Donnerstag, 12. Mai 2022

"Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Wir wissen, dass sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter." Alexander Solschenizyn (angeblich)

Pseudo-Alexander-Solschenizyn-Zitat.

Dieses Zitat wird auf Englisch seit dem Jahr 2019 und auf Deutsch seit 2020 irrtümlich dem russischen Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn zugeschrieben, stammt aber so ähnlich aus dem autobiographischen Roman  "Goodbye Leningrad" der in Leningrad (heute: Petersburg) geborenen Autorin Elena Gorokhova.

Ein großes Thema des autobiographischen Romans "Goodbye Leningrad" von Elena Gorokhova sind die Propagandalügen und die allttäglichen Lügen, die notwendig waren, um in einer Diktatur zu überleben:
  • "Die Regeln sind ganz einfach: Sie belügen uns, wir wissen, dass sie lügen, sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen, aber trotzdem lügen sie weiter, und wir tun weiter so, als würden wir ihnen glauben."

    Elena Gorokhova: "Goodbye Leningrad: Ein Memoir." Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek (Link)

  •   "The rules are simple: they lie to us, we know they’re lying, they know we know they’re lying, but they keep lying anyway, and we keep pretending to believe them."

      Elena Gorokhova: "A mountain of crumbs: growing up behind the iron curtain" (Link)

 Elena Gorolhovas Bestseller erschien Jahrzehnte nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion im Jahr 2010 auf Englisch mit dem Titel "A mountain of crumbs: growing up behind the iron curtain".

 
  Elena Gorokhova: "A mountain of crumbs : growing up behind the iron curtain" Windmill, London: 2010, S. 181 (Link)

 

Pseudo-Alexander-Solschenizyn-Zitat: 

 

Auf Twitter tauchte die falsche Zuschreibung des Zitats an Alexander Solschenizyn am 22. Oktober 2019  erstmals auf und wurde während der zwei Jahre der Corona-Pandemie von hunderten Personen wiederholt. 

 

Vor dem Jahr 2019 war das Zitat auf Twitter und in den anderen Sozialen Medien auch beliebt, wurde allerdings immer nur Elena Gorokhova zugeschrieben.

 

 Twitter:

Pseudo-Alexander-Solschenizyn-Zitat.

  • "We know they are lying, they know they are lying, they know we know they are lying, we know they know we know they are lying, but they are still lying." 
  • "We know they’re lying, they know they’re lying, they know that we know they’re lying, we also know that they know that we know they’re lying, but they STILL LIE."
  • "We know they are lying. They know they are lying. They know that we know they are lying. We know that they know that we know they are lying. And still they continue to lie." 
  • "Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, sie lügen.  Wir wissen, dass sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter." 
Pseudo-Alexander-Solschenizyn-Zitat.
 Twitter, 13. April 2021, 1363 Retweets, 4420 "Gefällt mir"-Angaben.


Ich kann noch nicht mit Sicherheit sagen, wer mit der falschen Zuschreibung an Solschenizyn auf welcher Plattform begonnen hat.
 
 

Ähnliche Zitate:

 
In Alexander Solschenizyns digitalisierten Schriften hat dieses Zitat nicht nur auf Deutsch bis jetzt noch niemand gefunden, allerdings hat Ralf Bülow bei der Suche danach einen sehr ähnlichen Satz eines amerikanischen Admirals entdeckt.
 
Admiral Arleigh Burke warnte 1963 bei einem U.S.-Senate-Committee-Hearing  zum bevorstehenden Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser vor Abkommen mit Kommunisten: 
 
Die Sowjets, die Kommunisten seien Experten der Irreführung: "Sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, sie lügen, und dennoch lügen sie und es verletzt ihr Gewissen kein bisschen, wenn darauf hingewiesen wird, denn da sie die Macht haben, ist es ihnen egal."
 

Admiral Arleigh Burke, 1963:

 

  • "I have been in conferences with them, with the Communists, when they lie on a physical thing. 

    They lie. They know they are lying. They know we know they are lying and still they lie,
    and it doesn't hurt their conscience one bit when it is pointed out, because if they have the power, they don't care."

