Dienstag, 23. Februar 2021

"Was nicht trifft, trifft auch nicht zu." Karl Kraus (angeblich)

Mit diesem Karl Kraus unterschobenen Kalauer wird suggeriert, eine Behauptung, die nicht kränkt, müsse falsch sein.

Der Sozialwissenschaftler  Oskar Negt unterschiebt den Kalauer Karl Kraus seit 1978 in der Version 'Was nicht trifft, trifft auch nicht zu' , die Journalisten Henryk M. Broder und Jan Fleischhauer bevorzugen die krassere Fassung: "Was trifft, trifft auch zu"

Beide Varianten sind in den Texten von Karl Kraus nicht zu finden.

 

 Beispiele für falsche Zuschreibungen an Karl Kraus:

1978

  • "Karl Kraus hat einmal gesagt: 'Was nicht trifft, trifft auch nicht zu.' Die polemische Schärfe der Kritik ist es nicht, die mich bedrückt. Es ist die Denunciation, die bloße Zuordnung einer Sache, deren Sinngehalt bewußt verdreht oder verschwiegen wird, oder einer Person zu Feindpositionen, die es unmöglich machen sollen, bestimmte Konzeptionen überhaupt in den Diskussionszusammenhang gewerkschaftlicher Bildungsarbeit einzubeziehen .."
    Arbeiterbildung: soziolog. Phantasie u. exemplar. Lernen in Theorie, Kritik u. Praxis: [Lernen für Selbstbestimmung] Herausgegeben von Alfred Brock, Rowohlt: 1978, Oskar Negt, S. 84 (Link)

 

1984

  • "Wenn Karl Kraus sagt: 'Was nicht trifft, trifft auch nicht zu', dann meint er genau diese durch parteilichen Eingriff in die Verhältnisse vermittelte Wahrheitsfindung."
    Oskar Negt: "Lebendige Arbeit, enteignete Zeit: politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit" Campus Verlag, Frankfurt /New York: 1984, S. 14 (Link)

1987

  • "Dem Satz von Karl Kraus: 'Was nicht trifft , trifft auch nicht zu', gebe ich einen hohen Erkenntniswert."
    Das Argument, Band 29, 1987, Nr. 164-166, S. 495 (Link)

 

1993 behauptet Oskar Negt in einer Laudatio im SPIEGEL, Rudolf Augstein sei ein "Geistesverwandter" von Karl Kraus und beiden gemeinsam sei das von Kraus fomulierte Prinzip: "Was nicht trifft, trifft auch nicht zu". (Link)

 1995

  • "Karl Krauss (!), gewiß einer der schärfsten Zuspitzer und galligsten Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft , hat einmal gesagt: 'Was nicht trifft , trifft auch nicht zu.'" S. 134 (Link)

 

2007 verteidigt Henryk M. Broder mit diesem Pseudo-Karl-Kraus-Zitat die Moderatorin Eva Herman, allerdings in der Variante: "Was trifft, trifft auch zu" -, und 2010 verteidigt er damit Thilo Sarrazin im SPIEGEL gegen den Vorwurf, rassistisch zu argumentieren.

2012 bekennt sich Jan Fleischhauer in seinem Buch: "Der schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten" zu dieser angeblichen Maxime von Karl Kraus, wie seine Vorgänger ohne jede Quellenangabe.

  • "Ansonsten halte ich mich an den Satz von Karl Kraus: «Was trifft, trifft auch zu.» Daran gemessen kann nicht alles verkehrt sein, was sich im Folgenden an Texten findet – das ist jedenfalls die Hoffnung, an der ich mich festhalte."

Den Angestellten des vielgerühmten SPIEGEL-Archivs fällt weder auf, dass der SPIEGEL im Abstand von 14 Jahren zwei verschiedene Versionen des angeblichen Kraus-Zitats druckte, noch, dass beide Versionen in den Schriften von Karl Kraus nicht zu finden sind.

2016 kritisert Broder mit diesem falschen Karl-Kraus-Zitat den Öffentlichen Rundfunk und den ARD:

  •  "Was den Vorwurf der 'Lügenpresse' angeht, so hat Karl Kraus schon das Notwendige dazu gesagt: 'Was trifft, trifft auch zu!'" 

