Dienstag, 4. Mai 2021

"Man besiegt die Natur, indem man ihren Gesetzen gehorcht. Wissen ist Macht." Francis Bacon (angeblich)

Der erste Satz dieses Zitats ("Natura enim non nisi parendo vincitur") stammt aus dem im Jahr 1620  publizierten Neuen Organon von Francis Bacon (Link), der zweite Satz ("Wissen ist Macht") geht auf eine Stelle aus den 1597 erschienen Meditationes Sacrae von Francis Bacon zurück.

In dieser Stelle der im deutschen Sprachraum kaum rezipierten Schrift Meditationes Sacrae (Religiöse Betrachtungen) redet Bacon allerdings nicht von Naturgesetzen, sondern von dem Willen und der  Macht Gottes, der Notwendigkeit, die Bibel zu lesen und Gottes Schöpfungen zu verstehen, sowie von Häresien.

Das Kapitel "Häresien" steht unter dem Motto "You err, not knowing the Scriptures nor the power of God", "Ihr irrt, weil ihr weder die Schriften noch die Macht Gottes kennt" (Matthäus 22,29) (Link).

In einen längeren Satz über das Wissen von der Macht Gottes fügte der Philosoph Bacon, der später als Staatsmann und Lord High Chancellor of England wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten musste, auf Latein folgende Paranthese ein:

  • "(nam et ipsa scientia potestas est)" (Link)
Es gibt verschiedene englische Übersetzungen dieser Stelle, die alle nicht von Francis Bacon stammen.
  • "for knowledge itself is a power whereby he knoweth" 1597 (Link)(Link)
  • "because Knowledge is Power" Übersetzung von Peter Shaw, 1733 (Link) 
  •  "for knowledge itself is power"  
Auch auf Deutsch findet man unterschiedliche mehr oder weniger gelungene Übersetzungen; hier die Übersetzung von Hubertus Kudla:
  • "denn das Wissen selbst ist eine Macht".  (Link)

Der englische Wortlaut "(because) Knowledge is Power" stammt also aus der 1733 erschienenen Übersetzung von Peter Shaw (Link).

 Der exakte lateinische Wortlaut "Scientia potentia est" in der Bedeutung "Wissenschaft ist Macht"  ist das erste Mal in Thomas Hobbes' staatstheoretischer Schrift "Leviathan"  in dem Kapitel über Macht, Würde und Ehre zu finden (Link).

Die lateinische Übersetzung des Leviathan erschien 1668, 17 Jahre nach der englischen Originalausgabe von 1651, und in diesem Werk ist die Wissenschaft im Vergleich zu Reichtum, großem Freundeskreis, Eloquenz nach Hobbes nur ein kleinerer Machtfaktor.

Thomas Hobbes, der als junger Mann Sekretär von Francis Bacon war, könnte in der lateinischen Fassung von Francis Bacons Text angeregt worden sein.

Thomas Hobbes, "Leviathan"

1651

  • "The sciences are small powers; because not eminent, and therefore, not acknowledged in any man; nor are at all, but in a few, and in them, but of a few things. For science is of that nature, as none can understand it to be, but such as in a good measure have attained it."

 1668

  • "Scientia potentia est, sed parva; quia scientia egregia rara est, nec proinde apparens nisi paucissimis, et in paucis rebus. Scientiae enim ea natura est, ut esse intelligi non possit, nisi ab illis qui sunt scientia praediti". (Zitiert nach Wikipedia)

 

Schon Georg Büchmann hat in seinen 'Geflügelten Worten' darauf hingewiesen, dass der Gedanke hinter dem Spruch viel älter ist und zum Beispiel auch in der Bibel vorkommt:  

 

Sprüche 24, 5 (Link)

 

  • "Ein weiser Mann ist mehr als ein starker, und ein Mann von Erkenntnis ist besser als ein kraftvoller. "
  • "Ein weiser Mann ist stark, und ein Mann der Erkenntnis wird kräftig."
  • "A wise man is strong; yea, a man of knowledge increaseth strength."
  • "Der Weise ist dem Starken überlegen, / ein verständiger Mensch dem robusten." (Spr 24,5)

 

Die Formel "Wissen ist Macht" oder "Wissenschaft ist Macht" kam Anfang des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum auf, wurde bald populär und von österreichischen und deutschen Politikern, Soldaten, Lehrern, Autor:innen und Verlegern oft verwendet. 

