Samstag, 25. April 2020

"Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken." Novalis (angeblich)

Pseudo-Novalis-Zitat.

Dieser Satz stammt aus einem Song der deutschen Rockband "Novalis" aus dem Jahr 1975  und nicht von dem  deutschen Schriftsteller Novalis aus dem 18. Jahrhundert (Link).

Autor des Songs "Wer Schmetterlinge lachen hört" ist der 2002 verstorbene Gitarrist und Keyborder  Carlo Karges, der auch den Text von Nenas Popsong  99 Luftballons verfasst hat.



Carlo Karges, 1975, Album "Novalis" :


  • "Wer Schmetterlinge lachen hört,
    der weiß, wie Wolken schmecken.
    Der wird im Mondschein, ungestört
    von Furcht, die Nacht entdecken.
    [...]"
    (deutschelyrik.de)

  Album "Novalis" der Rockband Novalis, 1975,
'Wer Schmetterlinge lachen hört'
, Youtube:






Diese Zeile aus einem Song der Band "Novalis" wird im Internet sehr oft irrtümlich dem Dichter Novalis unterschoben, aber manchmal auch einer "Gräfin Fito", der seit etwa 10 Jahren Sprichwörter und lustige Sprüche zugeschrieben werden.

Diese Gräfin Fito scheint ein Pseudonym des Humoristen und Kalenderverlegers Klaus Klages zu sein, der auch unter dem Namen 'Graf Fito' humoristische Aphorismen publiziert. Der Graf Fito entstand wohl aus dem Begriff 'Graffito' (Inschrift auf einer Wand). Ich folge hier den Vermutungen von Norbert Mayer auf Twitter (Link).

Klaus Klages ("Das Fernsehprogramm ist o.k. – wenn man beide Augen zudrückt") publiziert anscheinend seine 'satirischen Versuche' unter den Pseudonymen: Kuno Klaboschke, Hau-Tscho-Hi, Peter Silie, Kniefel Knufink, Graf Fity, K. Lauer, K. Neipp, Kunigunde Klaboschke, Pater Madison, Graf Fito und Gräfin Fito.
 
"Aller Mannfang ist schwer", ist einer der frühesten Aphorismen dieser 'Gräfin Fito' und stammt laut der Zitatsammlung aphorismen.de aus dem Klages Kalender von 2007.


klages-kalender.de/

Dass dieser Verlag keine seriösen Zitatsammlungen herausgibt, kann man schon aus dieser Verlags-Annonce erkennen, weil er seine Bücher mit dem Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitat, "Lasst uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen",  bewirbt.



Zitat aus dem Song "Wer Schmetterlinge lachen hört" der Band 'Novalis'; fälschlich 'Gräfin Fito' zugeschrieben.



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Quellen:
Google
Frank Fischer: »Wer Schmetterlinge lachen hört«, Aquarium - Novalis im Netz, 05.09.2004 (Link)   
Album "Novalis" der Rockband Novalis, 1975
Die Tracklist des »Novalis«-Albums von 1975.
Die Novalis-Story von Stephan Schelle (Dezember 2002).

Lyrics von Carlo Karges:
mojim.com
deutschelyrik.de, Kommentar von Fritz Stavenhagen, 2013
genius.com
[Welche Fassung der Verse authentisch ist, weiss ich noch nicht.]

"Gräfin Fito"
Norbert Mayer, Twitter  (Link)
klages-kalender.de/
"Wer ist Graf Fito?" Wikipedia, 2013
Klaus Klages, Kurzbiographie aphorismen.de 
Quelle: Sag es mit Klages, Klages Kalender AG 2007 aphorismen.de/



 Artikel in Arbeit.
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Dank:

Ich danke Zitante Christa für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat und ihre Recherchen dazu sowie Frank Fischer, der vor 16 Jahren die Verwechslung aufdeckte und Norbert Mayer für seine Hinweise auf den Ursprung der "Gräfin Fito".