 
Mit der Autorität des Namens Karl Kraus kann man also Rudolf Augstein, Eva Herman und Thilo Sarrazin loben und verteidigen, den Öffentlichen Rundfunk kritisieren und jahrzehntelang bemerkt niemand, dass das Zitat gar nicht von Karl Kraus ist.

 

Das Zitat wird auch Walter Benjamin unter Kurt Tucholsky  unterschoben.

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Quellen:
Auf Google Books gibt es keinen Nachweis dieses Zitats vor dem Jahr 1978. (Die Mitteilung eventuell früherer Quellen würde mich freuen.) 
Arbeiterbildung: soziolog. Phantasie u. exemplar. Lernen in Theorie, Kritik u. Praxis: [Lernen für Selbstbestimmung] Herausgegeben von Alfred Brock, Rowohlt: 1978, Oskar Negt, S. 84 (Link)
Oskar Negt: "Lebendige Arbeit, enteignete Zeit: politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit" Campus Verlag, Frankfurt /New York: 1984, S. 14 (Link) 
Das Argument, Band 29, 1987, Nr. 164-166, S. 495 (Link)
Oskar Negt: "Von Menschen und Nachrichten" Der Spiegel 6/1993,  1. November 1993  (Link)
Henryk M. Broder: "Alvin Rosenfeld: Aus kritischer Distanz" 3. März 2007 (henryk-broder.com)
Henryk M. Broder: "Thilo und die Gene. Streitfall Sarrazin: Haben eigentlich alle dasselbe Zeug gekifft?" Der Spiegel, 36/2010, 6. September 2010 (SPIEGEL)
Jan Fleischhauer: "Der Schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten." Rowohlt, Reinbek bei Hamburg: 2012, digitalbuch (Link)
Henryk M. Broder: "Nehmt Euch in Acht vor den Propagandamedien!"  4. Mai 2016  (achgut.com) 

WikiMANNia



 

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Dank:

Tobias Blanken und Michael Gunzcy verdanke ich den Twitter-Hinweis auf dieses Falschzitat.

 

Artikel in Arbeit.

Sonntag, 21. Februar 2021

"Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht." Jean Paul (angeblich)


Pseudo-Jean-Paul-Zitat.

 Das Bonmot "The best thing about spring — it comes when it is most needed" wurde vor mehr als 100 Jahren von einer unbekannten Person in Amerika geprägt und erst im 21. Jahrhundert dem geistreichen deutschen Autor Jean Paul zugeschrieben. In seinen Werken ist der Witz weder so noch so ähnlich zu finden.

Moritz Jacob hat den allerersten Nachweis dieses in vielen amerikanischen Zeitschriften verbreiteten  Witzes auf der Humorseite der Krankenhauszeitschrift "The Edsan Optimist"  gefunden, einer kleinen Zeitschrift für die Patienten eines Sanatoriums in Illinois.

 

"The Edsan Optimist", Vol. 1, Dezember 1918, S. 8 (Link)
 

Die Zuschreibung des Witzes an "Trotty Veck", einer Figur aus Charles Dickens' Gespenstergeschichte "The Chimes"  ("Die Silvesterglocken"), kann nicht ernst gemeint sein. 

(pinterest)
Auf Deutsch taucht der Witz bei einer chronologischen Google-books-Suche das erste Mal - noch ohne Zuschreibung an Jean Paul - im Jahr 1981 auf: .
  • "Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht."  (Link)

Jean Paul wurde - laut einer  Suche mit der Zeitungssuchmaschine genios.de  - das Zitat das erste Mal  im Jahr 2003 untergeschoben, und diese falsche Zuschreibung wurde ein paar Jahre später auch von anderen deutschen Zeitungen und Online-Zitatesammlungen übernommen.


Pseudo-Jean-Paul-Zitat.

 

Vereinzelt wird das Zitat auch fälschlich Achim von Arnim zugeschrieben (Link).

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Quellen:

Google
archive.org
"The Edsan Optimist", Edward Sanatorium  (Naperville, Illinois) Vol. 1 Dezember 1918, S. 8 (Link)

1926: (Link)
1981: (Link)
 
Frühe falsche Zuschreibungen an Jean Paul:
2003: Trierischer Volksfreund, 22.03.2003  SPRUCH ZUM TAG... genios.de  (kostenpflichtig; die Suchwörter werden leider nicht gespeichert.) 
2004: Berliner Morgenpost, 18.03.2004 genios.de  (kostenpflichtig)
2013: TAZ 02.03.2013 genios.de  (kostenpflichtig) 

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Dank:

Ich danke Zenon für seine Frage zu diesem Kuckuckszitat und Moritz Jacob für seine Recherchen. 