    Admiral Arleigh Burke, hearings before the United States Senate Committee on Armed Services  (Link)
 
 
Artikel in Arbeit. Wahrscheinlich werden noch mehr ähnliche Zitate gefunden.
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Quellen: 

Admiral Arleigh Burke in: Military Aspects and Implications of Nuclear Test Ban Proposals and Related Matters. Part 1: hearings before the United States Senate Committee on Armed Services, Preparedness Investigating Subcommittee, Eighty-Eighth Congress, first session, on May 7, 15, 28, June 5, 25-27, Aug. 1, 2, 9, 1963.  U.S. Government Printing Office,  Washington D.C.: 1964, S. 960 (Link)
Elena Gorokhova: "Goodbye Leningrad: Ein Memoir." Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek, Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv, München: 2011, S. 231 (Link) 
Elena Gorokhova: "A mountain of crumbs : growing up behind the iron curtain" Windmill, London: 2010, S. 181 (Link)
"Did Alexander Solzhenitsyn say 'they know we know they're lying, but they keep lying to us, and we keep pretending to believe them'?" Dezember 2020 (skeptics.stackexchange.com)
Aleksandr I. Solzhenitsyn: Interview, Time Magazine, 19. Januar 1974, in: Aleksandr I. Solzhenitsyn: "The Oak and the Calf—Sketches of literary life in the Soviet Union", Translated from Russian by Harry Willets, Harper Colophon Books, New York: 1981, S. 533 (Link)
 
Beispiele für falsche Zuschreibungen: 
 
22. Oktober 2019 Twitter  (erste falsche Zuschreibung  auf Englisch)
27. November 2020 Twitter (erste falsche Zuschreibung auf Deutsch)
19. November 1921 Facebook
12. Mai 2022 Kommentar in  meta.tagesschau.de (Beispiel für viele Leserbriefe dieser Art.)
 

 
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Dank:
Ich danke Florian Gallwitz sowohl für die Frage nach dem Solschenizyn-Falschzitat als auch für den Hinweis auf dessen Ursprung bei Elena Gorokhova. Dank auch an Ralf Bülow für den Hinweis auf Admiral Arleigh Burke.
 

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ANHANG

Die falsche Zuschreibung des Zitats an Alexander Solschenizyn hat sich vielleicht deswegen so schnell durchgesetzt, weil Solschenizyn oft die Verlogenheit der Sowjetunion beklagte und die Jugend zum Widerstand gegen diese Lügen aufrief.
 

 Alexander Solschenizyn, Interview,
Time Magazine, 19. Januar 1974:

 
  • "In unserem Land ist die Lüge nicht nur zu einer moralischen Kategorie geworden, sondern zu einem Grundpfeiler des Staates."
  • [How can your compatriots and Soviet youth show support for you?]
  • "Not with physical acts but merely by rejecting the lie, by refusing to participate personally in the lie. Everyone must stop cooperating with the lie absolutely everywhere that he sees it himself: whether they are trying to force him to speak, write, quote or sign, or simply to vote or even to read.

    In our country the lie has become not just a moral category, but a pillar of the state.
    In recoiling from the lie we are performing a moral act, not a political act; and not one that can be punished by criminal law, but an act that would have an immediate effect on our whole life."

    Aleksandr I. Solzhenitsyn: Interview, Time Magazine, 19. Januar 1974, in: Aleksandr I. Solzhenitsyn: "The Oak and the Calf — Sketches of literary life in the Soviet Union", Translated from Russian by Harry Willets, Harper Colophon Books, New York: [1981], S. 533 (Link)


Montag, 9. Mai 2022

"Die Luft der Freiheit weht." Ulrich von Hutten (angeblich)

(Wikipedia.)
Das deutschsprachige Motto der kalifornischen Stanford University (offizieller Name: "Leland Stanford Junior University") stammt aus der Übersetzung eines lateinischen Pamphlets gegen katholische Kardinäle und Bischöfe des deutschen Humanisten Ulrich von Hutten.

 Ulrich von Hutten, 1521:

  • "Videtis illam spirare libertatis auram, nomine tedio praesentium, innovare hunc rerum statum cupere." 
    Ulrichus ab Hutten Eques Cardinalibus, Episcopis, Abbatibus, Praepositis et universo sacerdotum concilio, Lutherum et Christianae veritatis causam apud Wormatiam nunc impugnantibus resipiscere. 
    (Link)

  • "Sehet ihr nicht, daß die Luft der Freiheit weht, daß die Menschen, des Gegenwärtigen überdrüßig, einen neuen Zustand herbeizuführen suchen?"
    Ulrich von Hutten, übersetzt von 
    David Friedrich Strauß (Link)

Ulrich von Hutten hatte wegen der Vorladung Martin Luthers zum Reichstag zu Worms  1521 mit mehreren satirischen "Schmähschriften" versucht, den 21jährigen Kaiser Karl V. sowie die teilnehmenden 80 Fürsten und 130 Grafen zu überzeugen, dass Martin Luther nicht sanktioniert gehört.

