Donnerstag, 16. März 2023

"Alt macht nicht das Grau der Haare, alt macht nicht die Zahl der Jahre, alt ist, wer den Humor verliert ...." Gotthold Ephraim Lessing (angeblich)


Pseudo-Gotthold-Ephraim-Lessing-Zitat.

Dieses beliebte Geburtstagsgedicht ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden und wird seitdem in Deutschland und Österreich mit kleinen Veränderungen oft bei Geburtstagen älterer Leute vorgetragen und in Zeitungen abgedruckt.

Erst m 21. Jahrhundert wurden diese einfachen Verse dem berühmten deutschen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing untergeschoben.

 Die Entwicklung des Geburtstagsgedichts seit 1856:

1856

"Alt macht nicht die Zahl der Jahre,
Nicht das Silber in Deinem Haare [...]
Alt ist, wer den Mut verloren,"
"Blicke in das Leben der Gegenwart und in die Hoffnung der Zukunft aus dem Verhältnis der Naturwissenschaft zur Religion und Erziehung."1856, S. 208  (Link)

1925

"Das Alter naht nicht mit den weißen Haaren:"

 


 
Blatt der Hausfrau, Erstes Oktober-Heft 1925, S. 1
(anno.)

1935

"Als Glückwunsch zu einem 70jährigen Geburtstag war vor einigen Jahren in einer Zeitung das nachstehende, inhaltlich und formell nicht üble Gedicht zu lesen:  
Alt macht nicht die Zahl der Jahre, 
Nicht das Silbergrau der Haare , 
[...] 
Alt ist, wer den Humor verloren "
Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen, 1935, S. 120 (Link)

1999

"Alt macht nicht die Zahl der Jahre,
alt machen nicht die grauen Haare,
alt ist der den Mut verliert ...."
Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom 2. Juli 1999, Nr. 151, Familien-Anzeigen,  S. 17 (genios.de)

2005

Liebe Oma
Alt macht nicht die Zahl der Jahre,
alt machen nicht die grauen Haare,
alt ist, wer den Mut verliert
und sich für nichts mehr interessiert.
Drum nimm alles mit Freud´und Schwung,
dann bleibst Du auch im Herzen jung.
Zufriedenheit und Glück auf Erden,
sind das Rezept, uralt zu werden.

Andreas Zenleser (gedichte-oase.de)


Beispiele für die falsche Zuschreibung der Verse
an G.E. Lessing:

2008

  • "Alt macht nicht das Grau der Jahre,
    alt macht nicht die Zahl der Jahre,
    alt ist, wer den Humor verliert
    und sich für nichts mehr interessiert.
    (Gotthold Ephraim Lessing, deutscher Schriftsteller)"
    Usinger Anzeiger, 5. Februar 2008, Lokales
2012

Deutscher Bundestag,Plenarprotokoll vom 11. Mai 2012, S. 21372 (Link)

2005/2017

  • In diesem Sinne schließe ich mit einer Wortspende, die uns der große Dichter Gotthold Ephraim Lessing vor rund 250 Jahren hinterlassen hat:
    'Alt macht nicht das Grau der Haare,
    alt macht nicht die Zahl der Jahre,
    alt ist, wer den Humor verliert
    und sich für nichts mehr interessiert.'

     "Lebensqualität im Alter: Therapie und Prophylaxe von Altersleiden" S. 35  (Link)
-

Vielleicht hat sich die irrtümliche Zuschreibung an Gotthold Ephraim Lessing aus der Fehlerinnerung an einen ähnlichen Vers Lessings aus seiner 47. Ode Anakreons entwickelt:

  • "Welche Freude, wenn es heißt:
     Alter, du bist alt an Haaren,
    Blühend aber ist dein Geist!" -

    G. E. Lessing:  
    Die 47. Ode Anakreons


G. E. Lessing: "Die 47. Ode Anakreons" S. 38 (Link)

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Quellen:

G. E. Lessing: "Die 47. Ode Anakreons", in: Gotth. Ephr. Lessings sämmtliche Werke, Poesie und Kunst, Erster Theil, Bureau der deutschen Classiker, Karlsruhe: 1824, S. 38 (Link)
Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach: "Blicke in das Leben der Gegenwart und in die Hoffnung der Zukunft aus dem Verhältnis der Naturwissenschaft zur Religion und Erziehung." Verlag von Waldemar Türk, Dresden: 1856, S. 208  (Link)
Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom 2. Juli 1999, Nr. 151, Familien-Anzeigen, S. 17 genios.de
Blatt der Hausfrau, Erstes Oktober-Heft 1925, S. 1 (anno)
Andreas Zenleser: "Liebe Oma" 2005 [Tiroler Tageszeitung] (gedichte-oase.de)


Beispiele für falsche Zuschreibungen an G.E. Lessing:
Reinhold Popp in: "Lebensqualität im Alter: Therapie und Prophylaxe von Altersleiden" Herausgeber: Rudolf Likar, Günther Bernatzky, Wolfgang Pipam, Herbert Janig, Anton Sadjak, Springer, Berlin: (2005) 2. Auflage 2017, S. 35  (Link)
Klaus Pünder: "Sprüche, Essays." Books on Demand, Amberg: 2011, S. 40  (books.google.at)
Usinger Anzeiger, 5. Februar 2008, Lokales (genios.de)
Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, 179. Sitzung, Plenarprotokoll vom 11. Mai 2012, S. 21372 (Link)
Wolfram Pirchner: "Keine Panik vor dem Alter(n)" Amalthea, Wien: 2018 ebook (books.google.) 
Artikel in Arbeit.
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Dank:
Ich danke Andreas Zenleser für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.


"Über das Leben der meisten Menschen läßt sich nur sagen, daß sie sehr, sehr lange nicht gestorben sind.“ Karl Kraus (angeblich)

Dieser Satz wird seit über 20 Jahren in einigen Zitatlexika Karl Kraus zugeschrieben, ist aber in seinen Schriften nicht zu finden.

Wie der Germanist Andreas Weigel mitgeteilt hat, stammt das Zitat aus Hans Wollschlägers 1982 erschienenem Roman "Herzgewächse oder Der Fall Adams", auf Seite 59.

Die falsche Zuschreibung von Hans Wollschlägers Satz wurde noch zu seinen Lebzeiten im Jahr 2001 begonnen und war auch in einem seiner Nachrufe am 21. Mai 2007 zu lesen: 

  • "Denn Hans Wollschläger zählt gewiss nicht zu den Meisten, so wie er Karl Kraus in »Herzgewächse« zitiert: »und über das Leben der Meisten wäre auch nach dem spätesten Ende nichts weiter auszusagen, als daß sie sehr lange nicht gestorben sind.«" 
    "Hans Wollschläger ist tot" 
    (Link)

Das Kuckuckszitat ist wahrscheinlich deswegen entstanden, weil kurz vor diesem Satz Wollschlägers in seinem Roman 'Herzgewächse'  der Aphorismus "Man lebt nicht einmal einmal" von Karl Kraus zitiert wurde.

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Quellen:

Hans Wollschläger: "Herzgewächse oder Der Fall Adams. Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern", Erstes Buch, Haffmans Verlag, Zürich: 1982, S. 59

Karl Kraus: "Die Fackel" Nr. 198, 12. März 1906, S. 3 (Link)

Johannes Thiele: "Das österreichische Zitatenlexikon." Styria, Graz: 2001, S. 200 (Link)
Karl Weidinger: "Kaweis Werbegang. Die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs", Band 1. Uhudla Edition, Wien: 2003 (Link) [Zitiert nach Andreas Weigel]
"Hans Wollschläger ist tot" 21. Mai 2007 (literaturcafe.de)

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Dank:
Ich danke Andreas Weigel für die Aufdeckung des Kuckuckszitats.