Artikel in Arbeit.

 

Samstag, 20. Februar 2021

"Der niederträchtigste aller Schurken ist der Heuchler, der dafür sorgt, daß er in dem Augenblick, wo er sich am fiesesten benimmt, am tugendhaftesten auftritt.“ Marcus Tullius Cicero (angeblich)

Paraphrase eines Cicero-Zitats.
 

Dieses angebliche Cicero-Zitat ist keine wortgetreue Übersetzung, sondern eine vor kaum fünf Jahren entstandende Paraphrase des folgenden Satzes aus Ciceros Werk "De officiis" ("Vom rechten Handeln"):

 

M. Tullius Cicero: "Vom rechten Handeln" 1,41,4; 44 v. Chr.:

  • "Totius autem iniustitiae nulla capitalior quam eorum, qui tum, cum maxime fallunt, id agunt, ut viri boni esse videantur."    (Link)
  • "Von aller Ungerechtigkeit aber ist keine todeswürdiger als die derjenigen, die dann, wenn sie besonders täuschen, darauf aus sind, gute Männer zu scheinen." 
    Übersetzung:
    Karl Büchner.

    Marcus Tullius Cicero: "Vom rechten Handeln." Lateinisch und deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Karl Büchner. Artemis u. Winkler (Sammlung Tusculum),
    4. Auflage, München, Zürich: 1994, 1,41,4, S. 39f. (Link)

  • "Von allem Unrecht aber ist keines sträflicher als das derjenigen, die sich mühen, während sie die ärgsten Betrüger sind, den Anschein ehrlicher Männer zu geben."
    Übersetzung: gottwein.de

  • "But of all forms of  injustice, none is more flagrant than that of the hypocrite who, at the very moment when he is most false, makes it his business to appear virtuous."
    Übersetzung: Walter Miller (perseus.tufts.edu)

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Quellen:

Marcus Tullius Cicero: "Vom rechten Handeln." Lateinisch und deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Karl Büchner. Artemis u. Winkler (Sammlung Tusculum), 4. Auflage, München, Zürich: 1994, 1,41,4, S. 39f. (Link)

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Dank:

Ich danke Rainer Venino für seine Frage zu diesem Zitat und für seine Entdeckung des lateinischen Originals.

 


 

 

Freitag, 19. Februar 2021

"Musik ist die Poesie der Luft." Jean Paul

 Dieses beliebte Jean-Paul-Zitat ist ein Kurzzitat eines Satzes aus Jean Pauls Roman "Die unsichtbare Loge", in dem die Romanfigur Gustav die ersten acht Lebensjahre unter der Erde bei ihrem Lehrer, dem Herrenhuter "Genius", verbringen muss. Vor Gustavs Freilassung wird gesagt: "In das Ohr des Kleinen war Musik, diese Poesie der Luft, noch nie gekommen."

 

 Jean Paul: "Die unsichtbare Loge", 1793

  • "In das Ohr des Kleinen war Musik, diese Poesie der Luft, noch nie gekommen."

    Jean Paul: "Die unsichtbare Loge", Vierter Sektor oder Ausschnitt, in: Jean Paul's sämmtliche Werke in vier Bänden, Erster Band, Baudry's Buchhandlung, Paris: 1843, S. 232  (Link);  (projekt-gutenberg)

Dienstag, 16. Februar 2021

"Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere ." Arthur Schopenhauer (angeblich)

Dieses ursprünglich französische Aperçu ist seit dem 19. Jahrhundert in vielen Sprachen und mehreren Varianten als Grabsteinspruch für Hunde, als Kalenderspruch in Amtszimmern, als Meme oder als Lebensmotto weit verbreitet und wird oft berühmten Personen untergeschoben, die für ihre Liebe zu Hunden bekannt sind.

Die beliebtesten Zuschreibungen (Schopenhauer, Friedrich d. Gr., Mark Twain) sind Erfindungen des 20. Jahrhunderts und konnten von der Zitatforschung in zeitgenössischen Quellen nicht nachgewiesen werden.

