Donnerstag, 17. September 2020

"Ich kann mich nicht von weinenden Kinderaugen erpressen lassen." Johanna Mikl-Leitner (angeblich)

Diese herzlose Parole hat so ähnlich der AfD-Politiker Alexander Gauland geprägt und wird der ehemaligen österreichischen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner fälschlich zugeschrieben.  


 Alexander Gauland, 25. Februar 2016:

  • "'Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.'  Stille. Dann bricht es aus ihm heraus: 'Man kann sich nicht einfach überrollen lassen. Einen Wasserrohrbruch dichten Sie auch ab.'"

    ZEITmagazin Nr. 10/2016  
Twitter

 

Schon kurz nach der Publikation des Interviews mit Alexander Gauland im ZEIT Magazin wurde aus den Kinderaugen, von denen wir uns angeblich nicht erpressen lassen dürfen, "weinende Kinderaugen":  


Twitter, 26. Februar 2016:


Konstantin Wecker war im März 2016 der Erste, der diesen herzlosen Satz eines 'Rassisten von der AfD'  in Zusammenhang mit der Innenministerin Johanna Mikl-Leitner gebracht hat.


 Konstantin Wecker, 10. März 2016: 

  • "Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bleibt nach der faktisch vollständigen Schließung der sogenannten Balkanroute für Flüchtlinge hart. 'Das Schließen der Balkanroute verläuft planmäßig, und diese Uhr wird nicht zurückgedreht', sagte sie der Zeitung "Welt".
    [...]
    Irgendein Rassist von der AfD soll gesagt haben 'wir dürfen uns von weinenden Kindern nicht erpressen lassen.'
    Wissen Sie wer sich nicht von weinenden Kindern erpressen läßt, Frau Mikl-Leitner?
    Ausschließlich schwer geschädigte Psychopathen."
    (facebook.com)

 

Im Oktober 2016 wurde dann nicht nur geschrieben, der Satz Gaulands drücke die Einstellung der ÖVP-Politikerin Mikl-Leitner zur Asylpolitik aus, sondern sie habe diesen Satz auch selber gesagt:

 

 Heribert Prantl, 6. Oktober 2016:


  • Angelika Merkel "hätte sagen können: 'Ich kann mich doch von weinenden Kinderaugen nicht erpressen lassen.' Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner hat so dahergeredet; und es gab auch deutsche Staatsschützer, die so gesprochen und mit solchen Sätzen Herzlosigkeit als angebliche Verantwortungsethik gepriesen haben: Deutschland müsse ein Exempel statuieren. Dosierte Brutalität sei besser als undosierte Aufnahmepolitik."

    Heribert Prantl: "'Wir schaffen das.' Politik der drei Wörter." 6. Oktober 2016 (zulehner.wordpress.com)

 

 Twitter, 17. September 2020:
 

Die falsche Zuschreibung des Zitats an die österreichische Innenministerin könnte auch dadurch entstanden sein, dass österreichische Innenministerinnen schon öfters mit zynischen Rechtfertigungen ihrer mitleidslosen Maßnahmen aufgefallen sind.

Die Innenmininsterin Maria Fekter zum Beispiel kam im Jahr 2009 mit einem schäbigen Witz über die "Rehlein-Augen" der Schülerin Arigona Zogaj, die im Asylverfahren mit ihrer Familie abgeschoben werden sollte, in die Schlagzeilen.

 
 
Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) , 14. Januar 2009:
 
  • "Ich habe nach den Gesetzen vorzugehen, egal ob mich Rehlein-Augen aus dem Fernseher anstarren oder nicht".

    (derstandard.at)


 
Artikel in Arbeit.

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Quellen:
ZEITmagazin Nr. 10/2016   
Heribert Prantl: "'Wir schaffen das.' Politik der drei Wörter." 6. Oktober 2016 (zulehner.wordpress.com)

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Dank:
Ich danke Jürg Christandl für den Hinweis auf das Falschzitat und Matthias Cremer für den Hinweis auf Maria Fekters zynischen Witz.

Mittwoch, 9. September 2020

"Der Grund, warum Menschen zum Schweigen gebracht werden, ist nicht, weil sie lügen, sondern weil sie die Wahrheit reden." Theodor Fontane (angeblich)

Pseudo-Theodor-Fontane-Zitat.