"Bildung macht frei! Wissen ist Macht!" Logo mit bewaffneter Eule.
Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, 1893ff.
Prachtausgabe.

Nur Arthur Schopenhauer wollte oder konnte den Spruch in seiner allgemeinen Bedeutung nicht verstehen und nahm ihn in seine Sammlung alter Irrtümer auf.


Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena:

  • "Knowledge is power. Den Teufel auch! Einer kann sehr viel Kenntniß haben, ohne darum die mindeste Macht zu besitzen, während ein Anderer die höchste Gewalt hat, bei blutwenigen Kenntnissen. "
  • "Daß hin und wieder Einem seine Kenntnisse Gewalt über Andere geben, z. B. wenn er ihr Geheimniß weiß, oder sie nicht hinter das seinige kommen können u. s. w., berechtigt noch nicht zu jenem Ausspruch."
Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena

 Der Aphorismus Herodots (IX, 16), auf den sich Schopenhauer beruft, lautet in einer  Übersetzung von August Horneffer:

  • "Das ist das Bitterste für einen Menschen: bei allem Wissen doch keine Macht zu haben." (Link)

 

 

 Artikel in Arbeit.


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Quellen:

Nachweise folgen.

Hubertus Kudla: "Lexikon der lateinischen Zitate - 3500 Originale mit Übersetzungen und Belegstellen", C.H. Beck Verlag, München: 1999, Nr. 1716 (Link)
"Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes", gesammelt und erläutert von Georg Büchmann, fortgesetzt von Walter Robert-tornow, 22. vermehrte und verbesserte Auflage, bearbeitet von Eduard Ippel, Verlag der Haude u. Spenerschen Buchhandlung, Berlin: 1905,  S. 868 (Link) [In früheren Ausgaben wurde das Zitat irrtümlich Roger Bacon zugeschrieben.] 

Herodots (IX, 16) 

Spr 24,5

Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena

Ralf Bönt: "Die Wahrheit ist nicht relativ", DIE ZEIT, 2. Mai 2021 (Link)  Das zusammengesetzte Zitat taucht erstmals in diesem sonst lesenswerten Artikel auf, und wurde bald in der falschen Zusammensetzung in den Sozialen Medien weiter verbreitet.

Twitter

 

 

 (Link)



  • Wissen und Können fällt bei dem Menschen in Eins, weil die Unkenntniss der Ursache die Wirkung verfehlen lässt. Die Natur wird nur durch Gehorsam besiegt; was bei der Betrachtung als Ursache gilt, das gilt bei der Ausführung als Regel.


    Franz Bacon's Neues Organon. Übersetzt, erläutert und mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers versehen von J. H. von Kirchmann, Berlin: L. Heimann, 1870 (Philosophische Bibliothek, Bd. 32).

 


Samstag, 17. April 2021

"Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten." Karl Valentin (angeblich)

Pseudo-Karl-Valentin-Zitat.
Dieses Bonmot wird Oscar Wilde, Karl Valentin , Kurt Sowinetz und einigen anderen zugeschrieben, stammt aber so ähnlich von der viktorianischen Autorin George Eliot und dem amerikanischen Lyriker und Diplomaten James Russell Lowell.

Pseudo-Oscar-Wilde-Zitat.
 

In den Texten Oscar Wildes oder Karl Valentins ist dieses Bonmot weder so noch so ähnlich zu finden und es ist unwahrscheinlich, dass es jemals dort  gefunden werden wird.

Der amerikanische Diplomat James R. Rowell wollte bei einem Empfang in Boston nach einem brillanten Vorredner nicht sprechen und hat das mit elegantem Witz begründet (Link):

 1872, James R. Lowell

  • "James R. Lowell has invented a new beatitude, "Blessed are they who have nothing to say and who cannot be persuaded to say it."  (archive.org
    "James R. Lowell hat eine neue Seligkeit erfunden: 'Selig sind die, die nichts zu sagen haben und die nicht überredet werden können, es zu sagen.' "

George Eliot hat einen ähnlichen Witz in ihrem Roman "Impressions of Theophrastus Such" vielleicht unabhängig von James R. Lowell gemacht:

1879, George Eliot 

  • "Blessed is the man who, having nothing to say, abstains from giving us wordy evidence of the fact — from calling on us to look through a heap of millet-seed in order to be sure that there is no pearl in it."