1) Von dem preußischen König Friedrich II. weiss man, dass er seine Hunde mehr als die Menschen mochte und dass er sein Grabmal auf der Terasse des Schlosses Sanssouci neben den Gräbern seiner Lieblingshunde anlegen ließ (Link)

Pseudo-Friedrich-II.-Zitat.

Wohl deswegen schien es mehr als 120 Jahre nach seinem Tod plausibel, der Ausspruch stamme von ihm. Aber es gibt keinerlei Belege dafür. 

Begonnen hat die falsche Zuschreibung an Friedrich II. um 1927 (Link), also ungefähr 140 Jahre nach seinem Tod, und auch der Anführer der Nationalsozialisten war der festen Überzeugung, das Zitat stamme von dem verehrten preußischen König:

  • "Von Zeit zu Zeit hob er [Hitler] seinen Blick zu dem Bildnis Friedrichs des Großen auf, das über seinem Schreibtisch hing, und wiederholte dessen Ausspruch: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde .'"
    Albert Zoller: "Hitler privat: Erlebnisbericht seiner Geheimsekretärin", Droste Verlag 1949, S. 230  (Link)

2) Ebenso bekannt ist die Zuneigung des Philosophen Arthur Schopenhauer zu seinen Pudeln, die er seit seiner Studienzeit bei sich hatte, und die er dem Umgang mit Menschen vorzog, doch er hat nie geschrieben, seit er die Menschen kenne, liebe er seine Hunde oder etwas Ähnliches.

Wilhelm Busch: "Schopenhauer" (Wikimedia).

Der Aphorismus wird ihm seit den 1930er Jahren in verschiedenen Varianten unterschoben und ist weder in seinen Texten noch in zeitgenössischen Quellen zu finden.


Pseudo-Arthur-Schopenhauer-Zitat.

3) In der englischsprachigen Welt wird das Zitat meistens Mark Twain zugeschrieben.

Pseudo-Mark-Twain-Zitat.

Aber wie der amerikanische Zitatforscher Garson O'Toole in seiner gründlichen Recherche zum Ursprung des Zitats herausgefunden hat, wurde es auch Mark Twain erst nach seinem Tod zugeschrieben und ist in seinen Texten, Briefen und Interviews unauffindbar (quoteinvestigator).
 

Pseudo-Vladimir-Putin-Zitat.


4) Entstanden ist der Aphorismus vor dem 19. Jahrhundert in Frankreich und bis zum Ersten Weltkrieg wurde er auch im deutschen Sprachraum durchwegs französischen Autorinnen und Autoren zugeschrieben.

Laut Recherchen des Technikhistorikers Ralf Bülow könnte der im Jahr 1762 verstorbene Dramatiker Crébillon einer der Ersten gewesen sein, der eine Variante dieses misanthropischen Aphorismus geprägt hat.

Im April 1780 erinnert sich der umgängliche französiche Revolutionär Mirabeau in einem Brief an seine Freundin Sophie an diesen Ausspruch Crébillons mit folgenden Worten:

  • "Ach. Dein Landsmann Crébillon hatte nicht so Unrecht. Als man ihn fragte, warum er beständig von Hunden umgeben sei, antwortete er: 'ich thue das, seit ich die Menschen kenne.'"
    Mirabeau, April 1780, S. 447  (books.google)
    "Hélas! ton compatriote Crébillon n'avait pas tort de répondre à ceux qui lui demandaient pourquoi il était toujours entouré de chiens: c'est depuis que je connais les hommes."


    Honoré-Gabriel Riqueti Mirabeau: Lettres originales de Mirabeau, écrites du donjon de Vincennes,1777-1780, Chez Rarnery, Paris: 1792, S. 256 (Link)

Eine frühe Variante des Zitats taucht im Jahr 1822 in den digitalisierten Texten auf, wie Garson O'Toole herausgefunden hat. Eine Frau habe kürzlich - zum Mißvergnügen des Redakteurs - gesagt:

1822

  • "Je mehr ich die Männer kenne, desto mehr mag ich die Hunde."
  • "Nous venons de recevoir le Miroir de la Somme, il contient les niaiseries suivantes: Une dame disait l’autre jour: plus je connais les hommes, mieux j’aime les chiens." (zitiert nach quoteinvestigator).

