Sonntag, 8. Juli 2018

"Arbeite, als wenn du ewig leben würdest. Liebe, als wenn du heute sterben müsstest." Seneca (angeblich)

Pseudo-Seneca-Zitat.
Dieser Motivationsspruch wird seit 12 Jahren - immer ohne Quellenangabe - dem römischen Philosophen Seneca unterschoben. 

Das Kuckuckszitat ist weder von Wikipedia-RechercheurInnen noch von mir in einem seriösen Nachschlagwerk oder in einem Text Senecas so oder so ähnlich gefunden worden, und hat sich wahrscheinlich aus christlichen Erbauungssprüchen entwickelt, die im 18. und 19. Jahrhundert zur Belehrung verbreitet wurden. 

Aus: "Lebe, als wenn Du heute sterben müsstest", wurde: "Liebe, als wenn Du heute sterben müsstest". (Artikel in Arbeit.)

1736
  • "Demnach arbeite, als wenn du immer leben würdest: Lebe aber dabey so, als wenn Du heute sterben müßtest." S. 438 books.google

1860
  • "Arbeite, als wenn Du ewig leben, lebe, als ob Du jede Minute sterben müsstes ,.."
    C. O. Müller, Leipzig: "Die Predigt des Sarges" S. 196 books.google

1867
  • "Sei fromm, als wenn du heut' noch sterben müsstest, und arbeite, als wenn du ewig leben würdest. — "
    Wander,  (Sailer, 240.); S. 1222 
    books.google
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2002
  • "Arbeite, als wenn Du das Geld nicht brauchst.
    Liebe, als wurdest Du niemals verletzt.

    Tanze, als würde niemand zusehen." seniorenportal.de


2006
  • "ARBEITE, als wenn du ewig leben würdest - LIEBE, als wenn du heute sterben müßtest.  Seneca"
    books.google, S. 160

2012

  • Arbeite, als wenn du ewig leben würdest. Liebe, als wenn du heute sterben müßtest. (Anonym) previval.org/forum

2013
  • "Arbeite,
    als wenn du ewig leben würdest.

    Liebe,

    als wenn du heute sterben müsstest.

    Lucius Annaeus Seneca

    (ca. 1 – 65 n. Chr.), römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann"
    meinpapasagt.de/arbeite-als-wenn/

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Quellen:

 2013: books.google.at (Seneca); 2015 previval.org/forum (anonym);  2015 kerzen-stueberl.de (Seneca)


Vielen Dank an Ralf Bülow! 

Donnerstag, 5. Juli 2018

"Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann." Karl Marx (angeblich)

Pseudo-Karl-Marx-Zitat. Sixt-Plakat, 1998

Eine österreichische FPÖ-Ministerin hat mit diesem Pseudo-Karl-Marx-Zitat die neue, unternehmerfreundliche Arbeitszeitregelung verteidigt, die laut der Sprachregelung der Regierungsparteien völlig im Interesse der Arbeitnehmer liege und endlich "Freiheit für jedermann und jederfrau möglich" mache. - Das Zitat ist so daneben wie diese Sprachregelung.

Seit 1901 wird der Satz, "Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann", Otto von Bismarck zugeschrieben; Karl Marx unterschoben wurde dieses Zitat erstmals im Jahr 1998 von einer Werbeagentur für eine Autoleasingreklame. Seither wird es in unseriösen Medien öfters Karl Marx zugeschrieben.

Ob Bismarck den Satz wirklich gesagt hat, kann ich noch nicht sagen. Karl Marx hat ihn sicher nie gesagt. 

Mehrfach bezeugt ist der Ausspruch Bismarcks zu einem Diplomaten aus dem Jahr 1866:
  • "Nur ein ganz fertiger Staat kann sich den Luxus einer liberalen Regierung gestatten." (Link)

1901
  • "Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann."
    v. Bismarck.

