Samstag, 20. Mai 2017

"Es gibt Dinge, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist." Karl Kraus (angeblich)

Henryk M. Broder hat dieses Pseudo-Karl-Kraus-Zitat schon 1976 unter die Leute gebracht, und später - zum Beispiel 2009 - in einem Interview mit Dominik Betz und Gregor Haschni wiederholt.

1915 taucht die Redensart, eine Sache sei so verlogen, dass "nicht einmal ihr Gegenteil wahr ist" zum ersten Mal in einem digitalisierten Medium auf: in der deutschsprachigen Tageszeitung Pester Lloyd. Autor: unbekannt.

1920 redet Karl Kraus von Notlügen, "von denen nicht einmal das Gegenteil wahr ist":
  • "Dankbar bin ich keinem dafür, des kann er versichert sein, und die Idee, daß ich auf solche Beute lauere oder das Druckbild einer schändlichen Zeit durchwühle, um michsatirisch zu befriedigen und mit Zeitungspapier mir warm zu machen, gehört zu jenen armseligen Notlügen einer durch meinen Blick beengten Gegenwart, von denen nicht einmal das Gegenteil wahr ist."
    Karl Kraus, 1920

1925 schreibt Karl Kraus, an dem Vorwurf, er habe aus gekränkter Eitelkeit gegen Otto Ernst polemisiert, sei "nicht einmal das Gegenteil wahr."
  • "Aber im Fall des Herrn Otto Ernst, den ich nie gekannt habe und der nie ein mir bekanntes Wort gegen mich geschrieben hat, ist nicht einmal das Gegenteil wahr."
    Karl Kraus, 1925

Öfters kommt diese Wendung in den Schriften von Karl Kraus nicht vor. Die erste Hälfte des Karl Kraus zugeschriebenen Zitats ist nicht von Karl Kraus, die zweite hat er nicht geprägt. Dieses Broder-Karl-Kraus-Zitat ist also ein Falschzitat.

1954 wird der Spruch: "Sie lügen so, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist" von Friedrich Torberg Franz Molnar zugeschrieben, 1982 von einem mir unbekannten Autor Johann Nestroy. Geprägt wurde der Spruch aber wahrscheinlich von einem unbekannten Autor um 1915.
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Quellen:
Google
Pester Llyod, 11. Mai 1915, S. 3 (Link)
Karl Kraus: Die Fackel Nr.  554-556, S. 47
Karl Kraus: Die Fackel Nr. 686-690, 1925, S. 88
(Artikel in Arbeit)