Donnerstag, 1. März 2018

"Ich hab' einen Gefangenen gemacht, und er lässt mich nicht mehr los." Johann Nestroy (angeblich)

Kikeriki, 10. August 1876, S, 3 (Anno)

Dieser Witz war im 19. Jahrhundert nachweislich seit 1827 in geringfügig verschiedenen Anekdoten weit verbreitet und wurde sowohl von Heinrich Heine als auch von Johann Nestroy erzählt.

Ralf Bülow hat herausgefunden, dass schon Georg Christoph Lichtenberg die schottische Anekdote von dem Soldaten, der damit angibt, einen Gefangenen gemacht zu haben, aber selbst angekettet ist, 1775 in sein Sudelbuch notiert hatte:


1775, Lichtenberg


Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft E, 92 (Link)


Nestroy legt diesen witzigen Selbstwiderspruch der Figur des "Sansquartier" in der Posse "Sechs Mädchen in Uniform" in den Mund. Die Uraufführung des Stücks "Sechs Mädchen in Uniform" von Louis Angely, in der Johann Nestroy die Hauptrolle spielte, fand am 5. Dezember 1827 in seiner Bearbeitung in Graz statt.

Die Anekdote mit den Gefangenen erschien einen Monat davor, am 9. November 1827, in dem Cotta'schen "Literatur-Blatt", kann also nicht von Johann Nestroy für dieses Stück geprägt worden sein, wenngleich sie in seiner Version Flügel bekam.

Es gibt Varianten mit ein, zwei, drei und sechs Gefangenen, aber in den mir bekannten Versionen von Johann Nestroys Bearbeitung sind es immer zwei Gefangene, die den Soldaten nicht los lassen.

Ob Johann Nestroy seine Bearbeitung des Stücks "Sechs Mädchen in Uniform" in dieser Form schon 1827 oder erst später verfasst hat, weiß ich nicht. Woher die Nestroy zugeschriebene Version mit nur einem Gefangenen stammt, kann ich auch noch nicht sagen.
Johann Nestroy als Sansquartier, Urbach 1984, S. 15

1827, anonyme Anekdote 

  • "In der That, die Scottische Rede erinnert an die Gasconade eines Korporals, der seinem Hauptmann von Weitem zurief: Kapitän, ich habe sechs Gefangene gemacht. – Führe sie her, antwortet der Offizier. – Sie wollen nicht gehen. – So komme allein. – Kapitän, sie lassen mich nicht fort."
    Literatur-Blatt Nr. 90, 9. November 1827,
    (Cotta, Stuttgart: 1827), S. 357  (Link)

Johann Nestroy, 4 Versionen

  • "SANSQUARTIER (der entwaffnet wurde und von 2 Türken festgehalten wird).
    Commandant! Ich habe 2 Gefangene gemacht!

    BRIQUET. Wo sind sie?

    SANSQUARTIER. Da sein's! Aber sie lassen mich nit aus!"
    Johann Nestroy:
    "Zwölf Mädchen in Uniform", in:  Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Nachträge, Stücke - Band 39, Ausgabe 2. Herausgegeben von Friedrich Walla, W. E. Yates und  Jürgen Hein, Deuticke, Wien: 2007,  S. 37 (Link)
  • "Sansquartier: Herr Kommandant! Ich habe zwei Gefangene gemacht!
    Briquet: Bringt sie her!

    Sansquartier: Sie lassen mich nicht aus."
    Unbekannter Nestroy: Zwölf Mädchen in Uniform, Wien: 1953, S. 44 
    (Link)

Alexander Scharf, Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 26. Dezember 1868, S.4
  • "SANSQUARTIER:  Herr Schuverneur! Ich habe zwei Gefangene gemacht.
     GOUVERNEUR:     So bring' Er sie her.