    "Geistige Waffen: Ein Aphorismen-Lexikon", 1901,
    S. 149 (Link)
 1937
  • "Die wirtschaftliche wie die politische Freiheit ist ein Luxus, der den reichen Ländern vorbehalten ist."
    Raymond Bertrand (Link)
1998
  • "Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann." Karl Marx
  • "Freiheit ist ein Luxus, den sich      jedermann leisten kann." Erich Sixt
2018

  • "Sozialminister Beate Hartinger-Klein (FPÖ) hat den anstehenden Beschluss zur Ausweitung der Arbeitszeit mit einem Zitat des deutschen Philosophen Karl Marx verteidigt. Dieser habe einst gesagt, 'Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann'. Mit der nun vorliegenden Arbeitszeit-Regelung 'ist diese Freiheit für jedermann und jederfrau möglich', so die Ressortchefin."
    APA, "Die Presse", 5. Juli 2018


Pseudo-Karl-Marx-Zitat: Die Presse, 5. Juli 2018



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Quellen:
Camille Schaible: "Geistige Waffen: Ein Aphorismen-Lexikon", Verlag von Paul Waetzel, Freiburg i.B. u. Leipzig: 1901, S. 149  (Link)
Internationalen Marx-Engels-Stiftung: MEGAdigital: Online-Angebot der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Karl Marx und Friedrich Engels (Link)
Karl Marx archive.org  (In den digitalisierten Texten von Karl Marx ist das Zitat weder so noch so ähnlich zu finden. )
Konrad Löw: "Weise Marximen des guten Onkel Karl. Wie die Werbung Marx verkürzt und so verfälscht ", "Die Welt", 16. Juli 1998 (Link)

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Karl Marx:
zitate-online.de 
gutezitate.com/zitat/185538 
Google books 
Google  
APA: "Hartinger-Klein verteidigt Arbeitszeit-Paket mit Marx-Zitat", "Die Presse", 5. Juli 2018



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 Sixt (Link)

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Dank an Wolfgang Gruber und Gerda Hillebrand für den Hinweis auf dieses Falschzitat.

Artikel in Arbeit.

"Alle, Herr Dobrindt!" Claudia Roth (angeblich)

Ein ironischer Zwischenruf von Claudia Roth in der Bundestagsdebatte vom 28. Juni 2018 wurde absichtlich und manchmal vielleicht auch wirklich missverstanden, so als hätte sie die Aufnahme von 70 Millionen Flüchtlingen in Deutschland gefordert.

Auf die rhetorische Frage des CSU-Abgeordneten Alexander Dobrindt: "Was meinen Sie mit einer Untergrenze für Flüchtlinge? 5 Millionen, 10 Millionen? Wieviele von den 70 Millionen ...?",  antwortete die Vizepräsidentin des deutschen Bundestages Claudia Roth: "Nein! Alle, Herr Dobrindt!" -

Es ist klar, dass eine Untergrenze von 70 Millionen Flüchtlingen nicht ernst gemeint sein kann.

Da seit Jahren absurde Lügen über Claudia Roth verbreitet werden, glauben einige schlecht informierte AfD-Wähler und -Wählerinnen vielleicht wirklich, Claudia Roth möchte mindestens 70 Millionen Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen. Es würde zu dem Unsinn passen, der über einen angeblich von Linken  geplanten Bevölkerungsaustauch in rechtsextremen Kreisen verbreitet wird.

Obwohl dem CSU-Abgeordneten Alexander Dobrindt der verrückte Hass auf Claudia Roth bekannt ist, hat auch er die gehässige AfD-Propaganda übernommen und am 4. Juli im Bundestag behauptet, Claudia Roth habe auf die Frage nach der Untergrenze "eine Antwort gegeben, die auch im Protokoll nachzulesen ist ...: 'Alle! Alle!' Sie wollen alle aufnehmen, die auf der Welt als Flüchtlinge unterwegs sind".


 Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 19/42, 28. Juni 2018, S. 4126










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Facebook, 15. Juni 2018

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Quellen:
Florian Neuhann: "Claudia Roth über Flüchtlinge - 'Alle, Herr Dobrindt!' - Geschichte einer Fake News", 4. Juli 2018, zdf.de  (Link)
Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 19/42, Stenografischer Bericht, 42. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 28. Juni 2018, S. 4126 (pdf)
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Rechte Lügen über Claudia Roth:
Patrick Gensing: "Grünen-Politikerin Roth - Wenn umdrehen zur Nazi-Methode wird", 24. Mai 2018 faktenfinder.tagesschau.de ;
faktenfinder.tagesschau.de ;
faktenfinder.tagesschau.de/inland/falsche-zitate ;
faktenfinder.tagesschau.de
mimikama.at

Montag, 2. Juli 2018

"Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen." Erich Kästner (angeblich)


Pseudo-Erich-Kästner-Zitat.