  •  "Gepriesen sei derjenige, der nichts zu sagen hat und davon absieht, das zu beweisen".
  • "Selig der Mann, der nichts zu sagen hat und davon absieht, diese Tatsache durch Worte zu beweisen".

    George Eliot:  Impressions of Theophrastus Such, 1879, S. 89 (archive.org) 

 Im Jahr 1961 wird der Witz dem französischen Autor Jean Guéhenno zugeschrieben und taucht in deutschen Zeitungen in folgendem Wortlaut auf:

1961

  • "Gepriesen seien diejenigen, die nichts zu sagen haben und es trotzdem für sich behalten." Jean Guéhenno (Link)

Das Bonmot war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachraum schon in verschiedenen Varianten weit verbreitet und wurde einmal auch als "chinesisches Sprichwort" bezeichnet.

1974

  • "Selig der Synodale, der nichts zu sagen hat und trotzdem schweigt. Helmut Müller"
    Ronner: "Die Treffende Pointe", S. 280 (Link)

 1994

  • "ein Gelangweilter: 'Gepriesen seien diejenigen, die nichts zu sagen haben und es dennoch für sich behalten'." (Link)

 2000 

  • "Ist Ihnen bekannt, daß Gustav Heinemann einmal gesagt hat: 'Wohl dem Politiker, der nichts zu sagen hat und trotzdem schweigt'." (Link)

Mit der falschen Zuschreibung an Oscar Wilde hat im Jahr 1989 anscheinend - der auch bei anderen Zitaten problematische Autor -  Erich von Däniken in seinem Buch "Die Augen der Sphinx: neue Fragen an das alte Land am Nil"  begonnen.  

1989 Oscar-Wilde-Kuckuckszitat

  • "Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. Oscar Wilde (1856-1900)"

    Erich von Däniken: "Die Augen der Sphinx: neue Fragen an das alte Land am Nil" Bertelsmann, München: 1989, 2. Auflage, S. 185 (Link)

Die erste Zuschreibung des Zitats an Karl Valentin ist in den digitalisierten Texten erst über 50 Jahre nach seinem Tod, und nach den Zuschreibungen an alle anderen im 21. Jahrhundert zu finden. 

Auch deswegen ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Karl Valentin diesen alten Witz jemals verwendet hat; geprägt kann er ihn nicht haben, da das Bonmot im 19. Jahrhundert entstanden ist.

2007 Karl-Valentin-Kuckuckszitat

  • "Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten." Karl Valentin
    Zwilling: 21. Mai bis 21. Juni" (Link)

 

 

 Artikel in Arbeit.

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Quellen: 

Google

genios.de 

 "Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate: mit 50000 Einträgen das umfassendste Werk in deutscher Sprache." (1997) 3. Auflage 2002, Harenberg Verlag, Dortmund: 2002, S. 1032   

Markus M. Ronner: "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts nach Stichwörtern alphabetisch geordnet." Ott Verlag, Thun: 1974, S. 280 (Link)

Anonym: "His Imperial Highness the Grand Duke Alexis in the United States of America During the Winter of 1871-72", Riverside Press, For Private Distribution, Cambridge: 1872, S. 102 (Link)
George Eliot: "Impressions of Theophrastus Such", in: The Works of George Eliot. William Blackwood and Sons, Edinburgh and London, o.D. [1879], S. 80  (archive.org)  [Erstveröffentlichung vielleicht schon in: Felix Holt, the Radical, 1866] 

Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Kreiszeitung, 27. Juli 1961, S. 14 (Link)  

"Der gute Deutsche": Dokumente zur Diskussion um Steven Spielbergs "Schindlers Liste" in Deutschland, Röhrig: 1995, S. 270   (Link) 

Erich von Däniken: "Die Augen der Sphinx: neue Fragen an das alte Land am Nil" Bertelsmann, München: 1989, 2. Auflage, S. 185 (archive.org)
Zwilling: 21. Mai bis 21. Juni"(Link)

 


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Dank:

Ich danke Claire für die Frage nach diesem Zitat.

Samstag, 27. März 2021

"Würden Sozialisten etwas von Ökonomie verstehen, wären sie keine Sozialisten." Friedrich Hayek (angeblich)


Pseudo-Friedrich-Hayek-Zitat.

Der Slogan "If socialists understood economics, they wouldn't be socialists" wird Friedrich Hayek in den sozialen Medien seit etwa 2012 untergeschoben und ist in seinen digitalisierten Texten und in der Fachliteratur zu ihm nicht zu finden.