Dieses Zitat stammt nicht von Theodor Fontane, sondern aus einem Buch mit dem Titel "Die Jahrhundertlüge", in dem schon im zweiten Satz ein falsches George-Orwell-Zitat steht, und in dem sich der Autor unter anderem damit abplagt, zu beweisen, 
  • "warum das 'Grundgesetz' schon eine sehr lange Zeit nicht mehr gilt und warum damit formaljuristisch der Staat 'Bundesrepublik Deutschland' vor langer Zeit aufgehört hat, zu existieren." (google.books)
 
Auf der letzten Seite des im Selbstverlag erschienen Buches, das anscheinend im rechtsextremen Milieu und von Querdenkern gelesen wird, steht der Satz:
  • "Der Grund, warum Menschen zum Schweigen gebracht werden, ist nicht, weil sie lügen, sondern weil sie die Wahrheit reden. Wenn Menschen lügen, können ihre eigenen Worte gegen sie angewandt werden. Doch wenn sie die Wahrheit sagen, gibt es kein anderes Gegenmittel als die Gewalt." Holger Fröhner, S. 277 (google.books)
 
Im  Jahr 2011  hat Holger Fröhner diesen Spruch — wohl um ihm etwas Autorität zu verleihen — in seinem Buch "Nacht" Theodor Fontane untergeschoben. Seidem wird dieses Pseudo-Theodor-Fontane im Internet verbreitet.
 
Dass der Satz Fröhners in den Briefen und Schriften Theodor Fontanes nicht zu finden ist, hat Klaus-Peter Möller vom Theodor-Fontane-Archiv der Universität Potsdam per E-Mail bestätigt.



Pseudo-Theodor-Fontane-Zitat.


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Quellen:
Holger Fröhners Text "Die Jahrhundertlüge" wurde seit 2007 in mehreren Versionen mit unterschiedlicher Seitenanzahl publiziert. Das später Theodor Fontane untergeschobene Zitat steht in allen Versionen am Ende des Buches.
Holger Fröhner: Die Jahrhundertlüge 24.06.2007,  S. 109 pdf;
 2006 / 2011 Google.books
Beispiele für falsche Zuschreibung:

2011: Holger Fröhner: "Nacht", epubli, Berlin: 2011, S. 250 (google.books)
2012: lutzschaefer.com/horizont-13.blogspot.com :  "Wahrheit durch Theodor Fontane", Auszug von RA Lutz Schäfer vom 16.10.2012 
 
de.metapedia.org - Fontane
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Dank:
 Ich danke Klaus-Peter Möller vom Theodor-Fontane-Archiv  für seinen Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.

Samstag, 5. September 2020

"A people that elect corrupt politicians, imposters, thieves and traitors are not victims ... but accomplices.” George Orwell (angeblich)

Pseudo-George-Orwell-Zitat.

Auf Deutsch ist dieses kaum sieben Jahre alte Pseudo-George-Orwell-Zitat nicht so weit verbreitet wie auf Englisch oder auf Russisch.

  • "Ein Volk, das korrupte Politiker, Betrüger, Diebe und Verräter wählt, sind keine Opfer, sondern Komplizen."
  • "Menschen, die korrupte Politiker wählen, sind keine Opfer, sondern Komplizen!"
  • "Люди, которые голосуют за неудачников, воров, предателей и мошенников, не являются их жертвами. Они соучастники". Джордж Оруэлл.

Auf Twitter taucht eine Version des Zitats ohne Zuschreibung an George Orwell im Februar 2013 das erste Mal auf.

Twitter, 2013:

 

(Link)
Ein Jahr später wird dieses Zitat auf Twitter das erste Mal dem englischen Autor und Journalisten George Orwell unterschoben und auch auf allen anderen Internet-Plattformen sowie in allen anderen digitalisierten Texten kann man meines Wissens vor dem Jahr 2014 keinen einzigen Beleg für eine Zuschreibung an Orwell finden.

Wer mit der falschen Zuschreibung des Zitats im Internet begonnen hat, kann ich nicht sagen. Die erste falsche Zuschreibung auf Twitter stammt von einem Account mit dem Namen "WheretoRoost" am 19. Juli 2014.

Twitter, 2014:


Pseudo-George-Orwell-Zitat.  (Link)


Auf Englisch wurde dieses angebliche George-Orwell-Zitat bald sehr populär, auch weil es von Leuten wie Ricky Gervais mit Millionen von Followern verbreitet wurde.

 

Twitter, 2016:

 

Pseudo-George-Orwell-Zitat.

'Newsweek', 2018:


Meistens wird das Zitat ohne Quellenangabe verbreitet, nur das Magazin 'Newsweek' gibt  in einem Artikel über Orwell-Zitate einmal eine Quelle an.

In diesem Newsweek-Artikel wird behauptet, das Zitat stünde in George Orwells Sammelband: "The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell: As I please, 1943-1945".

Allein: Dieser 1970 erschienene Sammelband ist auf archive.org durchsuchbar und das fragliche Zitat ist in diesem Band nicht zu finden (archive.org), die Quellenangabe war also falsch.
 

Pseudo-George-Orwell-Zitat.


Artikel in Arbeit.


