Sonntag, 19. Juni 2022

"Arbeit adelt."

Hedwig Courths-Mahler: "Arbeit adelt", Titania Verlag, Stuttgart: 1950 (Erstausgabe: 1921).
Die sprichwörtliche Redensart "Arbeit adelt" im Sinn von "Arbeit macht vornehm" war als Gegensatz zur Einstellung "Arbeit schändet" schon weit verbreitet, bevor sie im Nationalsozialismus zu einem  Slogan für den "Reichsarbeitsdienst" verkommen ist.

Arbeit wurde lange als Strafe für den Ungehorsam im Paradies gesehen ("Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", 1. Mos. 3,19), und zum Adel  gehörte jene Gruppe von Menschen, die andere für sich arbeiten ließ und nur miltärische Pflichten kannte.

Adel wurde zu einem Synonym für Vornehmheit und die Wertschätzung der Arbeit hat sich bekanntlich im Laufe der Geschichte auch verändert, wahrscheinlich schon im Mittelalter, sicher jedoch in der Entwicklung der protestantischen Ethik vor allem in England und Amerika.

Arbeit war nicht nur mehr Notwenigkeit für Arme, Sklaven und Bauern, sondern wurde als ein Weg zum persönlichen Glück empfohlen.

 In dem tausendfach zitierten Herr-und-Knecht-Kapitel aus Hegels Phänomenologie des Geistes kann man das Märchen herauslesen, dass am Ende der Knecht durch seine Arbeit, die ihm selbst noch mehr als seinem Herrn nützt, der Gewinner im Herr/Knecht-Kampf sein wird.

Die Verherrlichung der Arbeit führte dann im 19. Jahrhundert so weit, dass in einer Geschichte um eine Märchenprinzessin, nicht mehr große Tapferkeit oder Schlauheit für den Brautwerber ausschlagend sind, sondern fleißige Arbeit allein auszureichen scheint, um die begehrte Frau zu beeindrucken.

So erzählt es wenigsten Detlef von Liliencron in seiner Komödie mit dem Titel "Arbeit adelt", als ein deutscher Arbeitsloser bei einem reichen Amerikaner in New York sich als Reitknecht anstellen lässt und durch fleißige Arbeit das Vertrauen von Vater und Tochter gewinnt.

Am Ende der Komödie erfährt die Tochter, dass der Bräutigam sich nicht nur durch die Arbeit als Reitknecht selbst geadelt hat, sondern schon als deutscher Adeliger geboren wurde und inkognito nach Amerika gereist ist.

 

Kurze Geschichte der Redensart "Arbeit adelt":

Zusammengestellt mit Hilfe von Bernd-Christoph Kämper:
 
 
Die Wendung "Arbeit adelt" taucht bei einer chronologischen Durchsuchung der digitalisierten Bücher das erste Mal im Jahr 1740 in der Bedeutung "jemandes Arbeit loben" oder "ehren"  auf:
 
1740
  •  "Denn da des Pöbels Mund nur blos die Arbeit adelt, / die seinen Beutel füllt [...]"
 
Herrn Christoph Dietrichs von Böhlau Poetische Jugend-Früchte. [1740], S. 406 (Link)
 
Auch 1825 kommt die Wendung noch in der Bedeutung "jemandes Arbeit ehren" vor: 

1825
  • "Was aber Herrn Meisl's Arbeit am meisten adelt ist der edle Gebrauch, welches er von diesem Geistesproducte macht."
    Der Wanderer Nro. 37, 6. Februar 1825, S. [3] (Link)
1830
  • "Seidenwurm in einem Gehäuse: seine Arbeit adelt sein Gefängnis" (Link)
Hier wird "Arbeit adelt" in der Bedeutung "veredelt" verwendet.
 
