Donnerstag, 27. April 2017

"Journalismus bedeutet etwas zu bringen, von dem andere wollen, daß es nicht veröffentlicht wird. Alles andere ist PR." George Orwell (angeblich)


Dieses Zitat wurde im Jahr 1999 erstmals George Orwell auf Englisch zugeschrieben, ein Jahrzehnt später auf Deutsch, aber es gibt keinerlei Belege für diese Zuschreibung.

Die amerikanischen Zitateforscher Barry Popik und Garson O'Toole sind der Geschichte dieses seit 1918 nachweisbaren Zitats gründlich nachgegangen und zum Schluss gekommen, dass es anonymen Ursprungs ist (Link).

Das Zitat wurde vor Orwell auch den einflussreichsten Zeitungsverlegern ihrer Zeit - William Randolph Hearst und Lord Northcliffe und - zugeschrieben.

Der 1951 verstorbene William Randolph Hearst dominierte den amerikanischen Zeitungsmarkt, der 1922 verstorbene Lord Northcliffe, eine Generation davor den britischen.

Hearst gehörte das größte Zeitungsnetz Amerikas und er war ein Vorbild für die Hauptfigur des Films "Citizen Kane", der als Alfred Harmsworth geborene Lord Northcliffe war Eigentümer der 'Daily Mail', des 'Daily Mirror' sowie der angesehenen Zeitungen 'The Times' und 'The Observer'.

Hearst könnte dieses von einer unbekannten Person geprägte Bonmot verwendet haben, da es ihm noch zu Lebzeiten zugeschrieben wurde, bei Lord Northcliffe ist das unwahrscheinlich, da es ihm erst im Jahr 1968, also über 40 Jahre nach seinem Tod, erstmals zugeschrieben wurde.

1968

  • "All this looks rather unsatisfactory in the light of the test that was applied to these things by that master of modern journalism, Lord Northcliffe, when he said: 'News is what people do not want you to print. All the rest is advertising.'" (Link)

 

Pseudo-Lord-Northcliffe-Zitat.


Pseudo-Lord-Northcliffe-Zitat.

 

 Die älteste Version dieses Zitats stand eingerahmt auf dem Schreibtisch eines Redakteurs einer Chicagoer Zeitung: 

1918

  • "Whatever a patron desires to get published is advertising; whatever he wants to keep out of the paper is news". (quoteinvestigator.com)
  •  Was auch immer ein Kunde veröffentlichen möchte, ist Werbung; das, was er aus der Zeitung heraushalten will, sind Nachrichten.

Dieses anonyme Bonmot wurde in den letzten 100 Jahren leicht verändert und immer ohne genaue Quellenangabe vielen berühmten Personen untergeschoben.

 

Varianten:

  • "Journalismus ist etwas zu veröffentlichen, was andere nicht wollen, daß es veröffentlicht wird. Alles andere ist Propaganda.“
  • "Journalismus bedeutet etwas zu bringen, von dem andere wollen, daß es nicht veröffentlicht wird. Alles andere ist PR."
  •  "Journalismus ist zu drucken, was andere nicht gedruckt sehen wollen. Alles andere ist Public Relations."
  • "Nachrichten sind das, was jemand irgendwo nicht veröffentlicht haben will. Alles andere ist Reklame." 
  • "News is something somebody doesn't want printed; all else is advertising."
  • "Journalism is printing what someone else does not want printed; everything else is public relations."

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Quellen:
Garson O'Toole / Quote Investigator: "News Is What Somebody Does Not Want You To Print. All the Rest Is Advertising. George Orwell? Alfred Harmsworth? William Randolph Hearst? L. E. Edwardson? Robert W. Sawyer? Mark Rhea Byers? Brian R. Roberts? Malcolm Muggeridge? Katharine Graham? Lord Rothermere? Lord Northcliffe? Anonymous?" 2013 (Link)

Barry Popik: "If you want something in the paper, that’s advertising; you want something kept out, that’s news." 2014 (barrypopik.com)


Artikel in Arbeit.

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Dank:

Ich danke Barry Popik und Garson O'Toole für ihre sorgfältigen Recherchen.



"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren ..." Sokrates (angeblich)

Pseudo-Sokrates-Zitat.
Es wurde jahrzehntelang diskutiert, woher dieses Zitat stammt, das in keinem Werk aus dem klassischen Athen zu finden ist. Erst durch Google Books konnte Garson O'Toole (Quote Investigator) den Ursprung des Zitats auf das Jahr 1907 datieren, in dem die Dissertation von Kenneth John Freeman in Cambridge erschien.

Ein paar Jahre später begann man dieses Zitat in verschiedenen Variationen irrtümlich Sokrates oder Platon zuzuschreiben (Link) und seit den 1950er Jahren auch auf Deutsch.