Jahrzehnte später wird dieser Ausspruch Madame de Madame de Staël, die im Jahr 1817 gestorben ist, zugeschrieben.

 1878

  •  "Plus je connais les hommes, plus j'admire les chiens. MADAME DE STAEL." (Link)

Ob Madame de Staël wirklich die unbekannte Dame war, von der in dem Artikel 1822 die Rede ist, ist ungewiss. 

1848 wird der Aphorismus einem "modernen Philosophen" zugeschrieben:

  • "Je m'éloignai, triste, et en murmurant cette pensée d'un philosophe moderne: Plus je connais les hommes , plus j'estime les chiens." (Link)  (archive.org)

In der Mitte des 19. Jahrhunderts haben die französischen Autoren Alphonse Toussenel und Alphonse de Lamartine unabhängig von einander den Aphorismus verwendet und dadurch zu dessen weiterer Verbreitung beigetragen, aber sie haben ihn so wenig geprägt wie Charles de Gaulle, der ihn 100 Jahre später zitiert hat.

 Ich folge hier der Einschätzung von Garson O'Toole, dessen 2018 publizierten Artikel mit den sorgfältigen Quellenangaben zu diesem Zitat ich nur empfehlen kann (quoteinvestigator).

Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt schreibt das Zitat in ihren Erinnerungen einer "berühmten Landsmännin", vielleicht also Madame de Staël oder Madame de Sévigné zu, und nicht Friedrich II., Schopenhauer oder Mark Twain.

1895

  • Sarah Bernhardt:
    "Was habe ich Menschen kennen gelernt in diesem alternden Jahrhundert! Aber,  weiß Gott, ich kann nur mit meiner berühmten Landsmännin sagen: 'Je mehr ich die Menschen kennen lerne, umsomehr liebe ich die Hunde.'"
    Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 5. August 1895, S. 2, Übersetzung: G. Engelsmann (Link)

 Ein Zoologe hält George Sand für die Urheberin des Zitats:

1898

  • "Seit ich die Menschen kenne , liebe ich die Hunde , war ein geflügeltes Wort von George Sand." (Link)

Um 1900 wurde der Aphorismus schon als Grabsteinspruch auf dem neuen Pariser Hundefriedhof gesehen:

1903 

  • [Grabsteinspruch :] "Je mehr ich die Menschen sehe, je mehr liebe ich meinen Hund."  (anno) 

 1922

  • Leo Slezak: "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere."  
    Leo Slezak: "Meine sämtlichen Werke." Ernst Rowohlt Verlag, Berlin: 1922, S. 186 (Link); 1926: (Link)

Erst nachdem der österreichische Tenor Leo Slezak  das französische Bonmot in seinen Memoiren und in einigen Zeitungsartikeln als sein Motto verkündet hat, wurde es erstmals Friedrich II. zugeschrieben:

1927

  • "Friedrich der Große hat einmal gesagt, seit er die Menschen kenne, liebe er die Hunde."
    Adolf Stein: "Berliner Funken", Brunnen Verlag / Karl Winckler, Berlin: 1927, S. 183 (Link)

1928

  • "Friedrich II. [...] seinem Ausspruch: 'Je näher ich die Menschen kennenlerne, desto mehr liebe ich dieHunde!'" (Link)

1930

  • "Ein altes Wahrwort sagt: 'Seitdem ich die Menschen kenne, habe ich die Hunde lieben gelernt.'" (Link)

 1931 wird ein alter arabischer Philosoph als Urheber des Zitats vermutet (Link).

Die meines Wissens erste irrtümliche Zuschreibung an Arthur Schopenhauer stammt vom damaligen Vizepräsidenten des Wiener Patentamts und stand in der katholischen Wiener Tageszeitung "Reichspost":

1932

  • "Von Schopenhauer soll der Ausspruch stammen: 'Ich kenne die Menschen, drum liebe ich die Hunde'".
    Reichspost, 3. Juli 1932, S. 16
      (Link)

 1949

  • "Diese Geraunze und Geraune erinnert an die alten Dichterworte: 'Je mehr ich die Menschen kennenlerne, desto mehr liebe ich die Tiere.'" (Link)

