Montag, 30. November 2020

"Psychoanalyse ist die Kunst, von einem Patienten das ganze Jahr zu leben." Karl Kraus (angeblich)

Pseudo-Karl-Kraus-Zitat.

Karl Kraus hat einige Aphorismen gegen die Psychoanalyse verfasst, aber dieser Witz, der laut Soma Morgenstern noch zu Lebzeiten Sigmund Freuds in Wiener Ärztekreisen gut bekannt war, stammt nicht von dem Satiriker.

Erst im 21. Jahrhundert wurde dieser von einer unbekannten Person geprägte Ärztewitz Karl Kraus untergeschoben. 

Die Online-Zitatsammlung aphorismen.de gibt als Quelle für das Kuckuckszitat Karl Kraus' 1909 erschienene Aphorismus-Sammlung "Sprüche und Widersprüche" an, aber diese Quellenangabe ist falsch, wie man leicht überprüfen kann, da dieses Buch von Karl Kraus mehrfach digitalisiert ist (textlog.de).  

Das Zitat ist weder so noch so ähnlich in einem Text von Karl Kraus zu finden.

Die falsche Zuschreibung ist vielleicht im Jahr 2009 in einem Internet-Forum enstanden, aber inzwischen wird das Zitat nicht nur in den Sozialen Medien verbreitet, sondern zum Beispiel auch von einem Schriftsteller wie Peter Schneider, obwohl er im selben Artikel die Verwendung eines falschen Karl-Kraus-Zitats kritisiert:

 2017

  • "Krausens bekanntestes Diktum lautet, dass die Psychoanalyse die Geisteskrankheit sei, für deren Therapie sie sich hält. Ein anderes: Sie sei mehr eine Leidenschaft als eine Wissenschaft. Am besten von den paar einschlägigen Äusserungen Kraus’ gefällt mir: «Psychoanalyse ist die Kunst, von einem Patienten das ganze Jahr zu leben.» "
    27. April 2017 (tagesanzeiger.ch)

 

 

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Quellen:

Google

Karl Kraus: "Die Fackel", 37 Jahrgänge, Nr. 1-917, 1899-1936, digitale Edition: Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC DIE FACKEL    

Karl Kraus: "Sprüche und Widerspüche", in: Karl Kraus: Schriften. Herausgegeben von Christian Wagenknecht. Band 1–20. Suhrkamp, Frankfurt: 1986–1994. Band 8, Aphorismen, Suhrkamp Verlag: 1987 (Link) (textlog.de) 

7. Januar 2009 dict.leo.org/forum,  Verfasser Heinz H (243376)  Früheste falsche Zuschreibung.

27. April 2017, (tagesanzeiger.ch), auch in: Peter Schneider: "Nichts Genaues weiss man nicht: Kolumnen", Zytglogge Verlag, Basel: 2018 ebook (Link)

aphorismen.de - 175911

Soma Morgenstern: "Kritiken, Berichte, Tagebücher" zu Klampen, Lüneburg: 2001, S. 151  (books.google) 

 

 

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ANHANG


 

Donnerstag, 26. November 2020

"Wer nicht genießt, wird ungenießbar." Friedrich Schiller (angeblich)

Pseudo-Friedrich-Schiller-Zitat.

Dieser durch ein Lied Konstantin Weckers populär gewordene Aphorismus wird seit etwa 5 Jahren nicht nur in den Sozialen Medien Friedrich Schiller unterschoben, sondern auch in angesehenen Zeitungen: 

2015

  • "Frage: «Wer nicht geniesst, wird ungeniessbar», schrieb Friedrich Schiller. Hatte der Autor recht?
    Antwort: Genuss ist tatsächlich ein Antidepressivum. Depression und Genusskompetenz hängen zusammen. Treten Depressionen auf, kann die Genussfähigkeit verloren gehen. Man spricht vom sogenannten hedonistischen Defekt."
    «Geniesser kennen die Grenzen» Interview von Nicole Althaus mit Marlies Gruber, NZZaS Stil-Magazin 3. Mai 2015, Nr. 18, S. 22 (via genios.de)
2016
  • "Jetzt soll mir niemand mit dem Spruch 'Wer nicht genießt, ist ungenießbar' kommen! Er stammt zwar angeblich gar nicht von Konstantin Wecker, sondern von Friedrich Schiller, aber dieser hatte auch nicht immer recht."
    Die Presse, 3. Februar 2016 (Link)

 In den mehrfach digitalisierten Schriften Friedrich Schillers oder Wolfgang Goethes, dem das Zitat auch vereinzelt zugeschrieben wird, ist dieses Kuckuckszitat so wenig zu finden wie in relevanten Lexika.