Das angebliche Hayek-Zitat taucht in den Sozialen Medien zuerst ohne Zuschreibung an Friedrich Hayek auf:

24. März 2011

Das falsche Hayek-Zitat könnte sich aus einem Satz des amerikanischen Konservativen Don L. Turner entwickelt haben:

 9. Juli 2011

  • "Settled political science: if everyone understood economics, no one would be a socialist or modern liberal. Don L. Turner" 9. Juli 2011 (Twitter)

 Auf Twitter wird das Zitat dem 1992 verstorbenen Nobelpreisträger Friedrich Hayek im September 2012 erstmals untergeschoben, einen Monat davor wurde das Zitat noch ohne Zuschreibung an eine prominente Person auf Twitter verbreitet:

28. August 2012

  • "If Socialists understood economics, they wouldn't be Socialists." 28. August 2012 (Twitter)  

1. September 2012

Twitter Pseudo-Friedrich-Hayek-Zitat.
Seit dem Jahr 2013 gibt es dieses angebliche Hayek-Zitat auch auf Deutsch (Link), und es wird in den folgenden Jahren ein beliebtes Meme und von liberalen Journalisten auch in Zeitungen diesem wohl einflussreichsten Liberalen der Welt untergeschoben (Link).

 

Varianten des Pseudo-Friedrich-Hayek-Zitats:

  • "Würden Sozialisten etwas von Ökonomie verstehen, wären sie keine Sozialisten."
  • "Wenn Sozialisten die Ökonomie verstehen würden, wären sie keine Sozialisten." 
  • "If the socialists understood Economy, they wouldn't be socialists." 
  • "If socialists understood economics, they wouldn't be socialists."

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Quellen:
 
quora.com, 24. April 2020 "pretty much a fake quote"
9. Juli 2011 (Twitter) 
28. August 2012 (Twitter)

Früheste Zuschreibung an Friedrich Hayek auf Twitter: 1. September 2012 (Twitter)
Früheste Zuschreibung an Friedrich Hayek auf Twitter auf Deutsch: 2. November 2013  (Twitter)
Christian Ortner: "Unfassbar: Neoliberalismus will Österreich verelenden", Die Presse, 30. August 2018 (Link)
 
Artikel in Arbeit. 

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Dank:

Ich danke Dr. Hausse für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat. 


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Anhang

Screenshot 27/3 2021, Pseudo-Friedrich-Hayek-Zitat.


 

 

 

 

 


Freitag, 26. März 2021

"Über kurz oder lang kann das nimmer länger so weitergehen, außer es dauert noch länger ..." Karl Valentin (angeblich)


Pseudo-Karl-Valentin-Zitat; 11. Februar 2021(facebook).

Dieses Wortspiel passt als Kommentar gut in die schon viel zu lange dauernde Corona-Pandemie, aber es wird wohl nie in einem Text Karl Valentins gefunden werden.

Dieses angebliche Karl-Valentin-Zitat taucht bei einer chronologischen Durchsuchung aller digitalisierten Texte erstmals in einem Zeitungsartikel am 2. Januar 2021 auf (Link), und wird auf Twitter und in bayrischen Zeitungen seit dem 4. Januar gerne zitiert. 

Vor dem Jahr 2021 ist das angebliche Karl-Valentin-Zitat anscheinend unauffindbar.

Ob Uli Bachmeier, der Autor des satirischen Artikels vom 2. Januar 2021, das Kuckuckszitat geprägt oder aus einer unbekannten Quelle übernommen hat, kann ich noch nicht sagen.

Pseudo-Karl-Valentin-Zitat:

  • "Über kurz oder lang kann das nimmer länger so weitergehen, außer es dauert noch länger, dann kann man nur sagen, es braucht halt alles seine Zeit, und Zeit wär’s, dass es bald anders wird." 
    (Link)

  •  "Scho unsa Karl Valentin håt gmoant ...
    Üba kurz oda lang ko des nima länga so weidageh ...
    ... aussa es dauert hoit no länga ...
    ... dånn ko ma nua sågn ...
    es braucht hoit ois sei Zeit ...
    ... und Zeit warads, dass boid amoi ånders werd."
    @wies
    nmichi, 26. Januar 2021, Twitter (Link)

 

Pseudo-Karl-Valentin-Zitat; 28. Januar 2021(facebook).