10 Jahre später erhebt der deutsche politische Aktivist und Publizist Jacob Venedey, der sich im Pariser Exil später mit Heinrich Heine zerstritt und von Heinrich Heine in witzigen Polemiken übel zugerichtet wurde, in einem Artikel über französische und deutsche Sprichwörter die Arbeitenden selbst in den Adelsstand:
 
 1840
  • "Aber wie Fleiß des Glückes Vater ist, so ist 'Arbeit des Ruhmes Mutter.' Ruhmvoll, ehrenvoll, geadelt erscheint der im groben Kittel, in zerrissenem Wamms, im Schweiße seines Angesichts sein Brod verdienende Arbeiter vor dem Gesetzgeber des deutschen Sprüchwortes; und so zu Ehren gekommen, darf er stolz um sich sehen und namenlos sich den Stolzesten der Erde keck gegenüber stellen, denn der Schweiß seines Angesichts ist sein adlig Blut".

    Jacob Venedey: "Die Deutschen und die Franzosen in ihren Spüchwörtern", Morgenblatt für gebildete Stände (Link)
Nicht nur der einzelne deutsche Arbeiter, das ganze deutsche Volk, das fleißigste der Welt, sei durch Arbeit geadelt. In keiner anderen Sprache gäbe es so viele Sprichwörter gegen den Müßiggang, gegen die Faulheit und für den Fleiß.

 
1843
  • "Jene Kreise haben vom freien Amerika gelesen, wo keine Arbeit schändet, kein Stand deswegen verachtet wird, dass er die Nadel, die Pfrieme, den Pflug führt [...]"
    Neue Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung  (Link)
 1847
  • "In den Städten betrieben die freien Deutschen die Gewerbe, auf dem Land die untergebenen Bauern den Ackerbau. Die Arbeit edelt den Menschen, stellt ihn Gott näher, lehrt ihn schaffen, wie Gott schafft. Aber das Nichtsthun adelt."
    Jacob Venedey: "Vierzehn Tage Heimathluft"  (Link)

  1858

  • "Jedenfalls ist der deutsche Arbeiter zu gut für Brasilien, wo  [...]  'Arbeit das Symbol des Sclaven', Unthätigkeit und Wohlleben das Merkmal des Freien ist und 'Arbeit schändet!' "

    "Brasilianische Menschenjagd in Deutschland" (Link)

1862

 Der Roman "Arbetet adlar mannen" (1859) der schwedischen Autorin Marie Sophie Schwartz erschien 1862 mit dem Titel "Die Arbeit adelt. Ein Bild aus der Wirklichkeit" (Erster Theil) in der Übersetzung von August Kretzschmar.

In diesem Roman nimmt sich ein verleumdeter Mann vor, durch ehrliche Arbeit die Achtung seiner Mitmenschen zurückzugewinnen (Link).

1864 

erschien dieser Roman "Arbetet adlar mannen" von Marie Sophie Schwartz unter dem Titel "Arbeit adelt den Mann" in der deutschen Übersetzung von C. Büchele (Link).

1864

  • "(Arbeit schändet, betteln nicht.) Der Vicomte de Terves wurde kürzlich wegen Bettelei in Sens verhaftet. Vor dem Zuchtpolizeigerichte führte er zu seiner Vertheidigung an, 'die Achtung vor seinem adeligen Wappen verbiete ihm, sein Brot mit der Arbeit seiner Hände zu verdienen.' "

    Klagenfurter Zeitung   (Link)

1867

 In  Karl Friedrich Wilhelm Wanders fünfbändigem Standarwerk "Deutsches Sprichwörter-Lexikon", das ab 1867 erschienen ist, findet man hunderte Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten zu den Begriffen Arbeit, Faulheit oder Müßiggang, aber die Wendung "Arbeit adelt" fehlt, wobei Anspielungen wie "Faulheit adelt nicht" oder "Faulheit und Schlafen machen keine Grafen" (Link) aufgenommen wurden.

1885

  • "Jeder fleißige Arbeiter, und wenn er auch die allergeringste Arbeit verrichtet, ist in Wahrheit ein Edelmann; denn ehrliche Arbeit adelt den Menschen."