     SANSQUARTIER:   Ja, sie lassen mich nicht los."
    Nach Alexander Scharf, Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 26. Dezember 1868, S. 4  (Link)
  • "Wem fällt da nicht Nestroy ein mit seinem berühmten Worte: 'Ich habe einen Gefangenen gemacht, aber er laßt mi nöt los!'"
    Landshuter Zeitung, Nr. 271,  25. November 1877, S. 1621  (Link)

 Binzer

  • 1833: Als die Alliirten "Paris erobert hatten, ging es ihnen fast wie jenem Soldaten, der den Kameraden zurief: „ich habe einen Gefangenen gemacht!" als aber dagegen der Ruf: «bringe ihn her!" erscholl, antworten mußte: „er läßt mich nicht los."
    A.T. Beer (August Daniel Freiherr von Binzer):  "Kallendorf", Morgenblatt für gebildete Leser, Nr. 52, 1. März 1833,  - Band 27 - S. 207 (Link)

Heinrich Heine

  • 1839: "Er mahnt uns ganz an den Rekruten, der, von einem Wachtposten aus, seinem Hauptmann entgegenschrie: «Ich habe einen Gefangenen gemacht.» — «So bringt ihn zu mir her,» antwortete der Hauptmann. « Ich kann nicht,» erwiederte der arme Rekrut, «denn mein Gefangener lässt mich nicht mehr los.»"
    Heinrich Heine (Link)
  • 1841: "Ein Republikaner hasst daher das Geld mit großem Recht, und wird er dieses Feindes habhaft, ach! so ist der Sieg noch schlimmer als eine Niederlage; der Republikaner, der sich des Geldes bemächtigte, hat aufgehört, ein Republikaner zu sein! Er gleicht dann jenem österreichischen Soldaten, welcher ausrief: „Herr Korporal, ich habe einen Gefangenen gemacht!" aber, als der Korporal ihn seinen Gefangenen herbeiführen hieß, die Antwort gab: „Ich kann nicht, denn er läßt mich nicht los."
    Heinrich Heine: "Lutetia" (EA: 1841), Französische Zustände, 30. Mai 1840 (Link)

Karl Kraus

    • "Und mein unerschrockener Bekämpfer (den ich eines Rückfalls, wie ihn der Tricot-Artikel bedeuten würde, nicht für fähig halte) mag, meinen Einfluß dankbar erkennend, mit Nestroy ausrufen: »Ich habe einen Gefangenen gemacht, und er lässt mich nicht mehr los!«"
      Karl Kraus, Die Fackel, 1902  Nr. 121, 2
    • "Vom Künstler und dem Gedanken gelte das Nestroy’sche Wort: Ich hab’ einen Gefangenen gemacht und er läßt mich nicht mehr los." 
      Karl Kraus, Die Fackel, 1910,  Nr. 300, 23 
    • "Herr Friedjung hat, um mit Nestroy zu sprechen, einen Gefangenen gemacht, und der läßt ihn nicht mehr los."
      Karl Kraus, Die Fackel, 1912, Nr. 345, 43
    • "Hier ist er eine mit »nämlich«, »übrigens«, »notabene« koordinierte, beigesellte oder gleichgesetzte, Ausführung; dort ist er subordiniert, aber das Verhältnis ist so fest, daß der Hauptsatz in ihm einen Gefangenen gemacht hat, der ihn nicht mehr losläßt."
      Karl Kraus, Die Fackel, 1921, Nr.572, 17
    • "Es wird zwischen dem koordinierten Relativsatz unterschieden und dem subordinierten, bei dem aber das Verhältnis so fest sei, »daß der Hauptsatz in ihm einen Gefangenen gemacht hat, der ihn nicht mehr losläßt«."
      Karl Kraus, Die Fackel, 1927, Nr. 751, 47
    Welche Quelle Karl Kraus für seine Version des Nestroy-Zitats verwandte, kann ich noch nicht sagen.
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    Quellen:
    Johann Nestroy: "Zwölf Mädchen in Uniform", in: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Nachträge, Stücke, Band 39, Ausgabe 2. Herausgegeben von Friedrich Walla, W. E. Yates und  Jürgen Hein, Deuticke, Wien: 2007,  S. 37 (Link)
    "Unbekannter Nestroy": Zwölf Mädchen in Uniform; Ein gebildeter Hausknecht; Friedrich, Prinz von Korsika. Aus den Handschriften herausgegeben von Gustav Pichler, W. Frick, Wien: 1953, S. 44  (Link)
     J.N. Nestroy, Stich- u. Schlagworte. Zusammengestellt von Reinhard Urbach, Verlag Christian Brandstätter, Wien: 1984, S. 15
    Alexander Scharf, Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 26. Dezember 1868, S. 4 (Link)  
    Internationales Nestroy Zentrum Schwechat: Informationen zu "Sieben Mädchen in Uniform", auch:  "Zwölf Mädchen in Uniform",  Posse in einem Akt von Louis Angely in der Bearbeitung von Johann Nestroy: (Nestroy.at)
    Anonym, Literatur-Blatt Nr. 90, 9. November 1827, (Cotta, Stuttgart: 1827), S. 357  (Link)
    A.T. Beer (August Daniel Freiherr von Binzer): "Kallendorf", Morgenblatt für gebildete Leser, Nr. 52, 1. März 1833,  - Band 27 - S. 207 (Link)
    Louis Angely, Sieben Mädchen in Uniform, 1825
    Meidlinger Witz (Link) 
    Kikeriki, 10. August 1876, S, 3  (Anno)
    Heinrich Heine: "Lutetia" (EA: 1841), Französische Zustände, 30. Mai 1840, Sämtliche Werke: Sechster Band, Nachdruck 2017, S. 173 (Link)
    Landshuter Zeitung, Nr. 271,  25. November 1877, S. 1621 (Link) 
    Karl Kraus, Die Fackel, 1910,  Nr. 300, 23
    Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher, Heft E, 92 (Link) (Die Erstveröffentlichung dieser Lichtenberg-Notiz habe ich noch nicht herausgefunden.)
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    Dank:

