Montag, 24. April 2017

"Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken." Karl Kraus (angeblich)

Entstelltes Karl-Kraus-Zitat.

Als Ursprung für dieses entstellte Karl-Kraus-Zitat kommen zwei Aphorismen in Frage:
  • "Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können - das macht den Journalisten."
    Karl Kraus: "Die Fackel" 281-282, 1909, 29
 und
  • "Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können."
    Karl Kraus: "Die Fackel" 697-705, 1925, 60
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Die Verneinung im zweiten Satzteil raubt dem Aphorismus den intendierten Witz. - Entstellte Versionen dieses Zitats, die seit 1963 nachweisbar sind, findet man in Zeitungen und im Internet inzwischen fast zehnmal häufiger als das korrekte Zitat.

Einige Variationen:
  • "Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken."
  • "Es qenügt nicht, keine Meinung zu haben; man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken."
  • "Es qenügt nicht, keine Idee zu haben; man muß auch unfähig sein, sie umzusetzen."
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Quellen:
Google-Satistik für das entstellte Zitat: "Ungefähr 3 450 Ergebnisse "
Google-Statistik für das korrekte Zitat: "Ungefähr 450 Ergebnisse"
Karl Kraus: "Die Fackel" Nr. 281-282, 1909, S. 29
Karl Kraus: "Die Fackel" Nr. 697-705, 1925, S. 60
München: 2017 ebook
Robert Sedlaczek: "Entlarvt: Der falsche Karl Kraus", Wiener Zeitung, 9. Januar 2007  Entstelltes Zitat, zum Beispiel in:
Süddeutsche Zeitung, 27. Oktober 2016: "Kabarett in Moosburg - Millers Stammel-Symphonie"
Henryk M. Broder: 27. März 2007, 30. Dezember 2008, 23. Januar 2013 etc.
Sönke Krüger: "Grassierender Sprachverfall", "Die WELT",
Josef Kraus: "Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt: Und was Eltern jetzt wissen", Herbig,

"Wer den menschen die vorstellungskraft nimmt macht sie blind." Karl Kraus (angeblich)

Dieser Satz, der mir auf Twitter untergekommen ist, ist nicht von Karl Kraus. Vielleicht ist er aus der Erinnerung an diesen Monolog entstanden:
  • Der Nörgler:
    "Nicht daß die Presse die Maschinen des Todes in Bewegung setzte – aber daß sie unser Herz ausgehöhlt hat, uns nicht mehr vorstellen zu können, wie das wäre: das ist ihre Kriegsschuld! Und von dem Wollustwein ihrer Unzucht haben alle Völker getrunken, und die Könige der Erde buhlten mit ihr."
    Karl Kraus: "Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog",  V. Akt, 54. Szene
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Twitter-Diskussion

"Er sprüht Leder." Karl Kraus (angeblich)

Das Bonmmot, "er sprüht Leder", wurde Karl Kraus, Alfred Polgar und Alfred Kerr zugeschrieben, und geht in der Tat auf einen ähnliche Wendung von Karl Kraus zurück.

Rudolf Frühwirth hat mich auf den Ursprung dieses Bonmots in der ersten großen Polemik von Karl Kraus gegen Maximilian Harden aus dem Jahr 1907 aufmerksam gemacht, in der Kraus dem damals berühmten Berliner Kritiker Harden sprühende 'Ledernheit' attestiert:

1907
  • Kein Wunder, daß dieses lohende Temperament Ledernheit sprüht, wenn es zum Schreiben kommt; es hat sich bis dahin im Redigieren abgekühlt.
    Karl Kraus: "MAXIMILIAN HARDEN.  Eine Erledigung." Die Fackel", Nr. 234-235, 31. Oktober 1907, S. 10
Das Witzwort, "er sprüht Leder", stammt also urspünglich von Karl Kraus, während es seinen Zeitgenossen Alfred Polgar und Alfred Kerr seit ungefähr 30 Jahren wohl irrtümlich zugeschrieben wird.

1990 meinte der Schriftsteller Hans Sahl in seinen Memoiren, Alfred Polgar habe über den problematischen Berliner Theaterkritiker Herbert Ihering gesagt, er sprühe Leder.