 Konstantin Wecker hat sein Lied "Wer nicht genießt, ist ungenießbar" 1978 in dem Album "Eine ganze Menge Leben" veröffentlicht, doch wurde dieser Aphorismus schon 11 Jahre davor von dem Autor und Philosophen Arno Plack geprägt, wie Ralf Bülow herausgefunden hat.

 

1967

Arno Plack: "Die Gesellschaft und das Böse: eine Kritik der herrschenden Moral",1967, S. 77 (books.google).


Artikel in Arbeit.

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Quellen: 

Google

Arno Plack: Die Gesellschaft und das Böse: eine Kritik der herrschenden Moral, List Verlag, München: (1967) 1969, S. 77 (books.google)

 Konstantin Wecker: "Wer nicht genießt, ist ungenießbar" , in Album: "Eine ganze Menge Leben (1978)

«Geniesser kennen die Grenzen» Interview von Nicole Althaus mit Marlies Gruber, NZZaS Stil-Magazin 3. Mai 2015, Nr. 18, S. 22 (via genios.de) 

Die Presse, 3. Februar 2016 (Link)

Twitter


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Dank:

Ich danke @liulen11 für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat sowie Ralf Bülow für seine Recherchen.

 






 

"Ich habe den größten Fehler begangen, den ein Mensch machen kann. Ich war nicht glücklich." Jorge Luis Borges (angeblich)

Das ist ein verunstalteter Satz aus dem traurigen Gedicht "El remordimiento" des argentinischen Autors Jorge Luis Borges. 

Borges schreibt am Anfang des Gedichts "Die Reue" von der "schlimmsten Sünde" und nicht von dem "größten Fehler", was bei einem Gedicht mit dem Titel "Die Reue" ein gewaltiger Unterschied ist.

Entstanden ist diese Verunstaltung wahrscheinlich durch Schlamperei vor ein paar Jahren in den Sozialen Medien. 

 

Jorge Luis Borges: 


  •  "He cometido el peor de los pecados que un hombre puede cometer. No he sido feliz." 

  • "Ich habe die schlimmste Sünde begangen, die ein Mensch nur begehen kann: Ich war nicht glücklich"
  • "Ich habe die schlimmste Sünde begangen, die ich begehen kann: Ich war nicht glücklich".
  • "I have committed the worst sin that a man could commit. I have not been happy."

 

El remordimiento

 He cometido el peor de los pecados
que un hombre puede cometer. No he sido
feliz. Que los glaciares del olvido
me arrastren y me pierdan, despiadados.

Mis padres me engendraron para el juego
arriesgado y hermoso de la vida,
para la tierra, el agua, el aire, el fuego.
Los defraudé. No fui feliz. Cumplida

no fue su joven voluntad. Mi mente
se aplicó a las simétricas porfías
del arte, que entreteje naderías.

Me legaron valor. No fui valiente.
No me abandona. Siempre está a mi lado
La sombra de haber sido un desdichado.
Jorge Luis Borges, 1994 (Link)


 

Zitat: Jorge Luis Borges, übersetzt von Gisbert Haefs , 1994  (Link).  

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Jorge Luis Borges 1962 (Link).

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Quellen:

Jorge Luis Borges: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 9. Der Gedichte dritter Teil. Übersetzt von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Hanser Verlag, München: (1994) 2019 ebook (Link); (Link)

Jorge Luis Borges 1962 (Link).

Twitter

 

Artikel in Arbeit. 


Mittwoch, 25. November 2020

"Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht." Alfred Dorfer (angeblich)

Bonmot, das Alfred Dorfer zitiert.

Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer erzählt diesen Politikerwitz in seinem Stück "fremd", das im Jahr 2006 uraufgeführt wurde, aber der deutsche Kabarettist Ingo Börchers hatte den Witz schon drei Jahre davor in seinem Soloprogramm "Das Blaue vom Himmel" (2003) gebracht.

Doch der wahre Urheber oder die wahre Urheberin dieses Bonmots ist unbekannt, da es schon vor Börchers Kabarettprogramm von einer unbekannten Person geprägt wurde.

Der Journalist Peter Springfeld sah dieses Bonmot schon im Jahr 1998 anscheinend auf einem anonymen Plakat:

  • "In geradezu paradoxer Weise begegne ich in letzter Zeit [...] immer wieder Sprüchen, zum Teil sogar plakativ manifestiert, in denen sich recht pessimistische Haltungen widerspiegeln, auch wenn zunächst Ironie den Ton angibt. Zwei Beispiele: "Unser Motto für 365 Tage: HANDELN statt REDEN" [...] Oder: "Nicht das Erreichte zählt! Das Erzählte reicht!"
    Peter Springfeld: "Zuversicht mit  Zukunft?", Handling, Heft 9, 1998,  (via  genios.de)

Entstanden ist das auch im deutschen Bundestag beliebte Bonmot wahrscheinlich aus der ironischen Verdrehung der BMW-Unternehmensmaxime aus den 1990er Jahren: "Nicht das Erzählte reicht, nur das Erreichte zählt!" 

 Artikel in Arbeit.

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Quellen:

Peter Springfeld: "Zuversicht mit  Zukunft?", Handling, Heft 9, 1998,  (via  genios.de; Paywall) 

Ingo Börchers"Das Blaue vom Himmel" (2003) Auf genios.de findet man auch Rezensionen dazu aus dem Jahr 2003.

 BMW-Unternehmensmaxime 

G.K.: "Für einen Mann zählt das Erreichte, einer Frau reicht das Erzählte." (falschzitate.blogspot.com)

Alfred Dorfer: "fremd", Youtube 

 

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Dank:

Ich danke Armin Wolf für die Frage nach dem Urheber dieses Zitats.

 

 






"In der Politik passiert nichts zufällig. Wenn es doch passiert, war es so geplant." Franklin D. Roosevelt (angeblich)

Pseudo-Franklin-D.-Roosevelt-Zitat.

Diese weit verbreitete unsinnige Behauptung hat noch niemand in einem Text oder in einer Rede des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt entdeckt, obwohl in Amerika schon viele Leute danach gesucht haben.

Der Zitatforscher Barry Popik hat herausgefunden, dass dieses Roosevelt-Kuckuckszitat das erste Mal in einer Nixon-Biographie im Jahr 1971 aufgetaucht ist (barrypopik.com) . Gary Allen, der Autor dieser Biographie, hat keine Quelle für dieses vermeintliche Roosevelt-Zitat angegeben (books.google).

Auf Deutsch ist dieses Kuckuckszitat seit dem Jahr 1988 nachweisbar (Link) und vor allem bei Leserbriefschreibern sowie Anhängern von Weltverschwörungslegenden beliebt.

Pseudo-Franklin-D.-Roosevelt-Zitat.

 

 

 Varianten des Kuckuckszitats:

 

  • "Nothing just happens in politics. If something happens you can be sure it was planned that way.”   
  • "In politics, nothing happens by accident. If it happens, you can bet it was planned that way."      

  • "In der Politik passiert nichts zufällig. Wenn es doch passiert, war es so geplant."  
  • "In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn etwas geschieht, kann man sicher sein, dass es auch auf dieser Weise geplant war."
Pseudo-Franklin-D.-Roosevelt-Zitat.

 

 

Artikel in Arbeit.
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Quellen:

Google

archive.org 

 archive.org 

Gary Allen: Richard Nixon: the Man Behind the Mask. Western Islands, Belmont: 1971, S. 67 (books.google)

en.wikiquote - misattributed
2011: metabunk.org  

2012: barrypopik.com 

 

 

 

“There are no accidents in politics” ((barrypopik.com)

"Für einen Mann zählt das Erreichte, einer Frau reicht das Erzählte." Karl Kraus (angeblich)

Pseudo-Karl-Kraus-Zitat.

