Samstag, 18. August 2018

"Das Leben ist ein Abbild unserer großen Romane." Arno Schmidt (angeblich)


Der Satz Arno Schmidts:
  • "Die 'Wirkliche Welt'?: ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unsrer Großn Romane!"  

aus seiner Novellen-Comödie "Die Schule der Atheisten" wird manchmal entstellt wiedergegeben:

1992
  • "Es ist ja gar nicht wahr, daß unser aller Existenz nur ein schwacher Abklatsch großer Romane sei — wie der Optimist Arno Schmidt einst meinte. Unsere Leben sind Abklätsche der Medien, in Sonderheit der Boulevardmedien und der Yellow Press, welche beiden ja bekanntlich Millionenauflagen erzielen, ohne daß — sonderbar! — zumindest mir gegenüber je ein Mensch zugegeben hätte, sie zu konsumieren."
    Klaus Nothnagel: "Warum heißen Medien Medien?"  TAZ, 16. März 1992 (Link)
     
1999
  • So wird ... "die Realität zu einer lachhaften Kopie unserer großen Romane (Arno Schmidt)." (Link)
 2011
  • ".. ich zitierte ... wie so oft bei solch einer Gelegenheit, Arno Schmidt mit dem Satz: 'Das Leben ist ein Abbild unserer großen Romane.'  (Link)
2013
  • „Die Realität ist nur ein Abklatsch unserer großen Romane.“ (Arno Schmidt). (Link)


Arno Schmidt: "Die Schule der Atheisten." 1972,  S. 166
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 Joseph Roth meinte in seiner Novelle "Triumph der Schönheit" noch, das Leben sei ein elender Abklatsch schlechter Romane, keiner großen.

Joseph Roth, 1934

  •  "Sie glauben gar nicht, welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist." (Link)


Dass nicht die Kunst das Leben, sondern das Leben die Kunst imitiert, ist ein Gedanke, den das erste Mal Oscar Wilde in seinem  Essay "The Decay of Lying" ("Der Verfall des Lügens") im Jahr 1891 ausgesprochen hat (Link):

Ocar Wilde, 1891

  • "Life imitates Art far more than Art imitates Life."

  • "das Leben ahmt die Kunst weitaus mehr nach als die Kunst das Leben".



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Quellen:
Arno Schmidt: "Die Schule der Atheisten. Novellen-Comödie in 6 Aufzügen", S. Fischer, Frankfurt am Main: 1972, V. Aufzug, 3. Szene, Kolderup zu Seng Wu, S. 166
Joseph Roth: "Triumph der Schönheit", 1934, in: Joseph Roth: "Stationschef Fallmerayer / Die Büste des Kaisers / Triumph der Schönheit", hrsg. von Karl-Maria Guth, Hofenberg, Berlin: 2016, S. 66 (Link)
Oscar Wilde: "The Decay Of Lying: An Observation", 1891 (Link)
Oscar Wilde: "Der Verfall des Lügens. Eine Feststellung." In: Oscar Wilde: "Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben", übersetzt von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer, Insel, Leipzig: 1907, S. 38 (Wikisource)

Freitag, 17. August 2018

"Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin." Bertolt Brecht (angeblich)

Grafik von Johannes Hartmann, Hamburg 1981

Dieser wohl beliebteste Slogan der Friedensbewegung wurde durch einen Artikel der Autorin Charlotte Keyes ab 1966 in Amerika in der Version, "Suppose They Gave a War and No One Came",  berühmt, und kam Ende der 1970er Jahren in Deutschland auf, wo er bald Bertolt Brecht unterschoben wurde.

1981 wird diese pazifistische Devise durch die Grafik des Hamburger Designers Johannes Hartmann in ganz Deutschland populär, und obwohl Ralf Bülow 1983 im 'Sprachdienst', Siegfried Unseld 1991 in einem Leserbrief an die FAZ und schließlich Christoph Drösser 2002  in der ZEIT-Kolumne "Stimmt's?" und viele andere darauf hinwiesen, dass der Spruch auf den amerikanischen Lyriker Carl Sandburg zurückgeht und mit Bertolt Brecht nichts zu tun hat, wird der Slogan auch 2018 noch Bertolt Brecht unterschoben.