1949

  • "Von Zeit zu Zeit hob er [Hitler] seinen Blick zu dem Bildnis Friedrichs des Großen auf, das über seinem Schreibtisch hing, und wiederholte dessen Ausspruch : 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde .'"
    Albert Zoller: "Hitler privat: Erlebnisbericht seiner Geheimsekretärin", Droste Verlag 1949, S. 230  (Link)

1951

  • "Der alte Fritz hat einmal gesagt: 'Seitdem ich den Menschen kenne, liebe ich die Hunde'."  (Link)

 1954

  • "Das vielzitierte, Friedrich dem Großen in den Mund gelegte Wort: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde,' stellt einen Gegensatz auf, der gar nicht besteht."  (Link)

1957

  • "Ein großer Tierfreund sagte einmal: 'Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.'"  (Link)

1963

  • Konrad Lorenz:  "Ein sentimentaler Menschenhasser hat den oft nachgeplapperten Aphorismus geprägt: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere '. Ich behaupte umgekehrt ..."
    Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse, 1963, S. 344 (archive.org)

1964

  • "Damit deckt er Pseudowahrheiten sentimentaler Nörgler auf, die es sich mit Schopenhauers Wort 'Seitdem ich die Menschen kenne , liebe ich die Tiere' sehr leicht machen."
    Forum, 1964, S. 155 (Link)

 

1965

  • So daherreden heißt den Standpunkt des Spießers einnehmen, der da der Meinung ist: Seit ich die Menschen kenne , liebe ich die Tiere . (Link)

 

1967

  • "Ich darf in diesem Zusammenhang an einen Ausspruch Friedrich d. Gr. erinnern, der einmal gesagt hat: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere!'" 

1969

  • "Einen Ausspruch Friedrichs des Großen mißbrauchend, zu dessen Bild er bis zuletzt aufschaute, resignierte er völlig : 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde.'" (Link)

1971

  • "Jetzt brauchte ich nur mit dem albernen pseudophilosophischen Satz zu schließen: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.' Mein Ansehen bei allen Tierfreunden wäre gerettet." (Link)

1975

  • "Tiere körnen aber auch als Ersatz für gestörte zwischenmenschliche Beziehungen gesucht werden, etwa nach der Devise 'Weil ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere ', die übrigens von Friedrich II. stammen soll." (Link)

 1974

  • "Dolittle hat sich von den undankbaren Menschen ab und den dankbaren Tieren zugewandt, nach dem schönen Motto: seit ich die Menschen kenn, liebe ich die Tiere, das in vielen Amtsstuben neben dem Schäferhundsporträt hängt. (Link)

1978

  • "Oder von welch geheimnisvoller Häuslichkeit plaudert doch das Sprichwort: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Türe!' "  (google.books)

1978

  • "'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde'  Stammt das von Schopenhauer? Oder war es Friedrich der Große?   'Keine Ahnung ...'"  (Link)

 

1981

  • "Die in ihrer Verabsolutierung zweifelhafte These Nitzsches [!]: ' Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere !', wird hier – auf den Faschismus bezogen – zur überzeugenden Bildformulierung gehöht . "  (Link)
 
1981
  • "'Seit ich die Menschen kenne , liebe ich die Tiere', sagte Friedrich der Große, und es ist der innigste Wunsch der Deutschen, nicht mehr ohne die Gesellschaft von Schildkröten und Papageien, von Wildkatzen und Pavianen leben ..." (Link)
 
1982
  • "Was hat schon Schopenhauer gesagt: 'Seit ich Menschen kenne, liebe ich Tiere .'"  (Link)
 
1985
  • "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere “ ist ja der berühmte Plüschsofa-Spruch der Unpolitischen ."  (Link)
 
