Mittwoch, 28. Juni 2017

"'Die Juden sind an allem Schuld', meinte einer. 'Und die Radfahrer' ... sagte ich. 'Wieso denn die Radfahrer?', antwortete er verdutzt. 'Wieso die Juden?', fragte ich zurück." Kurt Tucholsky (angeblich)

Pseudo-Kurt-Tucholsky quote.
Das ist eines von den etwa zwei Dutzend populären Tucholsky-Zitaten, die - nach Recherchen von Friedhelm Greis und der Kurt Tucholsky-Gesellschaft - in keinem Werk von Kurt Tucholksy zu finden sind. Er kannte diesen Witz, aber er stammt nicht von ihm, auch wenn er ihm heute oft in diversen Zitatsammlungen irrtümlich zugeschrieben wird.

Der Witz war - wie auch Hannah Arendt erzählt - in der Weimarer Republik verbreitet und vielleicht wurde er 1923 von Theodor Lessing in seiner Satire "Feind im Land?" geprägt.

Auf der ganzen Welt bekannt wurde der Dialog durch Hannah Arendt und durch den Film "Ship of Fools" ("Das Narrenschiff"), in dem Heinz Rühmann als Julius Löwenthal die Gegenfrage stellt.

Eine frühe Version der scherzhaften Klage über Juden und Radfahrer findet man in dem 1912 erschienem Roman "Morgenrot" von Otto Stoessl:
  • "Und weil zu dieser Zeit auch das Zweirad aufkam, dessen Sportwildlinge viel Unheil anrichtetetn, pflegte Dieter das ganze Elend der Welt in dem Spruch zusammenzufassen: die Juden und die Radfahrer sind an allem schuld."
    Otto Stoessl: "Morgenrot", Projekt Gutenberg: 2017 (Link), Erstausgabe 1912: (Link)

Die Wendung "XY sind an allem schuld" ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisbar. Zwischen 1845 und 1871 werden in österreichischen Zeitungen folgende Gruppen - nicht immer völlig ernst - als "an allem schuld" bezeichnet:
  • die Pfaffen, die Österreicher, die Preußen,  die Jesuiten, die Journalisten (1871), die Engländer (1858), die verfluchten Schneider, die Zeitungen, die Gerichte und die Ärzte. (Link)
Von 1871 bis 1899 wird dann diese Floskel in Österreich hauptsächlich gegen Juden, selten gegen Freimaurer, Fremde, Sozialdemokraten, Clericale oder Antisemiten verwendet; "die Juden sind an allem schuld!", wird sogar im österreichischen Parlament von christlich-sozialen Abgeordneten geschrien.  (Link)
 


  1923, zehn Jahre bevor Theodor Lessing in seinem Exil in der Tschechoslowakei von Nazis ermordet wird, schreibt dieser meistgehasste Autor und Philosoph der Weimarer Republik in einer politischen Satire:
  • "Ja, ich sage es Ihnen frei heraus: Hier steht auf der einen Seite der unverantwortliche Geist der Zersetzung, auf der andern Seite die gesunde organische Evolution Europas. Wenn ich aber vaterlandsfeindliche Zurufe, die mir im Ohre gellen, auf ihre Herkunft prüfe, so kann ich mir nicht ganz verhehlen, daß einen guten Teil der Schuld an einem Siege der destruktiven Tendenzen auch die Freimaurer und Juden tragen ...« »Und die Radfahrer«, schrie Mannheimer aus seiner Ecke.
    »Wieso grade die Radfahrer?« fragte Tünnes etwas stutzig werdend.
    »Wieso grade die Juden?« erwiderte Mannheimer."
    Theodor Lessing: "Feind im Land. Satiren und Novellen. "(EA 1923), Hofenberg, Berlin: 2017 (Link) 
      
1925 kommt meines Wissens dieser Witz  erstmals in einer Zeitung (ohne Hinweis auf Theodor Lessing (Link)) vor, und Kurt Tucholsky spielt 1928 in folgenden Versen auf die Worte von "den Juden und den Radfahrern" an:

  • "Hast du Angst, Erich? Bist du bange, Erich?
    Klopft dein Herz, Erich? Läufst du weg?
    Wolln die Maurer, Erich – und die Jesuiten, Erich,
    dich erdolchen, Erich – welch ein Schreck!
        Diese Juden werden immer rüder.
        Alles Unheil ist das Werk der . ·.  . ·.  Brüder.
Denn die Jesuiten, Erich – und die Maurer, Erich –
und die Radfahrer – die sind schuld
an der Marne, Erich – und am Dolchstoß, Erich –
ohne die gäbs keinen Welttumult.
     ..."
Kurt Tucholsky: "Ludendorff oder Der Verfolgungswahn" von Theobald Tiger, "Die Weltbühne", 6. November 1928, Nr. 45, S. 700 (Link)

Für Hannah Arendt ist dieses Witzwort die "beste Widerlegung" der antisemitischen Wahnidee, die Juden stünden versteckter Weise hinter allen Übeln der Welt:
  • "Die beste Illustrierung und zugleich die beste Widerlegung dieser Theorie ist in einem Witz enthalten, der in den zwanziger Jahren häufig erzählt wurde: Ein Antisemit behauptet, die Juden seien am Kriege schuld; die Antwort lautet: Ja, die Juden und die Radfahrer. Warum die Radfahrer? fragt der eine; warum die Juden? fragt der andere."
    Hannah Arendt: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft." (1955) Ullstein, Berlin: 1975, S. 23 (Link)

  • "The best illustration – and the best refutation – of this explanation, dear to the hearts of many liberals, is in a joke which was told after the first World War. An anti-Semite claimed that the Jews had caused the war; the reply was: Yes, the Jews and the bicyclists. Why the bicyclists? asks the one. Why the Jews? asks the other. "
    Hannah Arendt: "The Origins of Totalitarianism." (EA1951) Penguin Books Classics: 2017 (Link)

Einige weitere, manchmal sehr viel schwächere, Varianten des Dialogs:
1956
  • "»Dadurch haben wir den Krieg verloren. Durch die Schlamperei der Intellektuellen und durch die Juden.« »Und die Radfahrer«, ergänzt Riesenfeld. »Wieso die Radfahrer?« fragt Heinrich erstaunt. »Wieso die Juden?« fragt Riesenfeld zurück."
    Erich Maria Remarque: "Der schwarze Obelisk: Geschichte einer verspäteten Jugend." Kiepenheuer u. Witsch,  Köln: 1956, S. 293 (Link)
1965
  •  "Rieber: Lowenthal, you know it is a historical fact that the Jews are the basis of our misfortunes.  Lowenthal: Of course.  Rieber: You agree?  Lowenthal: Of course. The Jews and the bicycle riders.  Rieber: The bicycle riders? Why the bicycle riders?  Lowenthal: Why the Jews?"
    "Ship of Fools", 1965, zitiert nach Imdb.com
  • "'Die Juden sind an allem schuld.' Rühmann repliziert: 'Genau, die Juden und die Radfahrer.' 'Wieso die Radfahrer?', fragt der Deutsche. Rühmann entgegnet: 'Wieso die Juden?'."
    Das Narrenschiff, 1965 (Link) (Den genauen Wortlaut muss ich erst recherchieren.)