 Varianten:

  • "Die Jugend liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."
  • "Die Jugend liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinenRespekt mehr vor den älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren die Lehrer."
  • "Die Jugend liebt den Luxus, schlingt Unmengen Süßspeisen in sich hinein, tyrannisiert Eltern und Lehrer, schlägt die Beine übereinander und schwatzt anstatt zu arbeiten." 
  • “The children now love luxury. They have bad manners, contempt for authority; they show disrespect for elders and love chatter in place of exercise."
  •  "The children now love luxury; they have bad manners, contempt for authority; they show disrespect for elders and love chatter in place of exercise. Children are now tyrants, not the servants of their households. They no longer rise when elders enter the room. They contradict their parents, chatter before company, gobble up dainties at the table, cross their legs, and tyrannize their teachers." 
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Twitter, 2018:




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Quellen:
Garson O'Toole (Quote Investigator):  "Misbehaving Children in Ancient Times." 2010
Kenneth John Freeman: "Schools of Hellas: an Essay on the Practice and Theory of Ancient Greek Education from 600 to 300 BC" (First impression 1907) Macmillan and Co., London: 1908, S. 74 (Link) (zitiert nach Garson O'Toole)

Beispiele für falsche Zuschreibungen auf Deutsch:
1957: Deutscher Gewerkschaftsbund: "Solidarität",  Bundesvorstand, Abteilung Jugend, 1957, S. 138 (Link)
1962: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Deutscher Bundes-Verlag, Bonn: 1962, S. 365  (Link)
1973:  Hans-Joachim von Schumann: "Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen", S. Karger, Basel etc: 1973, S. 43 (Link)

2009: faz.net, Remo H. Largo
2011: derstandard.at, Kommentar der Anderen
2016:  bildungswissenschaftler.de 
gutzitiert.de
 uva.
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Twitter
https://twTwitter

"Wir haben die Erde nicht von unseren Ahnen geerbt, wir borgen sie von unseren Kindern." Sitting Bull (angeblich)

        










Dieser grüne Slogan wurde von  US-Außenminister Baker dem Philosophen Ralph Waldo Emerson zugeschrieben, andere halten ihn für eine uralte australische oder amerikanische Weisheit. Er wurde allerdings erst 1971 von einem grünen Aktivisten geprägt.
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hat die Geschichte dieses australischen Indianer-Spruchs erforscht: (Link)

"Österreich ist das einzige Land, das aus Erfahrung dümmer wird." Karl Kraus (angeblich)



Pseudo-Karl-Kraus-Zitat.

 

Karl Kraus hat das nie gesagt. Wohl aber:

1934
  • "Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden, und besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist."
    Karl Kraus: "Die Fackel",  Juli 1934, 890-905, 177
1920
  • "Ich habe mich mein Lebtag geschämt, ein Österreicher zu sein, und nie mich dieser Scham geschämt, wissend, daß sie der bessere Patriotismus sei. 
    ....
    Ist es nicht die hoffnungsloseste und toteste aller Gewissheiten, unter einer Nation zu leben, die durch Schaden dümmer wird?"
    Karl Kraus: "Die Fackel", 1920, 554-556, 2

 

Varianten des Falschzitats:

  • "Die Österreicher sind das einzige Volk der Welt, das aus Erfahrung dümmer wird."
  • "Die Österreicher sind das einzige Volk, das aus Erfahrung dümmer wird."
  • "Österreich ist das einzige Land, das aus Erfahrung dümmer wird." 


  • "Derzeit werde in den sozialen Netzwerken oft ein Zitat von Karl Kraus bemüht: "Österreich ist das einzige Land, das durch Erfahrung dümmer wird." Karl Kraus irre hier aber, denn: Das sei kein österreichisches Phänomen, sondern ein europäisches, ein globales Problem."
    wienerzeitung.at
      
  • "Thukydides stellte fest: Die Geschichte wiederholt sich. Erinnern wir uns an Schwarz-Blau. Denken wir an Kärnten. Sie können jetzt sagen: Was weiß denn der Thukydides, der ist doch seit 2400 Jahren tot. In diesem Fall müsste ich Karl Kraus zitieren: Österreich ist das einzige Land, das durch Erfahrung dümmer wird. Mit Ausnahme der Weinbauern. Zumindest die haben aus ihrem Glykol-Skandal gelernt."
    kurier.at

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Nachtrag, 21. Oktober 2017
Facebook hat das falsche Karl-Kraus-Zitat gelöscht:

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Quellen:
Google
Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC: DIE FACKEL   
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Nach einer Twitter-Diskussion über dieses Zitat schrieb Oliver Grimm in "Die Presse" am 9. Juni 2015 einen Artikel über den Unfug mit falschen Zitaten: "Meme: Mit Karl Kraus u. Co. im Irrgarten der Zitate." (Link)
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Nachtrag, 22. Oktober 2017:
"Aufregung um Aussage von Niklasdorfer Bürgermeister.  SP-Bürgermeister Hans Marak zitierte Karl Kraus und wurde deswegen hart kritisiert." "Kleine Zeitung", 15. Oktober 2017 (Link)
"Gegen Regeln: Facebook löschte angebliches Karl-Kraus-Zitat." "Der Standard", 21. Oktober 2017 (Link)
Twitter 

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Beispiele für das Falschzitat:
kurier.at; wienerzeitung.at; seit 2015: Twitter

Montag, 24. April 2017

The trouble with "Germans is not that they fire shells, but that they engrave them with quotations from Kant." Karl Kraus (angeblich)

