Mittwoch, 9. Januar 2019

"Wer Visionen hat, braucht einen Arzt." Franz Vranitzky (angeblich)

Dieses Bonmot wird seit 1988 dem österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky und seit 1997 dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt zugeschrieben.

Franz Vranitzky hat wiederholt erfolglos bestritten, diesen Satz je gesagt zu haben, der 91-jährige Helmut Schmidt glaubte sich im Jahr 2010 zu erinnern, seinen "berühmtesten Satz" vor 30 bis 40 Jahren geprägt zu haben.

Bisher hat man keine schriftlichen Quellen dafür gefunden, auf welchem Weg der angebliche Satz Helmut Schmidts von Hamburg oder Bonn in den 1980er-Jahren nach Wien gelangt sein könnte.

Auch wurde bisher kein Dokument aus den 1970er oder 1980er Jahren von diesem Jahrzehnte später tausendfach zitierten Helmut-Schmidt-Satz entdeckt.

Der Wiener Philosoph Rudolf Burger erinnert sich, im Jahr 1986 einen Vorläufer dieses Spruchs ("wenn ich aber Visionen hätte, so ginge ich zum Arzt") geprägt zu haben, der bald Franz Vranitzky unterschoben und zwei Jahre später als angeblicher Franz-Vranitzky-Spruch publiziert wurde.

Wenn nicht bald eine Quelle für das Helmut-Schmidt-Zitat vor dem Jahr 1988 gefunden wird, könnte man annehmen, Helmut Schmidt habe sich geirrt: Der Satz wurde im 21. Jahrhundert Helmut Schmidt dermaßen oft unterschoben, bis er selbst glaubte, er habe ihn geprägt.


Artikel in Arbeit.

Chronologie:

1986
  • "Wenn sie eine Analyse wolle, so würde ich mich umsonst bemühen, wenn ich aber Visionen hätte, so ginge ich zum Arzt."
    Rudolf Burger, Café Landtmann, 27. August 1986
    Rudolf Burger: "Visionen aus dem Kaffeesud", Der Standard, 22. September 1999 (Link)

1988
  •  "In den Parteitagspausen machte indes unter Delegierten ein angeblicher Dialog zwischen Heinz Fischer und dem SP-Lenker die Runde.

    Fischer (lebhaft): 'Die SPÖ braucht Visionen.'
    Vranitzky (kühl): 'Wer Visionen hat, braucht an Arzt.'"
    "In den Parteitagspausen machte indes unter Delegierten ein angeblicher Dialog zwischen Heinz Fischer und dem SP-Lenker die Runde. Fischer (lebhaft): 'Die SPÖ braucht Visionen.'. Vranitzky (kühl): 'Wer Visionen hat, braucht an Arzt.'" - derstandard.at/61476/Die-Geschichte-vom-Kanzler-den-Visionen-und-dem-Arzt
    Christoph Kotanko, Hubertus Czernin, in: Profil, Band 19, Ausgaben 18-30, 1988, S. 20  (pofil) 
1991
  • "SPIEGEL: Der österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky hat mal gesagt, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
    BLÜM: Vielleicht müßte der behandelt werden, der auf Visionen verzichtet."
    Der Spiegel 32/1991, 5. August 1991 (Link)

1993
  • 1993: "Unser aller Kanzler hat einmal gemeint: »Wer Visionen hat, braucht einen Arzt.« Inzwischen hat er diesen tiefen Denksatz ausdrücklich widerrufen."
    Neues Forum, Ausgaben 469-492, 1993, S. 16 (Link)
1997
  • "Diepgen antwortet mit einem Helmut-Schmidt-Zitat: 'Wer Visionen hat, braucht einen Psychiater'."
    Berliner Zeitung, 8. April 1997 (Link) 
    (Laut Google-Suchen erstmals Helmut Schmidt zugeschrieben.)
  • Diepgen antwortet mit einem Helmut-Schmidt-Zitat: "Wer Visionen hat, braucht einen Psychiater." – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/16082306 ©2018
    Diepgen antwortet mit einem Helmut-Schmidt-Zitat: "Wer Visionen hat, braucht einen Psychiater." – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/16082306 ©2018
     
1999
    • Ja, »wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen«, wird Helmut Schmidt später einmal zum besten geben. (Link)

    1999 

    • a ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte. - derstandard.at/58576/Variationen-ueber-Visionena ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte. - derstandard.at/58576/Variationen-ueber-Visionen Franz Vranitzky:
      "Da ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte.

