:
Google
 Facebook
Twitter

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Dank:
Ich danke Hannes Schrader für den Hinweis auf dieses frische Kuckuckszitat.

Donnerstag, 9. Juli 2020

"Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen." Immanuel Kant (angeblich)

 Dieses Zitat hat der französische Botaniker und Geograph Georges-Louis Leclerc de Buffon geprägt.

Es steht ohne Hinweis auf Buffon im zweiten Band der 1802 erstmals publizierten "Physischen Geographie" Immanuel Kants, die der Herausgeber Theodor Rink aus heute zum Teil verschollenen handschriftlichen Vorlesungsunterlagen, Vorlesungsmitschriften und Notizen Kants aus vier Jahrzehnten (1757-1795) zusammengestellt hat.

  • "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften."

    Immanuel Kant: "Physische Geographie."Auf Verlangen des Verfassers, aus seiner Handschrift herausgegebgen und zum Theil bearbeitet von D. Friedrich Theodor Rink. Zweyter Band, Göb'bels und Unzer, Königsberg: 1802, S. 10 (books.google); (Link) 
 Da Immanuel Kant im Fach Geographie auf keine eigenen Forschungsarbeiten zurückgreifen konnte, bestanden seine Vorlesungsunterlagen zum großen Teil aus Exzerpten, Zitaten und Paraphrasierungen von Stellen aus Fachbüchern. Diese Zitate wurden in der von Theodor Rink herausgegebenen "Physischen Geographie" Kants nicht als Zitate gekennzeichnet.

Michael Wolff hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf hingewiesen, dass  diese  unausgewiesenen Exzerpte Kants nicht einfach als Kant-Zitate behandelt werden sollten, noch dazu, da wir nicht wissen, wie Kant diese Zitate in seinen Vorlesungen kommentiert hat.

Zum Beispiel stammt Kants Zitat von der "größten Vollkommenheit" der weissen Rasse nachweislich von Georges-Louis Leclerc de Buffon:

Georges-Louis Leclerc de Buffon, 1752

  • "Die Natur hat in ihrer größten Vollkommenheit weiße Menschen gebildet, und die auf das höchste veränderte Natur bildet sie gleichfalls weiß."

    Georges-Louis Leclerc de Buffon: "Allgemeine Historie der Natur nach allen ihren besondern Theilen abgehandelt; nebst einer Beschreibung der Naturalienkammer Sr. Majestät des Königs von Frankreich. Zweyter Teil. Übersetzung und Vorrede: Albrecht von Haller, bey Georg Christian Grund und Adam Heinrich Holle, Hamburg und Leipzig: 1752, S. 300 (Link)
Nach Michael Wolff hat sich Immanuel Kant nach 1775 explizit gegen die "frechen Meinungen" Buffons und anderer gewandt und es sei wahrscheinlich, dass Kant diese Stellen während der Vorlesungen kritisch kommentiert habe.

Bei allen lächerlich dummen Aussagen Immanuel Kants über Afrikaner, Chinesen und amerikanische Ureinwohner, die er aus Reiseberichten und Abhandlungen in seinen anthropologischen und geographischen Vorlesungen wiederholt hat, sei nicht vergessen, dass Immanuel Kant als einer der wenigen philosophischen Autoritäten seiner Zeit explizit gegen die kolonialistischen Praktiken der Europäer aufgetreten ist. In diesem Sinn war Immanuel Kant Anti-Rassist.