    Ich bin Wolfgang Gruber für seine Hinweise und Recherchen sehr dankbar und danke auch Ralf Bülow für seinen Hinweis auf Lichtenbergs Sudelbücher sehr.

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    Artikel in Arbeit
    Arbeiter Zeitung 1891   (Link), 1894 (Link)

    Schlechte Kritik 1861 einer Nestroy-Aufführung (Link), 
    alte Meidlinger Witz (Link), alte Anekdote (Link), 
    Parlament (Link)
    drei Gefangene (Link)
    Victor Adler (Link)

    14 Mädchen (Link)

    Mittwoch, 28. Februar 2018

    "Heirate auf jeden Fall! Wenn du eine gute Frau bekommst, wirst du glücklich. Wenn du eine schlechte Frau bekommst, wirst du Philosoph." Sokrates (angeblich)

    Dieser Heirats-Ratschlag wird 1936 noch einem unbekannten Geistlichen aus Pennsylvania zugeschrieben und ein paar Jahre später in einer Anekdotensammlung zum ersten Mal dem Athener Philosophen Sokrates. Inzwischen ist diese Pseudo-Sokrates-Zitat weit verbreitet.

    Da dieser Satz weder so noch so ähnlich in der klassischen Literatur zu Sokrates zu finden ist, ist er ein typisches Falschzitat, das, wie so viele andere, im 20. Jahrhundert geprägt wurde.

    • "By all means, marry. If you get a good wife, you'll become happy; if you get a bad one, you'll become a philosopher." 
    Pseudo-Socrates quote.
    • 1936: "A Pennsylvania clergyman was asked if men should marry. 'By all means,' counseled the witty parson, and added: 'If you get a good wife you will become very happy. If you get a bad one you will become a philosopher.' Emerson was happily married, perhaps too much so to become one of those gloomy philosophers who appear to carry the world about on their shoulders. Perhaps the chief function of a good wife is to keep her husband from taking himself and the world too seriously. Mrs. Emerson was a very sensible woman ..."
      Newton Dillaway: "Prophet of America: Emerson and the Problems of Today", 1936 (Link), (Google)
    • 1942: "Socrates' marital difficulties are well known. Out of them he coined this sage advice: "By all means marry. If you get a good wife, you will become very happy; if you get a bad one you will become a philosopher— and and that is good for every man." (Link)
    • 1977: "Aristotle gave the following advice to a young man in doubt about his impending marriage: 'If you marry a good woman, you'll get a good wife, If you marry a bad woman, you'll become a philosopher. So by all means marry.'" (Link)
    -
    Allerdings war Sokrates nach Xenophon der Meinung, eine schwierige Ehefrau könne einem Mann einiges lehren, was ihm später im Umgang mit anderen Menschen nützen könnte.