      Allerdings: Viele Jahre nach Erscheinen des Czernin/Kotanko-Artikels im profil schrieb ein Autor in der Presse den Satz über Visionen und Arzt dem früheren deutschen Kanzler Helmut Schmidt zu.

      Ich stand somit vor einer neuen, mein Seelenleben bewegenden Situation mit mehreren Optionen: Konnte ich mich bequem zurücklehnen, weil als der eigentliche Visionslose ja nun Helmut Schmidt entlarvt wurde?

      Oder - viel schlimmer - müsste ich mir von nun an das Plagiat vorhalten lassen?
      "
      "Variationen über 'Visionen'." Offener Brief von Ex-Kanzler Franz Vranitzky an Robert Menasse, Der Standard, 17. September 1999 (Link)
     2000
    • "Ich halte es da eher mit Helmut Schmidt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."
      Finanzminister Hans Eichel: Die Vision der Realität. Der Spiegel,  

    2002
    • Der deutsche Bundeskanzler Schröder sagte einst, wer Visionen habe, solle zum Augenarzt gehen.  (Link)
     2009
    • Helmut Schmidt:
      "(1) Das Zitat geht auf mich zurück. Ich habe es damals aber nicht mit Blick auf Willy Brandt formuliert.
      (2) Ich erinnere mich nicht mehr an den Kontext, in dem ich mich über Visionen geäußert habe. Das Zitat wurde bestimmt des Öfteren aus dem Zusammenhang gerissen zitiert.
      (3) Das Zitat gilt auch heute, es bezieht sich damals wie heute auf Politiker."

      Helmut Schmidts Antwort auf eine Anfrage von Anna Carla Kugelmeier, St.-Ursula-Gymnasium Attendorn, 26. Februar 2009 (Link)

    2010

    • "ZEITmagazin: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, Sie hätten eine Vision. Dabei haben Sie doch mal gesagt: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

      Schmidt:
      Diesen Satz habe ich ein einziges Mal gesagt, er ist aber tausendfach zitiert worden. Einmal hätte genügt.

      ZEITmagazin:
      Wie ist er überhaupt in die Welt gekommen?

      Schmidt:
      Das weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich ihn in einem Interview gesagt. Das muss mindestens 35 Jahre her sein, vielleicht 40. Da wurde ich gefragt: Wo ist Ihre große Vision? Und ich habe gesagt: Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen. Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage. "

      Giovanni di Lorenzo: "Fragen an Helmut Schmidt: Verstehen Sie das, Herr Schmidt?" ZEITmagazin, 4. März 2010 (Link)
     
    2012
    • "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Diese Aussage wurde vom deutschen Altkanzler Helmut Schmidt im Zuge des Bundestagswahlkampfs 1980 getätigt." (Link)
    ________
    Quellen:
    Christoph Kotanko, Hubertus Czernin, in: Profil, Band 19, Ausgaben 18-30, 1988, S. 20  (pofil) 
    Rudolf Burger: "Visionen aus dem Kaffeesud", Der Standard, 22. September 1999 (Link)
    Hubertus Czernin: "Die Geschichte vom Kanzler, den Visionen und dem Arzt", Der Standard, 23. September 1999 (Link)
    Der Spiegel 32/1991, 5. August 1991 (Link)
    "Variationen über 'Visionen'." Offener Brief von Ex-Kanzler Franz Vranitzky an Robert Menasse, Der Standard, 17. September 1999 (Link)
    Helmut Schmidt an Anna Carla Kugelmeier, St.-Ursula-Gymnasium Attendorn, 26. Februar 2009 (Link)
    Giovanni di Lorenzo: "Fragen an Helmut Schmidt: Verstehen Sie das, Herr Schmidt?" Aus der Serie: Fragen an den Altkanzler, ZEITmagazin, 4. März 2010 (Link)

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    Dank: 