  • "Ferrer: 'Die Juden sind an allem Schuld.' Rühmann: 'Stimmt, die Juden und die Radfahrer.' Ferrer: 'Wieso die Radfahrer?' Rühmann: 'Wieso die Juden?'"
    Das Narrenschiff, 1965 (Link)
 1999
  • "Treffen einander zwei Wiener auf der Straße und jammern über die schrecklichen Entbehrungen, die ihnen der Krieg verursacht hat. Schließlich sagt der eine. 'Und weißt Du, wer schuld ist an dem Krieg? Die Juden und die Radfahrer!' Gegenfrage: 'Wieso die Radfahrer?!'"
    Albert Lichtblau (Hrsg.): "Als hätten wir dazugehört: österreichisch-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie." Böhlau, Wien: 1999 (Link)
 2010
  • "Ein älterer Jude aus Berlin findet sich von Nazis umringt, die ihn zu Boden schlagen und höhnisch fragen: 'Na Jude, wer ist denn schuld am Krieg?' Der kleine Jude ist nicht auf den Kopf gefallen und antwortet: 'Die Juden und die Radfahrer.' 'Warum die Radfahrer?', wollen die Nazis wissen. 'Warum die Juden?', kontert der alte Mann."
    Avi Primor, Christiane von Korff: "An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld", Piper Verlag, München: 2010, S. 9 (Link) 
 2014
  • "One of the conclusions to be drawn from this is that,  in endeavoring to provide an answer to the question "Why  were Jews specifically picked out to play the scapegoat role  in anti-Semitic ideology?" we might easily succumb to the  very trap of anti-Semitism, looking for some mysterious  feature in them that, as it were, predestined them for that  role: the fact that Jews who were chosen for the role of the  'Jew' ultimately is contingent — as it is pointed out by the  joke about anti-Semitism: 'Jews and cyclists are responsible for all our troubles. — Why cyclists? — WHY JEWS?'"
     Slavoj
    Žižek: "Žižek's Jokes: (Did you hear the one about Hegel and negation?)"  Ed. by Audun Mortensen, MIT Press, Boston: 2014, S. 117 (Link) 
  • "'Die Juden und die Radfahrer sind für unsere ganzen Schwierigkeiten verantwortlich!' 'Warum die Radfahrer?' 'Warum die Juden?'"
    Slavoj Žižek: "Žižek's Jokes - Treffen sich zwei Hegelianer ..." Übers: Franz Born, Suhrkamp, Berlin: 2014 (Link)
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Quellen:
Gutezitate.com  (Die Sammlung einer Unmenge falsch zugeschriebener Zitate und Memes.)
Stefan Ille, Kurt Tucholsky-Gesellschaft: "Juden und Radfahrer – Ein angebliches Tucholsky-Zitat." (Mit einem Nachtrag von Friedhelm Greis, dem ich auch das Tucholsky-Zitat verdanke.) (Link)
Historische Zeitungen und Zeitschrifen der Österreichischen Nationalbibliothek, Anno Volltextsuche (Link)
Google Books, Projekt Gutenberg etc.
Otto Stoessl: "Morgenrot", Projekt Gutenberg: 2017 (Link), Erstausgabe 1912: (Link)
Theodor Lessing: "Feind im Land. Satiren und Novellen. "(EA 1923), Hofenberg, Berlin: 2017 (Link) 
Kurt Tucholsky: "Ludendorff oder Der Verfolgungswahn" von Theobald Tiger (Psd.), "Die Weltbühne", XXIV Jg., Nr. 45, 6. November 1928, S. 700 (Letzte Zeile: "Alles Unheil ist das Werk der Heeresbrüder.") (Link)
Hannah Arendt: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft." (1955) Ullstein, Berlin: 1975, S. 23 (Link)
Hannah Arendt: "The Origins of Totalitarianism." (EA1951) Penguin Books Classics: 2017 (Link)  
Slavoj Žižek: "Žižek's Jokes - Treffen sich zwei Hegelianer ..." Übers: Franz Born, Suhrkamp, Berlin: 2014 (Link)
 Slavoj Žižek: "Žižek's Jokes: (Did you hear the one about Hegel and negation?)"  Ed. by Audun Mortensen, MIT Press, Boston: 2014, S. 117 (Link)
Avi Primor, Christiane von Korff: "An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld", Piper Verlag, München: 2010, S. 9 (Link)  
Albert Lichtblau (Hrsg.): "Als hätten wir dazugehört: österreichisch-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie." Böhlau, Wien: 1999 (Link)
Erich Maria Remarque: "Der schwarze Obelisk: Geschichte einer verspäteten Jugend." Kiepenheuer u. Witsch,  Köln: 1956, S. 293 (Link)
"Das Vaterland." Abendblatt, 27. November 1897, S. 1 Parlament (Link) 
"Arbeiterwille", 27. Juni 1925, S. 3 1925: "Die Juden und die Radfahrer."
Walter Ludwig: "Soziologie des deutschen Stammtisches. Die Entstehung politischer Schlagworte." "Salzburger Wacht", 30. Januar 1932, S. 7: "'Die Juden und die Radfahrer' sind an allem schuld. Besser als mit diesem Witzwort, kann man die Mentalität eines Stammtisches nicht beschreiben." (Link)