Freitag, 26. Juni 2020

"Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ Friedrich Schiller (angeblich)

In Friedrich Schillers Drama "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" sagt der "Mohr" Muley Hassan nach einem Streit mit seinem Auftraggeber zu sich selber, er habe seine "Arbeit" getan (nicht: seine "Schuldigkeit").

Muley Hassan ("ein konfiszierter Mohrenkopf, die Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbüberei und Laune") verlangt die Auszahlung seines Honorars für seine Arbeit als Spitzel am Rande der Legalität.

Sein Auftraggeber Fiesco, Graf von Lavagna ("Haupt der Verschwörung, junger, schlanker, blühend-schöner Mann von 23 Jahren – stolz mit Anstand – freundlich mit Majestät – höflich-geschmeidig und eben so tückisch" ) schickt ihn nach der Honorarforderung ins Vorzimmer. Er möge dort warten. Daraufhin murmelt  Muley Hassan beim Hinausgehen:

Schon Georg Büchmann wies in der Ausgabe von 1877 seiner "Geflügelten Worte" darauf hin, dass "dieses Citat erst richtig wird, wenn man 'Arbeit' statt 'Schuldigkeit' setzt".


Georg Büchmann:
  • "Ein untrügliches Kennzeichen eines allgemein gewordenen Citats ist die Veränderung seiner ursprünglichen Form [..]", die "gewöhnlich hartnäckig als die allein richtige verteidigt wird". (archive.org)

Seitdem wurde noch oft von Philologen erklärt, warum "Schuldigkeit" die falsche Bezeichnung für die Arbeit ist, die Muley Hassan für seinen Auftraggeber geleistet hat.

Zuletzt verfluchte der Theaterkritiker Gehard Stadelmeier in einem amüsanten Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung alle, die das Zitat in seiner populären Form verwenden :


Gerhard Stadelmaier, 2012:


  • "Leser! Bürger! Abonnenten! Nicht beweinen will ich diese Zitatleiche - ich will sie verfluchen: 'Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.' Denn sie ist der pure Blödsinn. Doch weniger eine Zitatleiche. Mehr eine Zitat-Untote. Der allerunsterblichsten Sorte. Das hartnäckigste Sprichwortgespenst überhaupt. Es spukt: unausrottbar.
  • "Denn Schillers Mohr trägt zwar einen orientalischen Namen, ist aber, wie alle seine Mitfiguren auch, von durch und durch schwäbischem Geblüt. Schillers Figuren (nicht nur sein Mohr) sind keine griesgrämigen, bittertöpfigen Schuldigkeittuer, die irgendjemandem zu Gefallen etwas anstellen. Sie tun, was sie tun, auf eigene, tolle, gefährliche, manchmal sogar weltstürzende Rechnung. Ihre Arbeit belohnt sich selbst - und sei’s mit dem Tod.

    Wer also aus des Mohren harter, freier Arbeit in bequemer biedermännischer Laune eine kleinbürgerliche, womöglich rundum sozialversicherte 'Schuldigkeit' macht, der verdummt und verharmlost nicht nur ein Zitat. Der kann gehen. Und zwar dorthin, wo der Sprichwortpfeffer wächst."


    Gerhard Stadelmaier: "Sprichwortgespenst: Schiller schafft", FAZ, 3. April 2012 (faz.net)
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Artikel in Arbeit.
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Quellen:
Georg Büchman: "Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des Deutschen Volkes." Zehnte verbesserte und vermehrte Auflage. Haude und Spener'sche Buchhandlung, Berlin: 1877, S. 3f.
Gerhard Stadelmaier: "Sprichwortgespenst: Schiller schafft", Frankfurter Allgmeine Zeitung, 3. April 2012 (aktualisiert, faz.net)

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Dank an Gerhard Stadelmeier.