Samstag, 20. Mai 2017

"Der Skandal fängt da an, wo die Polizei ihm ein Ende macht." Karl Kraus (angeblich)

Das ist die Version eines Satzes von Karl Kraus, die Henryk M. Broder in seinem Buch "Vergesst Auschwitz!: Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage" in diesem Wortlaut gebracht hat (Link).

Er hat ein Wort dazu gegeben und eines verändert: "da" ist neu und statt "wo" gehört "wenn". Karl Kraus hat auch wegen eines fehlenden Kommas von Zeitungen Berichtigungen verlangt, er  wäre also auch mit dieser schlampigen Wiedergabe seines Aphorismus nicht zufrieden.

Korrekt lautet das Zitat: 
  • "Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht."
    Karl Kraus: Sprüche und Widersprüche, Erstausgabe, 1909

Die allererste Version des Aphorismus steht in dem Essay "Prozeß Veith." (1908) :
  • "Die Unsittlichkeit lebt so lange in Frieden, bis es dem Neid gefällt, die Moral auf sie aufmerksam zu machen, und der Skandal beginnt immer erst dann, wenn »die Polizei ihm ein Ende bereitet«."
    Karl Kraus, 1908

Dieses Zitat wurde schon öfters zum Problem. 1921 findet Karl Kraus folgende Stelle in der "Wiener Allgemeine Zeitung":
  •  »Und in anderem Sinne als der Ausspruch ursprünglich gemeint war, erinnert man sich der Worte Bahrs: »Der Skandal beginnt erst, wenn ihm die Polizei ein Ende macht.«

 Karl Kraus verlangt und bekommt folgende Berichtigung nach § 19 Preßgesetz:
  •  "Es ist unwahr, daß dieser Ausspruch Worte Bahrs sind. Wahr ist vielmehr, daß dieser Ausspruch von Karl Kraus stammt, in dessen Buch »Sprüche und Widersprüche (Kapitel »Moral und Christentum«, S. 50) der folgende Satz steht: »Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.« Karl Kraus."

Die "Wiener Allgemeine Zeitung" bringt diese Berichtigung, allerdings mit der Erklärung, das Zitat sei zwar nicht von Hermann Bahr, aber ursprünglich von Ludwig Thoma, in dessen 1908 publizierter Komödie "Moral" folgender Satz stünde:  »Vergessen Sie nie, daß der Skandal sehr oft erst dann beginnt, wenn ihm die Polizei ein Ende bereitet

Karl Kraus verlangt neuerlich eine Berichtigung, weil Ludwig Thoma seine Erlaubnis hatte, diesen Aphorismus in seine Komödie einzubauen und die Prioritätsfrage durch die Publikationsdaten eindeutig sei.  Nachzulesen ist die unterhaltsame Glosse zu diesem Falschzitat-Casus in der "Fackel" Nr. 561, 1921, S. 73-77.
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Quellen:
"Die Fackel" Online, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Karl Kraus: "Die Fackel", 1921, Nr. 561, S. 73-77
Karl Kraus: Sprüche und Widersprüche, Erstausgabe, 1909 
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(Artikel in Arbeit)