 Immanuel Kant: "Die Metaphsyik der Sitten" 1797,


  • "Zuletzt  kann noch  gefragt werden: ob, wenn uns weder die Natur noch der Zufall, sondern  bloß  unser eigener Wille in Nachbarschaft mit einem Volk bringt, welches keine Aussicht zu einer bürgerlichen Verbindung mit ihm verspricht, wir nicht in Absicht diese zu stiften und diese  Menschen  (Wilde) in einen  rechtlichen  Zustand zu versetzen  (wie etwa die amerikanischen Wilden, die Hottentotten, die Neuholländer) befugt sein sollten, allenfalls mit Gewalt oder (welches nicht viel besser ist) durch betrügerischen Kauf Colonien zu errichten und so Eigenthümer ihres Bodens zu werden und ohne Rücksicht auf ihren ersten Besitz Gebrauch von unserer Überlegenheit zu machen; zumal es die Natur selbst (als die das Leere verabscheuet) so zu fordern scheint, und große Landstriche in anderen Welttheilen als gesitteten Einwohnern sonst menschenleer geblieben wären, die jetzt herrlich bevölkert sind, oder gar auf immer bleiben müßten, und so der Zweck der Schöpfung vereitelt werden würde. Allein man sieht durch diesen Schleier der Ungerechtigkeit (Jesuitism), alle Mittel zu guten Zwecken zu billigen, leicht durch; diese Art der Erwerbung des Bodens ist also verwerflich."

Immanuel Kant: "Die Metaphsyik der Sitten." 1797, AA VI, S. 266, 10-27 (korpora.zim.uni-duisburg-essen.de)


Michael Wolff, 9. Juni 2020:


Michael Wolff: "Prüfung eines Zitats. Kant war ein Anti-Rassist" FAZ, 9. Juni 2020 (faz.net)





Artikel in Arbeit.


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Quellen:
Immanuel Kant: "Physische Geographie."Auf Verlangen des Verfassers aus seiner Handschrift herausgegeben und zum Theil bearbeitet von D. Friedrich Theodor Rink. Zweyter Band, Göb'bels und Unzer, Königsberg: 1802, S. 10 (books.google); (Link)  
Immanuel Kant: "Die Metaphsyik der Sitten." 1797, in: "Kant’s Gesammelte Schriften",  Akademieausgabe, Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, Reimer, ab 1922 de Gruyter, Berlin: 1900ff.  Elektronische Edition: Universität Duisburg AA VI, S. 266, 10-27 (korpora.zim.uni-duisburg-essen.de)
Georges-Louis Leclerc de Buffon: "Allgemeine Historie der Natur nach allen ihren besondern Theilen abgehandelt; nebst einer Beschreibung der Naturalienkammer Sr. Majestät des Königs von Frankreich. Zweyter Teil. Übersetzung und Vorrede: Albrecht von Haller, bey Georg Christian Grund und Adam Heinrich Holle, Hamburg und Leipzig: 1752, S. 300 (Link)
Reinhard Brandt: "Kant und Europa", in: LOGOS n.s. 6-7, ScriptaWeb, Napoli: 2010, S. 9-36 (Link)
[Die folgenden vier Artikel der Kant-Debatte sind nur Abonnenten zugänglich]
Volker Gerhardt: "Kant ein Rassist? Lest ihn bitte genau", Die WELT, 17. Juni 2020 (welt.de)
Patrick Bahners: "Kant und die Stammtischwahrheiten" FAZ, 20. Juni 2020 (faz.net)
Marcus Willaschek: "Kants Rassismus. Ein Kind seiner Zeit" FAZ, 24. Juni 2020 (faz.net)  
Michael Wolff: "Prüfung eines Zitats. Kant war ein Anti-Rassist" FAZ, 9. Juni 2020 (faz.net)



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 Dank:
Dank an Michael Wolff, dessen Argumenten ich hier folge.




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ANHANG 


Kant hat von ungefähr  1757 bis 1795 vier Jahrzehnte lang populäre Vorlesungen zur "Physischen Geographie" gehalten, und damit nicht nur Philosophie-Studenten, sondern auch Handlungsreisende und Kaufleute angesprochen. (Link) 


  • "Wenn man die (noch nicht edierten) Nachschriften der Geographie-Vorlesung aus der Frühzeit bis in die frühen siebziger Jahre verfolgt, kommt man zu einer überraschenden  Feststellung:  Wären die Hefte nicht in deutscher Sprache überliefert, wäre man auf den ersten  Blick kaum in der Lage, auf den Ort oder auch das Land zu schließen, aus dem der  Autor stammt.  Die Theorie der Winde und  der Quellen,  die Beschreibung der Einwohner Japans  und Amerikas, Mitteleuropas und Madagaskars, alles wird, so scheint es, ohne jeden  Eurozentrismus eingeordnet und dargestellt. Die Weltgeographie wird von einem Weltbürger verfasst – das ist eine Neuerung, die Kant hier gegen frühere Autoren einführt, die die physische Geographie unter einem vorwiegend an Europas Geopolitik orientierten Interesse  behandelten."