    Henry Liebhart: "Im Jugendkreis."  (Link)

1887

erschien Detlef von Liliencrons kurze Komödie "Arbeit adelt" und bald galt die Redensart auch schon in Amerika als altés deutsches Motto:

1909 

  • "An old German Motto runs 'Arbeit edelt' — Work ennobles. We all need to recall this fact at times."
    A.W. Ferris: "Standards in Nursing the Insane" (Link)

1914

  • "Daß 'Arbeit edelt', wird nicht nur von denen, die bloß den irdischen Genüssen leben, nicht geglaubt, selbst jener Teil der Menschheit, welcher von der Arbeit lebt, bestreitet, verleugnet diese alte, goldene Lebensregel."
    Anton Hövényes, Eos 1914, S. 61 (Link)

In dem Roman mit dem Titel "Arbeit adelt" von Hedwig Courths-Mahler musste ein Freiherr Austräger einer Wäscherin werden. Da ihm diese niedere Arbeit peinllich war, erklärte ihm die Wäscherin, auch durch Arbeit würde er geadelt:

1921

  • "Dann sagte sie mit fester Stimme: 'Arbeit ist keine Schande – ehrliche Arbeit adelt jeden Menschen, wer er auch sei.' Ich habe mir dieses Wort damals fest eingeprägt und danach gehandelt." 
    Hedwig Courths-Mahler: "Arbeit adelt", spätere Auflagen mit dem Titel: "Die Tochter der Wäscherin" (Link)

1923

  • "Wir schmeicheln ihnen also [...] Wir sagen ihnen, dass ehrliche Arbeit adelt und etwas Großartiges ist – was nicht stimmt: sie ist nur langweilig und wirkt verblödend."
    Aldous Huxley: Narrenreigen. Roman
    (Link)

  • "'We flatter them,' went on Mr. Boldero. 'We say that honest work is glorious and ennobling ⁠— which it isn’t; it’s merely dull and cretinizing. And then we go on to suggest that it would be finer still, more ennobling, because less uncomfortable, if they wore Gumbril’s Patent Small-Clothes. You see the line?'"
    Aldous Huxley: "Antic Hay" (Link)

Aldous Huxley hat in seinem Roman "Antic Hay" den Spruch "Arbeit adelt" als kapitalistische Propagandalüge präsentiert, während in Deutschland der Spruch zum Wahlspruch des 1923 gegründeten Artamanenbundes geworden ist, in dem viele prominente spätere Schreibtischmassenmörder mit Heinrich Himmler ihre Karriere begannen (Link).

1926

  • " 'Arbeit adelt', das ist der Wahlspruch der Artamanen, nicht geboren aus einem platten amerikanischen Geschäftigkeitssinn, sondern aus einem tiefen, deutschen Gefühl, das im Werte der menschlichen Tätigkeit und nicht im Nutzen das Wesentliche sieht. [..] neue Aristokratie [..] "
    "Der Jungdeutsche" (Tageszeitung des Jungdeutschen Ordens) 26. August 1926  (Link)

Das Erziehungsideal der Nationalsozialisten war bekanntlich, die Jugendlichen durch Sport, Arbeitsdienst und militärischen Drill so lange zu schleifen, bis ihnen die Lust auf  Freiheit vergangen ist und sie die Losung "Du bist nichts, dein Volk ist alles" verinnerlicht haben. 

Der Spruch "Arbeit adelt" sollte helfen, diesen "neuen Menschen", den gehorsamen Nationalsozialisten ohne eigenen Willen, zu erziehen.

1933

"Arbeit adelt"-Postkarte zum 1. Mai 1933 (ma-shops.de).
 
Die sprichwörtliche Redensart "Arbeit adelt" ist anscheinend spätestens 1840 aus verschiedenen Sprichwörtern entstanden und war schon um 1900 als "altes deutsches Motto" weit verbreitet, bevor dieses Motto ein verlogenes Propagandawort wurde.
 