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Dienstag, 21. April 2020

"Es gibt welche, die für die Politik leben und solche, die von ihr leben." Max Weber (angeblich)

Entstelltes Max-Weber-Zitat.
Das ist eine  Paraphrase eines Zitats aus Max Webers berühmtem Münchner Vortrag "Politik als Beruf" vom 28. Januar 1919. Diese Paraphrase wird erst im 21. Jahrhundert fälschlich als Max-Weber-Zitat verbreitet.


Max Weber: "Politik als Beruf", 1919:


  • "Es gibt zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt 'für' die Politik – oder aber: 'von' der Politik. Der Gegensatz ist keineswegs ein exklusiver. In aller Regel vielmehr tut man, mindestens ideell, meist aber auch materiell, beides: wer 'für' die Politik lebt, macht im innerlichen Sinne 'sein Leben daraus': er genießt entweder den nackten Besitz der Macht, die er ausübt, oder er speist sein inneres Gleichgewicht und Selbstgefühl aus dem Bewußtsein, durch Dienst an einer 'Sache' seinem Leben einen Sinn zu verleihen.

    In diesem innerlichen Sinn lebt wohl jeder ernste Mensch, der für eine Sache lebt, auch von dieser Sache. Die Unterscheidung bezieht sich also auf eine viel massivere Seite des Sachverhaltes: auf die ökonomische. 'Von' der Politik als Beruf lebt, wer danach strebt, daraus eine dauernde Einnahmequelle zu machen, – 'für' die Politik der, bei dem dies nicht der Fall ist.

    Damit jemand in diesem ökonomischen Sinn 'für' die Politik leben könne, müssen unter der Herrschaft der Privateigentumsordnung einige, wenn Sie wollen, sehr triviale Voraussetzungen vorliegen: er muß – unter normalen Verhältnissen – ökonomisch von den Einnahmen, welche die Politik ihm bringen kann, unabhängig sein.

    Das heißt ganz einfach: er muß vermögend oder in einer privaten Lebensstellung sein, welche ihm auskömmliche Einkünfte abwirft. So steht es wenigstens unter normalen Verhältnissen.

    Zwar die Gefolgschaft des Kriegsfürsten fragt ebensowenig nach den Bedingungen normaler Wirtschaft wie die Gefolgschaft des revolutionären Helden der Straße. Beide leben von Beute, Raub, Konfiskationen, Kontributionen, Aufdrängung von wertlosen  Zwangszahlungsmitteln: – was dem Wesen nach alles das Gleiche ist. Aber das sind notwendig außeralltägliche Erscheinungen: in der Alltagswirtschaft leistet nur eigenes Vermögen diesen Dienst.

    Aber damit allein nicht genug: er muß überdies wirtschaftlich 'abkömmlich' sein, d. h. seine Einkünfte dürfen nicht davon abhängen, daß er ständig persönlich seine Arbeitskraft und sein Denken voll oder doch weit überwiegend in den Dienst ihres Erwerbes stellt."

    Max Weber, Politik als Beruf, S. 42 (Link)

  • "Die Leitung eines Staates oder einer Partei durch Leute, welche (im ökonomischen Sinn des Wortes) ausschließlich für die Politik und nicht von der Politik leben, bedeutet notwendig eine 'plutokratische' Rekrutierung der politisch führenden Schichten. Damit ist freilich nicht auch das Umgekehrte gesagt: daß eine solche plutokratische Leitung auch zugleich bedeutete, daß die politisch herrschende Schicht nicht auch 'von' der Politik zu leben trachtete, also ihre politische Herrschaft nicht auch für ihre privaten ökonomischen Interessen auszunutzen pflegte. Davon ist natürlich gar keine Rede." 

    Max Weber, Politik als Beruf, S. 44 (Link)
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  • "Wir Journalisten lieben Webers 'Wer Politik betreibt, erstrebt Macht', mit dem wir die allzu Machtgeilen geißeln. Gerne genommen wird auch Webers Unterscheidung zwischen jenen Politikern, die für die Politik leben und jenen, die von ihr leben – mit der sich all jenen in den Rücken schießen lässt, die an ihrem Amt kleben."
    (handelsblatt.com)
  • "Weber unterteilt dabei den Begriff des Berufpolitikers in solche, die für die Politik, und in solche, die von der Politik leben."
    Wikipedia
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Quellen:
Max Weber: "Wissenschaft als Beruf, 1917/1919; Politik als Beruf, 1919", Studienausgabe der Max Weber-Gesamtausgabe, Teil 1, Band 17, herausgegeben von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schluchter, J.C.B. Mohr, Tübingen: 1994, S. 42; 44
(Link)


 Beispiel für das Falschzitat:
Wolfgang Prinz: "Politzirkus: Bissige Aussprüche und Zitate von Politikern und über sie." Books on Demand, Norderstedt: 2009, S. 115 (Link)  
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Artikel in Arbeit. Die fettgedruckten Hervorhebungen sind von mir.