    Was bisher geschah: Der Schriftsteller Robert Menasse thematisierte in einem Interview (STANDARD, 13. 9.) das angebliche Vranitzky-Zitat "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt"; der Ex-Kanzler dementierte die Urheberschaft (18.9.); der Philosoph Rudolf Burger reklamierte sie für sich (20.9.). - derstandard.at/61476/Die-Geschichte-vom-Kanzler-den-Visionen-und-dem-ArztAlso gut, ein allerletztes Mal noch sollt Ihr sie hören: Was bisher geschah: Der Schriftsteller Robert Menasse thematisierte in einem Interview (STANDARD, 13. 9.) das angebliche Vranitzky-Zitat "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt"; der Ex-Kanzler dementierte die Urheberschaft (18.9.); der Philosoph Rudolf Burger reklamierte sie für sich (20.9.). - derstandard.at/61476/Die-Geschichte-vom-Kanzler-den-Visionen-und-dem-ArztAlso gut, ein allerletztes Mal noch sollt Ihr sie hören: Was bisher geschah: Der Schriftsteller Robert Menasse thematisierte in einem Interview (STANDARD, 13. 9.) das angebliche Vranitzky-Zitat "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt"; der Ex-Kanzler dementierte die Urheberschaft (18.9.); der Philosoph Rudolf Burger reklamierte sie für sich (20.9.). - derstandard.at/61476/Die-Geschichte-vom-Kanzler-den-Visionen-und-dem-ArztAlso gut, ein allerletztes Mal noch sollt Ihr sie hören: Was bisher geschah: Der Schriftsteller Robert Menasse thematisierte in einem Interview (STANDARD, 13. 9.) das angebliche Vranitzky-Zitat "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt"; der Ex-Kanzler dementierte die Urheberschaft (18.9.); der Philosoph Rudolf Burger reklamierte sie für sich (20.9.). - derstandard.at/61476/Die-Geschichte-vom-Kanzler-den-Visionen-und-dem-ArztAlso gut, ein allerletztes Mal noch sollt Ihr sie hören: Was bisher geschah: Der Schriftsteller Robert Menasse thematisierte in einem Interview (STANDARD, 13. 9.) das angebliche Vranitzky-Zitat "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt"; der Ex-Kanzler dementierte die Urheberschaft (18.9.); der Philosoph Rudolf Burger reklamierte sie für sich (20.9.). - derstandard.at/61476/Die-Geschichte-vom-Kanzler-den-Visionen-und-dem-Arzt17. September 1999, 21:33 Offener Brief von Ex-Kanzler Franz Vranitzky an Robert Menasse Seher geehrter Herr Menasse! Im profil vom 16. Mai schreiben Hubertus Czernin und Christoph Kotanko Folgendes: In den Parteitagspausen machte indes unter Delegierten ein angeblicher Dialog zwischen Heinz Fischer und dem neuen SP-Lenker die Runde: Fischer (lebhaft): Die SPÖ braucht Visionen. Vranitzky (kühl): Wer Visionen hat, braucht an Arzt. Das war die Geburtsstunde eines Satzes, der mir nun schon über mehr als ein Jahrzehnt angehängt wird, ohne dass ich ihn je gesagt habe. Dies obwohl Czernin/Kotanko diesbezüglich gar keine definitive Behauptung aufstellten, sondern vielmehr einer "Angeblich-Geschichte" nachhingen. Im Übrigen würde der Präsident des österreichischen Nationalrats, Dr. Heinz Fischer, jederzeit bestätigen, dass ein von Czernin/Kotanko konjunktivisch formulierter (vermuteter) Dialog des in Rede stehenden Inhalts mit mir nie stattgefunden hat. Da ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte. Allerdings: Viele Jahre nach Erscheinen des Czernin/Kotanko-Artikels im profil schrieb ein Autor in der Presse den Satz über Visionen und Arzt dem früheren deutschen Kanzler Helmut Schmidt zu. Ich stand somit vor einer neuen, mein Seelenleben bewegenden Situation mit mehreren Optionen: Konnte ich mich bequem zurücklehnen, weil als der eigentliche Visionslose ja nun Helmut Schmidt entlarvt wurde? Oder - viel schlimmer - müsste ich mir von nun an das Plagiat vorhalten lassen? - derstandard.at/58576/Variationen-ueber-Visionen17. September 1999, 21:33 Offener Brief von Ex-Kanzler Franz Vranitzky an Robert Menasse Seher geehrter Herr Menasse! Im profil vom 16. Mai schreiben Hubertus Czernin und Christoph Kotanko Folgendes: In den Parteitagspausen machte indes unter Delegierten ein angeblicher Dialog zwischen Heinz Fischer und dem neuen SP-Lenker die Runde: Fischer (lebhaft): Die SPÖ braucht Visionen. Vranitzky (kühl): Wer Visionen hat, braucht an Arzt. Das war die Geburtsstunde eines Satzes, der mir nun schon über mehr als ein Jahrzehnt angehängt wird, ohne dass ich ihn je gesagt habe. Dies obwohl Czernin/Kotanko diesbezüglich gar keine