    Sokrates (nach Xenophon)

    • "Wenn du dieser Meinung bist, Sokrates, sagte Antisthenes, wie kommt es, daß du die Probe nicht an deiner Xanthippe machst, sondern dich mit einer Frau behilfst, die unter allen lebenden, ja, meines Bedünkens, unter allen die ehemals gelebt haben und künftig leben werden, die unerträglichste ist.

      Das geschieht aus der nämlichen Ursache, versetzte Sokrates, warum diejenigen, welche gute Reiter werden wollen, sich nicht die sanftesten und lenksamsten Pferde, sondern lieber wilde und unbändige anschaffen; denn sie denken, wenn sie diese im Zaum zu halten vermöchten, werde es ihnen ein leichtes sein, mit allen andern fertig zu werden. Gerade so machte ichs auch, da ich die Kunst mit den Menschen umzugehen zu meinem Hauptgeschäfte machen wollte: ich legte mir diese Frau zu, weil ich gewiß war, wenn ich sie ertragen könnte, würde ich mich leicht in alle andere Menschen finden können."
      Xenophon: Gastmahl, Kapitel 4 (Link)

    • "If that is your view, Socrates,” asked Antisthenes, “how does it come that you don't practise what you preach by yourself educating Xanthippe, but live with a wife who is the hardest to get along with of all the women there are—yes, or all that ever were, I suspect, or ever will be?”
    • “Because,” he replied, “I observe that men who wish to become expert horsemen do not get the most docile horses but rather those that are high-mettled, believing that if they can manage this kind, they will easily handle any other. My course is similar. Mankind at large is what I wish to deal and associate with; and so I have got her, well assured that if I can endure her, I shall have no difficulty in my relations with all the rest of human kind.”
      These words, in the judgment of the guests, did not go wide of the mark."
      Xenophon: Symposium, 2, 10 (Link)

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    Quellen:
    Google
    Google 
    Newton Dillaway: "Prophet of America: Emerson and the Problems of Today", Little, Brown and company, Boston/ London: 1936, S. 98  (Link)
    Edmund Fuller: 2500 Anecdotes for All Occasions, (EA 1942) Doubleday, 1961, S. 158 (Link)
    Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 4, Übersetzt von Christoph Martin Wieland (Link)
    Xenophon:  Συμπόσιον 2, 10.  Xenophontis opera omnia, vol. 2, 2nd ed. Oxford, Clarendon Press. 1921 (repr. 1971).  (Link) 
    Xenophon: Symposium 2/10, Xenophon in Seven Volumes, 4. Harvard University Press, Cambridge, MA; William Heinemann, Ltd., London. 1979.  (Link)

    Montag, 26. Februar 2018

    "Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen." Sokrates (angeblich)

    Screenshot, 26. 2.2018

    Dieses Zitat steht ohne Hinweis auf Sokrates in Søren Kierkegaards  berühmtem Werk "Entweder – Oder", weswegen ich eine zeitlang fälschlich annahm, der dänische Philosoph Kierkegaard habe diesen Aphorismus geprägt.

    Der Aphorismus ist aber so ähnlich in einer Anekdote des Philosophiehistorikers Diogenes Laertios überliefert, wird also seit mindestens 1700 Jahren (in einem etwas anderen Wortlaut) Sokrates zugeschrieben. 

     

    Diogenes Laertios: 

    • "Auf die Frage, ob man heiraten solle oder nicht, gab er [Sokrates] die Antwort: 'Was du auch tust, du wirst es bereuen.'" (archive.org)

     

    Søren Kierkegaard:

    • "Entweder – Oder
      Ein ekstatischer Vortrag
      Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Thorheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Fange es an, wie du willst, es wird dich verdrießen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen. Dieses, meine Herren, ist der Inbegriff aller Lebensweisheit."
      Søren Kierkegaard: "Entweder – Oder, Ein Lebensfragment", herausgegeben unter dem Pseudonym Victor Eremita (der siegreiche Einsiedler), 1843  (Link)

     

    -
    Das folgende, weit verbreitete angebliche Sokrates-Zitat ist in den klassischen Texten zu Sokrates allerdings nicht zu finden:


    Pseudo-Socrates quote.