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Quellen:
Benno Herzog: "Was ist Arbeit? Kulturelle, politische und ökonomische Unterschiede eines gesellschaftlichen Schlüsselbegriffes", in:  Stefanie Holuba (Hrsg.): "Was hat Arbeit mit Leben zu tun?" Reihe: Texte / Rosa-Luxemburg-Stiftung; Bd. 60, Karl Dietz Verlag, Berlin: 2009, S. 23-37;  28ff.
Herrn Christoph Dietrichs von Böhlau Poetische Jugend-Früchte. Bey verschiedenen Gelegenheiten gesammlet von Daniel Wilhelm Triller und Johann Wilhelm Fabarius. Verlegt von M. Hagens sel. Wittwe und Georg Otto, Coburg und Leipzig: [1740]. S. 406 (Link)
Der Wanderer Nro. 37, 6. Februar 1825, S. [3] (Link) 
Jacob Venedey: "Die Deutschen und die Franzosen in ihren Spüchwörtern", Morgenblatt für gebildete Stände, Nr. 37, 12. Februar 1840, S. 146f. (Link), auch in: Jacob Venedey: "Die Deutschen und Franzosen nach dem Geiste ihrer Sprachen und Spüchwörter." Akademische Verlagshandlung von G. F. Winter, Heidelberg: 1842, S. 74f. (Link)
Neue Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung, 5. Juli 1843, S. 647 (Link)
Jacob Venedey: "Vierzehn Tage Heimathluft" Verlag von Wilhelm Jurany, Leipzig: 1847, S. 287 (Link)  
"Brasilianische Menschenjagd in Deutschland", Illustrirte Zeitung Nr. 775,  Leipzig, 8. Mai 1858, S. 298 (Link) 
Marie Sophie Schwartz: "Die Arbeit adelt. Ein Bild aus der Wirklichkeit" (Erster Theil) Übersetzung von August Kretzschmar. Brockhaus, Leipzig: 1862
Klagenfurter Zeitung Nr. 248, 29. Oktober 1864, S. 994 (Link)
Marie Sophie Schwartz: "Arbeit adelt den Mann". Übersetzung: C. Büchele, 1864 [zitiert nach Wikipedia (Link)]  
Karl Friedrich Wilhelm Wander: "Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk." Erster Band - A bis Gothen, F. A. Brockaus, Leipzig: 1867, S. 115-122 (Link)
Henry Liebhart: "Im Jugendkreis." Material für 150 Ansprachen und Predigten vor Jugendlichen Zuhörern. Granston u. Stowe, Chicago, Phillips u. Hunt, New York: 1885, S. 442 (Link)
Detlev von Liliencron: "Arbeit adelt." Genrebild in zwei Akten. Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig: 1887 (Link)
 A.W. Ferris: "Standards in Nursing the Insane",  The American Journal of Nursing Vol. 9, No. 8, May, 1909, S. 554-558; 556 (Link) 
Anton Hövényes, Eos 1914, S. 61 (Link) 
 Hedwig Courths-Mahler: "Arbeit adelt" (1921) Titania Verlag, Stuttgart: 1950, spätere Auflagen mit dem Titel: "Die Tochter der Wäscherin" (Link)
 Aldous Huxley: "Antic Hay" George H. Doran Company, New York: 1923, S. 168  "Der Jungdeutsche" (Tageszeitung des Jungdeutschen Ordens) 26. August 1926  (Link)
 
Artikel in Arbeit.
 
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Dank:
Ich danke Florian Wenninger für seine Frage nach diesem Zitat sowie besonders Bernd-Christoph Kämper für seine Recherchen. Dank auch an die Autor:innen des Wikipedia-Artikels sowie an @waundme und allen, die recherchierten: twitter.com/F_Wenninger (Thread).
 
 
 
 
 
 




Sonntag, 12. Juni 2022

"Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorn herein ausgeschlossen erscheint." Albert Einstein (angeblich)

Pseudo-Albert-Einstein-Zitat.
Dieses Kuckuckszitat schreibt die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot seit 10 Jahren in veränderten Versionen dem Physiker Albert Einstein zu, es ist aber weder so noch so ähnlich in Albert Einsteins digitalisierten Schriften und in relevanten Nachschlagwerken zu finden.