Dieses Sprichwort wird im 21. Jahrhundert sehr oft Erich Kästner zugeschrieben, aber es ist ein Kuckuckszitat, wie die Experten von der Erich-Kästner-Forschung wissen und wie mir Johan Zonneveld, der Autor der dreibändigen Erich-Kästner-Bibliographie, per E-Mail versicherte.

Laut Google Books wurde dieses Bonmot zum ersten Mal im Jahr 1986 (Link) Johann Wolfgang von Goethe unterschoben, und zwar von dem FDP-Abgeordneten Klaus Beckmann im Deutschen Bundestag anlässlich einer verkehrspolitischen Debatte über die Einführung der Parkkralle in Deutschland:

Im 21. Jahrhundert wird das Zitat, das vielleicht der deutsche Abgeordnete Klaus Beckmann geprägt hat,  abwechselnd Erich Kästner oder Goethe unterschoben, obwohl es weder in den Schriften Erich Kästners noch in den Schriften Johann Wolfgang von Goethes zu finden ist.

Pseudo-Goethe-Zitat.

Pseudo-Erich-Kästner-Zitat.

Varianten des Pseudo-Erich-Kästner-Zitats:

  • "Auch mit Steinen die man Dir in den Weg legt kannst Du etwas Schönes bauen."                      
  • "Even if there are stones in your way, you can build something beautiful" 
  • "Even if there are stones in your way, you can build something beautiful with it."  
  • "You can build something beautiful from stones that are put in your way." 
  • "Even the stones that have been placed in one's path can be made into something beautiful."
    "Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen."
     
Noch mehr Versionen dieses Zitats sind in Juttas Zitateblog (Link) versammelt. 


Entwicklung des Kuckuckszitats:


1974, Robert Lembke:
  • "Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen."

1986,  FDP-Abgeordneter Klaus Beckmann:
  • "Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, wie Goethe sagt, kann man auch Schönes bauen." (Link)
1992, Goethe (angeblich):
  • "Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen."
2000, Erich Kästner (angeblich):
  • "Auch mit Steinen die man Dir in den Weg legt kannst Du etwas Schönes bauen." (Link)
2007, Chinesische Weisheit (angeblich)
  • "Mit dem eigenen Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen." (Link)
2016, Konfuzius (angeblich)
  • "Du sollst aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Brücke bauen.“

Dieses Kuckukszitat hat sich also - nach dem bisherigen Stand der Forschung - aus einem Aphorismus des Fernsehmoderators Robert Lembke entwickelt und wurde in den folgenden Jahrzehnten Johann Wolfgang von Goethe, Erich Kästner und Konfuzius unterschoben oder als chinesische Weisheit bezeichnet. Quellenangaben werden bei diesen Falschzitaten nie genannt.
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Quellen:
Google
Wolfgang Mieder: "Phrasen Verdreschen: Antiredensarten Aus Literatur Und Medien", Quelle + Meyer: 1999, S. 298 
Johan Zonneveld: "Bibliographie Erich Kästner." 3 Bände im Schuber. Aisthesis Verlag, Bielefeld: 2011
E-Mail von Dr. Johan Zonneveld vom 2. Juli 2018
Abgeordneter Klaus Beckmann (FDP), 27. Februar 1986: Verhandlungen des Deutschen Bundestages: Stenographische Berichte, Deutscher Bundestag,  Band 137, 1986, S. 15429 (Link)  
Publik-Forum, Band 21, 1992, S 39 (Link)
Lexikon der Goethe-Zitate. Hrsg. von Richard Dobel, Artemis Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg: 1991 

Juttas Zitateblog: "Goethe und die Steine, die einem in den Weg gelegt werden – oder sind sie doch von Kästner oder von wem?", 2012 (Link) (Lesenswert.)
E-Mail von Dr. Johann Zonneveld vom 2. Juli 2018

Frühe Zuschreibungen an Erich Kästner:
Dezember 2000: groups.google
August 2001: groups.google 
2001: groups.google.com
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Dank:
Ich danke dem Literaturwissenschaftler Johan Zonneveld, der seit Jahrzehnten Erich Kästners Werk erforscht, für die Bestätigung, dass dieses Zitat in den Schriften und Interviews Erich Kästners nicht zu finden ist. Dank auch an Juttas Zitateblog und Wolfgang Mieder.
 (Artikel in Arbeit.)

