Sonntag, 30. April 2017

"Anti-Semitism is the socialism of fools." August Bebel (angeblich)

Pseudo-August-Bebel quote.
This adage was coined by the Austrian liberal politician Ferdinand Kronawetter on 23 April 1889  in Vienna -, and not by the leading figure of the German social democratic movement August Bebel, who attributed it to Ferdinand Kronawetter in an interview with the Austrian writer Hermann Bahr (Link).

 Ferdinand Kronawetter, 1889:
  • "Als Verräther, als Juden und Judenknecht werden wir Demokraten bezeichnet. Das sind wir nicht, aber wir sind auch keine Stiefelputzer der Liechtenstein, wir sind keine Pfaffenknechte, keine Heuchler, welche als Demokraten den telegraphischen Segen des Papstes kniend und augendrehend in Empfang nehmen. (Stürmischer Beifall) Der Antisemitismus ist nichts als der Socialismus des dummen Kerls von Wien (schallende Heiterkeit), denn welcher vernünftige Mensch kann glauben, daß die Zukunft besser wird, wenn man das Volk in das finstere Mittelalter zurückführt?"
    ("Antisemitism is nothing but the socialism of the fool of Vienna.")
    Ferdinand Kronawetter, bei der Generalversammlung des Margaretner Wählervereins, in den "Drei Engel"-Sälen, am 23. April 1889, Neue Freie Presse, 24. April 1889 (Link)

Varianten:
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls von Wien."
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle."
  • "Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen  Mannes."
  • "Der Antisemitismus ... ist ... der  Sozialismus der Dummen." 
  • "Antisemitism is nothing but the socialism of the fool of Vienna."
  • "Anti-Semitism is the socialism of fools."
  • "Anti-Semitism is the socialism of imbeciles."
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Anmerkung:
"Der dumme Kerl von Wien" war seit den 1860er Jahren ein Typus und eine satirische Figur in humoristischen Zeitschriften (Google Books); auch in der antisemitischen Satire-Zeitschrift "Kikeriki".
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Quellen:
Neue Freie Presse, 24. April 1889, p. 18 (Link)
August Bebel about Kronawetter's "Anti-Semitism is the socialism of fools" in:
Hermann Bahr: Der Antisemitismus. Ein internationales Interview. S. Fischer Verlag, Berlin: 1894, p. 21 (Link)
 

Wikiquote 
Google Books 

Samstag, 29. April 2017

"Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein." Kurt Tucholsky (angeblich)


In den Schriften Kurt Tucholskys kommt dieser Satz weder so noch so ähnlich vor.

1989 wird dieses Bonmot auf einem Gewerkschaftstag verwendet und vielleicht auch dort geprägt,
1992 wird es als "Liberalismuskalauer" zitiert,
1999 (ungefähr) verwendet es Klaus Kinkel und
2008 wird dieses Witzwort erstmals Kurt Tucholsky unterschoben; kurz darauf wird dieses Pseudo-Tucholsky-Zitat von Ratgeberliteratur wie:
"Die besten Ideen für erfolgreiches Verkaufen: Erfolgreiche Speaker verraten ihre besten Konzepte und geben Impulse für die Praxis" oder
"Die Karriere-Schmiede: Karrieren sind kein Zufall - sie werden gemacht"
weiter verbreitet.

 Obwohl Friedhelm Greis auf seinem Tucholsky-Sudelblog schon seit Jahren darauf hinweist, dass dieses Zitat in den Schriften Tucholskys nicht zu finden ist, wird es ihm in Online-Zitate-Lexika weiterhin unterschoben.

