Donnerstag, 4. Mai 2017

"Über die heutige Jugend." Sokrates, Aristoteles und Keilschrifttext (angeblich)



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Dienstag, 2. Mai 2017

"Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Bertolt Brecht (angeblich)


Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat.
Dieser Slogan ist um 1974 von Atomkraftgegnern geprägt worden. Er fand in den Versionen: "Wo RECHT zu Unrecht, wird Widerstand zur Pflicht" sowie: "Wo UNRECHT zu Recht, wird Widerstand zur Pflicht", bald große Verbreitung.

Erst im 21. Jahrhundert wird der Slogan diversen berühmten Autoren, die alle mit diesem Zitat nichts zu tun hatten, unterschoben.

Varianten des Kuckuckszitats:

  • "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht."  Bertolt Brecht 
  • "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht."  Bertolt Brecht
  • "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Johann Wolfgang von Goethe
  • "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht."  Wladimir Iljitsch Lenin
  • "Wenn Recht Unrecht wird, wird Widerstand Pflicht."  Günther Nenning
  • "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber Verbrechen!"  Papst Leo XIII., 1891

Pseudo-Goethe-Zitat
Die ursprüngliche Autorin des Spruchs ist noch unbekannt; es könnte die damalige Führungsfigur der Grünen, Petra Kelly, gewesen sein.

Sie bezieht sich in einer Bundestagssrede einmal auf ein katholische  Widerstandspflicht, die Papst Leo XIII. in der Enzyklika "Sapientiae christianae", gefordert hat.


Petra Kelly (GRÜNE), 1983

  • "Wir berufen uns auch auf die Worte Papst Leo XIII. - ich zitiere -: 'Wenn aber die Staatsgesetze sich offen gegen das göttliche Recht auflehnen ... dann ist Widerstand Pflicht, Gehorsam aber Verbrechen.' ...."

    Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht,10. Wahlperiode, 13. Sitzung, 15. Juni 1983, S. 768 (archive.org)


Deutscher Bundestag, 15. Juni 1983, S.768 (archive.org)

Papst Leo XIII.: "Enzyklika Sapientiae christianae", 10. Januar 1890:


  • "10 Wenn aber die Gesetze des Staates mit dem göttlichen Recht in offenbarem Widerspruch stehen, wenn sie der Kirche Unrecht zufügen oder den religiösen Verpflichtungen widerstreiten oder die Autorität Jesu Christi in seinem Hohenpriester verletzen, dann ist Widerstand Pflicht und Gehorsam Frevel, und das selbst im Interesse des Staates, zu dessen Nachteil alles ausschlägt, was der Religion Abbruch tut. -

    Hieraus ergibt sich aber auch, mit welchem Unrecht diese Anschauung der Auflehnung beschuldigt wird, da man doch keiner staatlichen Obrigkeit und keinem Gesetzgeber den schuldigen Gehorsam verweigert, sondern nur jene Vorschriften unbeachtet lässt, zu deren Erlass es keine Gewalt gibt; denn da sie unter Verletzung des göttlichen Rechts erteilt wurden, sind sie ungerecht und eher alles andere als Gesetze."

    Papst Leo XIII.: "Enzyklika Sapientiae christianae", 10. Januar 1890 (Link)

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Schmariator
: Richtig heißt es "Wo Unbrecht zu Brecht wird, wird Zitatforschung zur Pflicht" (
) (Twitter)

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(Dieser Artikel ist noch in Bearbeitung.)
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Quellen:
Papst Leo XIII.: "Enzyklika Sapientiae christianae", 10. Januar 1890 (Link); bibliographische Angaben dazu: kathpedia.com
Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht,10. Wahlperiode, 13. Sitzung, 15. Juni 1983, S. 768 (archive.org) 
Worte gegen den Wind ... "Die Seite mit kritischer Lyrik und Satire"
Petra Kelly
Constantin von Dietze: "Volkswirtschaftspolitik", 1936 
Franz Klüber: "Katholische Gesellschaftslehre", 1968 
Der Sprachdienst, 1985: Vermutung, der Slogan sei 1974 bei Demonstrationen Gegen das AKW Whyl entstanden 
Wikiquote: "Dieser Satz wird seit Jahrzehnten Bertolt Brecht zugeschrieben - ist vielleicht sogar sein bekanntestes "Zitat"" - (Seit Jahrzehnten? Wirklich?)


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Ich danke Markus Pirchner für den Hinweis auf diese Pseudo-Brecht-Zitate und Ralf Bülow für seine Recherchen.