Sein drittes in lateinischer Sprache geschriebene Pamphlet gegen korrupte katholische Kardinäle und Bischöfe übersetzte der evangelische Theologe und Philosoph David Friedrich Strauß 1858:

 Ulrich von Hutten, 1521:

  • " „Hebet euch weg”, ruft Hutten, „von den reinen Quellen, ihr unreinen Schweine! Hinaus mit euch aus dem Heiligthum, ihr verruchten Krämer! Berühret nicht länger mit den oft entweihten Händen die Altäre.

    Was habt ihr mit dem Almosen unsrer Väter zu schaffen, das diese für Armen-, und Kirchenzwecke gestiftet, und darum uns, ihren Kindern, entzogen haben? Wie kommt ihr dazu, das zu frommen Zwecken Gespendete zu Völlerei, Unzucht, Pracht und Prunk zu mißbrauchen, während viele rechtschaffene und fromme Menschen Hunger leiden?“

    Das Maß ist voll. „Sehet ihr nicht, daß die Luft der Freiheit weht, daß die Menschen, des Gegenwärtigen überdrüßig, einen neuen Zustand herbeizuführen suchen?“ wozu Hutten redlich zu helfen verspricht. „Ich werde“, sagt er, „stacheln, spornen, reizen und drängen zur Freiheit. Die mir nicht sogleich beifallen, werde ich durch unabläsige Ermahnung besiegen, durch nothwendige Beharrlichkeit zwingen.

    Dabei habe ich keine Sorge noch Furcht vor Mißgeschick, sondern bin auf Beides gefaßt, entweder euch den Untergang zu bereiten zum großen Vortheil des Vaterlandes, oder mit gutem Gewissen ehrlich zu unterliegen. Und das ist keine tolle Verwegenheit, wie ihr es dafür haltet, sondern männlicher und edler Freisinn ist's. Darum, damit ihr sehet, mit welcher Zuversicht ich eure Drohungen verachte, erkläre ich, so lange ihr Luther oder seinesgleichen verfolgen werdet, mich als euren abgesagten Feind."

     David Friedrich Strauß: "Ulrich von Hutten." Zweiter Theil, F. A. Brockhaus, Leipzig: 1858, S. 176f. (Link)
Wie es dazu kam, dass der erste Präsident der Stanford University nicht das lateinische Originalzitat als Motto wählte, sondern dessen heutzutage nicht unproblematische deutsche Übersetzung, hat Gerhard Caspar, der in Deutschland geborene spätere Präsident der Stanford Universität, in seiner Inaugurationsrede 1992 auf sehr amüsante Weise erklärt (Link).

Kurz: Der erste Präsident der Universität, der Biologe David Starr Jordan, kannte den von ihm verehrten lateinischen Dichter und deutschen Ritter Ulrich und Hutten nur aus den Büchern von David Friedrich Strauß und hat selbst ein Büchlein über Ulrich von Hutten mit dem Stanford-Motto auf der Titelseite publiziert:
(exhibits.stanford) David Starr Jordan:
"Ulrich von Hutten - 'Knight of the Order of Poets'", 
American Unitarian association, Boston: 1910, 42 Seiten.

Das Motto "Die Luft der Freiheit weht" wurde zu Beginn des Ersten und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von dem Logo der Universität entfernt und erst im Jahr 2003 wieder zum offiziellen Motto der Stanford University.