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Quellen:
Google
Twitter: 2013 (Link); 2104: (Link)
 George Orwell: "The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell: As I please, 1943-1945", Penguin Books, London: 1070 (archive.org)
Nina Godlewski:  "George Orwell Quotes: Famous Sayings on Author's 115th Birthday". 25. Juni 2018 (Link)
wikiquote: "Famous unsourced quote", 23 April 2017
reddit
Quora: "Did George Orwell really say "A people that elect corrupt politicians, impostors, thieves, and traitors are not victims, but accomplices"? If yes, when or where?", 21. Dezember 2019




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Dank:
Ich danke Dr. Philoponus für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.





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Anhang



Pseudo-George-Orwell-Zitat.

Freitag, 28. August 2020

"Der Sinn des Lebens besteht nicht darin ein erfolgreicher Mensch zu sein, sondern ein wertvoller." Albert Einstein (angeblich)

Entstelltes Albert-Einstein-Zitat.

Albert Einstein hat diesen Satz so nicht gesagt, sondern gab in seinem letzten Lebensjahr einem jungen Physikstudenten den Rat, nie aufzuhören Fragen zu stellen und nicht ein Mann des Erfolges zu werden, sondern zu versuchen, ein Mann von Wert zu werden.
 

Albert Einstein hat aber nicht allgemein vom "Sinn des Lebens" gesprochen. Das Zitat, das in diesem Wortlaut anscheinend erst im Jahr 2014 entstanden ist, ist eine Paraphrase eines Satzes von Albert Einstein.

 

Albert Einstein, 1954/1955:

  • "Versuche nicht ein Mann des Erfolgs zu werden, sondern werde lieber ein Mann von Wert."
  • "Try not to become a man of success but rather try to become a man of value."

    William Miller: "Death of a Genius. - Old Man's Advice to Youth: 'Never Lose a Holy Curiosity'" LIFE Magazine, 2. Mai 1955, S. 64 (Link)


Einige Monate vor seinem Tod empfing Albert Einstein seinen alten Bekannten William Hermanns zusammen mit dem Journalisten William Miller und dessen Sohn Pat, der gerade in Harvard zu studieren begonnen hat, in seinem kleinen Haus in Princeton zu einem Gespräch.

 Bei diesem Interview gab Albert Einstein seinem jungen Bewunderer Pat Miller folgenden Rat:



Albert Einstein zu Pat Miller, 1954/55:


  • "Das Wichtigste ist, dass man nie aufhört, Fragen zu stellen. Neugierde hat ihre eigene Existenzberechtigung. Man kann nicht anders als Ehrfurcht zu empfinden, wenn man über die Geheimnisse der Ewigkeit, des Lebens, der wunderbaren Struktur der Realität nachdenkt. Es genügt, wenn man nur versucht, jeden Tag ein wenig von diesem Geheimnis zu verstehen. Verliere nie eine heilige Neugier. Versuche nicht ein Mann des Erfolgs zu werden, sondern versuche lieber ein Mann von Wert zu werden."
LIFE Magazine, 2. May 1955, S. 64 (Link)


The important thing is not to stop questioning. Curiosity has its own reason for existence. One cannot help but be in awe when he contemplates the mysteries of eternity, of life, of the marvelous structure of reality. It is enough if one tries merely to comprehend a little of this mystery each day. Never lose a holy curiosity. Try not to become a man of success but rather try to become a man of value."
William Miller: "Death of a Genius. - Old Man's Advice to Youth: 'Never Lose a Holy Curiosity'" LIFE Magazine, 2. Mai 1955, S. 64 (Link)
Wenn Albert Einstein dem jungen Mann den Rat gibt, "a man of value" zu werden, so ist diese Formulierung eine Anspielung auf einen Gedanken Gotthold E. Lessings, den Albert Einstein gerne zitierte:

  • "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Menschen."

    Gotthold E. Lessing: "Eine Duplik", 1778 (Link)


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Quellen:
Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011
Garson O'Toole: "Try Not To Become a Man of Success But Rather Try To Become a Man of Value. -  Albert Einstein? Apocryphal?", 2017 (quoteinvestigator.com)

William Miller: "Death of a Genius. - Old Man's Advice to Youth: 'Never Lose a Holy Curiosity'" LIFE Magazine, 2. Mai 1955, S. 64 (Link)
Gotthold E. Lessing: "Eine Duplik." (Erstdruck 1778) In: Lessing's sämmtliche Werke, herausgegeben von Richard Gosche, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin: 1882, Siebenter Band, S. 286f.
G. E. Lessing: "Über die Wahrheit"(Gutenberg)
Albert Einstein: "Erinnerungen — Souvenirs." Verfasst im März 1955, kurz vor seinem Tod; für: "Schweizerische Hochschulzeitung" Nr. 28,  Sonderheft 100 Jahre ETH, Zürich: Herbst 1955, S. 145-153 (pdf); als "Autobiographische Skizze" (ohne die ersten Absätze) nachgedruckt in: Carl Seelig (Hrsg.): "Helle Zeit — Dunkle Zeit: In memoriam Albert Einstein." Reprint der Ausgabe Europa Verlag 1956, Vieweg, Braunschweig / Wiesbaden: 1986, S. 17 (Link)

G.K.: "'Lerne von gestern, lebe für heute, hoffe auf morgen. Das Wichtigste ist, dass man nie aufhört, Fragen zu stellen.' Albert Einstein (angeblich)", 1. September 2019 (Link) 

 2014: Erste Erwähnung des Falschzitats auf Twitter (Link)
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Dank:

Ich danke Bonita für die Frage nach diesem Zitat.