Kurze Geschichte dieses Pseudo-Albert-Einstein-Zitats:


40 Jahre nach Albert Einsteins Tod ist dieses Kuckuckszitat im Jahr 1996 auf Deutsch  aufgekommen, auf Englisch anscheinend erst ein Jahrzehnt später.

Bei der ersten Erwähnung des Zitats in einem Printmedium war sich der Autor noch nicht so sicher, ob das Zitat wirklich von Albert Einstein stammt.

1996
  • "Von Einstein soll der Satz stammen: Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, daß ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint."

    Ralf-Dieter Brunowsky: "Brauchen wir das Internet?" Capital Nr. 12, 1996, S. 302 (genios.de)
In den folgenden Jahren wurde dieser Aphorismus laut der Zeitungssuchmaschine genios.de ein Dutzend Mal in verschiedenen Zeitungen zitiert und schließlich im Jahr 2009 in eine Zitatesammlung für Manager aufgenommen, was die Verbreitung des Falschzitats wahrscheinlich beschleunigt hat.

Auch auf Twitter ist das falsches Einstein-Zitat seit 2009 beliebt:

2009
  • "'Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint.' Albert Einstein" Twitter
Im Jahr 2012 hat die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot das Pseudo-Einstein-Zitat etwas umformuliert erstmals publiziert:

2012
  • "Die Europäische Kommission denkt derzeit über eine europäische Arbeitslosenversicherung nach. 'Unmöglich', ruft es aus dem Wald. Und wieder gilt, um mit Einstein zu sprechen: Keine Idee ist eine gute, die nicht von Anfang an als unmöglich erscheint."
    Ulrike Guérot: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.12.2012, Nr. 49, S. 41
Vier Jahre später hat Ulrike Guérot das falsche Albert-Einstein-Zitat noch einmal verändert:

2016
  • "'Keine Idee ist eine gute, die nicht am Anfang als völlig illusorisch erschien.' Albert Einstein"

    Ulrike Guérot: "Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie"
2016
  • "'Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorn herein ausgeschlossen erscheint. 'Albert Einstein #Innovation" Twitter

2022
  • "Die #Mondaymotivation kommt diesmal von Albert Einstein: 'Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen erscheint.'" Twitter
Auf Englisch ist dieses falsche Albert-Einstein-Zitat viel weniger verbreitet als auf Deutsch. 
Pseudo-Albert-Einstein-Zitat.

  • "You can recognize a really good idea by the fact that its implementation seems impossible in the first place."
    wikiquote  Albert_Einstein, Rubrik: "Misattributed"

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Quellen:

The Collected Papers of Albert Einstein (https://einsteinpapers.press.princeton.edu/)
Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011 [Ohne Erwähnung des Zitats.]
Alice Calaprice: "Einstein sagt: Zitate, Einfälle, Gedanken", Vorwort von Freeman Dyson; übersetzt von Anita Ehlers, Piper Verlag, München / Berlin: 2015 [Ohne Erwähnung des Zitats.]
wikiquote.org:   "Google shows that the internet often attributes this statement to Einstein, but never with a source. It does not occur in any book in Google Books."

Beispiele für falsche Zuschreibungen:

Ralf-Dieter Brunowsky: "Brauchen wir das Internet?" Capital Nr. 12, 1996, S. 302 (genios.de)
Ralf Steffler: "Am Anfang war das Bit Die neue Bibel der modernen Physik". BoD, Frankfurt am Main: 2003, S. 350 (Link)
Monika Mörtenhummer, Harald Mörtenhummer: "Zitate im Management: Das Beste von Top-Performern und Genies aus 2000 Jahren Weltwirtschaft." 2. Auflage, Linde, Wien: 2009, Ebook (books.google)
Ulrike Guérot: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.12.2012, Nr. 49, S. 41
Ulrike Guérot: "Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie",  Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn: 2016, S. [folgt]
brandeins.de 2016, Thema: Innovation



Artikel in Arbeit.

