Dienstag, 12. November 2019

"Hätten die Salzburger von heute Salzburg erbaut, so wäre bestenfalls Linz daraus geworden." Karl Kraus (angeblich)

In den Schriften von Karl Kraus kommt dieses Witzchen nicht vor.

Erstmals Karl Kraus unterschoben wurde dieses Zitat anscheinend von dem Autor, Filmemacher und Anekdotenerzähler Gregor von Rezzori im Jahr 1978.


Gregor von Rezzori, 1978:

  • "Karl Kraus hatte zum Beispiel Anlaß zu sagen: »Hätten die Salzburger von heute Salzburg erbaut, so wäre bestenfalls Linz daraus geworden«. "

    Gregor von Rezzori: "In gehobenen Kreisen", 1978, S. 195 books.google.

 Seitdem wird dieses Pseudo-Karl-Kraus-Zitat von Journalisten, Politikern und Salzburgfestrednern gelegentlich zitiert.

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Quellen:
Google

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
1978:
 Gregor von Rezzori: "In gehobenen Kreisen" Herbig Verlag, München / Berlin: 1978, S. 195 (Link)
 (früheste falsche Zuschreibung)
1986:
Die ZEIT 1986/36  zeit.de
2012:
"Wenn man trotzdem lacht: Geschichte und Geschichten des österreichischen Humors" von Georg Markus. Amalthea Signum Verlag, Wien: 2012 ebook (ohne Seitenzahlen) (Link)

Sonntag, 10. November 2019

"Lass Dich nicht unterkriegen; sei frech, wild und wunderbar." Astrid Lindgren (angeblich)


Pseudo-Astrid-Lindgren-Zitat.
Dieser seit ein paar Jahren äußerst beliebte Motivationsspruch wurde erst im 21. Jahrhundert Astrid Lindgren unterschoben, zuerst in Internetforen, seit dem Jahr 2011 auch in Büchern.

In Astrid Lindgrens Schriften und Interviews wurde dieses Zitat auch auf Schwedisch noch nicht entdeckt (Link).

Petra Wüst hat 2014 ein Ratgeberbuch für Frauen mit dem Titel "Sei frech, wild und wunderbar" veröffentlicht und im Vorwort mitgeteilt, sie habe das angebliche Lindgren-Zitat auf einer Postkarte mit einem Pippi-Langstrumpf-Foto entdeckt.

Das Zitat, mit dem auf Twitter oft für #girlpower oder #womanpower geworben wird, ist also höchstwahrscheinlich ein Kuckuckszitat.

  Twitter:

 

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Die englische Variante des angeblichen Lindgren-Zitats ist ein paar Jahre nach dem Auftauchen der deutschsprachigen Fassung entstanden: "Don't let them get you down. Be cheeky. And wild. And wonderful."
Pseudo-Astrid-Lindgren quote.
Wer das Zitat geprägt hat, ist unbekannt. Entstanden ist es wahrscheinlich als Variante für Mädchen eines beliebten Spruchs, der heute manchmal irrtümlich Arthur Schnitzler unterschoben wird, aber von dem Hamburger Schriftsetzer und Künstler Artur Dieckhoff stammt:

Text von Artur Dieckhoff (Link).
Die Devise "Gefährlich leben!" hat Friedrich Nietzsche seinen Lesern in dem Aphorismenbuch "Die fröhliche Wissenschaft" empfohlen (Link).