Montag, 20. April 2020

„Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen.“ Émile Zola

 Diesen Satz schrieb Émile Zola 1901 – ein Jahr vor seinem Tod – an die Redaktion des "Simplicissimus". Die humoristische Zeitschrift, die als bestes Witzblatt Europas galt, bat drei Dutzend Autoren, darunter auch Leo Tolstoi, Henrik Ibsen, Knut Hamsun und Gerhart Hauptmann um ihre Meinung zu ihrer Zeitschrift.

Leo Tolstoi zum Beispiel schrieb, "Zu den vielen Verdiensten des Simplissimus[!] zähle ich das große, daß er nicht lügt", und Gerhart Hauptmann meinte, der Simplicissimus sei, "die stärkste und rücksichtsloseste satirische Kraft Deutschlands".



  Simplicissimus, 1901, 6. Jahrgang, Heft 5  PDF


  Simplicissimus, 1901, 6. Jahrgang, Heft 5, S. 43 PDF
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Quellen:
 Simplicissimus, 1901, 6. Jahrgang, Heft 5, S. 43 PDF
simplicissimus.info/
Von Émile Zola ist meines Wissens nur diese deutsche Übersetzung seiner Zuschrift erhalten.

Mittwoch, 15. April 2020

"Alle reden vom Wetter, aber keiner unternimmt was dagegen." Karl Valentin (angeblich)

 
Pseudo-Karl-Valentin-Zitat.

Dieses Bonmot wird seit über 100 Jahren dem Amerikaner Mark Twain zugeschrieben und seit kaum 20 Jahren dem Bayer Karl Valentin.

Karl Valentin hat mit dem Zitat nichts zu tun, aber, wie der amerikanische Zitatforscher Garson O'Toole herausfand, 
hat auch Mark Twain diese witzige Bemerkung nicht geprägt, sondern sein Freund und Kollege Charles Dudley Warner in den 1880er Jahren (quoteinvestigator.com).


Pseudo-Mark-Twain-Zitat.

 Artikel in Arbeit.
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Quellen:
Garson O'Toole: "Everybody Talks About the Weather, But Nobody Does Anything About It. Mark Twain? Charles Dudley Warner?", 2014 (quoteinvestigator.com)

1980: "Mark Twain hat einmal gesagt: Alle reden vom Wetter, aber keiner tut was dagegen" (Link)
2005:  Frühe oder erste Zuschreibung an Karl Valentin. S. 117 (Link) 
2007 Google books


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Dank:
Ich danke Garson O'Toole für seine gründliche  und unterhaltsame Arbeit.

"Naturwissenschaften sind Barbarika, auf die man einen Jagdhund abrichten kann." Theodor Mommsen (angeblich)

Dieser höhnische Ausspruch wurde dem Historiker Theodor Mommsen in einer Anekdote zugeschrieben und ist bislang weder in seinen eigenen Texten, noch in zeitgenössischen Erinnerungen gefunden worden, obwohl schon viele danach gesucht haben.

Die Hauptperson der Anekdote ist ein Gymnasiallehrer des Erfinders Ferdinand Braun, der im Jahr 1909 den Nobelpreis für Physik erhalten hat, sieben Jahre nach dem Literaturnobelpreis von Theodor Mommsen.

Dieser Fuldaer  Lehrer des Physikers habe in den 1860er Jahren den Schüler Braun bestärkt, später einmal Mathematik zu studieren und dieser Lehrer Dr. Wilhelm Gies habe sich darüber geärgert, dass der große Historiker Theodor Mommsen so abfällig über Naturwissenschaften gesprochen und sie als, "Barbarika, auf die man einen Jagdhund abrichten kann", verspottet habe (Link).