Samstag, 11. Juni 2022

"Nation ist institutionalisierte Solidarität." Marcel Mauss (laut Ulrike Guérot)

Dieses angebliche Zitat des im Jahr 1950 verstorbenen französischen Soziologen Marcel Mauss wurde ihm von der deutschen Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot untergeschoben und ist in seinen Schriften weder auf Französisch, Englisch oder Deutsch zu finden.

Kompetente Kolleginnen und Kollegen haben so wie ich vergeblich nach diesem Zitat gesucht und Ulrike Guérot ist der Bitte um eine Quellenangabe bislang nicht nachgekommen, offenbar, weil es keinen Beleg für dieses Zitat gibt.

Marcel Mauss hoffte auf eine Entwicklung der Nationen zu mehr Solidarität und schlug mehrere Definitionen für den Begriff der Nation vor, einen Begriff, der sich laut Max Weber jeder soziologischen Definition entzieht.

Marcel Mauss über eine "vollständige Nation":
  • "Insgesamt ist eine vollständige Nation eine hinreichend integrierte, mit einer bis zu einem gewissen Grade demokratischen Zentralmacht versehene Gesellschaft, die auf jeden Fall über die Vorstellung von nationaler Souveränität verfügt und deren Grenzen in der Regel durch eine Rasse, eine Zivilisation, eine Sprache, eine Moral, mit einem Wort durch einen Nationalcharakter gesetzt sind. " [1] (books.google)
  • "En somme, une nation complète est une société intégrée suffisamment, à pouvoir central démocratique à quelque degré, ayant en tout cas la notion de souveraineté nationale et dont, en général, les frontières sont celles d’une race, d’une civilisation, d’une langue, d’une morale, en un mot d’un caractère national". [2] (books.google)

 Es stimmt einfach nicht, dass Marcel Mauss "Nation als 'institutionalisierte Solidarität'" "definiert", wie Ulrike Guérot wiederholt behauptet hat. 
  • Ulrike Guérot: "Der großartige Marcel Mauss in 'Die Nation oder der Sinn für das Soziale': Nation ist institutionalisierte (sic!) Solidarität..." (Twitter)

Der Terminus "institutionalisierte Solidarität" wird seit Jahrzehnten in der soziologischen Literatur meistens auf Gewerkschaften oder den Sozialstaat bezogen und kommt in dem Buch "Die Nation oder der Sinn für das Soziale" weder in dem Text von Marcel Mauss noch im Vorwort von Axel Honneth oder in der Einführung der Herausgeber vor.

Entwicklung der falschen Zuschreibungen durch Ulrike Guérot und andere. Vier Beispiele:


A) 
Die falsche Zuschreibung des Zitats begann 2018 ohne Anführungszeichen, aber mit der falschen Behauptung, Marcel Mauss habe den Satz in seinem posthum erschienenen Fragment mit dem Titel 'Die Nation oder der Sinn für das Soziale' geschrieben:

  • "Im Sinne des französischen Soziologen Marcel Mauss ist letztliche eine Nation nichts anderes als institutionalisierte Solidarität, wie er in 'Die Nation oder der Sinn für das Soziale' schreibt (vgl.  Mauss [1934] 2017: 32 ff.) "[.] (Link)  [3]
Die Belegangabe 'Mauss: 32 ff.' verweist nicht auf einen Text von Marcel Mauss, sondern auf die Einführung der Herausgeber des Buchs 'Die Nation oder der Sinn für das Soziale'  (books.google.). Die Formel "institutionalisierte Solidarität" steht allerdings auch nicht im Vorwort oder in der Einführung.