 
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Quellen:
Google
Twitter
googlebooks
das-grosse-schwedenforum.de/zitat-aus-pippi-langstrumpf-in-originalsprache-t29353.html
Friedrich Nietzsche: "Die fröhliche Wissenschaft", § 283. Erste Veröffentlichung 10. September 1882. (Link) in: Nietzsche Werke, Kritische Gesamtausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Teil 5, 2. Band, Walter de Gruyter, Berlin: 1973, S. 206
Clemens Walter: "Nur die Mutigen entkommen: die einzig wahre Geschichte von Artur u. Artur; Der Chronik Erster Teil. Kindheit, Aufbruch, Verwandschaft u. Verplichtung", Transit, Berlin: 1991
Gerald Krieghofer: "'Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefährlich, Artur.' Arthur Schnitzler (angeblich)", 2018  (Link).
Petra Wüst: "Sei frech, wild und wunderbar: 12 mutige Schritte für Frauen, die mehr wollen." Orell Füssli,  Zürich: 2014 (Link)

Frühe Erwähnungen in Foren und Social Media:
2006, auf Deutsch:
18. September  beautyboard.de/showthread.php/142127

2013, auf Englisch:
19. Februar my-beautiful-words.blogspot.com/2013/02/be-cheeky-wild-and-wonderful.html

Erste Erwähnung in digitalisierten Büchern:
2011
books.google

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Dank:
Ich danke Martin Anton Müller für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat und dessen Ähnlichkeit mit dem angbeblichen Arthur-Schnitzler-Zitat. 



Artikel in Arbeit.







Montag, 4. November 2019

"Nichts ist schwerer zu ertragen, wie eine Reihe von guten Tagen." Kurt Tucholsky (angeblich)

Dieses aus einem Gedicht Goethes entstandende Sprichwort wird manchmal irrtümlich Kurt Tucholsky zugeschrieben. In den digitalisierten Schriften Tucholskys kommt es nicht vor.


Johann Wolfgang Goethe, 1815:

  • "Alles in der Welt läßt sich ertragen,
    Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen."
    (Link)
 Schon im 19. Jahrhundert wurde dieses Gedicht Goethes etwas verändert zitiert:
  • "Es ist nichts schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen." 1839 (Link);
  • "Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen." 1856 (Link); Fontane, 1890 (Link)
  • "Alles in der Welt läßt sich ertragen, Nur nicht eine Reihe von glüklichen Tagen."
 
 Georg Büchmann hat darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Gedanke ähnlich schon in Martin Luthers Tischreden vorkommt:


Martin Luther, Tischreden, 1570:

  • "Gute Tage können wir nicht ertragen, böse können wir nicht leiden! Gibt er uns Reichtum, so sind wir stolz, gibt er Armut, so verzagen wir." books.google.


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Quellen:
Büchmann
Goethe
Martin Luther
Fontane
Universallexikon
(Bibliographische Angaben folgen. )


zitate.eu/autor/kurt-tucholsky-zitate/1280
universal_lexikon.
Artikel in Arbeit.

Sonntag, 3. November 2019

"Hinter jeder starken Frau versteckt sich ein tyrannischer Vater." Sigmund Freud (angeblich)

Pseudo-Sigmund-Freud-Zitat.
Dieses Kuckuckszitat ist noch keine 10 Jahre alt und weder in den digitalisierten Werken Sigmund Freuds noch in seriösen Nachschlagwerken so oder so ähnlich zu finden.

Das von einer unbekannten Person geprägte Zitat ist wohl als Abwandlung des Sprichworts: "Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau" entstanden.

Klassiker-Zitate, die im 21. Jahrhundert in den Sozialen Medien ohne Quellennachweis erstmals auftauchen und in der digitalisierten Fachliteratur nicht nachweisbar sind, sind meistens unterschobene oder entstellte Zitate.

Varianten des Kuckuckszitats:

  • "Hinter jeder starken Frau steht ein tyrannischer Vater."
  • "Hinter jeder starken Frau versteckt sich ein tyrannischer Vater."

 Früheste Erwähnung auf Twitter, 2013:

 




Artikel in Arbeit.

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Quellen:
Google

Samstag, 2. November 2019

"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Niklas Luhmann

Diese These des Soziologen Niklas Luhmann aus seiner drei Jahre vor seinem Tod erschienenen Studie "Die Realität der Massenmedien" wird meistens ohne deren Relativierung zitiert, mit der Niklas Luhmann diese allgemeine Behauptung noch im selben Absatz einschränkt.