definitive Behauptung aufstellten, sondern vielmehr einer "Angeblich-Geschichte" nachhingen. Im Übrigen würde der Präsident des österreichischen Nationalrats, Dr. Heinz Fischer, jederzeit bestätigen, dass ein von Czernin/Kotanko konjunktivisch formulierter (vermuteter) Dialog des in Rede stehenden Inhalts mit mir nie stattgefunden hat. Da ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte. Allerdings: Viele Jahre nach Erscheinen des Czernin/Kotanko-Artikels im profil schrieb ein Autor in der Presse den Satz über Visionen und Arzt dem früheren deutschen Kanzler Helmut Schmidt zu. Ich stand somit vor einer neuen, mein Seelenleben bewegenden Situation mit mehreren Optionen: Konnte ich mich bequem zurücklehnen, weil als der eigentliche Visionslose ja nun Helmut Schmidt entlarvt wurde? Oder - viel schlimmer - müsste ich mir von nun an das Plagiat vorhalten lassen? - derstandard.at/58576/Variationen-ueber-Visionen17. September 1999, 21:33 Offener Brief von Ex-Kanzler Franz Vranitzky an Robert Menasse Seher geehrter Herr Menasse! Im profil vom 16. Mai schreiben Hubertus Czernin und Christoph Kotanko Folgendes: In den Parteitagspausen machte indes unter Delegierten ein angeblicher Dialog zwischen Heinz Fischer und dem neuen SP-Lenker die Runde: Fischer (lebhaft): Die SPÖ braucht Visionen. Vranitzky (kühl): Wer Visionen hat, braucht an Arzt. Das war die Geburtsstunde eines Satzes, der mir nun schon über mehr als ein Jahrzehnt angehängt wird, ohne dass ich ihn je gesagt habe. Dies obwohl Czernin/Kotanko diesbezüglich gar keine definitive Behauptung aufstellten, sondern vielmehr einer "Angeblich-Geschichte" nachhingen. Im Übrigen würde der Präsident des österreichischen Nationalrats, Dr. Heinz Fischer, jederzeit bestätigen, dass ein von Czernin/Kotanko konjunktivisch formulierter (vermuteter) Dialog des in Rede stehenden Inhalts mit mir nie stattgefunden hat. Da ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte. Allerdings: Viele Jahre nach Erscheinen des Czernin/Kotanko-Artikels im profil schrieb ein Autor in der Presse den Satz über Visionen und Arzt dem früheren deutschen Kanzler Helmut Schmidt zu. Ich stand somit vor einer neuen, mein Seelenleben bewegenden Situation mit mehreren Optionen: Konnte ich mich bequem zurücklehnen, weil als der eigentliche Visionslose ja nun Helmut Schmidt entlarvt wurde? Oder - viel schlimmer - müsste ich mir von nun an das Plagiat vorhalten lassen? - derstandard.at/58576/Variationen-ueber-Visionen17. September 1999, 21:33 Offener Brief von Ex-Kanzler Franz Vranitzky an Robert Menasse Seher geehrter Herr Menasse! Im profil vom 16. Mai schreiben Hubertus Czernin und Christoph Kotanko Folgendes: In den Parteitagspausen machte indes unter Delegierten ein angeblicher Dialog zwischen Heinz Fischer und dem neuen SP-Lenker die Runde: Fischer (lebhaft): Die SPÖ braucht Visionen. Vranitzky (kühl): Wer Visionen hat, braucht an Arzt. Das war die Geburtsstunde eines Satzes, der mir nun schon über mehr als ein Jahrzehnt angehängt wird, ohne dass ich ihn je gesagt habe. Dies obwohl Czernin/Kotanko diesbezüglich gar keine definitive Behauptung aufstellten, sondern vielmehr einer "Angeblich-Geschichte" nachhingen. Im Übrigen würde der Präsident des österreichischen Nationalrats, Dr. Heinz Fischer, jederzeit bestätigen, dass ein von Czernin/Kotanko konjunktivisch formulierter (vermuteter) Dialog des in Rede stehenden Inhalts mit mir nie stattgefunden hat. Da ich in der politischen und medialen Realverfassung meines Landes diesen Satz "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" nie los wurde, habe ich mich darauf eingestellt, mit ihm zu leben. Das fiel mir u.a. deshalb nicht besonders schwer, weil sich so manches in all den Jahren als visionär Angebotene im Endeffekt als ganz gewöhnlicher Blödsinn herausstellte. Allerdings: Viele Jahre nach Erscheinen des Czernin/Kotanko-Artikels im profil schrieb ein Autor in der Presse den Satz über Visionen und Arzt dem früheren deutschen Kanzler Helmut Schmidt zu. Ich stand somit vor einer neuen, mein Seelenleben bewegenden Situation mit mehreren Optionen: Konnte ich mich bequem zurücklehnen, weil als der eigentliche Visionslose ja nun Helmut Schmidt entlarvt wurde? Oder - viel schlimmer - müsste ich mir von nun an das Plagiat vorhalten lassen? - derstandard.at/58576/Variationen-ueber-Visionen