    Reinhard Brandt: "Kant und Europa", in: LOGOS  n.s. 6-7, ScriptaWeb, Napoli: 2010, S. 9-36, S. 11 (Link)




Mittwoch, 8. Juli 2020

"Jeder spinnt auf seine Weise – der eine laut, der andere leise." Joachim Ringelnatz (angeblich)

Pseudo-Joachim-Ringelnatz-Zitat.
Dieser Reim wurde dem 1934 verstorbenen Autor und Künstler Joachim Ringelnatz  70 Jahre nach seinem Tod ohne Quellennachweis erstmals unterschoben.

In seinen Texten ist dieses Zitat nicht zu finden, wie auch Birthe Preuß, die Herausgeberin der Gesammelten Werke von Joachim Ringelnatz, per E-Mail bestätigt hat.

Kurze Geschichte des Kuckuckszitats:

Die Wendung, "der eine laut, der andere leise", ist als humoristische Floskel seit 1819 (der eine schnarcht laut, der andere leise) belegbar.

1845

1938

Der Reim aus dem 19. Jahrhundert bekommt durch Hans Robinger, der Texte für Songs der Comedian Harmonists schrieb, seine heutige Form; statt dem Verb "spinnt" steht aber noch das Verb "lacht". 

Der Lachfoxtrot [!] der Comedian Harmonists ("Das Meistersextett") beginnt mit folgendem Vers:
  • "Jeder lacht auf seine Weise – der eine laut der ander leise ..."

    Text: Hans Robinger; Musik: Peter Igelhoff
    [Youtube: ab 0:55]



1948
1974

Der  DDR-Autor Helmut Baierl plagiiert oder zitiert in dem Stück "Die Lachtaube" (1974) den Reim aus dem "Lachfoxtrot" der Comedian Harmonists:

    Der Technikhistoriker Ralf Bülow hat herausgefunden, dass anscheinend der Autor Horst Bosetzky in dem Kriminalroman  "Friedrich der Große rettet Oberkommissar Mannhardt" den 2 Jahrzehnte später Joachim Ringelnatz unterschobenen Aphorismus im Jahr 1985 geprägt hat.


    1985

    Frühe falsche Zuschreibungen an Joachim Ringelnatz:

    2009


    Screenshot, Juli 2020:


    Pseudo-Joachim-Ringelnatz-Zitat.



    Artikel in Arbeit.
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    Quellen:
    E-Mail von Birthe Preuß vom 9. Juni 2020
    (Bibliographie folgt.)

    Beispiele für falsche Zuschreibungen:
    "Zitate von Joachim Ringelnatz" , Augsburger Allgemeine, 16. November 2009 (augsburger-allgemeine.de)

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    Dank:
    Ich danke Ralf Bülow für die Entlarvung dieses Kuckuckszitats und der Joachim-Ringelnatz-Herausgeberin Birthe Preuss für die Bestätigung, dass dieser Reim in den Gesammelten Schriften von Joachim Ringelnatz nicht vorkommt.

      Dienstag, 7. Juli 2020

      "Blosses Ignorieren ist noch keine Toleranz." Theodor Fontane (angeblich)

      Pseudo-Theodor-Fontane-Zitat.


      Dieses beliebte angebliche  Theodor-Fontane-Zitat ist in Fontanes Briefen und Schriften unauffindbar. Es ist also ein Kuckuckszitat, das Theodor Fontane anscheinend auf der Humor-Seite einer kleinen Oldenburger Zeitung im Jahr 1975 erstmals zugeschrieben wurde und seither immer ohne Quellenangabe zitiert wird.