Donnerstag, 27. August 2020

"Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen." Georg Wilhelm Friedrich Hegel (angeblich)

Pseudo-Hegel-Zitat.

Dieses weit verbreitete Hegel-Zitat hat noch niemand in einer Schrift Hegels oder in Erinnerungstexten seiner Schüler gefunden. Es ist eines der erfolgreichsten Kuckuckszitate der Philosophiegeschichte und wurde manchmal fäschlich auch Fichte oder Schelling zugeschrieben.

Gegner der Naturphilosphie Hegels haben dem Philosophen Hegel diesen Ausspruch Jahrzehnte nach seinem Tod so oft unterschoben, dass später auch Kenner der Schriften Hegels wie Martin Heidegger das Kuckuckszitat als "Hegels Satz" bezeichneten und interpretierten.  Auch der Tübinger Philosoph Ernst Bloch verteidigte das Pseudo-Zitat gegen Kritiker Hegels.

Entstanden ist die Wendung "umso schlimmer für die Tatsachen" Anfang des  19. Jahrhunderts in Frankreich ("Tant pis pour les faits") und wurde auch auf Deutsch ab 1828 einem unbekannten Franzosen in diversen Zeitschriften zugeschrieben.

 1817
1817 (Link)
 1828
  • "Verlangen wir Beweise von ihnen, so geben sie uns Mutmaßungen –  fordern wir Zeugnisse, so bringen sie einen Schwarm von Hypothesen auf das Tapet. Sie erinnern uns an die Äußerung eines ihrer Landsleute, der ein schönes Gebäude von Raisonements aufgeführt hatte; man bewies ihm, daß er sich in den Tatsachen ganz und gar geirrt habe. Jeder andere würde sich statt seiner geschämt haben; er erwiderte nur: Desto schlimmer für die Tatsachen!"

    Courier, 23. August 1828, in: Oesterreichischer Beobachter, 6. September 1828, S. 1 (Link)

 

Auch der schottische Journalist und Autor Charles Mackay schreibt im Jahr 1841 das Zitat noch einem unbekannten Franzosen zu, allerdings keinem Historiker, sondern einem unbekannten französischen Philosophen.

 

1841

  • "Like the french philosopher, who could not allow facts to interfere with his theory." /
    "An enthusiastic philosopher, of whose name we are not informed, had constructed a very satisfactory theory on some subject or other, and was not a little proud of it. 'But the facts, my dear fellow,” said his friend, “the facts do not agree with your theory.' — 'Don't they?' replied the philosopher, shrugging his shoulders, 'then, tant pis pour les faits;' — so much the worse for the facts!"

    Charles Mackay: Memoirs of Extraordinary Popular Delusions, Vol. 3, Bentley, London: 1841,  S. 313 (Books.google)

 

In England taucht der Witz auch einmal in einem Brief von Erasmus Darwin  an seinen Bruder Charles Darwin auf. Deswegen gilt im englischen Sprachraum manchmal Erasmus Darwin als Urheber des Ausspruchs.

 1859

  • Thatsächlich ist für mich der a priori geführte Beweis so vollständig befriedigend, daß, wenn die Thatsachen nicht hineinpassen wollen, meine Empfindung die ist: um so schlimmer für die Thatsachen(Link); (Link)
  • "In fact the a priori reasoning is so entirely satisfactory to me that if the facts won't fit in, why so much the worse for the facts is my feeling."

    Erasmus Darwin an Charles Darwin, 23. November 1859,
    Oxford dictionary, (Link)

Im Vorwort der französischen Erstausgabe von Charles Darwins " Über die Entstehung der Arten" wird der Satz "Tant pis pour les faits" anscheinend das erste Mal (ohne Quellenangabe) Hegel zugeschrieben (Link).

In den 1870er Jahren wurde der Witz "desto schlimmer für die Tatsachen" als sarkastischer Kommentar in  Zeitschriften und Zeitungen oft wie eine anonyme sprichwörtliche Redewendung verwendet, ohne Bezug auf den unbekannten Franzosen oder auf Hegel.