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Quellen:

Ulrichus ab Hutten Eques Cardinalibus, Episcopis, Abbatibus, Praepositis et universo sacerdotum concilio, Lutherum et Christianae veritatis causam apud Wormatiam nunc impugnantibus resipiscere, in: Des teutschen Ritters Ulrich von Hutten sämmtliche Werke. Gesammelt, und mit den erforderlichen Einleitungen, Anmerkungen und Zusätzen herausgegeben von Ernst Joseph Hermann Münch, Vierter Theil, J. G. Reimer, Berlin: 1824, Invectiva LXX,  S. 271 (Link)
 David Friedrich Strauß: "Ulrich von Hutten." Zweiter Theil, F. A. Brockhaus, Leipzig: 1858, S. 176f. (Link)
Gerhard Casper: "Inaugural Address", Stanford University, 2. Oktober 1992. (Link)
David Starr Jordan: "Ulrich von Hutten - 'knight of the Order of Poets'",  American Unitarian association, Boston: 1910
"The Motto Controversy", Becoming Stanford, Exhibition (exhibits.stanford)
Nick Burns: "What You Don’t Know About the Stanford Seal From mistranslations to wandering (off) sheep." Stanford Magazine, März 2019 (stanfordmag)





Sonntag, 8. Mai 2022

"Betrachte es als die größte Torheit, das nackte Leben über diejenigen Dinge zu stellen, für die es sich zu leben lohnt." Juvenal (angeblich)

 Diese Version eines der berühmtesten Zitate Juvenals ("summum crede nefas animam praeferre pudori /et propter vitam vivendi perdere causas") ist problematisch.

Von dem römischen Dichter Juvenal sind sechzehn in Hexameter verfasste Satiren überliefert, das Zitat steht so ähnlich in der achten Satire, in der sich Juvenal blasierte Adelige vornimmt, die sich vornehm vorkommen, nur weil sie einen spektakulären Stammbaum und berühmte Verwandte haben. 

Aber so wenig ein langsames Rennpferd, 
um gefeiert zu werden, sich auf seinen Siegervorfahren berufen könne, so wenig sollten Menschen mit ihrem Stammbaum angeben. 

Man müsse selbst auf seinem Gebiet etwas leisten, um einmal auf einer Ehrentafel zu stehen. Falscher "Ahnenstolz" versus wahrer Adel ist das Thema dieser achten Satire.

Juvenal, Satura VIII, um 120 n. Chr.:


  • " miserum est aliorum incumbere famae [...] esto bonus miles, tutor bonus, arbiter idem integer; ambiguae si quando citabere testis incertaeque rei, Phalaris licet imperet ut sis falsus et admoto dictet periuria tauro, summum crede nefas animam praeferre pudori et propter uitam uiuendi perdere causas." (Link)

  • "Es ist erbärmlich, sich auf das Ansehen anderer Leute zu stützen [...] Sei ein guter Soldat, ein guter Vormund, auch ein integrer Richter. Falls du mal in einem zweifelhaften Fall mit unsicherem Ausgang als Zeuge aufgerufen wirst, dann halte an der Überzeugung fest (auch wenn Phalaris dir befiehlt zu lügen, den Stier holen läßt und dir den Meineid diktiert), dass es der schlimmste Frevel ist, das Überleben vor die Ehrenhaftigkeit zu stellen und aus Rücksicht auf das Leben die Gründe für das Leben einzubüßen."

    Juvenal: Satura VIII, in: Juvenal: "Satiren." Lateinisch - deutsch, herausgegeben, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Sven Lorenz. Sammlung Tusculum, De Gruyter, Berlin / Boston: 2017, S. 259 ff. (Link)
Juvenal verlangt von vornehmen Menschen, dem wahren Adel, unbedingte Wahrhaftigkeit, selbst wenn der legendär grausame Diktator Phalaris ihnen droht, sie in einem durch Feuer erhitzten bronzenen Stier zu Tode zu foltern.
Phalaris zwingt den Künstler Perilles in den glühenden Bronzestier hinein. Seine Schmerzensschreie sollen wie das Brüllen eines Stiers klingen.
(Kupferstich von Pierre Woeiriot, 16. Jahrhundert). Wikipedia, gemeinfrei.

Für Immanuel Kant war diese Forderung Juvenals ein heroisches Beispiel für Handlungen "aus Pflicht", für die "Heiligkeit der Pflicht", und er zitierte diese Stelle in seiner "Kritik der praktischen Vernunft" (Link), um zu zeigen, wie man sich eine Handlung aus Pflicht gegen das unmittelbare Selbstinteresse vorstellen kann.