      Nordwest Zeitung, NWZ, November 1975:

      • "Silbenrätsel  .... Ihre ersten und letzten Buchstaben ergeben ... ein Wort von Theodor Fontane."

        Auflösung: "Blosses Ignorieren ist noch keine Toleranz."


      Nordwest Zeitung, NWZ, Nr. 261, 8. November 1975.

      NWZ, Nr. 267, 15. November 1975.


      Im Jahr 1993 wurde das Zitat ohne Quellenangabe in den Duden 12 "Zitate und Aussprüche" aufgenommen und gilt seither, nur hinterfragt von Kennern der Schriften Theodor Fontanes, auch in Schulen und Universitäten als Theodor-Fontane-Zitat.


      DUDEN, Band 12

      Duden Band 12, "Zitate und Aussprüche", 1993, S. 748.

      Kenner und Kennerinnen der Schriften Theodor Fontanes versuchen seit mehr als 20 Jahren eine Spur dieses angeblichen Theodor-Fontane-Zitats in seinen gedruckten und ungedruckten Schriften zu finden.

      Wie mir Peter Schaefer, der Redakteur der "Fontane-Blätter" mitteilte, ist dieses Pseudo-Zitat auch seit Jahren ein Gesprächsthema von Literaturwissenschaftlern am Rande von Theodor-Fontane-Symposien und alle Experten haben bislang vergeblich nach diesem Zitat, das im Jahr 1998 auch eine gelbe Fontane-Krawatte verzierte, gesucht.

      Warum dieses Zitat 1993 ohne Quellenangabe in den DUDEN aufgenommen wurde, ist noch ungeklärt. Die DUDEN-Redaktion könnte durch eine Autorität im Fernsehen oder Radio dazu angeregt worden sein. 

      Kuckuckszitate entstehen oft in philologisch nicht vertrauenswürdigen Orten, wie in Internet-Foren oder auf Humorseiten von Zeitungen und werden aber ernst genommen, wenn sie von jemandem mit Autorität übernommen wurden. Diese Professoren, angesehenen Journalisten oder Zitate-Sammlungen sind dann die Superspreader von Kuckuckszitaten.


      Varianten des Pseudo-Theodor-Fontanezitats:
      • "Blosses Ignorieren ist noch keine Toleranz."
      • "Ignorieren ist noch keine Toleranz."
      • "Ignore is no tolerance."
      • "To ignore is not yet tolerance."
      • "Ignoring something is not the same as tolerance."

      Artikel in Arbeit.


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      Quellen:
      E-Mail von Peter Schaefer vom 3. Juni 2020
      Frank Pergande: "Denkmäler? Ein weites Feld!",  DIE ZEIT, 41/1998, 1. Oktober 1998 (zeit.de)
      Nordwest Zeitung, NWZ, Nr. 261, 8. November 1975, "Kurzweil am Wochenende" (ohne Seitenangabe), Silbenrätsel

      Beispiele für falsche Zuschreibungen:

      NWZ, Nr. 267, 15. November 1975, "Kurzweil am Wochenende" (ohne Seitenangabe)
      Dudenredaktion: Duden - Zitate und Ausspüche, Band 12, Duden Verlag, Mannheim: 1993, S. 748
      Dudenredaktion: Duden - Zitate und Ausspüche, Band 12, Duden Verlag, Mannheim: 2012, S. 876
      Hans Werner Wüst: "Zitate u. Sprichwörter", Bassermann, München: 2010, "Nachgeben" ebook (google.books)

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      Dank:
      Ich danke Peter Schaefer für seine Frage zu diesem Zitat und Ralf Bülow für seine Recherchen.



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      ANHANG



      Screenshot, Juni 2020:

      Montag, 6. Juli 2020

      "Derjenige, der zum ersten Mal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation." Sigmund Freud (angeblich)


      Pseudo-Sigmund-Freud-Zitat.
      In einem Vortrag am 11. Januar 1893 zitiert der 36jährige Sigmund Freud einen englischen Autor, der meinte, dass "derjenige, welcher dem Feinde statt des Pfeiles ein Schimpfwort entgegenschleuderte [...] der Begründer der Zivilisation" war.