Auf Englisch scheint der amerikanische Philosoph John Fiske 1875 damit begonnen zu haben, die Wendung "so much the worse for the facts" für einen  typischen Ausdruck der hegelianischen Philosophie zu halten (archive.org).

Im Jahr 1879 hat der Neukantianer Alois Riehl den Witz erstmals einem unbekannten "Anhänger" Hegels zugeschrieben, einen Witz, den Riehls Vermutung nach auch Hegel als Argument verwendet haben könnte (Konjunktiv).

  • "Widerstreiten die Thatsachen noch so bestimmt seinen [Hegels] Begriffen von dem, was sie sein sollten (um nämlich in sein System zu passen); so wird er uns (wie es in einem solchen Falle von einem Anhänger dieser Art [Hegels] Naturphilosophie wirklich geschah) entgegnen: um so schlimmer für die Thatsachen!"

    Alois Riehl: "Der Philosophische Kriticismus: Und Seine Bedeutung für die Positive Wissenschaft", Zweiter Band, Zweiter Theil, Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig: 1879, S. 127 (Link)

Aus Riehls Konjunktiv wurde bald ein Indikativ und seit den 1880er Jahren wurde auch im deutschen Sprachraum behauptet, die witzige Bemerkung eines unbekannnten Franzosen stamme von dem 1831 verstorbenen Berliner Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

 

1888

  • "Passen die Thatsachen nicht in unsere Philosophie, dann sagt man heute nicht mehr mit Hegel: 'Um so schlimmer für die Thatsachen', nein, man sagt: 'Um so schlimmer für die Philosopie'".

    Wilhelm Jerusalem: "Sophie Germain", in: 'Neue Freie Presse',
    Nr. 8619, 22. August 1888, Morgenblatt, S. 2 (Link)

 
Als Fritz Mauthner den angeblichen Satz Hegels 1910 in sein 'Wörterbuch der Philosophie' aufnahm, bekannte er, nicht zu wissen, ob der vielzitierte Scherz "mehr als ein Scherz" sei.

  • "Ich weiß nicht gleich, ob der Scherz mehr als ein Scherz ist, der oft erzählt wird. Jemand habe behauptet, die Natur stimme nicht ganz mit Hegels Naturphilosophie zusammen; Hegel habe geantwortet: »Desto schlimmer für die Natur.«" (Link)

In seiner Polemik gegen Hegel zitierte Karl Popper diesen Eintrag in Fritz Mauthners "Wörterbuch der Philosophie" als Beleg, und gestand in einer Fußnote, dieses Zitat "in Hegel" nicht gefunden zu haben.


Während ein Teil der Zitierenden bei dem Pseudo-Hegel-Zitat immer die unsichere Quellenlage ("soll gesagt haben") angaben, waren andere weniger redlich und verbreiteten  dazu oft noch unterhaltsame Anekdoten.


In der ältesten dieser Anekdoten habe Hegel auf den Vorwurf, er habe in seiner Dissertation fälschlich behauptet, es könne nur sieben Planeten geben, gekontert: "Desto schlimmer für die Tatsachen" (1902), "Desto schlimmer für die Wirklichkeit", oder: "Desto schlimmer für die Planeten".

In einer anderen Legende sei Hegel darauf aufmerksam gemacht worden, dass es in Südamerika Pflanzen gäbe, die nicht seinem Begriff von Pflanze entsprächen. Darauf antwortete Hegel, angeblich: "Umso schlimmer für die Natur!"

In einer jüngeren Legende wird behauptet, Hegel habe auf den Hinweis, es gäbe am Amazonas auch Papageien, die seinem Begriff von Papagei widersprächen, erwidert: "Um so schlimmer für die Papageien", "Umso schlimmer für die Wirklichkeit",  oder: "Um so schlimmer für die Natur."

.
Rudolf Steiner hat 1917 eine Anekdote erfunden, wonach Schelling und Hegel gemeinsam mit diesem  zynischen Witz das Christentum verteidigt hätten:


Rudolf Steiner, Berlin, 1917:

 

  • "Schelling, Hegel haben manchmal sich verleiten lassen - wenn sie auch wiederum, besonders von katholischer Seite, nicht als die richtigen  Christen angesehen werden  -, sie haben sich  verleiten lassen, etwas echt  Christliches zu sagen. Aber gerade das können sie auf die schärfste Weise getadelt finden. Man hat ihnen eingewendet: Ja, aber das ist nicht so in der Natur, wie ihr das sagt!  -  Und da ließen sich Schelling und Hegel einmal verleiten zu sagen: Um so schlimmer für die Natur!  - "
  • "Das  ist  zwar  nicht  naturwissenschaftlich  im  heutigen  Sinne gesprochen, aber christlich ist es gesprochen ..."

    Rudolf  Steiner: "Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha" (1917) 1996, S. 248  (pdf)


Auch Physiker wie Max Planck haben das Pseudo-Hegel-Zitat - mehr oder weniger anekdotisch ausgeschmückt -  gerne zitiert.