In einer längeren Fassung wurden diesem antimilitaristischen Spruch Zeilen aus einem Gedicht Bertolt Brechts angehängt und der gesamte Text Bertolt Brecht irrtümlich zugeschrieben. 


Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat:

  • "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. (1)
    Dann kommt der Krieg zu Euch! (2)

    Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und läßt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat." (3)

Weder der erste Satz (1 'Stell dir vor ..') noch der zweite Satz (2 'Dann kommt..') dieses Slogans hat etwas mit Bertolt Brecht zu tun, wobei der zweite Satz völlig der pazifistischen Aussage des ersten widerspricht .


(1): "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."

Autor: Carl Sandburg, verändert von J. Newman, popularisiert von Charlotte Keyes (Link).

"Suppose They Gave a War and No One Came", war ein Slogan amerikanischer Hippies und Kriegsdienstverweigerer, von denenen einige lieber Jahre im Gefängnis verbrachten als im  Krieg gegen Vietnam zu kämpfen. 

Charlotte Keyes, die Mutter eines dieser Kriegsdienstverweigerer, hat 1966 den Slogan in einem Artikel über ihren Sohn populär gemacht (pdf). Sie hat den Slogan von dem Ausspruch eines kleinen Mädchens aus einem 300 Seiten langen Gedicht von Carl Sandburg abgeleitet, "Sometime they'll give a war and nobody will come" (Little girl), der ihr durch einen Leserbrief in der Version, "Suppose They Gave a War and No One Came", in Erinnerung gebracht wurde. 

Ich folge hier den Recherchen ihres anderen Sohnes, Ralph Keyes, aus seinem Standardwerk "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When" (Link).

 1936

1961
  •  "Suppose they gave a war and no one came?” James R. Newman zitiert und verändert Sandburgs Satz in einem Leserbrief an die Washington Post.
1966
  • "Suppose they gave a war and no one came?” Charlotte E. Keyes zitiert Newmans verändertes Sandburg-Zitat.
1970
1981
  •  "Stell dir vor, es kommt Krieg, und keiner geht hin." Grafik von Johannes Hartmann
 

(2): Dann kommt der Krieg zu Euch!


Autor: Wahrscheinlich ein unbekannter Schweizer in einer Schweizer Militärzeitung.
Diese Satz hebt die antimilitaristische Aussage des ersten Satzes auf.


(3): "Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt ...."

Autor: Bertolt Brecht

  • "Wer zu Hause bleibt; wenn der Kampf beginnt
    ...
    Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
    Und läßt andere kämpfen für seine Sache
    Der muß sich vorsehen: denn
    Wer den Kampf nicht geteilt hat
    Der wird teilen die Niederlage.
    Nicht einmal den Kampf vermeidet
    Wer den Kampf vermeiden will: denn
    Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
    Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."
    Bertolt Brecht: "Koloman Wallisch Kantate" (Link),
--

  1968

 The Monkees: "Zor and Zam"

 by Bill Chadwick and John Chadwick.

."The king of Zor, he called for war
And the king of Zam, he answered.
... 
...
Two little kings playing a game.
They gave a war and nobody came."



 

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Quellen:
Charlotte E. Keyes: "Suppose They Gave a War and No One Came", October 1966 (pdf)
Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. 239 (Link)
Carl Sandburg: The Complete Poems of Carl Sandburg. Revised and Expanded Edition. Introduction by Archibald McLeish. Harcourt, San Diego/ New York/ London: 1970, S. 464 (Link)
Siegfried Unseld: Leserbrief, FAZ 12. März 1991 (Link)
Ralf Bülow: "Stell Dir vor, es gibt einen Spruch ...", Der Sprachdienst Jg. 27, 1983, S. 97-100 
Christoph Drösser: "Stimmt's? Von Brecht? Unvorstellbar." Die ZEIT 31. Januar 2002 (Link)
  Johannes Hartmann: "Die rätselhafte Parole: 'Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin'", Der SPIEGEL, EINESTAGES, 6. Februar 2016 (Link)
Bertolt Brecht: "Kolomann Wallisch Kantate" (Link) (Link), in: Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 14 (Gedichte 4), Berlin, Weimar und Frankfurt: 1993, S. 262–270, S. 267

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
2018: Frank Schmidt-Wyk: "Politikwissenschaftler Herfried Münkler: Mehr Besonnenheit im Umgang mit Russland", Interview, "Lampertheimer Zeitung", 31. März 2018   (Link);
2013: unzensuriert.at   


Artikel in Arbeit.
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"Gutmenschen sind ein Fluch. Auch sie tun gute Taten. Aber sie tun es auf eine Weise, die ihre Mitwelt manchmal schier um den Verstand bringt." Oscar Wilde (angeblich)

https://twitter.c



Dieses Pseudo-Oscar-Wilde-Zitat wurde vor ein paar Jahren erfunden und wird zurecht kaum zitiert.