234 Jahre nachdem Immanuel Kant diese Stelle Juvenals als Beispiel für ideale Pflichterfüllung unter Todesverachtung zitierte, meinte die Bonner Universitätsprofessorin Ulrike Guérot, mit diesem Zitat Juvenals könne man "Unbeschwertheit und Lebensfreude" empfehlen:

  • "Ulrike Guérot wünscht sich am Ende des Films, dass möglichst viele Kinder und Jugendlichen ihre Unbeschwertheit und Lebensfreude zurückgewinnen, ganz im Sinne des Philosophen Juvenal 'betrachte es als die größte Torheit, das nackte Leben über diejenigen Dinge zu stellen, für die es sich zu Leben lohnt.'" (eine-andere-zukunft.com)
Juvenal beschreibt aber an dieser Stelle nicht allgemein Dinge, für die es sich zu leben lohnt, sondern eine Prinzipientreue auch unter Androhung von Folter, die Absicht, lieber zu sterben, wenn Wahrhaftigkeit vor einem Gericht nicht möglich ist: also das Gegenteil von "Unbeschwertheit und Lebensfreude".

Twitter 



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Quellen:
"Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes", gesammelt und erläutert von Georg Büchmann, fortgesetzt von Walter Robert-tornow, 22. vermehrte und verbesserte Auflage, bearbeitet von Eduard Ippel, Verlag der Haude u. Spenerschen Buchhandlung, Berlin: 1905, S. 503 (Link)
Juvenal: "Satiren" Lateinisch - deutsch, herausgegeben, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Sven Lorenz. Sammlung Tusculum, De Gruyter, Berlin / Boston: 2017, S. 259 ff. ((books.)
"Juvenal." Übersetzt und mit Anmerkungen für Ungelehrte versehn von Karl Friedrich Bahrdt, Dessauische gelehrte Buchhandlung: 1781, 8. Satire, 79-85, S. 175 (Link)
Immanuel Kant: Kritik der Praktischen Vernunft, in: Immanuel Kant: Werke in 6 Bänden,  Band IV, herausgegeben von Wilhelm Weischedel, Insel-Verlag, Wiesbaden: 1956, A 283, 284, S.  296
 Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft (1788), in: "Kant’s Gesammelte Schriften", Akademieausgabe, Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, Reimer, ab 1922 de Gruyter, Berlin: 1900ff.  Elektronische Edition: Universität Duisburg, AA 5, S. 158f. (Link)
Christine Schmitz: "Juvenal", Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, New York: 2019 S. 215 (Link)
Nicola Gardini: "Latein lebt: Von der Schönheit einer nutzlosen Sprache." Übersetzt von Stefanie Römer. Rowohlt ebook  (Link)
Robert Pfaller: „Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie“. S. Fischer Verlag (Reihe S. Fischer Wissenschaft), Frankfurt am Main: 2011
Robert Pfaller: „Wofür es sich zu leben lohnt." Essay, Der Standard, 28. Januar 2011 
Ulrike Guérot, in: "Eine andere Zukunft", Film, 2022, Webseite (eine-andere-zukunft.com)

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Dank:

Ich danke Louis Berger für seine Analyse des Falschzitats auf Twitter.


Artikel in Arbeit.

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Anhang

Beipiele für Übersetzungen: 


  • "summum crede nefas animam praeferre pudori et propter uitam uiuendi perdere causas."
    Juvenal, Satura VIII (Link)

  • "halte es für den äußersten Frevel, das Leben der Ehre vorzuziehen und um des Lebens willen den Grund des Lebens zu zerstören."
    Übersetzung von Wilhelm Weischedel (Link)
  • "für den schlimmsten Frevel halte es, das bloße Dasein dem Ehrgefühl vorzuziehen und um des Lebens willen die Gründe für das Leben zu verwirken"
    Übersetzung von Christine Schmitz, 2019  (Link)
  • "Halt's für die größte Sünd' der Ehre / Das Leben vorzuziehn und, um zu leben / Des Lebens Zweck verfehlen."
    Übersetzung von Karl Friedrich Bahrdt, 1781 (Link)
  •  "Als grösste Sünde gelt' es dir, / Der Ehre vorzuzieh'n das Leben / Und um das liebe Leben hier / Des Daseins Ziele aufzugeben!"
    Übersetzung: Georg Büchmann (Link)
  • "Count it the greatest sin to prefer life to honor, and for the sake of living to lose what makes life worth living."
  •  "Count it the greatest sin to prefer mere existence to honour, and for the sake of life to lose the reasons for living" (Link)
  • "Betrachte es als die größte Schandtat, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham; und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren."
    Übersetzung von Robert Pfaller, 2011 (Link)
  • "Betrachte es als die größte Torheit, das nackte Leben über diejenigen Dinge zu stellen, für die es sich zu leben lohnt." 
    Version von 
    Ulrike Guérot, 2022
     (eine-andere-zukunft.com)

Donnerstag, 5. Mai 2022

"Der ungerechteste Friede ist immer noch besser als der gerechteste Krieg." Cicero (angeblich)

Verkürztes Cicero-Zitat.
Dieses verkürzte Cicero-Zitat unterschiebt dem römischen Anwalt, Politiker und Philosophen Cicero die Meinung, Kriege müssten immer sofort um jeden Preis beendet werden, auch Befreiungs- oder Verteidigungskriege.

