Samstag, 20. Mai 2017

"Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!" Friedrich Nietzsche (angeblich)


Lou Andreas-Salomé mit Peitsche, Paul Rée und Friedrich Nietzsche als Pferde oder Esel; Zürich: 1882
Dieser Ratschlag ist wahrscheinlich der bekannteste Satz von Friedrich Nietzsche, und wird von misogynen Männern, die nie ein Buch von Friedrich Nietzsche gelesen haben, gerne zitiert. Dieser Satz, der etwas anders in Nietzsches "Also sprach Zarathustra" steht, ist Rollenprosa, drückt also nicht die Meinung des Autors aus, sondern die einer Figur in einer Dichtung, hier die einer alten Frau (einem "alten Weiblein"), die Zarathustras Gedanken über Frauen lobt und am Ende ihres Treffens ihm noch den Ratschlag mit auf den Weg gibt: "Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!–"
Korrekt zitiert müsste das Zitat also lauten:
  • "Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht! –"
    'Altes Weiblein' zu 'Zarathustra', in: Friedrich Nietzsche: 'Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen', Teil 1, 'Von alten und jungen Weiblein'".
Diese Szene lebt von privaten und literarischen Anspielungen, die einer plump misogynen Interpretation widersprechen. Die mittelalterliche Fabel, wie der alte Aristoteles von einer jungen Frau namens Phyllis, in die er närrisch verliebt ist, gedemütigt wird, war wahrscheinlich der Hintergrund für die Inszenierung des berühmten Fotos von Friedrich Nietzsche mit der damals 21-jährigen genialischen Freundin Lou Andreas-Salomé und der Peitsche in ihrer Hand.

In der Fabel wird Aristoteles von seiner Angebeteten überredet, sich wie ein Pferd satteln zu lassen. Der große Philosoph hofft, dadurch die Frau seinen sexuellen Wünschen gefügig zu machen und ahnt nicht, dass er beobachtet und von Phyllis zum Gespött am Hof gemacht wird. Die junge Frau hat dem weisen Aristoteles bewiesen, dass er selbst nicht auf der Höhe seiner weisen Ratschläge für Verliebte zu leben vermag. In der Fotoinszenierung spielen Nietzsche und sein Freund Rée ein Pferdegespann, das unter der Peitsche der gar nicht bedrohlich wirkenden jungen Frau steht, in die beide Männer tatsächlich sehr verliebt sind.

Als Nietzsche den ersten Teil von Zarathustra schreibt, ist es mit der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit Lou vorbei, und in seiner Dichtung gibt Friedrich Nietzsche die Peitsche keiner Frau mehr in die Hand, sondern lässt eine alte Frau dem einsamen Berg-Eremiten Zarathustra den Ratschlag geben, sich vor einer Begegnung mit Frauen mit diesem Dressurwerkzeug zu wappnen. Der alten Frau legt Nietzsche eine Neufassung des mittelalterlichen florentinischen Sprichworts: "buona femmina e mala femmina vuol bastone" (Gute Frauen und schlechte Frauen brauchen den Stock) in den Mund.

Nietzsches Schwester Elisabeth erkennt sich später selbst in der Figur des "alten Weibleins" karikiert, weil sie ihrem Bruder auch einmal den Rat gab, strenger gegen "in Trieben und Chrakteren ungebändigte Frauen" zu sein und metaphorisch von der "Peitsche" sprach, die "nicht tugendhafte" Frauen nötig hätten.

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Anmerkung:
Zur Fotografie Nietzsches mit Lou Andreas-Salomé wurde schon viel Unsinn geschrieben, zum Beispiel von Bazon Brock:
  • "Sie zeigt die Studio-Inszenierung eines lebenden Bildes, in der Lou Andreas Salomé als peitschende Lenkerin ihrer beiden Zugpferde, Nietzsche und Paul Rée, erscheint – eine karikierende Anspielung auf Helios und die Rosse des Sonnenwagens; die Sonne ist bekanntlich im Deutschen weiblich. Andererseits ist nicht zu übersehen, daß die Inszenierung auf das seinerzeit populäre Thema für lebende Bilder „Frauen bändigen die unbändige Lust der Männer, indem sie sie unter das Zugtierjoch spannen“ anspielt. Gerade die Differenz von strahlendem Sonnenwagen der Liebe und dem Ehegespann im Alltagstrott, von himmelhochjauchzend und den Mühen der Ebene, eröffnete einen weiten Spielraum der Interpretation, ohne das Risiko, jemanden unmittelbar zu kränken." (Link)
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Quellen:
Friedrich Nietzsche: "Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen." 1883–1885,  Zeno.org
Walter Kaufmann: "Nietzsche: Philosopher, Psychologist, Antichrist." Princeton University Press, Princton: 1974 
Ludger Lütkehaus: "Geschlechterwirren. «Vergiss die Peitsche nicht!»", in: Neue Zürcher Zeitung,  10. Mai 2013  (Link)
Curt Paul Janz: "Friedrich Nietzsche. Biographie". Band 1: "Kindheit, Jugend, die Basler Jahre"; Band 2: "Die zehn Jahre des freien Philosophen"; Band 3: "Die Jahre des Siechtums. Dokumente, Quellen und Register", Carl Hanser-Verlag, München: 1978–1979.
Bazon Brock: "Lustmarsch durchs Theoriegelände – Musealisiert Euch!" 2008 (Link)
Elisabeth Förster-Nietzsche: "Friedrich Nietzsche und die Frauen seiner Zeit", (EA 1935) Servus Verlag, Hamburg: 2014, S. 10ff. (Link) 
Carol Diethe: "Vergiss die Peitsche. Nietzsche und die Frauen", Europa Verlag, Hamburg/ Wien: 2000
Mario Leis: "Frauen um Nietzsche", Rowohlt Verlag, Reinbek: 2000