Max Planck


  • "Max Planck erzählte immer wieder die Geschichte von dem Naturforscher, der zu Hegel sagte, seine Philosophie der Natur widerspreche den Tatsachen, worauf Hegel geantwortet habe: um so schlimmer für die Tatsachen." (Link)

 

Da alle diese Anekdoten ohne Quellenangaben mehr als 50 Jahre nach Hegels Tod entstanden und erst im 20. Jahrhundert ausgeschmückt wurden, kann sie ein Historiker höchstens als Phantasieprodukte ernst nehmen.


Artikel in Arbeit.


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Quellen: 
Google  Charles Mackay: "Memoirs of Extraordinary Popular Delusions", Vol. 3, Bentley, London: 1841,  S. 313 (Books.google)
Fritz Mauthner: "Beiträge zu einer Kritik der Sprache", Erster Band, Zur Sprache und zur Psychologie, 2. Auflage, Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart und Berlin: 1906, S. 409  (Link)  
Courier, 23. August 1828, in: Oesterreichischer Beobachter, 6. September 1828, S. 1 (Link)Erasmus Darwin an Charles Darwin, 23. November 1859, Oxford dictionary, (Link)
Alois Riehl: "Der Philosophische Kriticismus: Und Seine Bedeutung für die Positive Wissenschaft", Zweiter Band, Zweiter Theil, Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig: 1879, S. 127 (Link) 
Rudolf   Steiner: "Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha. Kosmische und menschliche Metamorphose. Siebzehn Vorträge, gehalten in Berlin vom 6. Februar bis 8. Mai 1917, Buch 175, Rudolf Steiner Verlag, Dornach: 1996, S. 248  (pdf)   

Wilhelm Jerusalem: "Sophie Germain", in: 'Neue Freie Presse', Nr. 8619, 22. August 1888, Morgenblatt, S. 2 (Link)

Martin Heidegger: "Vom Wesen der Wahrheit. Zu Platons Höhlengleichnis und Theätet", Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 1988, S. 285

 1872 ohne Hegel (Link); 1873 (Link);  1878 ohne Hegel (Link); 1874 (Link),
 

Ausführliche Bibliographie folgt.

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Dank: 
Ich danke Kai Lorenz für seinen Hinweis und seine Materialien zu dem Falschzitat und auch Moritz Jacob für seine Recherchen.





Dienstag, 25. August 2020

"Wenn man ein Wozu des Lebens hat, erträgt man jedes Wie.“ Friedrich Nietzsche (angeblich)

 

Wandtattoo.  Entstelltes Friedrich-Nietzsche-Zitat.

 
Friedrich Nietzsches Aphorismus: "Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? — ...", wird in den letzten Jahren oft verkürzt und entstellt zitiert und das Adverb "Warum" durch die Wörter "Wofür" oder "Wozu" ersetzt.
 
 
Entstelltes Friedrich-Nietzsche-Zitat.


Gekürztes Friedrich-Nietzsche-Zitat.
 
Das Kurz-Zitat mit dem Adverb "Warum" ist eine nicht sinnentstellende, in den 1920er Jahren entstandene, gekürzte Version eines Satzes von Friedrich Nietzsche aus dem Jahr 1888.

Diese gekürzte Version eines Nietzsche-Aphorismus wurde zum Leitsatz der Logotherapie des Psychiaters Viktor E. Frankl und auch Ingeborg Bachmann wurde von diesem Zitat "ein Leben lang begleitet", wie sie ihrem Verleger Siegfried Unseld erzählte.

 
Friedrich Nietzsche, 1888

  • "Hat man sein w a r u m? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem  w i e? — Der Mensch strebt  n i c h t  nach Glück; nur der Engländer thut das."

    Friedrich Nietzsche: "Götzen-Dämmerung: Sprüche und Pfeile", § 12., 1888 (Link)

  •  "Hat man sein Warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie? Der Mensch strebt nicht nach Glück, wie die Engländer glauben. —"

    Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Frühjahr 1888, NF-1888, 15[118]
["Engländer" sind in diesem Zusammenhang Utilitaristen wie Jeremy Bentham oder John Stuart Mill, die sich zu dem Grundsatz bekennen: "The greatest happiness of the greatest number is the foundation of morals and legislation."]

