Donnerstag, 4. Mai 2017

"Als der Regenbogen verblasste, da kam der Albatros; und er trug mich mit sanften Schwingen weit über die sieben Weltmeere. Behutsam setzte er mich an den Rand des Lichtes. ...." Antoine de Saint-Exupéry (angeblich)

Dieses im 21. Jahrhundert entstandene Zitat anonymen Ursprungs wird - in unterschiedlichen Varianten - auf Webseiten für Trauerspüche manchmal irrtümlich Joseph von Eichendorff oder Antoine de Saint-Exupéry  zugeschrieben.

Die Verse sind vor dem 21. Jahrhundert in keinem digitalisierten Text zu finden, also auch nicht in einem Werk Joseph von Eichendorffs oder Antoine de Saint-Exupérys.

Ein Beispiel:

 

  • "Als der Regenbogen verblasste
    da kam der Albatros
    und er trug mich mit sanften Schwingen
    weit über die sieben Weltmeere.
    Behutsam setzte er mich an den Rand des Lichts.
    Ich trat hinein und fühlte mich geborgen.
    Ich habe euch nicht verlassen,
    ich bin euch nur ein Stück voraus."Irrtümlich "Antoine de Saint-Exupery: Der Kleine Prinz" zugeschrieben. (Link) 
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Quellen:
Ulrich Seelbach und Mitarbeiterinnen, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld, Bielefeld: 2009: "Trauersprüche"

Trauerspruch ohne Zuschreibung an einen Autor:
2005 med1.de/forum/abschied-und-trauer/trauersprueche-177248/

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Antoine de Saint-Exupéry:
2013  - pagewizz.com/trauerkarten (frühe falsche Zuschreibung).
 Bestattung Schwind: "Tröstende Worte"

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Dank:
Ich danke Ulrich Seelbach für seine aufschlussreiche Arbeit zu den modernen, manchmal falsch zugeschriebenen Trauersprüchen.

Letzte Änderung: 25/11 2019

"Über die heutige Jugend." Sokrates, Aristoteles und Keilschrifttext (angeblich)



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Dienstag, 2. Mai 2017

"Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Bertolt Brecht (angeblich)


Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat.
Dieser Slogan ist um 1974 von Atomkraftgegnern geprägt worden. Er fand in den Versionen: "Wo RECHT zu Unrecht, wird Widerstand zur Pflicht" sowie: "Wo UNRECHT zu Recht, wird Widerstand zur Pflicht", bald große Verbreitung.

Erst im 21. Jahrhundert wird der Slogan diversen berühmten Autoren, die alle mit diesem Zitat nichts zu tun hatten, unterschoben.

Varianten des Kuckuckszitats:

  • "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht."  Bertolt Brecht 
  • "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht."  Bertolt Brecht
  • "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Johann Wolfgang von Goethe
  • "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht."  Wladimir Iljitsch Lenin
  • "Wenn Recht Unrecht wird, wird Widerstand Pflicht."  Günther Nenning
  • "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber Verbrechen!"  Papst Leo XIII., 1891

Pseudo-Goethe-Zitat
Die ursprüngliche Autorin des Spruchs ist noch unbekannt; es könnte die damalige Führungsfigur der Grünen, Petra Kelly, gewesen sein.

Sie bezieht sich in einer Bundestagssrede einmal auf ein katholische  Widerstandspflicht, die Papst Leo XIII. in der Enzyklika "Sapientiae christianae", gefordert hat.


Petra Kelly (GRÜNE), 1983

  • "Wir berufen uns auch auf die Worte Papst Leo XIII. - ich zitiere -: 'Wenn aber die Staatsgesetze sich offen gegen das göttliche Recht auflehnen ... dann ist Widerstand Pflicht, Gehorsam aber Verbrechen.' ...."

    Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht,10. Wahlperiode, 13. Sitzung, 15. Juni 1983, S. 768 (archive.org)


Deutscher Bundestag, 15. Juni 1983, S.768 (archive.org)

Papst Leo XIII.: "Enzyklika Sapientiae christianae", 10. Januar 1890:


  • "10 Wenn aber die Gesetze des Staates mit dem göttlichen Recht in offenbarem Widerspruch stehen, wenn sie der Kirche Unrecht zufügen oder den religiösen Verpflichtungen widerstreiten oder die Autorität Jesu Christi in seinem Hohenpriester verletzen, dann ist Widerstand Pflicht und Gehorsam Frevel, und das selbst im Interesse des Staates, zu dessen Nachteil alles ausschlägt, was der Religion Abbruch tut. -

    Hieraus ergibt sich aber auch, mit welchem Unrecht diese Anschauung der Auflehnung beschuldigt wird, da man doch keiner staatlichen Obrigkeit und keinem Gesetzgeber den schuldigen Gehorsam verweigert, sondern nur jene Vorschriften unbeachtet lässt, zu deren Erlass es keine Gewalt gibt; denn da sie unter Verletzung des göttlichen Rechts erteilt wurden, sind sie ungerecht und eher alles andere als Gesetze."

    Papst Leo XIII.: "Enzyklika Sapientiae christianae", 10. Januar 1890 (Link)

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Schmariator
: Richtig heißt es "Wo Unbrecht zu Brecht wird, wird Zitatforschung zur Pflicht" (
) (Twitter)

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(Dieser Artikel ist noch in Bearbeitung.)
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Quellen:
Papst Leo XIII.: "Enzyklika Sapientiae christianae", 10. Januar 1890 (Link); bibliographische Angaben dazu: kathpedia.com
Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht,10. Wahlperiode, 13. Sitzung, 15. Juni 1983, S. 768 (archive.org) 
Worte gegen den Wind ... "Die Seite mit kritischer Lyrik und Satire"
Petra Kelly
Constantin von Dietze: "Volkswirtschaftspolitik", 1936 
Franz Klüber: "Katholische Gesellschaftslehre", 1968 
Der Sprachdienst, 1985: Vermutung, der Slogan sei 1974 bei Demonstrationen Gegen das AKW Whyl entstanden 
Wikiquote: "Dieser Satz wird seit Jahrzehnten Bertolt Brecht zugeschrieben - ist vielleicht sogar sein bekanntestes "Zitat"" - (Seit Jahrzehnten? Wirklich?)


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Ich danke Markus Pirchner für den Hinweis auf diese Pseudo-Brecht-Zitate und Ralf Bülow für seine Recherchen.

Letzte Änderung: 22/6 2020 

"Chanson ist Welttheater in drei Minuten." Kurt Tucholsky (angeblich)

Dieses Bonmot hat der Burgtheater-Schauspieler und Chansonnier Michael Heltau vor "langer Zeit" geprägt, wie er selbst am 25. Februar 2012 in einem Interview mit "Die Presse" sagt; das Zitat wurde ein paar Mal irrtümlich Kurt Tucholsky zugeschrieben.


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 Quelle: 
"Die Presse", 25. Februar 2012: Michael Heltau: "Der Zauber der Lappalien."
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate

"Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben." Kurt Tucholsky (angeblich)

Pseudo-Tucholsky quote.
Dieses weit verbreitete Sehnsuchts-Zitat stammt nicht von Kurt Tucholsky. Es ist eine Erfindung des 21. Jahrhunderts und  taucht um 2007 im Usenet  - anfangs noch ohne Zuschreibung an Kurt Tucholsky  - auf (Link); zwei  Jahre später wird es meines Wissens erstmals Kurt Tucholsky unterschoben (Link) und ist in den letzten Jahren wohl das beliebteste Tucholsky-Zitat der Tourismusindustrie geworden.


Friedhelm Greis, ein Kenner der Schriften Kurt Tucholskys, verspricht in seinem Tucholsky-Blog:
"Sollte jemand dieses Zitat in Tucholskys Werk entdecken, bekommt er zur Belohnung ein Weltbühne-Lesebuch zugeschickt!"


Varianten des Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitats:

  • "Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben."
  • "Reisen ist Sehnsucht nach dem Leben."
  • "Travelling is the longing for life."
  • "Travelling is the desire for life."
  • "Travel is the longing for life." 



