Freitag, 17. August 2018

"Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin." Bertolt Brecht (angeblich)

Dieser wohl beliebteste Slogan der Friedensbewegung wurde durch einen Artikel der Autorin Charlotte Keyes ab 1966 in Amerika in der Version, "Suppose They Gave a War and No One Came",  berühmt, und kam Ende der 1970er Jahren in Deutschland auf, wo er bald Bertolt Brecht unterschoben wurde.
Grafik von Johannes Hartmann, Hamburg 1981.

1981 wird diese pazifistische Devise durch die Grafik des Hamburger Designers Johannes Hartmann in ganz Deutschland populär, und obwohl Ralf Bülow 1983 im 'Sprachdienst', Siegfried Unseld 1991 in einem Leserbrief an die FAZ und schließlich Christoph Drösser 2002  in der ZEIT-Kolumne "Stimmt's?" und viele andere darauf hinwiesen, dass der Spruch auf den amerikanischen Lyriker Carl Sandburg zurückgeht und mit Bertolt Brecht nichts zu tun hat, wird der Slogan auch 2018 noch Bertolt Brecht unterschoben.


In einer längeren Fassung wurden diesem antimilitaristischen Spruch Zeilen aus einem Gedicht Bertolt Brechts angehängt und der gesamte Text Bertolt Brecht irrtümlich zugeschrieben. 


Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat:

  • "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. (1)
    Dann kommt der Krieg zu Euch! (2)

    Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und läßt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat." (3)

Weder der erste Satz (1 'Stell dir vor ..') noch der zweite Satz (2 'Dann kommt..') dieses Slogans hat etwas mit Bertolt Brecht zu tun, wobei der zweite Satz völlig der pazifistischen Aussage des ersten widerspricht.


(1): "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."

Autor: Carl Sandburg, verändert von J. Newman, popularisiert von Charlotte Keyes (Link).

"Suppose They Gave a War and No One Came", war ein Slogan amerikanischer Hippies und Kriegsdienstverweigerer, von denenen einige lieber Jahre im Gefängnis verbrachten als im  Krieg gegen Vietnam zu kämpfen. 

Charlotte Keyes, die Mutter eines dieser Kriegsdienstverweigerer, hat 1966 den Slogan in einem Artikel über ihren Sohn populär gemacht (pdf). Sie hat den Slogan von dem Ausspruch eines kleinen Mädchens aus einem 300 Seiten langen Gedicht von Carl Sandburg abgeleitet, "Sometime they'll give a war and nobody will come" (Little girl), der ihr durch einen Leserbrief in der Version, "Suppose They Gave a War and No One Came", in Erinnerung gebracht wurde. 

Ich folge hier den Recherchen ihres anderen Sohnes, Ralph Keyes, aus seinem Standardwerk "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When" (Link).

 1936

1961
  •  "Suppose they gave a war and no one came?” James R. Newman zitiert und verändert Sandburgs Satz in einem Leserbrief an die Washington Post.
1966
  • "Suppose they gave a war and no one came?” Charlotte E. Keyes zitiert Newmans verändertes Sandburg-Zitat.
1970
1981
  •  "Stell dir vor, es kommt Krieg, und keiner geht hin." Grafik von Johannes Hartmann
 

(2): Dann kommt der Krieg zu Euch!


Autor: Wahrscheinlich ein unbekannter Schweizer in einer Schweizer Militärzeitung.
Diese Satz hebt die antimilitaristische Aussage des ersten Satzes auf.


(3): "Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt ...."

Autor: Bertolt Brecht

  • "Wer zu Hause bleibt; wenn der Kampf beginnt
    ...
    Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
    Und läßt andere kämpfen für seine Sache
    Der muß sich vorsehen: denn
    Wer den Kampf nicht geteilt hat
    Der wird teilen die Niederlage.
    Nicht einmal den Kampf vermeidet
    Wer den Kampf vermeiden will: denn
    Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
    Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."

    Bertolt Brecht: "Koloman Wallisch Kantate" (Link)
--

  1968

 The Monkees: "Zor and Zam"

 by Bill Chadwick and John Chadwick.

."The king of Zor, he called for war
And the king of Zam, he answered.
... 
...
Two little kings playing a game.
They gave a war and nobody came."



 

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Quellen:
Charlotte E. Keyes: "Suppose They Gave a War and No One Came", October 1966 (pdf)
Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. 239 (Link)
Carl Sandburg: The Complete Poems of Carl Sandburg. Revised and Expanded Edition. Introduction by Archibald McLeish. Harcourt, San Diego/ New York/ London: 1970, S. 464 (Link)
Siegfried Unseld: Leserbrief, FAZ 12. März 1991 (Link)
Ralf Bülow: "Stell Dir vor, es gibt einen Spruch ...", Der Sprachdienst Jg. 27, 1983, S. 97-100 
Christoph Drösser: "Stimmt's? Von Brecht? Unvorstellbar." Die ZEIT 31. Januar 2002 (Link)
  Johannes Hartmann: "Die rätselhafte Parole: 'Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin'", Der SPIEGEL, EINESTAGES, 6. Februar 2016 (Link)
Bertolt Brecht: "Kolomann Wallisch Kantate" (Link) (Link), in: Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 14 (Gedichte 4), Berlin, Weimar und Frankfurt: 1993, S. 262–270, S. 267

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
2018: Frank Schmidt-Wyk: "Politikwissenschaftler Herfried Münkler: Mehr Besonnenheit im Umgang mit Russland", Interview, "Lampertheimer Zeitung", 31. März 2018   (Link);
2013: unzensuriert.at   


Artikel in Arbeit.
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