Montag, 18. September 2017

"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." Alexander von Humboldt (angeblich)

Pseudo-Alexander-von-Humboldt-Zitat.
Dieser beliebte Aphorismus wird Alexander von Humboldt seit etwa fünfzig Jahren immer ohne Quellenangabe unterschoben, und ist in seinen Texten nie gefunden worden, wie mir auch Dr. Ingo Schwarz von der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bestätigt hat.

Ralf Bülow hat eine frühe Formulierung dieses Kuckuckszitats in einem Text des 1927 verstorbenen  Grazer Schriftstellers Bruno Ertlers entdeckt:

  • ".. im Wirtshaus dann schmieden sie, vom Wein erhitzt, was ihnen Schulmeister, Priester und Zeitungsschreiber sagten, eine nüchterne, fest umrissene 'politische Überzeugung', deren gleichmäßige Wertlosigkeit sie verschiedenfarbig anstreichen, was sie dann den 'Kampf der Weltanschauung' nennen, sie, die die Welt nie angeschaut haben.

    "
    Bruno Ertler: "Das Klingende Fenster", Stiasny Verlag, Graz: 1957, S. 85 (Link)
Bruno Ertler, S. 85 (Link).

Mit mehr als 4000 Google-Treffern (Link) ist dieses Kuckuckszitat seit etwa 10 Jahren auch auf Englisch sehr beliebt.

Pseudo-Alexander-von-Humboldt quote.
Wer das Zitat geprägt und in der weit verbreiteten Fassung erstmals Alexander von Humboldt unterschoben hat, weiß man nicht.

2004 behauptete Hans Magnus Enzensberger in einem SPIEGEL-Gespräch, Alexander von Humboldt habe mit dem Zitat auf den philosophischen Stubengelehrten Georg Wilhelm Friedrich Hegel angespielt:

  • Humboldt "ist das Gegenteil eines Stubengelehrten; er will alles selber sehen und wahrnehmen, nicht nur aus Büchern kennen lernen. Einmal sagt er: Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derjenigen, die die Welt nicht angeschaut haben. Das sagt er über Hegel!" 

    Hans Magnus Enzensberger, SPIEGEL-Gespräch,  DER SPIEGEL 38/2004, 13. September 2004 (Link)

Da Experten lange vergeblich nach diesem Zitat in einem Text Alexander von Humboldts gesucht haben und es ihm erst über 100 Jahre nach seinem Tod erstmals zugeschrieben wurde, ist anzunehmen, dass es niemals in einem Werk oder Brief Alexander von Humboldts gefunden werden wird.

Das angebliche Humboldt-Zitat steht meines Wissens auch in keinem einzigen seriösen Zitate-Lexikon.


Aber inzwischen wird das Falschzitat sogar von der deutschen Bundesregierung verbreitet:

2018



2019
 



Twitter, 14. September 2019:








Twitter-Geburtstagswünsche mit einem Kuckuckszitat.

Varianten des Kuckuckzitats:

 

  • "The most dangerous worldviews are the worldviews of those who have never viewed the world."
  • "The most dangerous worldview is the worldview of those have not viewed the world."
  • "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben."
  • "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derjenigen Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." 
  • "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die nie Welt angeschaut haben." 
  • "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."
  • "Am Schlimmsten ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."
  • "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." 


Angeregt wurde das Kuckuckszitat vielleicht durch Alexander von Humboldts Satz : "Das Auge ist das Organ der Weltanschauung", aus dem 1. Band seines Hauptwerkes "Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung"  (Link). Allerdings verwendet Humboldt hier das Wort Weltanschauung in der Bedeutung 'Naturbetrachtung' oder 'Weltbeschreibung' und nicht in der Bedeutung 'Lebensphilosophie' oder 'Ideologie'.
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Quellen:
E-Mail von Dr. Ingo Schwarz vom 17. September 2017
Christian Seidl auf Twitter
(Link)
Bruno Ertler: "Das Klingende Fenster", Stiasny Verlag, Graz: 1957, S. 85 (Link)
Ottmar Ette: "Alexander von Humboldt und die Globalisierung: Das Mobile des Wissens", Insel Verlag, Frankfurt am Main: 2009, S. 161 (Link)  (Das Zitat "dürfte" "apokryph sein".)


Beispiele für falsche Zuschreibungen:

"Der Deutsche Pelztierzüchter" Bände 51-55, 1977, S. 106 (Link) (Früheste falsche Zuschreibung bei Google books.)
Johannes Saltzwedel, Stefan Aust und Matthias Matussek: "Der Mann geht aufs Ganze", Spiegelgespräch mit Hans Magnus Enzensberger über Alexander von Humboldt,  DER SPIEGEL 38/2004, 13. September 2004 (Link)
Joachim Müller-Jung: "Ein Riese auf allen Gipfeln", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. September 2019 (faz.net)
Jochen Temsch: "Urlaub machen, aber fair", Süddeutsche Zeitung, 26. Juli 2019 (Link) 
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Google  (Link), (Link)
aphorismen.de/zitat/67331
sueddeutsche.de/reise/bildstrecke-aufloesung-wer-sagt-denn-so-was-1.345288-9
spiegel.de/spiegel/print/d-32134707.html  (Hans Magnus Enzensberger)
zitate.net/alexander-von-humboldt-zitate
Twitter


 
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Dank:
Ich danke Christian Seidl und Tobias Blanken für den Hinweis auf dieses Falschzitat, Ingo Schwarz von der Berliner Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle für die Bestätigung, dass es kein authentisches Zitat ist und Ralf Bülow für seine Recherchen zum Ursprung dieses Kuckuckszitats.

Letzte Änderung: 14/9 2019