B)
 In diesem Text 
setzte  Ulrike Guérot die Formel "institutionalisierte Solidarität" plötzlich unter Anführungszeichen und der angebliche Beleg verweist wieder auf die Einführung der Herausgeber (books.google.) und nicht auf einen Text von Marcel Mauss, der in diesem posthum herausgegebenen Buch erst auf Seite 55 beginnt.
  • "Im Sinne des französischen Soziologen Marcel Mauss ist letztliche eine Nation nichts anderes als ‚institutionalisierte Solidarität‘ einer Gruppe von Individuen, die sich ihrer wechselseitigen ökonomischen und sozialen Abhängigkeit bewusst wird (Mauss [1934] 2017: 32 ff.) " [4]

C)
Ein Jahr später steht das angebliche Zitat bei Guérot vollständig unter Anführungszeichen:
  • "Mit Mauss haben wir begonnen, mit Marcel Mauss wollen wir enden: 'Nation ist institutionalisierte Solidarität'".  (donau-uni.ac.at) [5]
D)
 Inzwischen wird das Kuckuckszitat auch von anderen Personen verbreitet, zum Beispiel auch in einem soziologischen Fachbuch:
  • "Marcel Mauss (2017) sieht die Nation als institutionalisierte Solidarität." (Link) [6]


Wem die Bezeichnung eines Sozialstaats als institutionalisierte Solidarität[7] einleuchtet, für den ist die Definition einer Nation als "institutionalisierte Solidarität" nur ein Wortgeklingel.





Artikel in Arbeit


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Quellen:

[1] Marcel Mauss: "Die Nation oder der Sinn fürs Soziale."  Herausgegeben und mit einer Einführung von Marcel Fournier und Jean Terrier, übersetzt von Christine Pries,Vorwort von Axel Honneth, Reihe: Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie, 25, Campus, Frankfurt / New York: 2017, S. 108 (Link)
[2] Marcel Mauss: "La nation", édité et présenté par Marcel Fournier et Jean Terrier, PUF, Paris: 2013 ebook (books.google) [Erste vollständige Ausgabe des 1920 begonnenen Fragments.]
[3] Ulrike Guérot: "Ein radikaler Nachtrag für ein weltoffenes Europa" in: Jahrbuch für Kulturpolitik 2017/18, Band 16, Thema: "Welt. Kultur. Politik. - Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung", herausgegeben von Ulrike Blumenreich, Sabine Dengel, Wolfgang Hippe und Norbert Sievers, transcript Verlag, Bielefeld: 2018 S. 51-62; S. 55 (Link)
[4] Ulrike Guérot: "Kann es ein demokratisches Europa geben und wenn ja, wie?" In:  Forschungsjournal Soziale Bewegungen Nr. 1-2 vom 26. Juni 2018, S. 330-337; S. 332 (genios.de)
[5] Ulrike Guérot: "Frankfurter Lieux de Mémoires und europäische Horizonte: ein Kompass für Europa." Stadtöffentlicher Vortrag, Alfred Grosser Gastprofessur Goethe-Universität Frankfurt, in: Discussion Papers Nr. 4, Donau-Universität Krems, Februar 2019, S. 23  (donau-uni.ac.at)
Ulrike Guérot: (Twitter);  (Twitter)
[6] Nico Tackner: "Regionale Nationalismen als kollektives Kosten-Nutzenkalkül: Einflussfaktoren auf den Wahlerfolg regionalistischer Parteien in West-Europa" In: "Ökonomischer Nationalismus: Soziologische Analysen wirtschaftlicher Ordnungen", herausgegeben von Klaus Kraemer und Sascha Münnich, Campus, Frankfurt am Main: 2021, 191-220,  Anmerkung 13, S.  202
 
[7] Hans Michael Heinig: "Der Sozialstaat im Dienst der Freiheit." Zur Formel vom „sozialen“ Staat in Art. 20 Abs. 1 GG.  Mohr Siebeck, Tübingen: 2008, S. 121 (Link)
Krieghofer: Twitter, 9. Juni 2022 (twitter.com)


Artikel in Arbeit.

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Dank:

Ich danke allen, die auch vergeblich auf Französisch oder Deutsch nach dem Ursprung dieses Kuckuckszitats gesucht haben: Martin Anton Müller, Ralf Bülow, Benjamin BartschNicole delle Karth, Ermoldus, Louis Berger, Bernd Kämper, Nicole Karafyllis u.a.