1987
  • "unterscheidet sie sich nicht prinzipiell von dem alten Spruch: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere." (Link)
1989 
  •  "(kalauer: seit ich die menschen kenne, liebe ich die türe.)  ( Reinhard Priessnitz )" (Link)   (Link)
1990
  • "Das offenkundige Ranggefälle zwischen Mensch und Tier erhielt einen neuen unaufkündbaren Verbindlichkeitscharakter, der selbst in Friedrichs des Großen Diktum, Seit ich die Menschen kenne , liebe ich die Tiere!' nicht annuliert wird." (Link)
1996
  • "An den Wänden hingen abgesägte Baumscheiben (vorwiegend Birke ?), in die Sprüche eingebrannt waren: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.'"  (Link)
 1998
  •  "Friedrich der Große hatte es in seinem gelegentlich zitierten Wort in Umlauf gesetzt: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde; und neben seinen Lieblingshunden wurde er bekanntlich auf der Terrasse von Sanssouci beigesetzt." (Link)
2000
  •  "in seinem Zimmer hingen nicht weniger als sechzehn Kupferstiche von Hunden. 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich meine Hunde', bekannte Friedrich II." (Link)
 2019
  • "Ich zitiere Mark Twains Ausspruch 'Seitdem ich Menschen kenne, liebe ich Hunde' gerne und wiederholt in der Variation 'Seitdem ich Menschen kenne, liebe ich Pferde'".  (Link)
 
Erstaunlich ist, wie seit dem Ersten Weltkrieg bis heute der eindeutig französische Ursprung des Zitats im deutschen Sprachraum fast völlig verdrängt wurde.
 
 


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Quellen: 
Google  Zitat plus 'Schopenhauer': "Ungefähr 5 980 Ergebnisse"
Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. 47f. (Link)
Garson O'Toole: "The More I Know About People, the Better I Like Dogs: Mark Twain? Madame de Sévigné? Madame Roland? Alphonse de Lamartine? Alphonse Toussenel? Louise de la Rameé? Alfred D’Orsay? Thomas Carlyle? Anonymous?" 2018 (quoteinvestigator)
Wolfgang Grittner: "Der Preußenkönig Friedrich II. und die Tiere. Eine historische Betrachtung."  Deutsches Ärzteblatt 3/2013, S. 316f.  (Link) [Keine Erwähnung des Zitats.] 
Albert Zoller: "Hitler privat: Erlebnisbericht seiner Geheimsekretärin", Droste Verlag 1949, S. 230  (Link)
Honoré-Gabriel Riqueti Mirabeau: Lettres originales de Mirabeau, écrites du donjon de Vincennes,1777-1780, Chez Rarnery, Paris: 1792, S. 256 (Link) 
Friedrich Lewitz: "Mirabeau: Ein Bild seines Lebens, seines Wirkens, seiner Zeit." In zwei Bänden. Ferdinand Hirt's Verlag, Breslau: 1852, S. 447 (Link)
Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 5. August 1995, S. 2, Übersetzung: G. Engelsmann (Link) 
Leo Slezak: "Meine sämtlichen Werke." Ernst Rowohlt Verlag, Berlin: 1922, S. 186 (Link); 1926: (Link) 
Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse, 1963, S. 344 (archive.org) 
Forum, 1964, S. 155 (Link)
 
Früheste falsche Zuschreibung an Mark Twain:
1918: The National Drug Clerk, Vol. 6, Nr. 4, "Some Everyday Incidents in the Life of a Pharmacist" by Zeb W. Rike, Ph. G., S. 286
(Link) (zitiert nach 
quoteinvestigator)
 
Früheste falsche Zuschreibung an Friedrich II.:
1927: Adolf Stein: "Berliner Funken", Brunnen Verlag / Karl Winckler, Berlin: 1927, S. 183 (Link)
 
Früheste falsche Zuschreibung an Arthur Schopenhauer:
1932: Reichspost, 3. Juli 1932, S. 16  (Link) 
 
 
Artikel in Arbeit. Weitere Funde zum Ursprung des Zitats und der Kuckuckszitate sind nicht ausgeschlossen. 
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Dank:
Ich danke Moritz Jacob für den Hinweis auf dieses Zitat, Ralf Bülow für seine Mirabeau-Recherche und natürlich muss man auch den amerikanischen Zitatforschern Ralf Keyes und Garson O'Toole für ihre gründliche Arbeit dankbar sein. 
 
 
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ANHANG

Screenshot 16/2 2021; Pseudo-Arthur-Schopenhauer-Zitat.


 

Montag, 15. Februar 2021

"Es werden mehrere Jahrtausende von Liebe nötig sein, um den Tieren ihr durch uns zugefügtes Leiden heimzuzahlen." Franz von Assisi (angeblich)

Pseudo-Arthur-Schopenhauer-Zitat.