Alles was wir wissen, wissen wir zwar aus den Massenmedien, aber zugleich wissen wir, schreibt Luhman, dass diese Medien keine wirklich vertrauenswürdigen Quellen sind.


Niklas Luhmann, 1995:


  • " Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur. [...]
  • Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, daß wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt. "
Niklas Luhmann: "Die Realität der Massenmedien." 2., erweiterte Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen: 1996, S.  9  pdf

 

Freitag, 1. November 2019

"Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein." Hippokrates (angeblich)

Pseudo-Hippokrates-Zitat.
Diese auf der ganzen Welt unter Ernährungsexpertinnen beliebte Maxime wird seit etwa 100 Jahren dem legendären griechischen Arzt Hippokrates auf Deutsch unterschoben und ist weder so noch so ähnlich in alten griechischen Texten zu finden. 

In englischsprachlichen medizinischen Fachzeitschriften taucht dieses Pseudo-Hippokrates-Zitat im Jahr 1979 das erste Mal auf (Link).
Pseudo-Hippocrates quote.
Dass dieses Zitat Hippokrates, dem 'Vater der Medizin',  nur unterschoben wird, hat Diana Cardenas im Jahr 2013 aufgedeckt (Link)

Die britische Altphilologin und Medizinhistorikerin Helen King hat diese Einschätzung jetzt in ihrer lesenswerten Studie "Hippocrates Now: The 'Father of Medicine' in the Internet Age" und in einem Artikel zu diesem Buch bestätigt (Link).


 Diana Cardenas, 2013:

  • "Misquotation can lead to persistent misconceptions. 'Let food be thy medicine' is a fabrication that was accepted worldwide based on the iconizing of Hippocrates, who appears to give moral and ethical sanction to the phrase. Yet, though food and medicine have been highly related since Antiquity, for Hippocrates, they were not conflated as scientists claim today. More research is warranted to ascertain the precise origin of the Hippocratic misquotation."
    Diana Cardenas: "Let not thy food be confused with thy medicine: The Hippocratic misquotation" (Link)

Das beliebteste Hippokrates-Zitat ist also nach dem Urteil dieser Expertinnen wie so viele andere Hippokrates-Zitate ein Falschzitat. Es ist noch nicht ermittelt, wer das Zitat geprägt hat.

Helen Kings Artikel "Hippocrates Now: Quoting the Father of Medicine"



 

Entwicklung des Kuckuckszitats:



Dieses Zitat wurde 1920 in der Zeitschrift "Der Pilz- und Kräuterfreund"  anscheinend das erste Mal  Hippokrates unterschoben.  Zukünftige Recherchen könnten noch frühere Quellen finden.  


1920
  • "Alles unsere  Nahrungsmittel sollen Heilmittel, / Und unsere Heilmittel sollen Nahrungsmittel sein."  (Link)
1954
  •  "Eure Heilmittel sollen Nahrungsmittel und eure Nahrungsmittel Heilmittel sein".  (Link)
1979
  • "HIPPOKRATEs lehrte vor 2400 Jahren, daß unsere Nahrungsmittel Heilmittel und unsere Heilmittel Nahrungsmittel sein sollen"  (Link)

1979
  • "Let food be thy medicin."
    Fred L Phlegar, Barbara Phlegar: "Diet and schoolchildren", The Phi Delta Kappan (Link)

    Pseudo-Hippokrates-Zitat.

  • "Eure Nahrung soll eure Medizin und eure Medizin soll eure Nahrung sein." 2012 (Link)
  • "Deine Nahrungsmittel seien deine Heilmittel." 2014 (Link)
  •  "Lasst eure Nahrungsmittel eure Heilmittel sein und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel." 2014 (Link)
  • " 'Deine Nahrungsmittel seien deine Heilmittel.' Hippokrates (460–370 v. Chr., griechischer Arzt)" 2018  (Link)
  • "Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein."  2018
  • "Unsere Nahrungsmittel sollten Heilmittel, unsere Heilmittel Nahrungsmittel sein."
  • "Eure Lebensmittel sollen eure Heilmittel sein".
  • "Die Nahrung soll dein Heilmittel sein!"
Pseudo-Hippokrates-Zitat.