Das Wort "Gutmensch" wurde in den 1980er Jahren geprägt, und in den 1990er Jahren bald nur noch abwertend als Schimpfwort gebraucht, das im 21. Jahrhundert fast nur mehr von Rechten verwendet wird.

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Quellen:
Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. : "Herkunft von Gutmensch"  (Link)
Wikipedia 
2012 (angeblich): zitate-und-weisheiten

"Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird." Immanuel Kant (angeblich)

Pseudo-Immanuel-Kant-Zitat.
 Dieses Zitat stammt aus dem Schauspiel "Der Stern von Sevilla" des österreichischen Autors Christian von Zedlitz und wird dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant seit Jahrzehnten unterschoben.

Obwohl der Literaturwisenschaftler Ulrich Seelbach von der Universität Bielefeld dankenswerter Weise schon vor Jahren auf diese falsche Zuschreibung des Zedlitz-Zitats in seiner Sammlung von Trauersprüchen hingewiesen hat, wird dieses Zitat weiterhin in Trauerspruchsammlungen, Büchern und Zeitungen Immanuel Kant und manchmal auch irrtümlich Seneca zugeschrieben.
Pseudo-Seneca-Zitat.

 1830, Christian von Zedlitz

  • "Wer im Gedächtniß seiner Lieben lebt, Ist ja nicht todt, er ist nur fern. – Todt nur
    Ist, wer vergessen wird; 
    ich aber werde,
    Ich weiß es, nicht vergessen seyn von dir – "
    Joseph Christian von Zedlitz: "Der Stern von Sevilla", 4. Aufzug, 7. Auftritt, Ortiz zu Estrella (Link) 
 "Der Stern von Sevilla" ist nach Motiven des 1623 publizierten Dramas "La Estrella de Sevilla" des spanischen Dichters Lope de Vega entstanden.

Die Wendung, "Todt nur ist, wer vergessen wird", scheint es nur in der deutschen Fassung des österreichischen Autors Christian von Zedlitz zu geben, obwohl sie manchmal im 19. Jahrhundert Lope de Vega zugeschrieben wird (Link).

Varianten dieses Satzes

  • "Wer im Herzen seiner Lieben lebt, ist nicht tot. Tot ist, wer vergessen wird."
 
1859, George Eliot
  • "Unsere Toten werden erst dann wirklich tot sein, wenn wir sie vergessen haben."
  • "Our dead are never dead to us until we have forgotten them."
    George Eliot, "Adam Bede"  (Link)
 21. Jahrhundert
https://twitter.com/krieghofer/status/8712816072185405
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Quellen:
Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"
Wikiquote
"Der Stern von Sevilla", Nach dem gleichnamigen Schauspiel des Lope de Vega, bearbeitet von Joseph Christian Baron v. Zedlitz, Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen: 1830, S. 98 (Link)
George Eliot: "Adam Bede" (Erstausgabe 1859, John Blackwood, London), Harper and Brothers, New York: 1860, S. 89 (Link)
Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1992-1997). Hrsg. von Walter Koch u.a.  Hahnsche Buchhdlg. , Hannove: 2000, S. 450 (zitiert nach Seelbach)
 Google
2011: Geschichtsforum

Frühe falsche Zuschreibungen an Immanuel Kant:
1984: Traueranzeige, "Das Ostpreußenblatt", 6. Oktober 1984, S. 22 preussische-allgemeine.de/1984
 
1992: Traueranzeige S. 23  preussische-allgemeine.de/1992
1999: Traueranzeige
1998: groups.google.com