Dieser von einer unbekannten Person geprägte Satz wird seit 2005 Arthur Schopenhauer und seit ungefähr 2012 auch Franz von Assisi untergeschoben.

Weder in den Schriften Arthur Schopenhauers noch - wie mir der Franziskaner Pater Willibald Hopfgartner bestätigte - in den überlieferten Texten Franz von Assisis ist der Satz so oder so ähnlich zu finden. 

Da der Spruch diesen Autoren so lange Zeit nach ihrem Tod erstmals zugeschrieben wurde, gibt es, wie bei fast allen Kuckuckszitaten, die erst im 21. Jahrhundert entstanden sind, keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass er jemals in einem ihrer Texte gefunden werden wird. 

Wer den Spruch vermutlich am Anfang des 21. Jahrhunderts geprägt hat, ist noch unbekannt.


Twitter, November 2012:

Pseudo-Arthur-Schopenhauer und Pseudo-Franz-von-Assisi-Zitat.


Artikel in Arbeit.

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Quellen: 

archive.org (Arthur Schopenhauers Werke; diverse Ausgaben)
E-Mail von Willibald Hopfgartner vom 13. Februar 2020 

Beispiele für einige der ersten falschen Zuschreibungen an Arthur Schopenhauer:
2005: Hamburger Abendblatt, 20. Juni 2005, Leserbrief (genios.de kostenpflichtig)
2007: Josef Lehmkuhl: "Gott und Gral: eine Exkursion mit Parsifal und Richard Wagner" , Königshausen u. Neumann, Würzburg: 2007,  S. 96  (books.google)
 
 Beispiele für einige der ersten falschen Zuschreibungen an Franz von Assisi:
2012: 20. November 2012 (Twitter)
2015: Mitteldeutsche Zeitung, 30. Dezember 2015 (genios.de kostenpflichtig)
2016: Schwäbische Zeitung, 24. Juni 2016  (genios.de kostenpflichtig)

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Dank: 

Ich danke Pater Dr. Willibald Hopfgartner OFM für seine Bestätigung.

"Wer Tiere quält, ist unbeseelt". Johann Wolfgang von Goethe (angeblich)

Pseudo-Johann-Wolfgang-von-Goethe-Zitat.
 
Dieses gut gemeinte Gedicht wird seit etwa 70 Jahren Johann Wolfgang von Goethe untergeschoben und ist weder in seinen Büchern noch in relevanten Nachschlagwerken so oder so ähnlich zu finden.

Die holprigen Verse einer unbekannten Person werden nicht nur von naiven Tierschützern in den Sozialen Medien fälschlich Goethe zugeschrieben, sondern manchmal auch von Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch (Link), allerdings nie von Literaturwissenschaftlerinnen*.

Nachweisbar ist das beliebte Gedicht seit den 1950er Jahren beispielsweise in Artikeln zum Welttierschutztag (Link), und heute wird es auch in vielen Online-Zitatesammlungen Goethe zugeschrieben.

  • Pseudo-Goethe-Zitat:

    "Wer Tiere quält, ist unbeseelt
    und Gottes guter Geist ihm fehlt,
    mag noch so vornehm drein er schaun,
    man sollte niemals ihm vertraun."

     

    Anonymer Kommentar:

     
    "Wenn das von Goethe ist, fresse ich eine Kokosnuss im Ganzen". Anonym (Tamy!) 2011 (pauker.at)
     
     

    Pseudo-Johann-Wolfgang-von-Goethe-Zitat.


     
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    Quellen: 
    Google
     "Lexikon der Goethe-Zitate". Hrsg. von Richard Dobel, Artemis Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg: 1991 
    2008:  wikiquote.org/wiki/Diskussion:Tier
    2011: pauker.at
     
    Frühe Beispiele für falsche Zuschreibungen:
    1953:  Nordwest Zeitung, Ausgabe Der Münsterländer vom 17.10.1953, S. 4 (genios.de, kostenpflichtig)
    1959: Unser Schaffen, Zeitschrift, 1959, S. 282 (archive.org)
    1962: George Grimm: "Buddhistische Meditationen: ein Brevier", Baum-Verlag, Pfullingen:1962, S. 332 (books.google)
     
     
     
     
    Artikel in Arbeit.
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    Dank:
    Ich danke Moritz Jacob für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.