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Quellen:
Früheste falsche Zuschreibung auf Deutsch:
"Der Pilz- und Kräuterfreund", IV. Jahrgang, Heft 2,  August 1920,  S. 26 (Link)
Früheste falsche Zuschreibung auf Englisch:
Fred L. Phlegar, Barbara Phlegar: "Diet and schoolchildren", The Phi Delta Kappan, 1979, Vol. 61, No. 1 (Link)
Diana Cardenas: "Let not thy food be confused with thy medicine: The Hippocratic misquotation" , e-SPEN Journal, 2013, http://dx.doi.org/10.1016/j.clnme.2013.10.002  (Link)
 Helen King: "Hippocrates Now: The 'Father of Medicine' in the Internet Age", Bloomsbury Publishing: 2019

  
Helen King: "Hippocrates Now: Quoting the Father of Medicine", posted by
 
(Link) 


(Link)
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Artikel in Arbeit.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

"Wenn wir den Osten nicht mit Waffen kriegen, dann mit der Jazztrompete". Bernard Montgomery (angeblich)

Diese Parole aus dem Kalten Krieg wird seit 1979 dem britischen Generalfeldmarschall Bernard Montgomery  unterschoben, der von 1951 bis 1958 stellvertretender Oberkommandant der NATO war.

In England oder Amerika wird dieser Satz laut Google-Suchen in keiner Übersetzungsvariante in den digitalisierten Medien erwähnt.

Da das Zitat Montgomery erst 20 Jahre nach seiner Zeit bei der NATO erstmals zugeschrieben wurde und da das Zitat auf Englisch völlig unbekannt ist, ist es höchstwahrscheinlich ein Kuckuckszitat, auch weil es immer ohne Quellenangabe zitiert wird.

Es ist unbekannt, wer diese Parole geprägt hat.

Unbestritten ist, dass Jazz im Kalten Krieg als Propagandaelement und "Geheimwaffe" Amerikas  im ehemaligen Ostblock eingesetzt wurde .

Das amerikanische Außenministerium organisierte seit 1956 Konzertreisen in kommunistische Länder von Jazz-Musikern wie Dave Brubek, Louis Armstrong und Dizzy Gillespie (Link).

  • "They were in fierce competition to win the hearts and minds of the world."
    TIME,  22. Dezember 2017 (Link)

Der Weltkriegsgeneral Bernard Montgomery wird in Artikeln über diese sogenannte kulturelle Diplomatie im Kalten Krieg meines Wissens nie erwähnt.

Varianten des Kuckuckszitats:

1979
  • "Aussagen wie zum Beispiel die des britischen Feldmarschalls Montgomery:
    'Wenn wir den kommunistischen Osten nicht mit der Waffe erobern können, dann mit der Jazztrompete' ..." (Link)
2012


  • " 'Wenn wir den kommunistischen Osten nicht mit der Waffe erobern können, dann mit der Jazztrompete', lautete die Losung."  (Link)
2019

  • "Wenn wir den Osten nicht mit Waffen kriegen, dann mit der Jazztrompete".  (Link)


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Quellen:
Google
Billy Perrigo: "How the U.S. Used Jazz as a Cold War Secret Weapon", TIME,  22. Dezember 2017 (Link)
wikipedia.org/wiki/Bernard_Montgomery


Früheste Zuschreibung an Montgomery: 1979  (Link)


Artikel in Arbeit.  Recherchen von Historikern könnten noch frühere Quellen finden.

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Dank:
Ich danke Wolfgang Ritschl für seinen Hinweis.