Cicero war aber wie alle Römer nicht der Meinung, dass Rom einen Angriff oder die Besetzung durch eine fremde Macht ohne starke Gegenwehr erdulden müsse. 

Verteidigungskriege oder Kriege, um angegriffenen Bundesgenossen beizustehen, waren für Cicero Beispiele für einen gerechtfertigten Krieg, einen "bellum iustum".

Das verkürzte Zitat stammt aus einem Brief Ciceros über den Bürgerkrieg, den Caesar ausgelöst hat, als er am 5. Januar 49 vor Chr. den Rubikon überschritt.

Drei Wochen danach, am 25. Januar 49 schrieb Cicero an seinen ältesten Freund, den wohlhabenden Epikureer und Geldverleiher Atticus:

Cicero an Atticus, Cales, den 25. Januar 49:

  • "Equidem pacem hortari non desino; quae vel iniusta utilior est quam iustissimum bellum cum civibus."
  • "Ich rate unausgesetzt zum Frieden, selbst ein ungerechter ist immer noch besser als jeder noch so gerechte Krieg gegen Mitbürger.(Link)
  • "As for me, I cease not to advocate peace. It may be on unjust terms, but even so it is more expedient than the justest of civil wars.(Link)

In einigen Übersetzungen von Ciceros Briefen wurde "bellum cum civibus" nur mit "Krieg" übersetzt, was bei jenen, die nur diesen Satz und nicht den ganzen Brief kennen, zu Fehlinterpretationen führt und geführt hat. 

In den meisten Zitate-Sammlungen steht nur das verkürzte Cicero-Zitat (google.com).

Verkürztes Cicero-Zitat.

Bei einem Plädoyer für einen schnellen Waffenstillstand in einem Verteidigungskrieg kann man sich nicht auf diesen Aphorismus Ciceros berufen, der ausdrücklich nur für Bürgerkriege gedacht war. (Link)

Die Philosophin Nicole Karafyllis kommentierte die falsche Verwendung dieses Zitats mit den Worten: "Zitate nachschlagen hilft, Stuss zu enttarnen." (Twitter)

  

Artikel in Arbeit.
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Quellen:

Marcus Tullius Cicero: Atticus-Briefe, lateinisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Helmut Kasten. Sammlung Tusculum, Artemis und Winkler, Düsseldorf / Zürich: 1990, 5. Auflage: 1998,  VII, 15 (14),  S. 438f. (Link)
Cicero: Letters to Atticus, English Translation: E.O. Winstadt, William Heinemann, London, The Macmillan Co., New York: 1913, Volume II,  VII, 14, 15, S. 69 (Link)
M. Tullius Cicero: Sämmtliche Briefe, übersetzt und erläutert von C.M. Wieland, Verlag der Geistinger'schen Buchhandlung, Wien und Triest: 1813, S. 100 (Link)
Cicero: Vom pflichtgemäßen Handeln / De officiis: Lateinisch - Deutsch, herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Reihe Tusculum, Patmos Verlag, Artemis und Winkler, Düsseldorf: 2008, 1, 35,1, S. 34f. (Link)
Thomas Must: Rezension zu: Keller, Andrea: Cicero und der gerechte Krieg. Eine ethisch-staatsphilosophische Untersuchung. Stuttgart 2012: ISBN 978-3-17-022340-0,  in: H-Soz-Kult, 19.11.2012 (www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-18662).




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Dank:
Ich danke Christian SeidlArno Tator, Johanna Sprondel und Nicole Karafyllis für ihre Hinweise.

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Anhang

Cicero: "Vom pflichtgemäßen Handeln" (De officiis 1, 35, 1):


"Deshalb darf man nur zu dem Zweck Krieg führen, um unbehelligt in Frieden leben zu können; aber nach dem Krieg muss man diejenigen schonen, die im Krieg nicht grausam und unmenschlich waren ...".
 
