Sonntag, 1. Mai 2022

"Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun." Edmund Burke (angeblich)

Pseudo-Edmund-Burke-Zitat.

Dieses auf der ganzen Welt beliebte Zitat des konservativen britischen Denkers Edmund Burke, der 1729 in Dublin geboren wurde, hat noch niemand in einer seiner Schriften gefunden, obwohl jahrzehntelang danach gesucht wurde.

John F. Kennedy, auf den einige markante falsch zugeschriebene Zitate zurückgehen, hat auch dieses Pseudo-Edmund-Burke-Zitat bekannt und zum vielleicht beliebtesten Zitat im 20. Jahrhundert gemacht, wenn man einer Umfrage der Herausgeber des Oxford Dictionary of Qutations vertrauen kann.

Pseudo-Edmund-Burke-Zitat. (Google)

Wie Barry Poppik herausgefunden hat, wurde das Zitat Edmund Burke im Jahr 1920 das erste Mal untergeschoben:

  • "Burke once said: 'The only thing necessary for the triumph of evil is that good men should do nothing.'" (Zitiert nach quoteinvestigator.com)

Das Falschzitat könnte aus einer Fehlerinnerung an einen ähnlichen Gedanken aus John Stuart Mills Antrittsrede an der University of St. Andrews  vom 1. Februar 1867 entstanden sein, wie Garson O'Toole in seinem lesenswerten Artikel zur Verbreitung des Falschzitats in Amerika dargelegt hat (quoteinvestigator.com):

John Stuart Mill:

  • "Niemand soll sein Gewissen durch die Illusion beruhigen, dass er keinen Schaden anrichten kann, wenn er sich nicht beteiligt und sich keine Meinung bildet. Schlechte Menschen brauchen nichts weiter um ihre Ziele zu erreichen, als dass gute Menschen zusehen und nichts unternehmen."

    "Let not any one pacify his conscience by the delusion that he can do no harm if he takes no part, and forms no opinion. Bad men need nothing more to compass their ends, than that good men should look on and do nothing."

    John Stuart Mill: "Inaugural Address: Delivered to the University of St. Andrews, Feb. 1st 1867" Longmans, Green, Reader and Dyer, London: 1867, S. 74 (Link) 

 Edmund Burke:

 
Vielleicht klang die falsche Zuschreibung an Edmund Burke auch deswegen plausibel, weil Edmund Burke seine Mitbürger wiederholt zum politischen Engagement auffordete.  
 
Edmund Burke versuchte in seinen 1770 publizierten "Gedanken über die Ursachen der gegenwärtigen Unzufriedenheit" seine Leser davon zu überzeugen, dass zu einem guten Bürger nicht nur gehört, gesetzestreu zu leben und die richtigen Ansichten zu haben: Man müsse auch etwas gegen Misstände unternehmen und das könne man nur innerhalb einer Partei, die keine Interessensvertretung, keine Lobby, sondern auf einem Prinzip aufgebaut sein sollte.
 
In diesem Zusammenhang schrieb Edmund Burke, der "geistige Vater des Konservatismus":
  • "Wenn schlechte Menschen sich zusammentun, müssen die guten sich vereinen; sonst fallen sie, einer nach dem anderen, als unbedeutende Opfer in einem verächtlichen Kampf."  (books.google)
  • "No man, who is not inflamed by vain-glory into enthusiasm, can flatter himself that his single, unsupported, desultory, unsystematic endeavours are of power to defeat the subtle designs and united Cabals of ambitious citizens. When bad men combine, the good must associate; else they will fall, one by one, an unpitied sacrifice in a contemptible struggle."

    Edmund Burke: "Thoughts on the Cause of the Present Discontents", 1770 (Link)

Varianten des Kuckuckzitats:

  • All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing
  •  Alles, was nötig ist, damit das Schlechte in der Welt gewinnt, sind genügend gute Menschen, die nichts tun. 
  • Alles, was für den Sieg des Bösen notwendig ist, ist, dass gute Menschen nichts tun.
  • Die einzige Voraussetzung für den Triumph des Bösen ist, daß gute Menschen nichts tun.   
  • Alles was nötig ist, damit das Schlechte in der Welt gewinnt, sind genügend gute Menschen, die nichts tun.

 
Im deutschen Sprachraum ist dieses Kuckuckszitat erst seit den 1960er Jahren, nachdem es von John F. Kennedy verbreitet wurde, nachweisbar. 

 

Artikel in Arbeit.

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Quellen:

Paul F. Boller jr., John George: "They Never Said It: A Book of Fake Quotes, Misquotes, and Misleading Attributions", Oxford University Press, Oxford / New York: 1989, ebook (Link)

Elizabeth Knowles: " 'And I quote...': A history of using other people's words." Oxford University Press, Oxford: 2018 ebook  (books.google)

Garson O'Toole: "Hemingway Didn't Say That: The Truth Behind Familiar Quotations." Little A, New York: 2017, S. 38-45

 Garson O'Toole: "The Only Thing Necessary for the Triumph of Evil is that Good Men Do Nothing:   John F. Kennedy? Edmund Burke? R. Murray Hyslop? Charles F. Aked? John Stuart Mill?" , 2010 (quoteinvestigator)

Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. XI, 59, 109 (Link)

Ralph Keyes: "Ask Not Where This Quote Came From" The Washington Post, 4. Juni 2006 ((washingtonpost.com)  

Barry Poppik: “All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing”, 2009

Edmund Burke: "Thoughts on the Cause of the Present Discontents" J. Dodsley in Pall-Mall, London: 1770, 3rd edition, S. 106

John Stuart Mill: "Inaugural Address: Delivered to the University of St. Andrews, Feb. 1st 1867" Longmans, Green, Reader and Dyer, London: 1867, S. 74 (Link)

wikipedia.org - Edmund_Burke

 

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Dank:

Ich bin den vielen amerikanischen Zitat- und Sprachforschern, die diesem Zitat nachgegangen sind, zu Dank verpflichtet, besonders wieder Garson O'Toole.