      Sigmund Freud, 1893

      • "Ein Mensch erfahre eine Beleidigung, einen Schlag oder dergleichen, so ist das psychische Trauma mit einer Steigerung der Erregungssumme des Nervensystemes verbunden. Es entsteht dann instinktiv die Neigung, diese gesteigerte Erregung sofort zu vermindern, er schlägt zurück, und nun ist ihm leichter, er hat vielleicht adäquat reagiert, d. h. er hat so viel abgeführt, als ihm zugeführt wurde. "

      • "Nun gibt es verschie­dene Arten dieser Reaktion. Für ganz leichte Erregungssteigerungen genügen vielleicht Veränderungen des eigenen Körpers, Weinen, Schimpfen, Toben und dergleichen. Je intensiver das psychische Trauma, desto größer ist die adäquate Reaktion. Die adäquateste Reaktion ist aber immer die Tat."

      • "Aber, wie ein englischer Autor geistreich bemerkte, derjenige, welcher dem Feinde statt des Pfeiles ein Schimpfwort entgegenschleuderte, war der Begründer der Zivilisation (1), so ist das Wort der Ersatz für die Tat und unter Umständen der einzige Ersatz (Beichte). Es gibt also neben der adäquaten Reaktion eine minder adäquate."

        Sigmud Freud: "Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene", Vortrag, gehalten von Dr. Sigm. Freud in der Sitzung des »Wiener med. Club« am 11. Januar 1893. Vom Vortr. revidiertes Original-Stenogramm der Wiener Med. Presse.1893 (Link); (Textlog.de)

      Diese Paraphrase eines Aphorismus eines englischen Autors wurde später in verschiedenen Variationen dem Gründer der Psychoanalyse selbst zugeschrieben, obwohl Freud ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass er diesen Aphorismus nicht selbst geprägt hat.

      Die Variante mit dem "Speer" stammt offenbar aus einer Rückübersetzung aus dem Englischen.


      • "But, as an English writer has wittily remarked, the man who first flung a word of abuse at his enemy instead of a spear was the founder of civilization. Thus words are substitutes for deeds, and in some circumstances (e.g. in Confession) the only substitutes."

        Sigmund Freud, übersetzt von [...] google.books

      Der von Sigmund Freud genannte geistreiche englische Autor könnte Henry Cockton gewesen sein, dessen Bonmot, "he who was the first to abuse his fellow man, instead of knocking out his brains without a word, laid thereby the basis of civilization", später leicht verändert öfters in englischen medizinischen Zeitschriften zitiert wurde.

      Das Bonmot des englischen Autors könnte Sigmund Freud also in einer englischen medizinischen Zeitschrift gelesen haben, und die Pfeil-Metapher im Bonmot könnte in der deutschen Paraphrase des Zitats von Sigmund Freud selbst stammen.




      1840

      • "If he who was the first to abuse his fellow man, instead of knocking out his brains without a word, laid thereby the basis of civilization, it as naturally as possible follows, that the more Inighly civilised we become , the more bitterly abusive we must be ..."
        Henry Cockton: "The Life and Adventures of Valentine Vox, the Ventriloquist",  Wiloughby and Co., London: o.J. (1840), S. 299 (google.books)

      1879
      The Toledo Medical and Surgical Journal, 1879, S. 424 (google.books)


      Beispiele für das Falschzitat:


      1983
      • "Wenn man Freud zustimmen kann, daß derjenige, der als erster an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, der eigentliche Begründer der menschlichen Zivilisation war - ..." (Link)
       2012
      • "Derjenige, der zum erstenmal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation. - Sigmund Freud"  (google.books)

      2013
      • "Derjenige, welcher dem Feinde statt eines Pfeiles ein Schimpfwort entgegenschleuderte, war der Begründer der Zivilisation. - Sigmund Freud" (google.books)

      2013
      • "Mit Worten zu kämpfen ist eine zivilisatorische Errungenschaft, wie Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts treffend zusammenfasste: 'Derjenige, der zum ersten Mal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.' " (google.books)



      Artikel in Arbeit.