 

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Quellen: 

Uli Bachmeier: "Hoffentlich wird's nicht so schlimm, wie es ist: Die satirische Jahresprognose." Landsberger Bote, 2. Januar 2021 (Link) 
Erstmals auf Twitter, 4. Januar 2021 (Link)
 

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Dank:
Ich danke werquer für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.


In Arbeit.

 

 


 

"Manchmal wollen die Menschen die Wahrheit nicht hören, weil sie nicht wollen, dass ihre Illusionen zerstört werden." Friedrich Nietzsche (angeblich)

Pseudo-Friedrich-Nietzsche-Zitat.

Diese Lebensweisheit stammt aus einem Roman des amerikanischen Thriller-Autors William Diehl  und kommt weder so noch so ähnlich in einem Text Friedrich Nietzsches vor.

William Diehl:

1992

  • " 'Right, m’boy,' the Judge answered. 'I’ve also said that sometimes people don’t want to hear the truth because they don’t want their illusions destroyed'."
    William Diehl: "Primal Fear" (EA: 1992) Mandarin,  London: 1993, S. 262  (archive.org)

Ein Jahrzehnt später wird dieser Satz eines Richters aus William Diehls Roman "Primal Fear" in den Sozialen Medien Friedrich Nietzsche untergeschoben, zuerst auf Englisch, 2011 erstmals auf Spanisch, und in den folgenden Jahren auch auf Italienisch, Französisch und Deutsch.

Pseudo-Friedrich-Nietzsche-Zitat.

Chronologie der frühesten falschen Zuschreibungen des Zitats an Friedrich Nietzsche auf Twitter:

2009, Englisch

  • "Sometimes people don’t want to hear the truth because they don’t want their illusions destroyed." (Link)

2011, Spanisch

  • "Alguna gente no quiere escuchar la verdad porque no quiere que se destruyan sus ilusiones"  (Link)

 2012, Italienisch

  • A volte le persone non vogliono sentire la verità, perché non vogliono che le loro illusioni vengano distrutte.  (Link)

2013, Französisch

  • ''Parfois, les gens ne veulent pas entendre la vérité parce qu'ils ne veulent pas que leurs illusions détruites " (Link)

 2014, Deutsch

  • "Menschen wollen die Wahrheit nicht hören, weil sie nicht wollen dass ihre Illusionen zerstört werden."  (Link)

 

Pseudo-Friedrich-Nietzsche-Zitat.
Friedrich Nietzsche hat in seiner Moralkritik die Funktion von Illusionen analysiert, auch das Vergnügen daran, Illusionen zu zerstören, aber die simple Konstatierung, dass Menschen ihre Illusionen lieber sind als eine unangenehme Wahrheit, stammt nicht von ihm.

Man kann sich sicher sein, dass dieses beliebte angebliche Nietzsche-Zitat ein Kuckuckszitat ist, da Nietzsches Werke mehrfach digitalisiert sind und schon einige Leute, auch Experten, vergeblich nach diesem Zitat in seinen Schriften gesucht haben und das Zitat auch in den relevanten Nachschlagwerken nicht verzeichnet ist.

 

Artikel in Arbeit.

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 Quellen:

William Diehl: "Primal Fear" (EA: 1992) Mandarin,  London: 1993, S. 262  (archive.org)
Friedrich Nietzsche: Digitale Kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe, basierend auf der Ausgabe von G. Colli und M. Montinari, Berlin/New York, de Gruyter: 1967ff., hrsg. von Paolo D’Iorio  (nietzschesource.org) 
"Did Nietzsche actually say or write, 'Sometimes people don't want to hear the truth because they don't want their illusions destroyed', Dezember 2017 (philosophy.stackexchange.com/questions) 
dpa-Faktencheck: "Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Worte von Nietzsche stammen", 11. Oktober 2019  (presseportal.de)   
Wikiquote: Unsourced 

 
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Dank:
Dank an Zitante Christa für Ihren Hinweis.

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 Anhang

 


Friedrich Nietzsche:

  • "Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen." 

    Friedrich Nietzsche: "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne: § 1, 1873 (Link)

Daraus entsteht der Hang nicht in der Lüge zu leben: Beseitigung aller Illusionen. Aber er wird aus einem Netz in’s andere gejagt. Der gute Mensch will nun auch wahr sein und glaubt an die Wahrheit aller Dinge. 