Alle, die bis heute Theodor Mommsen dieses Zitat zuschreiben, beziehen sich direkt oder indirekt auf diese im Jahr 1965 ohne seriösen Quellennachweis verbreitete Anekdote aus der Biographie Ferdinand Brauns von Friedrich Kurylo (Link).

Ich folge hier dem Urteil von Andreas Kleinert, der seine Recherchen zu diesem Zitat mit dem Titel, "So kommt die historische Forschung auf den Hund", in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 15. April 2020 publiziert hat.

Durch welche Texte diese Anekdote 100 Jahre lang von den 1860er Jahren bis in die 1960er Jahre überliefert wurde bis sie in dieser  digitalisierten Biographie auftauchte, weiß man nicht. Angeblich stand sie irgendwann einmal in einer seit 1920 publizierten und noch nicht digitalisierten Geschichtsbeilage der Fuldaer Zeitung.

Nähere Angaben hielt Ferdinand Brauns Biograph Kurylo nicht für notwendig und in der englischen Fassung seiner Ferdinand-Braun-Biographie wurde zwar der Lehrer Wilhelm Gies mehrfach erwähnt, aber diese Anekdote ganz weggelassen.

Offen bleiben mehrere Fragen: Woher hat Wilhelm Gies den angeblichen Ausspruch Theodor Mommsens bezogen? Mit wem hat der 1918 verstorbene Ferdinand Braun über seinen Lehrer gesprochen und diese Anekdote erzählt?

Sollte der Ausspruch nicht von Theodor Mommsen stammen: Wer hat dann das Zitat geprägt?

Als Urheber des Zitats kommen auch Altphilologen infrage. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nannten klassisch gebildete Gymnasialdirektoren die vermehrt angebotenen naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterrichtsfächer "barbarische Eindringlinge" (Link), und Mathematiklehrer beklagten sich über die Geringschätzung ihrer Fachgebiete durch die Mehrzahl der anderen Gymnasialpädagogen (Link).


1850

  • "Man hat vielfach die Befürchtung ausgesprochen, daß mit der Missachtung und der Verbannung der alten Sprachen und der Einführung der Naturwissenschaften (Realien) in die höheren Schulen die Barbarei ausbrechen werde."

    Friedrich Traugott Kützing: "Die Naturwissenschaften in den Schulen als Beförderer des christlichen Humanismus" 1850, S. 33 (Link)

1873
  • Ein sächischer Rektor hat einen
    "Mathematik treibenden Zögling mit den Worten 'was treiben Sie da für Barbarica?!' angedonnert, ein anderer die Mathematik für 'dummes Zeug' erklärt [...].  Dass ein dritter sie laut ein 'Nebenfach' nannte, hat Referent selbst gehört."

     
    'Zeitschrift für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht', Vierter Jahrgang,  1873, S. 428f. (Link) 


Die meisten Kuckuckszitate werden heute von Nichtakademikerinnen und Nichtakademikern in den sozialen Medien verbreitet.

Dieses angebliche Mommsen-Zitat wird hauptsächlich von Universitätsprofessoren verbreitet, also von Leuten, die ihren Studentinnen und Studenten beibringen sollten, wie man korrekt zitiert und Sekundärzitate kennzeichnet.

  • "Denn das ist der eigentliche Skandal bei der Geschichte des angeblichen Mommsen-Zitats: Die meisten der [...] Autoren, die das Pseudozitat verbreitet haben, sind oder waren Professoren an deutschen Universitäten."