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      Anmerkung:

      Anmerkung (1): "[Wie Andersson (1962, S, 109-10) nachgewiesen hat, ist diese eine Anspielung auf einen Satz von Hughlings Jacksons.]" Freud, Studienausgabe, S. 22

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      Quellen:
      Sigmud Freud: "Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene", Erstveröffentlichung: Wiener medizinische Presse, Bd. 34 (4), 1893, S. 121-26 und (5), S. 165-67 ["Das Deutsche Original beginnt mit der Zeile: 'Von Dr.  Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien.": Studienausgabe, Band VI, S. 11]  in:
      Sigmund Freud: Studienausgabe, Band VI, Hysterie und Angst,  Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main: 1982, S. 22 (Textlog.de)
      Henry Cockton: "The Life and Adventures of Valentine Vox, the Ventriloquist",  Wiloughby a. Co., London: o.J. (1840), S. 299 (google.books)
      Garson O'Toole: "The Man Who First Flung a Word of Abuse at His Enemy Instead of a Spear Was the Founder of Civilization - Sigmund Freud? An English Writer? Walt Menninger? Joyce Brothers? Robert Byrne? Apocryphal?", 2015 (quoteinvestigator.com)
      Garson O'Toole: (listserv.linguistlist.org)
      Joel Schwartz: "Freud and Freedom of Speech." The American Political Science Review, vol. 80, no. 4, 1986, pp. 1227–1248, S. 1238, JSTOR, www.jstor.org/stable/1960865. Accessed 6 July 2020.

      The Toledo Medical and Surgical Journal, Volume III, Medical Press Association, Toledo: 1879, S. 424 (google.books)

      Freud - Jackson (google.books)

      Insulting practices: (google.books)


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      Dank:
      Dank an  aphorismen.de, Garson O'Toole und besonders an Ralf Bülow, der mich auf die Spur von Jackson und Cockton aufmerksam gemacht hat.

      Sonntag, 5. Juli 2020

      "Das Recht auf Dummheit wird von der Verfassung geschützt. Es gehört zur Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit." Mark Twain (angeblich)


      Pseudo-Mark-Twain-Zitat.
      Dieses angebliche Zitat des amerikanischen Autors Mark Twain existiert anscheinend nur auf Deutsch und ist deswegen höchstwahrscheinlich ein Kuckuckszitat.

      Bei einer chronologischen Durchsuchung der digitalisierten Texte taucht dieses Zitat das erste Mal im Jahr 1974 in Markus M. Ronners Zitate-Sammlung "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts" auf.

      Markus M. Ronners Zitate-Sammlung ist keine verlässliche Quelle für Zitate, da die Zitate erstens ohne Quellennachweis präsentiert werden, und ich zweitens in diesem Buch schon mehrere  falsche Zuschreibungen entdeckt und dokumentiert habe (Link).


      1974
      • "Das Recht auf Dummheit wird von der Verfassung geschützt. Es gehört zur Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit. - Mark Twain" 

        Markus M. Ronner: "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts nach Stichwörtern alphabetisch geordnet." Ott Verlag, Thun: 1974,  S. 53 (books.google)

      Aber auch in der großen deutschsprachigen Zitatesammlung "Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate" ist dieses angebliche Mark-Twain-Zitat verzeichnet, naturgemäß ohne Quellenangabe.

      1997

      • "Das Recht auf Dummheit wird von der Verfassung geschützt. Es gehört zur Garantie der freien Persönlichkeitsentfaltung. - Mark Twain" 
        "Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate", Dortmund: 1997/2002, S. 1278
      Sogar in einer Mark-Twain-Anthologie des Insel Verlags wurde eine Version des Zitats aufgenommen, allerdings mit dem Zusatz, diese Gruppe von Zitaten seien nicht literarisch belegt, aber allgemein als Mark-Twain-Zitate bekannt und "vorwiegend mündlich überliefert."

      Ein Kuckuckszitat, das einer Autorität aus unbekannten Gründen Jahrzehnte nach ihrem Tod erstmals unterschoben wurde, sollte nicht als "mündlich überliefert" bezeichnet werden.