Ich hatte die Lust an den Illusionen satt. Selbst in der Natur verdross es mich, einen Berg als ein Gemüths-factum zu sehen. — Endlich sah ich ein, dass auch unsre Lust an der Wahrheit auf der Lust der Illusion ruht.


Zerstören der Illusionen. — Die Illusionen sind gewiss kostspielige Vergnügungen: aber das Zerstören der Illusionen ist noch kostspieliger — als Vergnügen betrachtet, was es unleugbar für manchen Menschen ist.  

Die Illusionen haben den Menschen auch Bedürfnisse angezüchtet, welche die Wahrheit nicht befriedigen kann.  

„Illusionen sind nöthig, nicht nur zum Glück, sondern zur Erhaltung und Erhöhung des Menschen: insonderheit ist gar kein Handeln möglich ohne Illusion. 

Unsere Menschen wollen hart, fatalistisch, Zerstörer der Illusionen sein — Begierde schwacher und zärtlicher Menschen, welche das Formlose, Barbarische, Form-Zerstörenden goutiren (z.B. die „unendliche“ Melodie — Raffinement der deutschen Musiker)  

Es ist naiv zu glauben, daß wir je aus diesem Meer der Illusion herauskommen könnten. Die Erkenntniß ist völlig unpraktisch. 

Die Verlogenheit und Illusion, in der der Mensch lebt. Die Lüge und die Wahrheitsrede — Mythus Poesie. Die Fundamente alles Großen und Lebendigen ruhen auf der Illusion. Das Wahrheitspathos führt zum Untergang.   

 

(Bibliographische Angaben folgen.) 

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Montag, 22. März 2021

"Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht." Mark Twain (angeblich)

Pseudo-Mark-Twain-Zitat.

 Diesen Aphorismus hat noch niemand so oder so ähnlich in einem Text von Mark Twain gefunden, obwohl schon viele Experten danach gesucht haben (quoteinvestigator).

Die Erkenntnis, dass sich Gerüchte und Lügen viel schneller verbreiten als jene Wahrheit, die sie widerlegt, ist schon alt, und wurde von dem irischen Satiriker Jonathan Swift in einem Essay über Lügen in der Politik vor 300 Jahren mit folgenden Worten formuliert: 


Jonathan Swift, 1710:

  • "Die Lüge fliegt, und die Wahrheit humpelt ihr hinterher".
  • "Falsehood flies, and the Truth comes limping after it". (Link)

Die Metapher von der zu langsamen Wahrheit, die sich erst die Stiefel anziehen muss, ist am Anfang des 19. Jahrhunderts in Amerika entstanden und gelangte in den 1880er Jahren in den deutschen Sprachraum. 

Pseudo-Winston-Chuchill-Zitat.

 Alle Zuschreibungen der Metapher an Mark Twain, Thomas Jefferson oder Winston Churchill lassen sich nicht belegen, sind also falsch (quoteinvestigator).

Pseudo-Winston-Chuchill-Zitat.

1882

  • " 'Die Lüge', so meint einmal ein englischer Schriftsteller, 'hat bereits die Reise um die Welt gemacht, ehe die Wahrheit die Stiefel angezogen hat'."
    Eduard Marcour: "War Maria Stuart Gattenmörderin?"  1882, S. 209/21  (Link)

 

1885

  • "Die Lüge geht durch die halbe Stadt,
    ehe die Wahrheit die Stiefel anhat.
    G.W"

    Fliegende Blätter, Band LXXXIII, Nr. 2084-2109, 1885, S. 110   (Link)

Die erste falsche Zuschreibung an  Mark Twain auf Deutsch stammt aus der Übersetzung des journalismuskritischen Buches "Der Sündenlohn: eine Studie über den Journalismus" von Upton Sinclair; Mark Twain war 1921 schon 11 Jahre tot.

In Amerika wurde Mark Twain das Zitat neun Jahre nach seinem Tod erstmals untergeschoben (quoteinvestigator).

1921

  • "Von Mark Twain, glaube ich, stammt das Wort, daß eine Lüge rund um die Erde rennen kann, während die Wahrheit in ihren Schuhen steckt."
    Upton Sinclair: "Der Sündenlohn: eine Studie über den Journalismus", Verlag Der Neue Geist / Dr. Peter Reinhold Leipzig: 1921, S. 55 (Link)

In der Mitte des 20. Jahrhunderts war die Metapher anscheinend auch im deutschen Sprachraum schon so weit verbreitet, dass sie dem Volksmund zugeschrieben wurde.