Ohne falsche Tucholsky-Zuchreibung ist es unter Psychologen verbreitet und irrtümlich wird es manchmal auch dem Künstler Arno Backhaus zugeschrieben, der es zwar verwendet, aber nicht geprägt hat. 
  • "Wer nach allen Seiten offen ist, ist nirgendwo ganz dicht."
  • "Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein."
  • "Wer nach allen Seiten offen ist, kann bekanntlich nicht ganz dicht sein."
 Vielleicht ist das Zitat in Anlehnung an dieses populäre amerikanische Bonmot entstanden:
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Quellen:
1989:  Protokoll: fünfzehnter Ordentlicher Gewerkschaftstag Industriegewerkschaft Druck und Papier, Hamburg 1989 (Google Books): Den Namen des Gewerkschaftlers konnte ich noch nicht ermitteln, da dieses Protokoll auf Google Books nur in Snippet-Ansicht lesbar ist.
1992: Wilhelm Schmidt-Biggemann: "Sinn-Welten, Welten-Sinn: Eine philosophische Topik",   S. 52 (Google Books)
1999: Eckart Kuhlwein: "Die 6. Fraktion: sieben Jahre Bundestags-Kabarett, Die Wasserwerker."
2008: Spw, Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, Ausgaben 161-168 (Google Books)
"Die besten Ideen für erfolgreiches Verkaufen: Erfolgreiche Speaker verraten ihre besten Konzepte und geben Impulse für die Praxis"(Google Books)
"Die Karriere-Schmiede: Karrieren sind kein Zufall - sie werden gemacht" (Google Books)
Zitate-Online.de
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate 
Quote Investigator: "Do Not Be So Open-Minded That Your Brains Fall Out. Carl Sagan? Arthur Hays Sulzberger? Marianne Moore? E. E Cummings? William Allan Neilson? Walter Kotschnig? Samuel Butler? G. K. Chesterton? Max Radin? James Oberg? Anonymous?" (Link)
Wikiquote  hält Arno Backhaus für den Urheber des Zitats: Er kann es aber nicht sein, weil er erst 1996 zu publizieren begann, als das Zitat schon seit Jahren bekannt war.

"Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten." Kurt Tucholsky (angeblich)


Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitat.

Dieser demokratieskeptische Slogan wird auch Mark Twain, Emmy Goldman und einigen anderen zugeschrieben. Immer ohne seriöse Quellenangabe.

Pseudo-Mark-Twain-Zitat.

Von Kurt Tucholsky stammt der Slogan sicher nicht (Link), auch wenn er ihm in manchen Online-Zitat-Sammlungen irrtümlich zugeschrieben wird.

Wahrscheinlich hat dieses Zitat in den 1970er Jahren ein unbekannter anarchistischer Graffiti-Artist geprägt. 

1976 wird der Slogan in den digitalisierten Texten erstmals erwähnt, 1988 wird er als "old slogan" bezeichnet und im 21. Jahrhundert berühmten Personen unterschoben: auf Deutsch auch Kurt Tucholsky.

Varianten:

  • "If voting changed anything, it would be made illegal."
  • "If voting changed anything, they'd make it illegal."
  • "If voting changed anything it would be illegal."
  • "If voting made a difference it would be illegal."
  • "If voting made any difference they wouldn't let us do it."
  • "Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie schon längst verboten."
  • "Würden Wahlen etwas verändern, hätte man sie schon längst verboten.“
  • "Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten."  

 
Pseudo-Mark-Twain-Zitat.

 

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Quellen:
Snopes: "Election Dissection. A quote concerning the irrelevancy of voting is often incorrectly attributed to American humorist Mark Twain." 24. Mai 2016, Dan Evon
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate
Peter Hall: "Revolution Rock - The Clash - Fight back!",  Mother Jones Magazine, Vol 7, Nr. 111, April 1982, S. 25
Robert S. Borden: "Voting is Dishonest and Fraudulent", The Sun (Lowell, Massachusetts), 9. September 1976, S. 7
Wikiquote: Emma Goldman
Falsch zugeschrieben zum Beispiel in:
ZITATE-ONLINE.de
 

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Dank:

Ich danke wieder einmal Friedhelm Greis für seine Sammlung von falschen Tucholsky-Zitaten auf seinem auch sonst informativen Sudelblog sowie Dan Evon von der Faktencheckerseite Snopes. 


Letzte Änderungen: 9/11 2022