Dieses Zitat ist auf Deutsch fast unbekannt und taucht erstmals 1967 in einem Buch des englischen Historikers Frank Field über "Die Letzten Tage der Menschheit" auf:
  • "The trouble with the Germans, Kraus complained with polemical exaggeration, was not that they fired shells at the enemy but that they engraved quotations from Kant on the shells before firing them."
Falsche Zitate enstehen oft durch Gedächtnisirrtümer von Experten. Wenn der Spruch plausibel und prägnant formuliert ist, kann das falsche Zitat sehr erfolgreich werden, wie dieses hier, das durch Bücher, Zeitungen und im Internet im englischen Sprachraum millionenfach verbreitet wurde. 
Wie kam der englische Historiker zu dieser falschen Zuschreibung? Nirgends ist überliefert, im Ersten Weltkrieg wären Zitate von Immanuel Kant auf Granaten eingraviert gewesen. Was Karl Kraus der deutschen Kriegspropaganda von Kaiser Wilhelm und patriotischen Journalisten allerdings besonders übelnahm, war die metaphysische und moralische Überhöhung ihrer Aggressionspolitik mit Immanuel Kant. Zur gleichen Zeit wurden mit martialischen Redensarten wie, "Immer feste druff!",  Hunderttausende in den Tod geschickt, was - wie jeder wissen konnte - Immanuel Kants völkerrechtlichen, moralischen und politischen Forderungen vollständig widersprach.



Die preußische Redensart: "Immer feste druff!" war zwischen 1914 und 1918 so populär wie sonst nie.



  • "»Der völlige Sieg im Osten erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Er läßt uns wieder einen der großen Momente erleben, in denen wir ehrfürchtig Gottes Walten in der Geschichte bewundern können. Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Die Heldentaten unserer Truppen, die Erfolge unserer großen Feldherren, die bewunderungswürdigen Leistungen der Heimat wurzeln letzten Endes in den sittlichen Kräften, im  kategorischen Imperativ, die unserm Volk in harter Schule anerzogen sind ....«
  • » … Um so dankbarer wird gerade in Ostpreußen das Gottesgericht im Osten empfunden werden. Unseren Sieg verdanken wir nicht zum mindesten den sittlichen und geistigen Gütern, die der große Weise von Königsberg unserem Volke geschenkt hat .... Gott helfe weiter bis zum endgültigen Siege.« "
Karl Kraus hat diese pathetischen, abwegigen Berufungen auf die Lehren von Immanuel Kant im Mai 1918 mit Zitaten aus Kants Friedensschrift konfrontiert und am Ende mit einem ironischen, "eigenhändigen" Immanuel-Kant-Zitat glossiert. Die Sigle "m.p." bedeutet eigenhändig (e.h.), mit eigener Hand, vom Lateinischen "manu propria" (abgekürzt: m.p):
  •             "Um Mißverständnissen vorzubeugen
    erkläre ich, daß ich »Habt acht!«, »Marsch marsch!«, »Immer
    feste druff!« und »Durchhalten!« nicht als Beispiele für meinen
    kategorischen Imperativ vorgesehen habe. Kant m. p."
    Karl Kraus, Mai 1918
Und in der Tragödie "Die letzten Tage der Menschheit" lässt Karl Kraus den Nörgler sagen, die
"neuen Deutschen" hätten "den Kant'schen kategorischen Imperativ frisch von der Leber weg als eine philosophische Rechtfertigung von »Immer feste druff!« reklamiert". Dieses "Immer feste druff!" wurde nicht nur vertont, es wurde in der Tat auch auf Granaten eingraviert. In den "Letzten Tagen der Menschheit" stehen vor dem Eingang der Villa Wahnschafffe "rechts und links zwei Modelle von Mörsergeschossen, das eine mit der Inschrift: 'Immer feste druff!', das andere mit: 'Durchhalten!'".

Dem Historiker Julian Nodhues verdanken wir die These, dass die enge Verbindung von "Immer feste druff!" mit Immanuel Kant in den Kriegschriften von Karl Kraus den englischen Historiker dazu verleitet hat, zu glauben, Zitate von Immanuel Kant wären auf Granaten eingraviert gewesen und Karl Kraus habe gerade das an den Deutschen am meisten gestört.

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Mich freuten die Diskussionen auf Twitter, die geholfen haben, dieses Zitat-Rätsel zu lösen, wobei mir auch die Meldung "nix gefunden" oder Thesen mit kurzer Halbwertszeit nützlich waren. 
Dank an:  Basso Continuo, Julian Nordhues, Katharina Prager,  Andrea Maria Dusl, Christina Dongowski ua
 
Quellen:
Frank Field: "The last days of mankind: Karl Kraus and his Vienna", 1967
Karl Kraus: "Die Letzten Tage der Menschheit. Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog", III. Akt, 14. Szene: Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. (Link)
Karl Kraus: "Die Fackel", Mai 1918,  474-483, S. 156
Google Statistik: Das Zitat hat mehr als 1000 Treffer, ist also wahrscheinlich millionenfach im englischen Sprachraum verbreitet.
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