    Dienstag, 8. Januar 2019

    "Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück." Laotse (angeblich)

    Dieses alte chinesische Sprichwort wird auf Deutsch Benjamin Britten, Erich Kästner, Laozi und Benjamin Franklin unterschoben.

    In dem Standardwerk "Encyclopedia of World Proverbs" von Wolfgang Mieder ist es als chinesisches Sprichwort verbucht. Da Wolfgang Mieder als eine Autorität der internationalen Sprichwortforschung gilt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass alle anderen Zuschreibungen falsch sind, da sie ja auch immer ohne Quellenangabe präsentiert werden.

    Selbst wenn dieses Sprichwort zum Beispiel wirklich in einem Text Benjamin Brittens gefunden werden würde, sollte man es ihm nicht zuschreiben, da er es nicht geprägt haben kann.

    In Erich Kästners, Benjamin Franklins oder Laozis Texten wird es wahrscheinlich nie gefunden werden.
    Laozi unterschobenes chinesisches Sprichwort.

    Benjamin Franklin unterschobenes chinesisches Sprichwort.

    Benjamin Britten unterschobenes chinesisches Sprichwort.





    _______
    Quellen:
    Wolfgang Mieder: The Prentice-Hall Encyclopedia of World Proverbs. MJF Books, New York: 1986, S. 271, Nr. 9010
    _______
    Dank:
    Ich danke holio für den Hinweis auf dieses schöne Kuckuckszitat.


    Mittwoch, 2. Januar 2019

    "Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenart ihres Geistes und ihrer Sprache nimmt.“ Immanuel Kant (angeblich)

     Immanuel Kant unterschobenes Zitat von J.G. Herder.
    Dieser Satz Johann Gottfried Herders wird nicht nur von der Identitären Bewegung manchmal Immanuel Kant unterschoben.

    Mit Immanuel Kant hat dieser Satz nichts zu tun. Er stammt aus Johann Gottfried Herders Essay "Fragmente über die neuere deutsche Literatur" aus dem Jahr 1767.


    Johann Gottfried Herder, 1767

    • "Kein größerer Schade kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den National-Charakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache raubt; überdenke dieses, und du wirst den unersetzlichen Schaden sehen." (Link)

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    Quellen:
    Johann G. Herder: "Ueber die neuere Deutsche Litteratur." Fragmente, als Beilagen zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffen. Dritte Sammlung. Johann Friedrich Hartknoch, Riga: 1767, S. 13 (Link) 
    Google_

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    Ich danke Tobias Blanken für den Hinweis auf dieses falsche Zitat. 


    In Arbeit.


    vds-ev.de/literatur/literarisches/sprueche-und-zitate-zur-deutschen-sprache
    ("unbekannter Verfasser (dieser Ausspruch wird irrtümlich oft Immanuel Kant zugeschrieben")

    "Die Bayern sind das 'Missing Link' zwischen den Österreichern und den Menschen." Otto von Bismarck (angeblich)

    Pseudo-Otto-von-Bismarck-Zitat.