Sonntag, 1. Juli 2018

"Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist falsch." Umberto Eco (angeblich)

Dieses Zitat kommt tatsächlich so ähnlich in Umberto Ecos Roman "Das Foucaultsche Pendel" vor, allerdings mit dem Zusatz: "Wie sagte doch gleich, ich weiß nicht mehr, wer es war". 

Der Erzähler weist also ausdrücklich daraufhin, dass er nicht selbst das Bonmot geprägt hat, das außer Umberto Eco auch Albert Einstein, Bernard Shaw und einigen anderen unterschoben wird.

 Geprägt hat es aber der amerikanische Autor, Satiriker und Journalist Henry Louis Mencken im Jahr 1921.

Henry Louis Mencken:

  • "Erklärungen gibt es und hat es seit ewigen Zeiten gegeben; stets weiß man für jedes menschliche Problem eine Lösung — sauber, einleuchtend, und falsch."
  •  "Explanations exist; they have existed for all time; there is always a well-known solution to every human problem — neat, plausible, and wrong"
    H.L. Mencken: "Prejudices: Second Series", 1921  (Link)

 Geflügelt wurde der Satz in einer leicht veränderten Kurzform:
 
  •  "There is always an easy solution to every problem - neat, plausible, and wrong."
    H. L. Mencken 

  • "Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die einfach, klar und falsch ist."
    H. L.
    Mencken

     

    --

Diverse Zuschreibungen:

  • "Wie sagte doch gleich, ich weiß nicht mehr, wer es war: Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche."
    Umberto Eco:
    "Das Foucaultsche Pendel",  S. 371 (Link)
  • "Auch hier gilt eben der schöne Satz des Schriftstellers Umberto Eco: 'Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist falsch.'"
    Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2017   (sueddeutsche.de)
  •  "Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist falsch. So lautet ein Satz des Schriftstellers Umberto Eco. Für Bayern gilt er derzeit besonders."
    Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2017  (sueddeutsche.de)
  • "Komplexe Probleme haben oft eine Lösung die verständlich, einfach und unkompliziert ist.- Und zumeist falsch.  Deutsches Sprichwort"
  • "Umberto Eco schreibt in seinem Roman "Das Foucaultsche Pendel" – Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung und die ist die falsche."
  • "Albert Einstein soll gesagt haben: Der Deutsche hat für jedes schwierige Problem eine einfache Lösung – und die ist falsch."
  • "Für jedes komplexe Problem gibt es stets eine einfache Lösung. Und die ist falsch. George Bernard Shaw (1856-1950)"  


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Quellen:
Henry Louis Mencken: "The Divine Afflatus", EA "New York Evening Mail", 16. November 1917 (Laut Shapiro und O'Toole noch ohne Zitat); (mit Zitat) in: "Prejudices: Second Series",  Jonathan Cape, London: 1921, S. 158  (Link) und, geringfügig verändert, in: "A Mencken Chrestomathy", 1949, S 443  (Link) (Zitiert nach Wikiquote und O'Toole)
Umberto Eco: "Das Foucaultsche Pendel",  Übersetzung von Burkhart Kroeber, Hanser,  München: 1989, S. 371 (Link)
Fred R. Shapiro: "The Yale Book of Quotations". Yale University Press, New Haven: 2006, S. 511
Garson O'Toole: "There Is Always a Well-Known Solution to Every Human Problem—Neat, Plausible, and Wrong  Mark Twain? H. L. Mencken? Peter Drucker? Anonymous?" 2016 (Link) 

Franz Kotteder: "Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist falsch. So lautet ein Satz des Schriftstellers Umberto Eco. Für Bayern gilt er derzeit besonders." Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2017 (sueddeutsche.de)
goodreads.com  (Eco)
pro-oriente.at (Einstein)
Google books (Shaw)

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Dank
Garson O'Toole hat die Entwicklung dieses Zitats dankenswerter Weise sorgfältig dokumentiert.

Donnerstag, 28. Juni 2018

"Halte dich von negativen Menschen fern. Sie haben ein Problem für jede Lösung." Albert Einstein (angeblich)

Pseudo-Albert-Einstein quote.

Dieser im Jahr 2018 auf Twitter sehr beliebte Aphorismus wurde erst im 21. Jahrhundert Albert Einstein unterschoben und ist weder in einem seriösen Nachschlagwerk noch in Albert Einsteins digitalisierten Texten auf Deutsch oder Englisch zu finden.