Weitere Beispiele für falsche Zuschreibungen an Kant:
2016: Dudenredaktion: "DUDEN - Passende Worte im Trauerfall: Trauertexte stilsicher formulieren", Bibliographisches Institut, Berlin, 2016, ebook  (Link)
2018:  www.focus.de/wissen
2016 books.google


Falsche Zuschreibungen an Brecht:
zum Beispiel:
Dudenredaktion: "DUDEN - Passende Worte im Trauerfall: Trauertexte stilsicher formulieren", Bibliographisches Institut, Berlin, 2016, ebook (Link)

Donnerstag, 16. August 2018

"Eines Morgens wachst Du nicht mehr auf, die Vögel aber singen, wie sie gestern sangen. Nichts ändert diesen Tagesablauf. Nur Du bist fortgegangen. Du bist nun frei, und unsere Tränen wünschen Dir Glück." Johann Wolfgang von Goethe (angeblich)

Pseudo-Goethe-Zitat.
Dieses angebliche Goethe-Zitat ist fast zur Gänze eine Erfindung des 21. Jahrhunderts und taucht um 2007 das erste Mal in den digitalisierten Texten auf.  Es ist anonymen Ursprungs und wird seit ein paar Jahren auf vielen Traueranzeigen und in einigen Anthologien fälschlich Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben.

In Goethes Schriften ist dieses Zitat nicht zu finden, worauf auch der Literaturwissenschaftler Ulrich Seelbach in seiner verdienstvollen Sammlung moderner Trauer- und Trostsprüchen hinwies (Link).

Nur der letzte Satz im Pseudo-Goethe-Gedicht stammt aus einem Trostbrief, den der 21jährige Goethe an seine Großmutter schrieb, als er im Februar 1771 in Straßburg vom Tod seines Großvaters erfuhr:

Johann Wolfgang von Goethe an seine Großmutter Anna Margaretha Textor, 1771:

  • " ... Er ist nun frey und unsre Tränen wünschen ihm Glück und unsre Traurigkeit versammelt uns um Sie liebe Mama, uns mit Ihnen zu trösten, lauter Hertzen voll Liebe! Sie haben viel verlohren, aber es bleibt Ihnen viel übrig. Sehen Sie uns, lieben Sie uns und seyn Sie glücklich.

    Genießen Sie noch lange auch der zeitlichen Belohnung, die Sie so reichlich an unserm krancken Vater verdient haben, der hingegangen ist es an dem Ort der Vergeltung zu rühmen, und der uns als Denckmale seiner Liebe zurückgelassen hat, Denckmale der vergangnen Zeit, zur traurigen aber doch angenehmen Erinnerung.

    Und so bleibe Ihre Liebe für uns wie sie war, und wo viel Liebe ist, ist viel Glückseeligkeit. Ich bin mit recht warmem Herzen
    Ihr zärtlicher Enckel / J. W. Goethe" (Link)
Aus: "Er ist nun frey und unsre Tränen wünschen ihm Glück", wurde in dem Pseudo-Goethe-Gedicht: "Du bist nun frei, und unsere Tränen (Variante: Träume) wünschen Dir Glück", aus "Er" wurde "Du" und aus "Tränen" wurden in einigen Versionen des Trauerspruchs "Träume".


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Quellen:
Google
Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche", 2009
Lexikon der Goethe-Zitate. Hrsg. von Richard Dobel, Artemis Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg: 1991
Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. IV. Abteilung: Goethes Briefe, Bd. 1–50, Weimar: 1887–1912. Band 1, S. 255 (Link);   (Link)
wer-weiss-was.de/t/traueranzeigen-psdeudogoethe

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Johann Wolfgang von Goethe:
Michael George: "Worte und Briefe der Anteilnahme: Musterreden für Trauerfeiern - Textvorlagen für Karten und Briefe - Zitate und Aphorismen", Südwest Verlag, München: 2009 ebook
Frühe Zuschreibung 2008: wer-weiss-was.de
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Dank:
Ich danke Ulrich Seelbach und der unbekannten Kreszenz, die auf Goethes Brief aufmerksam machte.

Artikel in Arbeit.

Dienstag, 14. August 2018

"Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt." Bertolt Brecht (angeblich)


Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat.
Dem im Jahr 1956 verstorbenen Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht wird dieser Trauerspruch seit etwa zwanzig Jahren unterschoben. In seinen Werken und in zeitgenössischen Quellen ist dieses Pseudo-Brecht-Zitat bisher nicht gefunden worden.