" Quare suscipienda quidem bella sunt ob eam causam, ut sine iniuria in pace vivatur, parta autem victoria conservandi ii, qui non crudeles in bello, non inmanes fuerunt;"

Cicero: Vom pflichtgemäßen Handeln / De officiis, Lateinisch - Deutsch, herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Reihe Tusculum, Patmos Verlag, Artemis und Winkler, Düsseldorf: 2008, S. 34f. (Link) 

 

 

"Die Zeit, die man mit Katzen verbringt, ist niemals verlorene Zeit." Sigmund Freud (angeblich)

Pseudo-Sigmund-Freud-Zitat.
Dieser Aphorismus wurde Sigmund Freud erst im 21. Jahrhundert untergeschoben und ist in seinen Briefen und Schriften nicht zu finden.

Das Zitat passt auch nicht zu Sigmund Freud, der zwar Tiere, aber nicht Katzen mochte.

Sigmund Freud, 1927:

  •  " Ich ziehe die Gesellschaft der Tiere der menschlichen Gesellschaft bei weitem vor. Gewiss, ein wildes Tier ist grausam. Aber die Gemeinheit ist das Vorrecht des zivilisierten Menschen."[1] (Link)

Über die Ehefrau eines befreundeten Psychoanalytikers schrieb Sigmund Freud an Arnold Zweig: "Ich mag sie nicht. Sie hat die Natur einer Katze, die ich ja auch nicht mag".[2]


Vorgeschichte des Kuckuckszitats:


Das Zitat ist wahrscheinlich in Amerika als Abwandlung des Spruchs "Time spent with children is never wasted" entstanden.

Seit 1995 wurde der Spruch "Time spent with cats is never wasted" der französischen Autorin Colette ungefähr 40 Jahre nach ihrem Tod erstmals zugeschrieben, aber ich habe diesen Spruch in ihren digitalisierten Schriften weder auf Französisch noch auf Englisch bislang entdecken können.[3]

Pseudo-Colette-Zitat?

Wer um 2007 damit begonnen hat, den Spruch Sigmund Freud zu unterschieben, ist unbekannt.

Auch das Londoner Freud Museum hat schon darauf hingewiesen, dass dieses katzenfreundliche Zitat inzwischen zu den beliebtesten Pseudo-Sigmund-Freud-Zitaten gehört.

Pseudo-Sigmund-Freud-Zitat.

Varianten des Kuckuckszitats:

  • "Time spent with cats is never wasted." 
  • "Le temps passé avec un chat n'est jamais perdu."
  • "Zeit, die man mit Katzen verbringt, ist niemals verschwendet."
  • "Zeit, die man mit Katzen verbringt, ist niemals verlorene Zeit." 

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Quellen und Anmerkungen:

Freud Museum London: "10 Quotes Wrongly Attributed to Sigmund Freud. A catalogue of quotations erroneously attributed to Freud." (freud.org.uk) 
archive.org Freud chronologisch
archive.org Colette chronologisch
1989 "Time spent with children is never wasted." (archive.org)

[1] Georg Silvester Viereck: "Professor Freud über den Wert des Lebens. Ein Gespräch mit dem großen Gelehrten." Neue Freie Presse, 28. August 1927, Morgenblatt, S. 4 (Link)

[2] Als der Ehemann diesen unfreundlichen Brief Sigmund Freuds später von Arnold Zweig erhielt, verbrannte er ihn, hat ihn davor aber abgetippt und diese Abschrift des Briefes ist erhalten. (Link); Sigmund Freud an Arnold Zweig, 10. Februar 1937 (google) Nach: Eran Rolnik: "Freud auf Hebräisch: Geschichte der Psychoanalyse im jüdischen Palästina"  Aus dem Hebräischen von David Ajchenrand, Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen: 2013, S. 163

[3] In der 1908 erschienenen Kurzgeschichtensammlung "Les Vrille de la Vigne" von Colette ist das Zitat - anders als 1995 in einem amerikanischen Katzenbuch behauptet wurde - weder auf Französisch noch auf Englisch zu finden.


1995 (archive.org/) 

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Dank:
Ich danke Ben Singer für den Hinweis auf dieses angebliche Sigmund-Freud-Zitat.


Artikel in Arbeit.