Dieses Zitat, das es in diesem Wortlaut auf Englisch kaum elf Jahre und auf Deutsch meines Wissen kaum vier Jahre gibt, ist also ein Kuckuckszitat, und wird wahrscheinlich nie in einem Text oder Interview Albert Einsteins nachgewiesen werden können.

Der Ratschlag, sich von negativen Menschen fernzuhalten, ist natürlich nicht neu, und die paradoxe Wendung, "a problem for every solution", war schon 1972 ein Buchtitel (Link).  Wer die beiden Sätze erstmals zusammenführte, ist unbekannt.
 


Pseudo-Albert-Einstein, Varianten:



Pseudo-Albert-Einstein quote.
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Quellen:
Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011 (keine Erwähnung dieses Zitats)
Twitter
Google
Frühe Erwähnungen des Kuckuckszitats:
2007: diskusjon.no (ohne Zuschreibung an Albert Einstein)
2007: gamerswithjobs.com "Stay away from negative people. They have a problem for every solution" - Albert Einstein
2009: gamerswithjobs.com "Stay away from negative people. They have a problem for every solution" - Albert Einstein
2014?: presseteamaustria.at
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Dank:
Ich danke Ralf Bülow für seinen Hinweis.

Montag, 25. Juni 2018

"Wenn an einer Wahrheit Ärgernis genommen wird, ist es nützlicher, das Ärgernis entstehen zu lassen, als auf die Wahrheit zu verzichten." Augustinus (angeblich)

Dieser in der Kirchengeschichte vielzitierte Satz wird seit etwa 40 Jahren manchmal  irrtümlich Augustinus zugeschrieben, stammt aber von dem Kirchenvater  Gregor dem Großen, der 200 Jahre nach Augustinus gelebt hat.


Gregor der Große

  • "Wenn die Wahrheit nicht gesagt werden kann, ohne Skandal zu zu erregen, so ist es besser, Skandal zu erregen, als die Wahrheit nicht zu sagen." 
  • "Wenn die Wahrheit ein scandalum verursacht, so ist es besser, dies zu gestatten als nicht die Wahrheit zu sagen".
  • "Wenn an einer Wahrheit Ärgernis genommen wird, ist es nützlicher, das Ärgernis entstehen zu lassen, als auf die Wahrheit zu verzichten. "
  • "If people are scandalized at the truth, it is better to allow the birth of scandal, than to abandon the truth."
  • "Si autem de veritate scandalum sumitur, utilius permittitur nasci scandalum, quam veritas relinquatur."
    Gregor der Große, Homiliae. Lib. I. Hom. VII, § 5.
    (Link), zitiert von Thomas von Aquin, Summa Theologica, Part II-II, Questio 43, Articulus 7 (Link)
Thomas von Aquin, Blaise Pascal und Bernhard von Clairvaux haben diesen Satz Gregor des Großen, der in einer kürzeren Version geflügelt wurde, zitiert.

Kurzversion

  • "Melius est, ut scandalum oriatur, quam ut veritas relinquatur." 
  • "Besser, es gibt einen Skandal, als daß die Wahrheit zu kurz kommt." 
  • "Besser ein Ärgernis entsteht, als dass die Wahrheit aufgegeben wird." 
  • "Es ist besser, dass Ärgernis entstehe, als dass eine Wahrheit verschwiegen werde.“

  Bildspruch Spruchbild www.spireo.de


Bernhard von Clairvaux hat diese Kurzform des Satzes von Gregorius zitiert, Agustinus wird er irrtümlich zugeschrieben.

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Quellen:
SS Gregorius I Magnus: "Homiliarum in Ezechielem Prophetam", Liber Primus, Hom. VII, § 5 (Link)
St. Thomas Aquinas: "The Summa Theologica" Translated by Fathers of the English Dominican Province, Benziger Bros. edition: 1947, Part II-II, Questio 43, Articulus 7 (Link)
Sancti Bernardi Abbatis Clarae-Vallenis: "Opera Omnia",  Vol 1, Apud gaume fratres, Bibliopolas, Paris: 1839, S. 3202 (Link)
Mathias Schmoeckel: "Die Jugend der Justitia: Archäologie der Gerechtigkeit im Prozessrecht der Patristik", Mohr Siebeck, Tübingen: 2013, S. 70f.  (Link)

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Augustinus:
1980: (Link)
wiki2comanitas.com
2014:  kloster-stiepel.org

(In Arbeit.)