1942 

  • "Es geht ihr, wie es im Volksmund heißt: Ehe die Wahrheit die Stiefel angezogen hat, ist die Lüge schon dreimal um die Welt gelaufen."
    Peter Ketter: "Die Apokalypse" 1942, S. 192 (Link)

Garson O'Toole hat die Entwicklung des Zitats in Amerika mit vielen Varianten dokumentiert (quoteinvestigator)

Die Lügen fliegen in dem Spruch zuerst von Maine nach Georgia, dann eine Meile, auch hundert Meilen, schließlich um die halbe oder um die ganze Erde und am Ende drei Mal um die Erde.

1820

  • "for falsehood will fly from Maine to Georgia, while truth is pulling her boots on". (Link)

1842

  • "It is said that Falshood runs off, while truth is pulling on its boots". (Link)

1854

  • "On the principle of the popular saying, that 'falsehood will travel a hundred miles while truth is pulling on its boots,’ holders will have entered and taken possession of the new Territories" (Link)

1856

  • "It is said that a lie will go a mile while truth is pulling on his boots".  (Link)

1857

  • "It is well said in the old proverb, 'A lie will go round the world while truth is pulling its boots on.'" (Link)

1895

  • "'A lie will travel round the world while truth is pulling on its boots' is a saying which gives an advantage to the lie." (Link)

 

Pseudo-Mark-Twain-Zitate im 21. Jahrhundert:


  • "Eine Lüge kann den halben Erdball umrunden, während sich die Wahrheit noch die Schuhe zubindet."
  • "Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht." 
  • "Eine Lüge reist einmal um die Erde, während sich die Wahrheit die Schuhe anzieht."
  • "Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht."
  • "Die Lüge ist dreimal um die Welt gereist, die Wahrheit bindet sich noch die Schuhe."
  • "Die Wahrheit schnürt sich noch die Schuhe während die Lüge bereits einmal um den Globus ist".
  • "Eine Lüge ist bereits dreimal um die Welt gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht."
Pseudo-Mark-Twain-Zitat.

     

   

 

 

Artikel in Arbeit

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Quellen: 

 "The Yale Book of Quotations". Edited by Fred R. Shapiro. Foreword by Joseph Epstein, Yale University Press, New Haven and London: 2006, S. 615/168
Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. 121 (Link)
Richard Langworth:  Pseudo-Winston-Churchill-Zitate (richardlangworth.com)
Jonathan Swift: [Artikel ohne Titel] in: The Examiner, Number 15, 2.-9. November 1710, London: 1770, S. 2 (Link)
Jonathan Swift: "Über die Kunst der politischen Lüge", (1710) in: Das Blättchen, 27. Oktober 2014 (Link)
Garson O'Toole: "A Lie Can Travel Halfway Around the World While the Truth Is Putting On Its Shoes: Mark Twain? Jonathan Swift? Thomas Francklin? Fisher Ames? Thomas Jefferson? John Randolph? Charles Haddon Spurgeon? Winston Churchill? Terry Pratchett? Anonymous?" 2014 (quoteinvestigator)
1882: Eduard Marcour: "War Maria Stuart Gattenmörderin?" S. 21, in: Frankfurter zeitgemäße Broschüren, hrsg. von Paul Haffner, Band III, Verlag von A. Foesser, Frankfurt a. M.: 1882, S. 209/21  (Link)
1885: Fliegende Blätter, Band LXXXIII, Nr. 2084-2109, 1885, S. 110   (Link)
1942: Peter Ketter: "Die Apokalypse" Herders Bibelkommentar. Die Heilige Schrift für das Leben erklärt 16/2, Herder, Freiburg in Breisgau: 1942, S. 192 (Link)

 Beispiele für falsche Zuschreibungen an Mark Twain:

Upton Sinclair: "Der Sündenlohn: eine Studie über den Journalismus", Verlag Der Neue Geist / Dr. Peter Reinhold, Leipzig: 1921, S. 55 (Link)
"Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate: mit 50000 Einträgen das umfassendste Werk in deutscher Sprache." (1997) 3. Auflage 2002, Harenberg Verlag, Dortmund: 2002, S. 808
Ingo Reichardt, Anne Reichardt: "Treffende Worte: 3000 Zitate für Führungskräfte." Linde Verlag, Wien: 2003, S. 105 (Link)
Henriette Kuhrt 12.11.2020 (bellevue.nzz.ch)
Imre Grimm 20.02.202 (rnd.de)

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Dank:

Ich danke wieder einmal Garson O'Toole (quoteinvestigator) für seine gründliche Arbeit und dem Historiker Richard Langworth für seine Sammlung falscher Churchill-Zitate (richardlangworth.com).