Da das Zitat seit Jahren niemand in den Schriften Kurt Tucholskys entdeckt hat, ist es ein Falschzitat.
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Quellen:
Google: "Ungefähr 70 400 Ergebnisse"
Twitter
boro  19. Apr 2007: anonymes Zitat (Link)
Frühe Zuschreibung an Tucholsky: (Link)  
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate
Kurt Tucholsky Gesellschaft: Angebliche Tucholsky-Zitate (Link)

"Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg." George Bernard Shaw (angeblich)

Pseudo-Shaw quote

Dieses heute im deutschen Sprachraum überaus erfolgreiche Pseudo-George-Bernard-Shaw-Zitat gibt es seit zehn Jahren auf Deutsch, und seit vier Jahren auch auf  Englisch. Das Zitat ist eine Erfindung des 21. Jahrhunderts, das in keinem seriösen Zitate-Lexikon oder einem digitalisierten Werk von Shaw zu finden ist. Es ist also ein typisches Falschzitat des 21. Jahrhunderts, ohne jede Beziehung zu einem Werk George Bernard Shaws. -
Der Autor des - auch auf vielen Firmen-Webseiten beliebten - Zitats ist unbekannt.

Google-Suche, Deutsch: mehr als 4000 Ergebnisse
Google-Suche, Englisch: knapp 200 Ergebnisse

Varianten:
  • "Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg."
  • "Tradition is a Lantern. The foolish hold on to it, the clever allow it to lead the way. 
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Quellen:
G.B. Shaw fälschlich  zugeschrieben,
zum Beispiel hier:
ZITATE Online.de
oder hier:
Zitate-online.net

Sonntag, 30. April 2017

"Anti-Semitism is the socialism of fools." August Bebel (angeblich)

Pseudo-August-Bebel quote.
This adage was coined by the Austrian liberal politician Ferdinand Kronawetter on 23 April 1889  in Vienna -, and not by the leading figure of the German social democratic movement August Bebel, who attributed it to Ferdinand Kronawetter in an interview with the Austrian writer Hermann Bahr (Link).

 Ferdinand Kronawetter, 1889:
  • "Als Verräther, als Juden und Judenknecht werden wir Demokraten bezeichnet. Das sind wir nicht, aber wir sind auch keine Stiefelputzer der Liechtenstein, wir sind keine Pfaffenknechte, keine Heuchler, welche als Demokraten den telegraphischen Segen des Papstes kniend und augendrehend in Empfang nehmen. (Stürmischer Beifall) Der Antisemitismus ist nichts als der Socialismus des dummen Kerls von Wien (schallende Heiterkeit), denn welcher vernünftige Mensch kann glauben, daß die Zukunft besser wird, wenn man das Volk in das finstere Mittelalter zurückführt?"
    ("Antisemitism is nothing but the socialism of the fool of Vienna.")
    Ferdinand Kronawetter, bei der Generalversammlung des Margaretner Wählervereins, in den "Drei Engel"-Sälen, am 23. April 1889, Neue Freie Presse, 24. April 1889 (Link)

Varianten:
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls von Wien."
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle."
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen  Mannes."
  • "Der Antisemitismus ... ist ... der  Sozialismus der Dummen." 
  • "Antisemitism is nothing but the socialism of the fool of Vienna."
  • "Anti-Semitism is the socialism of fools."
  • "Anti-Semitism is the socialism of imbeciles."
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Anmerkung:
"Der dumme Kerl von Wien" war seit den 1860er Jahren ein Typus und eine satirische Figur in humoristischen Zeitschriften (Google Books); auch in der antisemitischen Satire-Zeitschrift "Kikeriki".
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Quellen:
Neue Freie Presse, 24. April 1889, p. 18 (Link)
August Bebel about Kronawetter's "Anti-Semitism is the socialism of fools" in:
Hermann Bahr: Der Antisemitismus. Ein internationales Interview. S. Fischer Verlag, Berlin: 1894, p. 21 (Link)
 

Wikiquote 
Google Books