Dieser Trauerspruch stammt so ähnlich aus dem 19. Jahrhundert.

Entwicklung des Zitats


 1830, Christian von Zedlitz
  • "Wer im Gedächtniß seiner Lieben lebt,
    Ist ja nicht todt, er ist nur fern. – Todt nur
    Ist, wer vergessen wird; 
    ich aber werde,
    Ich weiß es, nicht vergessen seyn von dir – "
    Joseph Christian von Zedlitz: "Der Stern von Sevilla", 4. Aufzug, 7. Auftritt, Ortiz zu Estrella  (Link)
"Der Stern von Sevilla" ist nach Motiven des 1623 publizierten Dramas "La Estrella de Sevilla" des spanischen Dichters Lope de Vega entstanden.

Die Wendung, "Todt nur ist, wer vergessen wird", scheint es nur in der deutschen Fassung des österreichischen Autors Christian von Zedlitz zu geben, obwohl sie manchmal im 19. Jahrhundert Lope de Vega zugeschrieben wird (Link).

Das Zitat aus dem Schauspiel "Der Stern von Sevilla" wurde bald geflügelt und als anonymer Trauerspruch verbreitet.
 

1859, George Eliot
  • "Unsere Toten werden erst dann wirklich tot sein, wenn wir sie vergessen haben."
  • "Our dead are never dead to us until we have forgotten them."
    George Eliot, "Adam Bede"  (Link)

Der Trauerspruch "Tot ist nur, wer vergessen ist" (Link) wird heute auch  Immanuel Kant , Seneca und anderen unterschoben.


 Twitter, 2017:


https://twitter.com/krieghofer/status/8712816072185405
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Quellen:
Wikiquote
Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"
"Der Stern von Sevilla", Nach dem gleichnamigen Schauspiel des Lope de Vega, bearbeitet von Joseph Christian Baron v. Zedlitz, Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen: 1830, S. 98 (Link)
George Eliot: "Adam Bede" (Erstausgabe 1859, John Blackwood, London), Harper and Brothers, New York: 1860, S. 89 (Link)
 Google
2011: Geschichtsforum

Frühe falsche Zuschreibung:
1998: groups.google.com

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
Google: diverse Online-Zitatsammlungen;  Zitate im Management;
Dudenredaktion: "DUDEN - Passende Worte im Trauerfall: Trauertexte stilsicher formulieren", Bibliographisches Institut, Berlin, 2016, ebook (Link)

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Dank

Ich danke allen Teilnehmern der Twitter-Diskussion über dieses Zitat und besonders Ralf Bülow für den Hinweis auf Zedlitz.

Artikel in Arbeit.


Sonntag, 12. August 2018

"Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler." Winston Churchill (angeblich)

Pseudo-Winston-Churchill quote.


Dieses populäre Pseudo-Chuchill-Zitat wird Winston Churchill seit etwa 1992 unterschoben (Wikiquote).

Richard M. Langworth, der Herausgeber einer seriösen Zitatsammlung Churchills, sowie Experten der International Churchill Society (Link) versichern, dass dieses Zitat in keinem Text oder Interview Churchills zu finden ist und Winston Churchill eine positivere Einstellung zu durchschnittlichen Wählerinnen und Wählern hatte.

Varianten


  • "The best argument against democracy is a five-minute conversation with the average voter."
  • "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein 5 Minuten Gespräch mit einem durchschittlichen Wähler."
  • "Das beste Argument gegen Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler."
  • "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler."  


Pseudo-Winston-Churchill quote.

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Quellen:
Michael Richards: "History Detectives – Red Herrings: Famous Words Churchill Never Said", The International Churchill Society,  winstonchurchill.org:  "No attribution. Though he sometimes despaired of democracy’s slowness to act for its preservation, Churchill had a more positive attitude towards the average voter."
Winston Churchill: "Churchill by Himself." Herausgegeben von Richard M. Langworth, RosettaBooks: 2013, ebook, Stichwort "Democracy" (Link)
Wikiquote

Frühe falsche Zuschreibung:
1992:  groups.google.com/forum