    Dieser Witz einer unbekannten Person wird seit kaum 10 Jahren Otto von Bismarck unterschoben und ist vor dem 21. Jahrhundert in keinem digitalisierten Text zu finden.


    Variante des Kuckuckszitats:


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    Quellen:

    Beispiele für falsche Zuschreibungen:
    Jakob Wetzel: "Zweikampf der Lokalmatadore", Süddeutsche Zeitung, 9. Juli 2017  (sueddeutsche.de)
    aphorismen.de/zitat/104350
    gutezitate.com/zitat/237969

    Frühe falsche Zuschreibung:
    2011: view.stern.de/de/rubriken

    Freitag, 28. Dezember 2018

    "Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst, da sich das Bild im Moment seiner höchsten Vollendung dem Betrachter wieder entzieht." Theodor W. Adorno (angeblich)

    Pseudo-Theodor-W.-Adorno-Zitat.
    Der an Karl Kraus geschulte Stilist Adorno hat meines Wissens nie einen Satz mit dem problematischen Superlativ des Adjektivs "perfekt" gebildet.
    Pseudo-Theodor-W.-Adorno-Zitat.
    Dieser plakative Spruch, der besonders gerne vor Silvester und von Feuerwerksfirmen zitiert wird, taucht drei Jahrzehnte nach Theodor W. Adornos Tod im Internet auf und wird immer ohne Quellenangabe zitiert. In Adornos digitalisierten Schriften und in der Sekundärliteratur zu Adorno ist dieses angebliche Adorno-Zitat nicht zu finden.

    Warum soll etwas am perfektesten sein, weil es sofort wieder verschwindet? Große Kunst ist, abgesehen von den Zeitkünsten Schauspiel und Musik, auf Dauer angelegt.

    Das Kuckuckszitat ist vielleicht aus einer entstellten Erinnerung an einen Gedanken aus Adornos nachgelassener Schrift "Ästhetische Theorie" entstanden. In der Tat erklärt Adorno einmal das Phänomen des Feuerwerks als "prototypisch" für alle Kunstwerke, unter anderem weil hier Erscheinung, Ding und Wesen nahezu identisch sind.

    In der philosophischen Tradition wurden das Vergnügen an Feuerwerken der ästhetischen Reflexion nicht für würdig befunden. Adorno war, abgesehen von Paul Valéry, der erste Philosoph, der Feuerwerke als Phänomen und Metapher ernst nahm, aber er hat Feuerwerke nirgends "zur perfektesten Form der Kunst" erklärt.

    Wer dieses Pseudo-Adorno-Zitat geprägt hat, ist unbekannt. Vielleicht stammt es aus der Marketingabteilung einer Feuerwerksfirma.

    Erstmals nachweisbar ist das Falschzitat im Diskussionsforum einer Informationsplattform für 'Achterbahnen, Freizeitparks und Kirmes' im Posting von "Matthias" aus Deutschland NW vom 3. Oktober 2004, 16:44 Uhr. - Vielleicht findet jemand einmal heraus, wie dieser unbekannte "Matthias" zu seinem Zitat gekommen ist.

    Das falsche Adorno-Zitat dient Pyrotechnikunternehmen als Werbeslogan und kann nur so ernst genommen werden wie zum Beispiel ein Werbeslogan des Circus Roncalli, der  einmal ein Zirkusprogramm als die "größte Poesie des Universums" verkaufte, allerdings ohne diesen marktschreierischen Superlativ einem Philosophen zu unterschieben.