Viktor E. Frankl


1946
  • "Die Devise nun, unter der alle psychotherapeutischen oder psychohygienischen Bemühungen den Häftlingen gegenüber stehen mußten, ist vielleicht am treffendsten ausgedrückt in den Worten von Nietzsche: 'Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie'".
    Viktor E. Frankl, 1946 
    (Link)
 1957
  • "Ein Wort von Nietzsche war es, das man als Motto über die ganze psychotherapeutische Arbeit im Konzentrationslager hätte setzen können: 'Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.'"
    Viktor E. Frankl, 1957 (Link)

1961
  • "There is much wisdom in the words of Nietzsche: 'He who has a why to live for can bear almost any how.'' I see in these words a motto which holds true for any psychotherapy'"
    Viktor E. Frankl, 1961 S. 101 (Link)

 

Ingeborg Bachmann, 1971

 

  • "Es kommt mir eine Ahnung, daß er aus dem braunen Schulheft ist, auf dessen erste Seite ich in der Neujahrsnacht geschrieben habe: Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie."Ingeborg Bachmann, Malina, 1971 (Link)


  • "Es [das Leben] ist auch ein Umhergehen in diesem Hohlraum, in dem das Ganze schon Platz hat, ein Weg zur Glan und die Wege entlang der Gail, auf die ganze Goria liege ich hingestreckt mit meinen Heften, ich kritzle sie wieder voll: Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie."
    Ingeborg Bachmann, Malina, 1971 (Link)

  • "... überhaupt Nietzsche. Sie [Ingeborg Bachmann] hat mir gesagt, daß sie ein Nietzsche-Wort ein Leben lang begleitet hätte; ja, sie hätte es für sich umformuliert: »Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.« Dies war ein Satz, den sie in ihr Tagebuch geschrieben hat. Jedes Neujahr gelesen und unter dem Christbaum gedacht. Auf das Nietzsche-Wort sei sie von einem Freund aufmerksam gemacht worden, und er hätte sie dann auch korrigiert."
    Siegfried Unseld über Ingeborg Bachmann, Chronik 1971
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1923  
  • "Nietzsche sagt: ,Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie'." (Link)


1985
  • "Das Wort stammt von Friedrich Nietzsche: „Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie". „Und wer kein Warum hat zu leben?" möchte man unwillkürlich nachfragen."
    (Link)
1991
  • Von Friedrich Nietzsche stammt das Wort: „Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie."(Link)
2003

  • "Wer ein Warum hat, dem ist kein Wie zu schwer."
 2018
  • "Wer ein Wozu zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie. (Nietzsche)"  (Link)
 


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Quellen:
Twitter 
Google
 
Friedrich Nietzsche: Digitale Kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe, basierend auf der Ausgabe von G. Colli und M. Montinari, Berlin/New York, de Gruyter: 1967ff., hrsg. von Paolo D’Iorio, "Götzen-Dämmerung: Sprüche und Pfeile", § 12, 1888 (Link)
Friedrich Nietzsche: "Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt," Sprüche und Pfeile § 12,  Leipzig: 1889, in: Nietzsche Werke, Kritische Gesamtausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Sechste Abteilung, Dritter Band, Walter de Gruyter, Berlin: 1969, S. 54f. (Link)
Der Neue Merkur, Band 7, Ausgabe 1, Efraim Frisch, Wilhelm Hausenstein 1923, S. 205(Link)
Viktor E. Frankl: "Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager." Verlag für Jugend und Volk, Wien:  1946 (Seitenangabe fehlt noch)
Viktor E. Frankl: "... trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" (EA 1946) Vorwort von Hans Weigel 1977, Kösel, München: 2009, ebooks, o J  (Link)
Viktor E. Frankl: "Man's Search for Meaning. An Introduction to Logotherapy", Beacon Press 1959,  Vorwort: Gordon W. Allport, Pocket Books, Simon and Schuster,  New York: 1963,  19th priniting: 1971, S. 164 
Viktor E. Frankl: "Basic Concepts of Logotherapy", Confins de la psychiatrie, Band 4, S. Karger, Basel/ New York: 1961, S. 101 (Link)
Ingbeorg Bachmann: "Malina", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 1971, 1974, S. 225 und S. 307 
Siegfried Unseld: "Chronik", Band 2 1971, Hrsg. von Ulrike Anders, Raimund Fellinger und Katharina Karduck, Suhrkamp Verlag, Berlin: 2014, S. 13f.
Joachim Eberhardt: "'Es gibt für mich keine Zitate'. Intertextualität im dichterischen Werk Ingeborg Bachmanns", Studien zur deutschen Literatur, Band 165, Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 2002, S. 336ff. (Link)
wikiquote
Politische Studien, Band 36, Ausgaben 279-284, Isar-Verlag. 1985, S. 113
Universitas: Zeitschrift für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Band 46, Ausgaben 1-6; 535-540 Hrsg. von Änne Bäumer-Schleinkofer,  Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1991, S. 247 (Link)
Ingo Reichardt, Anne Reichardt: "Treffende Worte: 3000 Zitate für Führungskräfte." Linde Verlag, Wien: 2003, S. 68 (Link)
tagesrandbemerkung.at/2015/05/29
lexikus.de/bibliothek/Zitate-von-Friedrich-Nietzsche
zitate.de

Artikel in Arbeit. Erweiterte Fassung.