Neun Jahre später glaubten Marcel Reich-Ranicki und danach Fritz J. Raddatz, der Berliner Kritiker Alfred Kerr habe mit diesem Witzwort seinen damals fast ebenso einflußreichen Kollegen Herbert Ihering charakterisiert. Bislang konnte das Bonmot meines Wissens weder in Polgars noch in Kerrs Schriften nachgewiesen werden.



1960
  • (ich glaube, es war Karl Kraus, der das Bonmot prägte: 'Er sprüht Leder')
     Carl Zuckmayer: "Leidenschaft zählt", DIE ZEIT, 50/1960, 9. Dezember 1960 (Link)


1990
  • Ihering ... war auf einen Punkt gerichtet ... Dieser Punkt hieß Brecht. Seine Kritiken waren Manifeste, Traktate, Kampfansagen. »Er sprüht Leder«, hatte der sonst so milde Alfred Polgar von ihm gesagt.
    Hans Sahl: "Memoiren eines Moralisten - Das Exil im Exil", (EA: 1983/1990) Luchterhand, München: 2009, ebook
    (Link)

1999
  • Reich-Ranicki: Ja, aber es gibt auch große nichtjüdische Kritiker.
    Herbert Ihering etwa.
    DIE WELT: Bedeutend, aber etwas trocken, oder?
    Reich-Ranicki: Er sprüht Leder, schrieb Kerr.
    "Wir waren zusammen in der Hölle - und im Himmel" Ein Interview mit Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Tosia, Die Welt, 18. September 1999 (Link) 


2013
  • Er sprüht Leder", mokierte sich der pointenverliebte Kritiker Alfred Kerr über seinen nicht direkt brillanten Konkurrenten Herbert Ihering.
    Fritz J. Raddatz: "Bester beim Bläh-Deutsch" stern, 24. August 2013 (Link)
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Quellen:
Karl Kraus: "MAXIMILIAN HARDEN.  Eine Erledigung." Die Fackel", Nr. 234-235, 31. Oktober 1907, S. 10
Neue deutsche Literatur, Band 3, Volk und Welt: 1955, S. 169 (Link)
Carl Zuckmayer: "Leidenschaft zählt", DIE ZEIT, 50/1960, 9. Dezember 1960 (Link)
Fritz J. Raddatz: "Bester beim Bläh-Deutsch" stern, 24. August 2013 (Link)
"Wir waren zusammen in der Hölle - und im Himmel" Ein Interview mit Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Tosia, Die Welt, 18. September 1999 (Link)  
Hans Sahl: "Memoiren eines Moralisten - Das Exil im Exil", (EA: 1983/1990) Luchterhand, München: 2009, ebook (Link)  

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Dank:
Ich danke Rudlof Frühwirt für den Hinweis auf das Karl-Kraus-Zitat über Maximilian Harden.

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Letzte Änderung: 13. Oktober 2018. (In der ersten Fassung dieses Artikels schrieb ich, das Zitat sei höchstwahrscheinlich nicht von Karl Kraus.) 

"Sie haben nicht einen Gedanken, doch sie sind in der Lage, ihn zu Papier zu bringen - so wird man Journalist". Karl Kraus (angeblich)

Der Autor dieses verunstalteten Karl-Kraus-Zitats fordert in "Die Presse" mehr Qualität im Journalismus.  Er hat wohl diese zwei Gedanken von Karl Kraus paraphrasiert:

  • "Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können — das macht den Journalisten."
    Karl Kraus, 1909
  •              "Das Berufsgeheimnis
    Viele würden in Redaktionen rennen,
    bedürfte es nicht die spezialste der Gaben.
Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben:
man muß ihn auch ausdrücken können."
Karl Kraus, 1925 
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 "Die Presse":

"Manche Aussagen sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist." Karl Kraus (angeblich)

Dieser Satz stammt nicht von Karl Kraus, Henryk M. Broder hat ihn einmal irrtümlich Karl Kraus zugeschrieben.

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Twitter

"Sich-vorwärts-Tasten am Seil der Sprache", "tapping along the guiding rope of language" Karl Kraus (angeblich)




Das Zitat stammt von Leopold Liegler und wird irrtümlich Karl Kraus selbst zugeschrieben.



Twitter-Diskussion

"Früher standen sich die Menschen näher; die Waffen trugen nicht so weit." Karl Kraus (angeblich)

Ich danke Brigitte Stocker und Katharina Prager für den Hinweis auf dieses seltene Pseudo-Karl-Kraus-Zitat.
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Twitter-Hinweis