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    Quellen:
    Edmund Fuller: 2500 Anecdotes for All Occasions, (EA 1942) Doubleday, 1961, S. 158 (Link) 
    Dudenredaktion: "Die herzlichsten Glückwünsche: Zitate und Gedichte für jeden Anlass", Duden, Berlin: 2015  (Link)
    Søren Kierkegaard: "Entweder – Oder, Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita." (EA 1843) Übers. Alexander Michelsen, Otto Geiß, Hrsg. Michael Holzinger, Holzinger, Berlin: 2013, S. 36 (Link); Zeno.orgDiogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Buch I–X. Übers.: Otto Apelt. Philosophische Bibliothek. Bd. 53/54, Felix Meiner Verlag, Leipzig: 1921, II. Buch, 5. Kapitel,  Sokrates, 30-34, S. 77 (archive.org)
     Juttas Zitateblog

     

    Zitate.eu
    Google
    ZEIT.de  

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    Dank:

    Ich danke Gunnar Kunz für den Hinweis auf den Ursprung des Zitats bei Diogenes Laertios.

    .

    _____
    Artikel in Arbeit. Korrigierte Fassung 6/10 2020.

    Offenlegung


    Medieninhaber: Gerald Krieghofer
    Adresse: 1190 Wien, Nusswaldgasse 29/7

    ATU13309702 

    Ausrichtung: Texte über entstellte und falsch zugeschriebene Zitate.

    Ziel: Sammlung und Dokumentation von im deutschen Sprachraum verbreiteten Falschzitaten und Memes nach den Regeln der Zitatforschung, mit Benützung der relevanten Nachschlagwerke und Literatur, und wo es möglich ist, mit Online-Belegen dieser Quellen.

    Kontakt:
    E-Mail: Gerald.Krieghofer (x) gmail.com
    Twitter: @krieghofer

    Sonntag, 25. Februar 2018

    "Ein Leben ohne Mops ist möglich - aber sinnlos." Loriot

    (Artikel in Arbeit.)  
    Die Wendung, "Ein Leben ohne XY ist möglich - aber sinnlos",  kommt heute in einem Dutzend verschiedenen Varianten vor und wurde im Jahr 2002 von Loriot geprägt, der in seiner ersten Version dieses Witzes noch unüberhörbar auf Friedrich Nietzsches bekanntes Wort, "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum",  anspielt.

    • 1888: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum." F. Nietzsche
    • 1917: "Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum." K. Foerster
    • 1967: "Das Leben ohne Hund ist ein Irrtum!" C. Zuckmayer
    • 2002: "Ein Leben ohne Möpse und Musik ist möglich, aber sinnlos." Loriot
    • 2005: "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos." Loriot
      

     Nietzsche:

    • 1888: "Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrthum, eine Strapatze, ein Exil. "
      Friedrich Nietzsche
    • 1888: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. "
      Friedrich Nietzsche
    • 1888: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend." 
      Friedrich Nietzsche

    Foerster 

    • 1917: "Es gibt eine unsichtbare Gemeinde der Phlox-Freunde in der Welt. Für die Nichtwissenden haben sie dumpfstaunendes Mitgefühl und zarte Schonung. Phlox ist eine Welt der Gnade. Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum. Ihm fehlt ein Kronjuwel."
      Karl Foerster:
      "Vom Blütengarten der Zukunft; das neue Zeitalter des Gartens und das Geheimnis der veredelten winterfesten Dauerpflanzen; Erfahrungen und Bild." Furche-Verlag, Berlin: 1917 (zitiert nach Parey, 1923 (Link))

    Zuckmayer

    • 1967: Karl Foerster "hatte einen Satz geprägt, mit dem er ein Buch über Pflanzen und Gartenblumen anfing: »Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum!« Und so möchte ich diesen Satz abwandeln: »Das Leben ohne Hund ist ein Irrtum!« Ein Hund gehört eigentlich immer zum Dasein, und ohne Hunde spazieren zu gehen, ohne Hunde auf der Welt herumzulaufen, das ist so ungefähr, wie wenn ein gesunder Mann keine Kinder hätte."
      Carl Zuckmayer (Link)