Samstag, 22. August 2020

"Der größte Schaden entsteht durch die schweigende Mehrheit, die nur überleben will, sich fügt und alles mitmacht." Sophie Scholl (angeblich)

Pseudo-Sophie-Scholl-Zitat.
Dieser Satz wird anscheinend erst seit dem Juli 2020 der Widerstandskämpferin Sophie Scholl fälschlich zugeschrieben und ist besonders bei Rechtsextremen beliebt, die die Politik Angela Merkels hassen.

Pseudo-Sophie-Scholl-Zitat.
In ihren Briefen und in den Fluglättern der "Weißen Rose" kann dieser Satz schon allein deswegen nicht gefunden werden, weil der politische Terminus "schweigende Mehrheit" vor dem Jahr 1945 im deutschen Sprachraum (fast) unbekannt war.

Erst durch Berichte über eine TV-Rede Richard Nixons, in der er am 3. November 1969 die große "silent majority"  Amerikas um Unterstützung bat, wurde diese englische Metapher auch auf Deutsch allgemein bekannt.

Wer den Satz von der schweigenden Mehrheit als Erster Sophie Scholl zugeschrieben hat, ist unbekannt.

Vielleicht entstand das Kuckuckszitat aus einer Fehlerinnerung an einen Text der Stiftung Weißer Rose, worin zum Flugblatt II der Weißen Rose gesagt wird, die Verfasser sprächen hier "der schweigenden Mehrheit in Deutschland eine Mitschuld zu, weil sie dazu beitrug, dass 'diese Regierung überhaupt entstehen konnte' (Link) ".

Inzwischen ist dieses Kuckuckszitat in dieser kurzen Zeit laut Google-Statistik schon fast so weit verbreitet wie  der folgende schöne Appell, der wirklich auf einem Flugblatt der "Weißen Rose" stand:





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Berlin, 29. August 2020

Pseudo-Sophie-Scholl-Zitat; Foto: Twitter / buddendorf.




Artikel in Arbeit.

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Quellen:
Zu "schweigende Mehrheit": Chronologische Suchen in Google books, archive.org, anno und genios.de.

Früheste Belege für den Terminus "schweigende Mehrheit" in deutschen Zeitungen laut genios.de:
1. Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom  5.11.1969, Leitartikel, S. 2
2. DIE ZEIT, 7. 11. 1969, "Nixons Wettlauf mit der Zeit"
Früher vereinzelter Beleg laut anno:
 Deutsche Volkszeitung, 25. April 1932, Nr. 115, S. 2 (anno)
 [Zwischen 1933 und 1945 habe ich in den digitalisierten Texten keinen einzigen Beleg gefunden; Belege für die nichtmetaphorische Verwendung der Wörter "schweigende Mehrheit" zähle ich nicht.]

Wikipedia:  "silent majority"  
Google "Ungefähr 3 000 Ergebnisse (0,66 Sekunden)"
Google "Ungefähr 4 360 Ergebnisse (0,30 Sekunden)"
[Die Google-Ergebnisstatistiken verändern sich manchmal an einem Tag um bis zu 50% , sind also unverlässlich.]
II. Flugblatt der Weißen Rose
V. Flugblatt der Weißen Rose (Link) 
(Link) 

Erste Erwähnung des Kuckuckszitats auf Twitter: 20. Juli 2020 (Link)
Frühe Erwähnung auf Facebook: 20. Juli 2020 (Link)

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Dank:
Ich danke Musenginst für die Frage zu diesem Falschzitat und Moritz Jacob für Korrekturen und seine Recherchen zum Begriff "schweigende Mehrheit".



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Anhang

 

II. Flugblatt der Weißen Rose, über die Mitschuld der deutschen Bevölkerung, 1942:

 

  •  "Es scheint so und ist es bestimmt, wenn der Deutsche nicht endlich aus dieser Dumpfheit auffährt, wenn er nicht protestiert, wo immer er nur kann gegen diese Verbrecherclique, wenn er mit diesen Hunderttausenden von Opfern nicht mitleidet. Und nicht nur Mitleid muß er empfinden, nein, noch viel mehr: Mitschuld. Denn er gibt durch sein apathisches Verhalten diesen dunklen Menschen erst die Möglichkeit, so zu handeln, er ­leidet diese „Regierung“, die eine so unendliche Schuld auf sich geladen hat, ja, er ist doch selbst schuld daran, daß sie überhaupt entstehen konnte! Ein jeder will sich von einer solchen Mitschuld freisprechen, ein jeder tut es und schläft dann wieder mit ruhigstem, bestem Gewissen. Aber er kann sich nicht freisprechen, ein jeder ist schuldig, schuldig, schuldig!"
    (II. Flugblatt der Weißen Rose)