    Andreas Kleinert: "So kommt die historische Forschung auf den Hund".  FAZ,  15. April 2020


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Quellen:
Andreas Kleinert: "So kommt die historische Forschung auf den Hund".  Frankfurter Allgemeine Zeitung,  15. April 2020, Nr. 88, S. N3 (fazarchiv.faz.net)
Andreas Kleinert: "Ohne den Hinweis, dass es sich um ein Sekundärzitat handelt, finden wir Mommsens Jagdhund bei Ernst Peter Fischer ("Glanz und Elend der zwei Kulturen", 1991) und bei Katja Schwiglewski ("Erzählte Technik", 1995). In "Kultur & Technik", der Zeitschrift des Deutschen Museums, ist das Zitat noch 2014 (Heft 1) ohne Quellenangabe reproduziert worden. "
Theodor Ickler, Kommentar zum FAZ-Artikel, 15/4 2020 (Link)
1965: Friedrich Kurylo: "Ferdinand Braun. Leben und Wirken des Erfinders der Braunschen Röhre", Heinz Moos Verlag, München: 1965, S. 18 (Link)
1981: Friedrich Kurylo: "Ferdinand Braun, A Life of the Nobel Prizewinner and Inventor of the Cathode-Ray Oscilloscope", übersetzt von Charles Susskind, revised edition of Kurylo: "Ferdinand Braun", München; 1955, MIT Press, Cambr. / London: 1981, S. 7 (keine Erwähnung Mommsens)
1985: Hans Queisser: Kristallene Krisen. Mikroelektronik - Wege der Forschung, Kampf der Märkte. Piper, München: 1985, S. 13 (Link)
1873: Rezension von H. (J.C.V. Hoffmann?) eines Buchs über die Geschichte des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts von Dr. C. Heym, in: 'Zeitschrift für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht', Vierter Jahrgang, Verlag B.G. Teubner, Leipzig:  1873, S. 428f. (Link) 
1850: Friedrich Traugott Kützing: "Die Naturwissenschaften in den Schulen als Beförderer des christlichen Humanismus" Verlag Adolph Büchting, Nordhausen: 1850, S. 33 (Link) 



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Dank:
Ich danke Ralf Bülow sehr für seinen Hinweis auf die mathematischen "Barbarica" im 19. Jahrhundert und Andreas Kleinert für seinen sorgfältig recherchierten Artikel zu diesem Kuckuckszitat.





"Ich bin so wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich." Konrad Adenauer (angbelich)

Im Jahr 1994 hat Erich Däniken sich zu dem Motto, "Ich bin wer ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich" (Link), bekannt und dieses Motto auch in späteren Interviews wiederholt.

Die Wendung, "die einen kennen mich, die anderen können mich" ist in den digitalisierten Texten seit 1989 nachweisbar.

Konrad Andenauer wird das Zitat erst seit dem Jahr 2002 in Foren ohne wissenschaftlichem Anspruch und ohne Quellenangabe unterschoben.
Pseudo-Konrad-Adenauer-Zitat.
Offensichtlich angeregt durch die unbegründeten Zuschreibungen im Internet taucht das angebliche Adenauer-Zitat laut Google-Suchen im Jahr 2009 erstmals auch in einem gedruckten Text bei Google Books auf.

 Inzwischen ist das angebliche Adenauer-Zitat in Büchern, Zeitungen und vor allem im Internet weit verbreitet, obwohl es der Quellenlage nach zu beurteilen ein typisches Kuckuckszitat ist.


Twitter, 2018:





Artikel in Arbeit,
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 Quellen:

Google: Books, News, Bilder
 994 (Link)


Konrad Adenauer zugeschrieben:

2002: geschichtsspuren.de/forum , Signatur von  TimoL » 16.10.2002 13:12
2004: radarforum.de/forum Signatur von Flitzeber, 17 Mai 2004 - 20:16 (Erstmals mit: "Ich bin ..").
2004: agrar.de/pferde/forum  Signatur von Eva 09.12.04, 12:39
2005 winboard.org/threads/unfreiwillig-witzige-politiker-sprueche.19912/ 28. März 2005

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Dank:
Ich danke Ralf Bülow für seinen Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.

Montag, 13. April 2020

"Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit." Albert Camus (angeblich)

 
Entstelltes Zitat aus "Die Pest" von Albert Camus.
Eine korrekte Übersetzung dieses entstellten Zitats aus dem Roman "Die Pest" von Albert Camus lautet: "die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand."

Diesen Satz sagt der engagierte atheistische Arzt Rieux zu dem Journalisten Rambert in Albert Camus' Bestseller "Die Pest",   einem Roman, der  als "Plädoyer für die Solidarität der Menschen im Kampf gegen Tod und Tyrannei" verstanden wird.