    Loriot 

    • 2002: "Ein Leben ohne Möpse und Musik ist möglich, aber sinnlos."
    • 2003: "Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos» Zum 80. Geburstag von Loriot."
    • 2005: "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos."
    • 2006: "Klaus-Peter Grap: Ein Leben ohne Loriot ist möglich, aber sinnlos -  "
    • 2007: "Ein Leben ohne Katze ist möglich – aber sinnlos." (Link)
    Variationen: Ein Leben ohne Radsport, ohne Auto, ohne Spätzle, ohne diverse Modemarken, ..... ist möglich, aber sinnlos.
    __________
    Quellen:
     Google 
    Loriot: "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos. - Sehr verehrte Damen und Herren...", Diogenes Verlag, Zürich: 2005
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    • 2018: "Der Bundespräsident zitierte u.a. den Autor Arno Schmidt, dessen Zitat "Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher" er jedoch sogleich unter dem Gelächter des Publikums mit einem anderen Zitat relativierte (das er Gregor von Rezzori in den Mund legte, das in gängigen Quellen allerdings Loriot zugeschrieben wird, Anm.): "Ein Leben ohne Mops ist möglich - aber sinnlos."
    • 2009: "Immerhin aber hat er keine so abgrundtiefen Sprüche wie Carl Zuckmayer oder Karin Duve getan, deren Sätze „Das Leben ohne Hund ist ein Irrtum" oder „Wer Bulli nicht mag, kann auch mein Freund nicht sein" bei aller literarischen Wertschätzung doch Rückschlüsse auf das Verhältnis zu ihren Zeitgenossen offenbaren. Loriots Kryptogramm „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos", erscheint zwar auch nicht besser, enthält aber wenigstens eine Prise Sarkasmus."
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     Dank:
    Ich danke Ralf Bülow für seinen Hinweis. 
      

    Donnerstag, 15. Februar 2018

    "Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag." Anton Tschechow (angeblich)

    Pseudo-Anton-Chekhov quote.

    Auf Englisch wird dieses Zitat seit 1981 Anton Tschechow unterschoben, auf Deutsch erst im 21. Jahrhundert. In den Schriften Anton Tschechows hat das inzwischen im Internet weit verbreitete Zitat noch niemand so oder so ähnlich gefunden.

    Der Quote Investigator ist der Sache einmal gründlich nachgegangen und hat die Entwicklung des Falschzitats dokumentiert (Link).

     Eine frühe Variante des Aphorismus stammt aus den Film "The Country Girl", in dem Bing Crosby sagt:
    • "I faced a crisis up there in Boston, and I got away with it. Just about anybody can face a crisis. It’s that everyday living that’s rough. I’m not sure I can lick it, but I think I got a chance."
    Der Film basiert auf dem Theaterstück "The Cherry Orchard" von Clifford Odets, in dem der Spruch allerdings noch nicht vorkommt. Deswegen schreibt ihn der Quote Investigator dem Drehbuchautor George Seaton zu (Link).

    Später behauptet ein Tschechow-Experte im Zusammenhang mit diesem Film-Zitat, Clifford Odets stünde in der Tradition Anton Tschechows. Daraus hat sich die irrtümliche Zuschreibung des Aphorismus an Anton Tschechow entwickelt.
    1981
    • "Any idiot can face a crisis - it's day to day living that wears you out." - Anton Chekhov
    Pseudo-Anton-Tschechow quote.
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    Quelle:
    Quote Investigator: "Any Idiot Can Face a Crisis; It’s This Day-To-Day Living That Wears You Out  Anton Chekhov? Clifford Odets? Bing Crosby? George Seaton? Apocryphal?" 2016 (Link)
    Ein Beispiel für eine frühe deutschsprachige Erwähnung im Usenet aus dem Jahr 2009: (Link)
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    Dank
    Als ich dieses Zitat sah, dachte ich mir nach einer kurzen Suche, dass es wohl ein Falschzitat sei, aber sicher war ich mir erst, als ich die Dokumentation von Quote Investigator las. Danke.

    "Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, um von vornherein eigene Fehler zu vermeiden.“ Otto von Bismarck (angeblich)


    Dieses in Manager-Ratgeberbüchern seit ewa 20 Jahren sehr beliebte Bismarck-Zitat ist in der Version, "Die Thoren behaupten, daß man nur immer auf seine eigenen Unkosten lernt .... ich habe immer gesucht auf Kosten anderer zu lernen", 1872 in der Übersetzung eines französischen Buchs über Napoleon III. publiziert worden.