Letzte Änderung: 22/6 2020 

"Chanson ist Welttheater in drei Minuten." Kurt Tucholsky (angeblich)

Dieses Bonmot hat der Burgtheater-Schauspieler und Chansonnier Michael Heltau vor "langer Zeit" geprägt, wie er selbst am 25. Februar 2012 in einem Interview mit "Die Presse" sagt; das Zitat wurde ein paar Mal irrtümlich Kurt Tucholsky zugeschrieben.


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 Quelle: 
"Die Presse", 25. Februar 2012: Michael Heltau: "Der Zauber der Lappalien."
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate

"Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben." Kurt Tucholsky (angeblich)

Pseudo-Tucholsky quote.
Dieses weit verbreitete Sehnsuchts-Zitat stammt nicht von Kurt Tucholsky. Es ist eine Erfindung des 21. Jahrhunderts und  taucht um 2007 im Usenet  - anfangs noch ohne Zuschreibung an Kurt Tucholsky  - auf (Link); zwei  Jahre später wird es meines Wissens erstmals Kurt Tucholsky unterschoben (Link) und ist in den letzten Jahren wohl das beliebteste Tucholsky-Zitat der Tourismusindustrie geworden.


Friedhelm Greis, ein Kenner der Schriften Kurt Tucholskys, verspricht in seinem Tucholsky-Blog:
"Sollte jemand dieses Zitat in Tucholskys Werk entdecken, bekommt er zur Belohnung ein Weltbühne-Lesebuch zugeschickt!"


Varianten des Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitats:

  • "Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben."
  • "Reisen ist Sehnsucht nach dem Leben."
  • "Travelling is the longing for life."
  • "Travelling is the desire for life."
  • "Travel is the longing for life." 



Da das Zitat seit Jahren niemand in den Schriften Kurt Tucholskys entdeckt hat, ist es ein Falschzitat.
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Quellen:
Google: "Ungefähr 70 400 Ergebnisse"
Twitter
boro  19. Apr 2007: anonymes Zitat (Link)
Frühe Zuschreibung an Tucholsky: (Link)  
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate
Kurt Tucholsky Gesellschaft: Angebliche Tucholsky-Zitate (Link)

"Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg." George Bernard Shaw (angeblich)

Pseudo-Shaw quote

Dieses heute im deutschen Sprachraum überaus erfolgreiche Pseudo-George-Bernard-Shaw-Zitat gibt es seit zehn Jahren auf Deutsch, und seit vier Jahren auch auf  Englisch. Das Zitat ist eine Erfindung des 21. Jahrhunderts, das in keinem seriösen Zitate-Lexikon oder einem digitalisierten Werk von Shaw zu finden ist. Es ist also ein typisches Falschzitat des 21. Jahrhunderts, ohne jede Beziehung zu einem Werk George Bernard Shaws. -
Der Autor des - auch auf vielen Firmen-Webseiten beliebten - Zitats ist unbekannt.

Google-Suche, Deutsch: mehr als 4000 Ergebnisse
Google-Suche, Englisch: knapp 200 Ergebnisse

Varianten:
  • "Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg."
  • "Tradition is a Lantern. The foolish hold on to it, the clever allow it to lead the way. 
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Quellen:
G.B. Shaw fälschlich  zugeschrieben,
zum Beispiel hier:
ZITATE Online.de
oder hier:
Zitate-online.net

Sonntag, 30. April 2017

"Anti-Semitism is the socialism of fools." August Bebel (angeblich)

Pseudo-August-Bebel quote.
This adage was coined by the Austrian liberal politician Ferdinand Kronawetter on 23 April 1889  in Vienna -, and not by the leading figure of the German social democratic movement August Bebel, who attributed it to Ferdinand Kronawetter in an interview with the Austrian writer Hermann Bahr (Link).

 Ferdinand Kronawetter, 1889:
  • "Als Verräther, als Juden und Judenknecht werden wir Demokraten bezeichnet. Das sind wir nicht, aber wir sind auch keine Stiefelputzer der Liechtenstein, wir sind keine Pfaffenknechte, keine Heuchler, welche als Demokraten den telegraphischen Segen des Papstes kniend und augendrehend in Empfang nehmen. (Stürmischer Beifall) Der Antisemitismus ist nichts als der Socialismus des dummen Kerls von Wien (schallende Heiterkeit), denn welcher vernünftige Mensch kann glauben, daß die Zukunft besser wird, wenn man das Volk in das finstere Mittelalter zurückführt?"
    ("Antisemitism is nothing but the socialism of the fool of Vienna.")
    Ferdinand Kronawetter, bei der Generalversammlung des Margaretner Wählervereins, in den "Drei Engel"-Sälen, am 23. April 1889, Neue Freie Presse, 24. April 1889 (Link)