Samstag, 20. März 2021

"Glück besteht aus einem hübschen Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen Verdauung." Jean-Jacques Rousseau (angeblich)


Pseudo-Jean-Jacques-Rousseau-Zitat.

Dieses Bonmot wird dem 1712 in Genf geborenen Philosophen Jean-Jacques Rousseau auf Englisch seit über 100 Jahren unterschoben und auf Deutsch seit etwa 60 Jahren.

In Rousseaus Werken ("Menschen, seid menschlich, das ist eure vornehmste Aufgabe") ist das humoristische Biedermeier-Bonmot, das Rousseaus Vorstellungen von einem glücklichen Leben fernab der Gesellschaft völlig widerspricht, nicht zu finden.

Entstanden ist das Kuckuckszitat anscheinend durch eine Verwechslung. In einem amerikanischen Zeitschriften-Artikel mit mehreren Aphorismen zum Begriff "Happiness" taucht das Zitat 1882 das erste Mal auf und wird - direkt nach einem Rousseau-Zitat - dem französischen Autor Edmond About zugeschrieben:


 1882

  • "Freedom from the tyranny of kings and vices: J. J. Rousseau. — A good bank-account, a good cook, and a good digestion: Edmond About."

Happiness, Popular science monthly, 1882, S. 403  (archive.org)

Vier Jahre danach wird dasselbe Zitat in einer anderen amerikanischen Aphorismus-Sammlung plötzlich Rousseau, und nicht mehr Edmond About zugeschrieben:

 

1886

 

"Tools Of Speech", 1886, S. 203 (archive.org)
 

Und seit dieser wohl irrtümlich falschen Zuschreibung ohne Quellennachweis gilt das Zitat in vielen amerikanischen Zitatesammlungen als Rousseau-Zitat.
 

Jahrzehnte danach taucht das Zitat auch in deutschsprachigen Zitatesammlungen auf und im 21. Jahrhundert sogar in französischen, inzwischen auch in italienischen und spanischen, allerdings nirgendwo in seriösen.



Varianten des Kuckuckszitats:

 

  • "Happiness: a good bank-account, a good cook, and a good digestion."
  • "Glück: ein gutes Bankkonto, eine gute Köchin und eine gute Verdauung."
  • "Glück: ein volles Bankkonto, eine hervorragende Köchin und eine gute Verdauung." 
  • "Glück besteht aus einem soliden Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen Verdauung."
  • "Glück besteht aus einem hübschen Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen Verdauung." 
  • "Le bonheur c'est un bon compte en banque, une bonne cuisinière et une bonne digestion." 
  • "La felicità: un bel conto in banca, un bravo cuoco e una buona digestione. "
  • "Felicidad: una buena cuenta bancaria, un buen cocinero y una buena digestión."
  1. Pseudo-Jean-Jacques-Rousseau-Zitat.

     
    Pseudo-Jean-Jacques-Rousseau-Zitat.


    Pseudo-Jean-Jacques-Rousseau-Zitat.

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Quellen:
 

Popular science monthly, D. Aplleton an Company, New York: 1882, Vol. XXI, May to October 1882, S. 403  (archive.org) 
Isabella Seiger: "J. -J. Rousseau auf der Suche nach dem Glück", Diplomarbeit, Graz: 2009 (pdf) 
 
Beispiele für falsche Zuschreibungen:
Maturin M. Ballou: "Tools Of Speech", Ticknor and Company, Boston: 1886, S. 203 (archive.org)
Egon Jameson: "ABC der klügsten Sätze" Rowohlt, Reinbek bei Hamburg: 1963, S. 80 (books.google) 
Welttag des Glücks: Die Welt, 20. März 2017 (welt.de)
Welttag des Glücks: ZDF, 20. März 2019 (zdf.de)
Weltglückstag: Deutsche Welle, 20. März 2021 (dw.com)


Artikel in Arbeit.

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Dank:

Ich danke Oliver Weber für seinen Hinweis auf das Falschzitat.