    Das anonym erschienene Buch "Le Dernier des Napoléon" des franzöischen Soldaten und Politikers Émile de Kératry enthält einige zynische Aussprüche Otto von Bismarcks, die meines Wissens sonst nirgends überliefert sind, und wurde 1872 von einem unbekannten Übersetzer ins Deutsche übertragen. Die Bismarck-Zitate dieses Buches könnten also durch Rückübersetzungen aus dem Französischen entstellt sein.

    Vielleicht findet man noch eine frühere Version des Zitats.

    • 1872: "Les sots prétendent qu'on n'apprend qu'à ses dépens .... J'ai toujours tâché d'apprendre aux dépens des autres." (Link) (Das ist nach den bisherigen Recherchen die früheste Erwähnung dieses Bismarck-Zitats.)
    • 1872: "Die Thoren behaupten, daß man nur immer auf seine eigenen Unkosten lernt .... ich habe immer gesucht auf Kosten anderer zu lernen." (Link)
    • 1875: "Fools pretend that one learns only at his own expense; I have always striven to learn at the expense of others." (Link)
    • 1890: "Fools pretend that you can only gain experience at your own expense, but I have always managed to learn at the expense of others." (Link)
    • "Only a fool learns from his own mistakes. The wise man learns from the mistakes of others."
    •  'Fools learn from experience. I prefer to learn from the experience of others."

    Entwicklung des Otto-von-Bismarck-Zitats:

    • 1872: "Die Thoren behaupten, daß man nur immer auf seine eigenen Unkosten lernt . . . . ich habe immer gesucht auf Kosten anderer zu lernen." (Link)
    • 1892: "Narren behaupten, dass man nur auf eigene Kosten Erfahrung sammeln könne; aber ich habe immer versucht, meine Erfahrungen auf Anderer Kosten zu gewinnen." (Link)
    • 1996: "Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, um von vorn herein eigene Fehler zu vermeiden." (Link)
    • 2010: "Nur ein Idiot glaubt, aus eigenen Fehlern zu lernen. Ich bevorzuge, aus Fehlern anderer zu lernen, um eigene Fehler von vorneherein zu vermeiden."
    Auf Deutsch war dieses Bismarck-Zitat lange vergessen, bis es 1996 Jürgen Meyer in seinem Manager-Ratgeberbuch wieder aufgriff und der Rezensent in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf hinwies:
    • "Wem hierzu noch das letzte Quentchen Motivation fehlt, dem sei empfohlen, über das folgende, von Jürgen Meyer aufgegriffene Zitat des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck einmal nachzudenken: "Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen (auf neuhochdeutsch: ,best practices') anderer zu lernen, um von vornherein eigene Fehler zu vermeiden."
      FAZ 3. Juni 1996 (Link);
      Rezension von: Jürgen Meyer (Herausgeber): Benchmarking. Spitzenleistungen durch Lernen von den Besten. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart: 1996
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    Quellen:
    Google
     Google
    Émile de Kératry [Anonym]: "Der letzte Napoleon." Autorisierte Ausgabe.  Unbekannter Übersetzer.  Karl Prochaska, Teschen/ Wien/Berlin/ Leipzig: 1872, S. 236 (Link)
     Émile de Kératry [Anonym]: Le dernier des Napoléon.  Lacroix - Verboeckoven, Paris: 1872, S. 240 (Link)
    Anonym: "Bismarck intime: The iron chancellor in private life". Übersetzer: Henry Hayward, D. Appleton, New York: 1890, S. 180 (Link)
    Sir John Frederick Maurice: "War",  Macmillan, 1891, Motto, S. ii  (Link)
    Jürgen Meyer (Herausgeber): Benchmarking. Spitzenleistungen durch Lernen von den Besten. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart: 1996 (zitiert nach FAZ, 3. Juni 1996)
    Robert Fieten: "Von den Erfahrungen anderer lernen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Juni 1996, Nr. 127, S. 14 (Link)
    Wikiquote
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    Dank
    Die Recherchen von Wikiquote waren wieder einmal sehr hilfreich: Danke.

    Artikel in Arbeit.