Varianten:
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls von Wien."
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle."
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen  Mannes."
  • "Der Antisemitismus ... ist ... der  Sozialismus der Dummen." 
  • "Antisemitism is nothing but the socialism of the fool of Vienna."
  • "Anti-Semitism is the socialism of fools."
  • "Anti-Semitism is the socialism of imbeciles."
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Anmerkung:
"Der dumme Kerl von Wien" war seit den 1860er Jahren ein Typus und eine satirische Figur in humoristischen Zeitschriften (Google Books); auch in der antisemitischen Satire-Zeitschrift "Kikeriki".
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Quellen:
Neue Freie Presse, 24. April 1889, p. 18 (Link)
August Bebel about Kronawetter's "Anti-Semitism is the socialism of fools" in:
Hermann Bahr: Der Antisemitismus. Ein internationales Interview. S. Fischer Verlag, Berlin: 1894, p. 21 (Link)
 

Wikiquote 
Google Books 

Samstag, 29. April 2017

"Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein." Kurt Tucholsky (angeblich)


In den Schriften Kurt Tucholskys kommt dieser Satz weder so noch so ähnlich vor.

1989 wird dieses Bonmot auf einem Gewerkschaftstag verwendet und vielleicht auch dort geprägt,
1992 wird es als "Liberalismuskalauer" zitiert,
1999 (ungefähr) verwendet es Klaus Kinkel und
2008 wird dieses Witzwort erstmals Kurt Tucholsky unterschoben; kurz darauf wird dieses Pseudo-Tucholsky-Zitat von Ratgeberliteratur wie:
"Die besten Ideen für erfolgreiches Verkaufen: Erfolgreiche Speaker verraten ihre besten Konzepte und geben Impulse für die Praxis" oder
"Die Karriere-Schmiede: Karrieren sind kein Zufall - sie werden gemacht"
weiter verbreitet.

 Obwohl Friedhelm Greis auf seinem Tucholsky-Sudelblog schon seit Jahren darauf hinweist, dass dieses Zitat in den Schriften Tucholskys nicht zu finden ist, wird es ihm in Online-Zitate-Lexika weiterhin unterschoben.

Ohne falsche Tucholsky-Zuchreibung ist es unter Psychologen verbreitet und irrtümlich wird es manchmal auch dem Künstler Arno Backhaus zugeschrieben, der es zwar verwendet, aber nicht geprägt hat. 
  • "Wer nach allen Seiten offen ist, ist nirgendwo ganz dicht."
  • "Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein."
  • "Wer nach allen Seiten offen ist, kann bekanntlich nicht ganz dicht sein."
 Vielleicht ist das Zitat in Anlehnung an dieses populäre amerikanische Bonmot entstanden:
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Quellen:
1989:  Protokoll: fünfzehnter Ordentlicher Gewerkschaftstag Industriegewerkschaft Druck und Papier, Hamburg 1989 (Google Books): Den Namen des Gewerkschaftlers konnte ich noch nicht ermitteln, da dieses Protokoll auf Google Books nur in Snippet-Ansicht lesbar ist.
1992: Wilhelm Schmidt-Biggemann: "Sinn-Welten, Welten-Sinn: Eine philosophische Topik",   S. 52 (Google Books)
1999: Eckart Kuhlwein: "Die 6. Fraktion: sieben Jahre Bundestags-Kabarett, Die Wasserwerker."
2008: Spw, Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, Ausgaben 161-168 (Google Books)
"Die besten Ideen für erfolgreiches Verkaufen: Erfolgreiche Speaker verraten ihre besten Konzepte und geben Impulse für die Praxis"(Google Books)
"Die Karriere-Schmiede: Karrieren sind kein Zufall - sie werden gemacht" (Google Books)
Zitate-Online.de
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate 
Quote Investigator: "Do Not Be So Open-Minded That Your Brains Fall Out. Carl Sagan? Arthur Hays Sulzberger? Marianne Moore? E. E Cummings? William Allan Neilson? Walter Kotschnig? Samuel Butler? G. K. Chesterton? Max Radin? James Oberg? Anonymous?" (Link)
Wikiquote  hält Arno Backhaus für den Urheber des Zitats: Er kann es aber nicht sein, weil er erst 1996 zu publizieren begann, als das Zitat schon seit Jahren bekannt war.