 Dieses misogyne Bonmot wurde Karl Kraus erst im 21. Jahrhundert untergeschoben und ist weder so noch so ähnlich in seinen Schriften enthalten.


Pseudo-Karl-Kraus-Zitat.

Entstanden ist das Kuckuskzitat wahrscheinlich als Variante des Politikerwitzes "Nicht das Erzählte reicht, sondern das Erreichte zählt", den der deutsche Kabarettist Ingo Börchers seit 2003 auf dem Programm hat. 

Der Witz kommt auch in dem im Jahr 2006 entstandenen Stück "fremd" des österreichischen Kabarettisten Alfred Dorfer vor.

Bonmot, das Alfred Dorfer zitiert.

 

Artikel in Arbeit.

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Quellen:

Google

genios.de/ 

Karl Kraus: "Die Fackel" 1899-1936, Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC (DIE FACKEL

Dietmar Bittrich: "Böse Sprüche für Sie und ihn" Mit Illustrationen von Thomas August Günther. dtv, München: 2004, Kapitel: November, 15 ebook (Link)

 

 

 

 


Sonntag, 22. November 2020

"Misstraue den Menschen, die die Wahrheit gefunden haben und vertraue denen, die sie suchen." Voltaire (angeblich)

 

Pseudo-Voltaire-Zitat.
Dieses auf Englisch sehr beliebte angebliche Voltaire-Zitat ("Cherish those who seek the truth but beware of those who find it") wird dem 1778 verstorbenen französischen Philosophen erst über 200 Jahre nach seinem Tod erstmals zugeschrieben, und ist noch von niemandem in seinen Schriften gefunden worden.

Nachweisbar ist die falsche englischsprachige Zuschreibung an Voltaire ab dem Jahr 2007 zuerst in Amazon-Kundenrezensionen, seit dem Jahr 2009 zum Beispiel auch auf Twitter (Link)

 

Früheste falsche Zuschreibungen:

 
2007

2008 

Entstanden könnte das Kuckuckszitat aus einer Fehlerinnerung an einen Satz des französischen Literaturnobelpreisträgers Andé Gide sein:

 

Andé Gide:

  • "glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben; zweifle an allem, aber nicht an dir."
  • "believe those who are seeking the truth ; doubt those who find it ; doubt everything, but don 't doubt of yourself. (Link)   
  • "croyez ceux qui cherchent la vérité, doutez de ceux qui la trouvent; doutez de tout, mais ne doutez pas de vous-même."
 "Journal d'André Gide 1939-1949, Souvenirs" 1954, S. 1233 (archive.org)
 
Gelobt und gefeiert wurden die Sucher nach Wahrheit auch von Gotthold Ephraim Lessing, den Albert Einstein gerne zitierte:
 

Albert Einstein, 1955:

  • "Wie dem auch sei, bleibt uns Lessings tröstendes Wort, das Streben nach der Wahrheit sei köstlicher als deren gesicherter Besitz." 

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Quellen:

Google

 "Journal d'André Gide 1939-1949, Souvenirs", Librairie Gallimard, [Paris]: 1954, Kapitel: ainsi soit-il, S. 1233 (archive.org) 

Wikiquote Talk

dict.leo.org/forum 

Frühe falsche Zuschreibungen:

Amazon Kundenrezension  2. Oktober 2007 (amazon.co.uk)

Amazon Kundenrezension  4. März 2008,   (amazon.com)

Twitter 2009 (Link)

Albert Einstein: "Erinnerungen — Souvenirs." Verfasst im März 1955, kurz vor seinem Tod; für: "Schweizerische Hochschulzeitung" Nr. 28,  Sonderheft 100 Jahre ETH, Zürich: Herbst 1955, S. 145-153; S. 153 (pdf)

Gerald Krieghofer: " Die Suche nach Wahrheit ist köstlicher als deren gesicherter Besitz." 20. Mai 2017 (Link)

 

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Dank:

Ich danke Susanne Günther für ihre Frage nach diesem Zitat und den Leuten von Wikiquote für die Mitteilung ihrer vergeblichen Recherchen.