      2012

      • "Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit."
        Mark Twain für Boshafte. Ausgewählt von Günter Stolzenberger. (2010) insel taschenbuch, Berlin: 2012 ebook [Zusatz: nicht belegt; mündlich überliefert] (books.google)


      Artikel in Arbeit.

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      Quellen:

      Beispiele für falsche Zuschreibungen:
      Markus M. Ronner: "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts nach Stichwörtern alphabetisch geordnet." Ott Verlag, Thun: 1974,  S. 53 (books.google)
      "Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate: mit 50000 Einträgen das umfassendste Werk in deutscher Sprache." (1997) 3. Auflage 2002, Harenberg Verlag, Dortmund: 2002, S. 1278
      Mark Twain für Boshafte. Ausgewählt von Günter Stolzenberger. (2010) insel taschenbuch, Berlin: 2012 ebook
      Oskar Beck: "Mats Hummels ist der Zahnstocher im Gebiss der Nazis", Die Welt, 3. September 201  (welt.de)



      Freitag, 3. Juli 2020

      "Die Träumenden und die Wünschenden halten den feineren Stoff des Lebens in den Händen." Franz Kafka (angeblich)

      Pseudo-Franz-Kafka-Zitat.

      Dieser Satz wird seit bald 60 Jahren Franz Kafka unterschoben und ist in seinen Briefen und Schriften nicht enthalten, wie mir auch der Kafka-Herausgeber Roland Reuß vom Heidelberger Institut für Textkritik bestätigt hat.

      Auch der Autor der berühmten Franz-Kafka-Biographie Reiner Stach hat nach einer Anfrage von Zitante Christa ihr per E-Mail am 18. Oktober 2008 versichert, dieses Zitat sei weder in den gedruckten noch in den ungedruckten Texten Kafkas zu finden.

      Bei einer chronologischen Suche auf Google books taucht das Zitat das erste Mal im Jahr 1963 in folgener Form auf:

      • "Die Träumer und Wünschenden halten den feineren Stoff des Lebens in ihren Händen, und wer je die Kraft eines Wunsche erfahren, der wird nicht wagen zu behaupten, daß dieser Teil des Lebens weniger wirklich sei.     -  Kafka"

          "Gedanken aus drei Jahrtausenden", ausgewählt und zusammengestellt von Horst Bergner, Non Stop-Bücherei, Band 82, Berlin-Grunewald: o.J., (1963?), S. 120 (Link)
       Warum der Herausgeber dieser Aphorismen-Sammlung, in der auf Quellenangaben bei allen Zitaten verzichtet wird, diesen Satz Franz Kafka zugeschrieben hat, ist unbekannt.

      Bis heute wird dieses Kuckuckszitat in der Meme-Welt sowie in diversen Zitatesammlungen immer ohne Quellenangabe zitiert.


      Artikel in Arbeit.
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      Quellen:
      Twitter
      E-Mail von Roland Reuß vom 3. Juli 2020
      E-Mail von Zitante Christa vom 4. Juli 2020 (zitante.de)

      Beispiele für Zuschreibungen des Kuckuckszitats in Zitatsammlungen:

       "Gedanken aus drei Jahrtausenden", ausgewählt und zusammengestellt von Horst Bergner, Non Stop-Bücherei, Band 82, Berlin-Grunewald: o.J., (1963?), S. 120 (google.books)
       Ingo Reichardt, Anne Reichardt: "Treffende Worte: 3000 Zitate für Führungskräfte." Linde Verlag, Wien: 2003, S. 164 (Link)


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      Dank:
      Ich danke Roland Reuß vom Institut für Textkritik für die Bestätiung per E-Mail, dass dieses angebliche Kafka-Zitat ein Kuckuckszitat ist sowie Ralf Bülow, Zitante Christa, Peter Plener, Birte Förster, Nicole delle Karth,  Helmut Wollmerdorfer, Franz Kafka und Thomas Lichtenberger für ihre Recherchen, Antworten und Hinweise auf Twitter.