Albert Camus: "Die Pest", 1947:

Übersetzerin: Uli Aumüller, 1997.
  • " ' ... bei alldem handelt es sich nicht um Heldentum. Es handelt sich um Anstand. Das ist eine Idee, über die man lachen kann, aber die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand.'

    'Was ist Anstand?', sagte Rambert, plötzlich ernst.

    'Ich weiß nicht, was er im Allgemeinen ist. Aber in meinem Fall weiß ich, dass er darin besteht, meinen Beruf auszüben.' "

    Albert Camus: "Die Pest". Übersetzt von Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg:  (1997) 2013 ebook
    (Link)



Im 1947 erschienenen Original lautet der Satz: "la seule façon de lutter contre la peste, c'est l'honnêteté", in der englischen Übersetzung: "the only means of fighting a plague is — common decency".

Doch in der ersten deutschen Übersetzung stand: "die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit." 

 
Übersetzer: Guido G. Meister, 1949, rororo 1950.

Übersetzer: Guido G. Meister, 1949, rororo bis 1996.
Diese falsche Übersetzung wurde erst nach über 1 Million verkauften Exemplaren im Jahr 1997 durch die Übersetzerin Uli Aumüller in der Neuausgabe des Rowohlt Verlags korrigiert (Link).

Das französische Wort  "honnêteté" hat zwar auch die Bedeutung "Ehrlichkeit", aber hier ergibt die Übersetzung mit Ehrlichkeit keinen Sinn, was noch im selben Absatz klar wird. 

Der Arzt Rieux kann dem Journalisten zwar nicht genau erklären, was honnêteté im Allgemeinen ist, aber für ihn als Arzt besteht sie darin, während der Pest seinen Beruf auszuüben. Man kann während einer Pest aus Anstand seinen Beruf weiter ausüben, aber nicht aus Ehrlichkeit.


  • "... il ne s'agit pas d'héroïsme dans tout cela. Il s'agit d'honnêteté. C'est une idée qui peut faire rire, mais la seule façon de lutter contre la peste, c'est l'honnêteté. -

    Qu'est-ce que l'honnêteté, dit Rambert, d'un air
    soudain sérieux. -

    Je ne sais pas ce qu'elle est en général. Mais da
    ns mon cas, je sais qu'elle consiste à faire mon métier. "

    • Albert Camus: "La peste", Les Éditions Gallimard, Collection NRF, 347e édition, Paris:  (1947), 1955, Digitalisat  S. 153 pdf

  • " 'However, there's one thing I must tell you: there's no question of heroism in all this. It's a matter of common decency. That's an idea which may make some people smile, but the only means of fighting a plague is — common decency.'

    'What do you mean by 'common decency?' Rambert's tone was grave.


    '
    I don't know what it means for other people. But in my case I know it consists in doing my job.'"

    Albert Camus: "The plague", übersetzt von
    Stuart Gilbert, S. 142 (Link) 
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Quellen:
Google
Twitter
Albert Camus: "La peste", Les Éditions Gallimard, Collection NRF, 347e édition, Paris:  (1947), 1955, Digitalisat  S. 153 pdf
Albert Camus: "The Plague", übersetzt von Robin Buss, Nachwort: Tony Judt, Penguin Classics, London: 2013
Albert Camus: "The Plague". übersetzt von Stuart Gilbert, The Modern Library, New York: copyright  1948, S.  150 (Link)
Albert Camus: "Die Pest", übersetzt von Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg:  (1997) 2013 ebook (Link)
Albert Camus: "Die Pest", übersetzt von Guido G. Meister, Rowohlt Verlag, Hamburg: 1950 / 1994 (1 286 000 - 1 305 000) , S. 134 archive.org

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Dass Albert Camus an dieser Stelle von "Anständigkeit" und nicht wie in der deutschen Übersetzung von  Guido G. Meister von "Ehrlichkeit" spricht, hat schon der Tübinger Philosoph Otto Friedrich Bollnow im Jahr 1957 in einem Essay erklärt (Link).


Artikel in Arbeit.