     Theodor W. Adorno, Feuerwerk als Metapher


    • "Offensichtlich ist die Dauer, welche die Kunstwerke begehren, auch nach dem festen überlieferten Besitz gemodelt; Geistiges soll Eigentum werden wie Materielles, Frevel des Geistes an sich selbst, ohne daß er doch dem zu entgehen vermöchte. Sobald die Kunstwerke die Hoffnung ihrer Dauer fetischisieren, leiden sie schon an ihrer Krankheit zum Tode: die Schicht des Unveräußerlichen, die sie überzieht, ist zugleich die, welche sie erstickt. Manche Kunstwerke höchster Art möchten sich gleichsam an die Zeit verlieren, um nicht ihre Beute zu werden; in unschlichtbarer Antinomie mit der Nötigung zur Objektivation. Ernst Schoen hat einmal von der unübertrefflichen noblesse des Feuerwerks gesprochen, das als einzige Kunst nicht dauern wolle sondern einen Augenblick lang strahlen und verpuffen. Am Ende wären nach dieser Idee die Zeitkünste Schauspiel und Musik zu deuten, Widerspiel einer Verdinglichung, ohne die sie nicht wären und die sie doch entwürdigt. Derlei Erwägungen nehmen angesichts der Mittel der mechanischen Reproduktion überholt sich aus; doch mag das Unbehagen an diesen auch eines gegen die heraufkommende Allherrschaft der Dauerhaftigkeit von Kunst sein, die parallel geht zum Verfall der Dauer. Entschlüge sich Kunst der einmal durchschauten Illusion des Dauerns; nähme sie die eigene Vergänglichkeit aus Sympathie mit dem ephemeren Lebendigen in sich hinein, so wäre das einer Konzeption von Wahrheit gemäß, welche diese nicht als abstrakt beharrend supponiert, sondern ihres Zeitkerns sich bewußt wird."
      Theodor W. Adorno: "Ästhetische Theorie", 1970, S. 50


    • "Am nächsten kommt dem Kunstwerk als Erscheinung die apparition, die Himmelserscheinung. ....
      Prototypisch für die Kunstwerke ist das Phänomen des Feuerwerks, das um seiner Flüchtigkeit willen und als leere Unterhaltung kaum des theoretischen Blicks gewürdigt wurde; einzig Valéry hat Gedankengänge verfolgt, die zumindest in seine Nähe führen.
      Es ist apparition katexochen: empirisch Erscheinendes, befreit von der Last der Empirie als einer der Dauer, Himmelszeichen und hergestellt in eins, Menetekel, aufblitzende und vergehende Schrift, die doch nicht ihrer Bedeutung nach sich lesen läßt. Die Absonderung des ästhetischen Bereichs in der vollendeten Zweckferne eines durch und durch Ephemeren bleibt nicht dessen formale Bestimmung. Nicht durch höhere Vollkommenheit scheiden sich die Kunstwerke vom fehlbaren Seienden, sondern gleich dem Feuerwerk dadurch, daß sie aufstrahlend zur ausdrückenden Erscheinung sich aktualisieren. Sie sind nicht allein das Andere der Empirie: alles in ihnen wird ein Anderes. Darauf spricht das vorkünstlerische Bewußtsein an den Kunstwerken am stärksten an. Es willfahrt der Lockung, welche zur Kunst überhaupt erst verführt, vermittelnd zwischen ihr und der Empirie. Während die vorkünstlerische Schicht durch ihre Verwertung vergiftet wird, bis die Kunstwerke sie ausmerzen, überlebt sie sublimiert in ihnen. Weniger besitzen sie Idealität, als daß sie vermöge ihrer Vergeistigung ein blockiertes oder versagtes Sinnliches versprechen." 
      Theodor W. Adorno: "Ästhetische Theorie", 1970, S. 125f. (Link)

     

    Twitter, 2018

    21. Dezember 2018
    _
    Artikel in Arbeit.
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    Quellen:
    Theodor W. Adorno: "Ästhetische Theorie", hrsg. von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann, Suhrkamp, Frankfurt am Main: 1970, S. 50; 125f. (Link)
    Szabo Sacha: "Sozioanalyse des Alltags. Kulturelle Wurmlöcher u. Gesellschaftliche Seismographen Trends und Traditionen aus Sicht der Cultural Studies", Studien zur Unterhaltungswissenschaft, Band 10, Tectum Verlag. Marburg: 2015, S. 29
    2009: feuerwerk-forum.de/thema/theodor-adorno

    Beispiele für das Falschzitat, das vielen Feuerwerksfirmen als Motto dient.

    2004: onride.de   ("onride.de ist die Plattform für dein Hobby! Wir sind Informationsplattform, Community, Diskussionsforum und Reiseveranstalter rund um die Themen Achterbahnen, Freizeitparks und Kirmes.")
    2008:  onride.de/
    2010: welt.de
    2012: Christian Seiler: "André Heller: Feuerkopf. Die Biografie", C. Bertelsmann, München: 2012,  Ebook (Link)
    ______
    Dank:
    Ich danke HDemnächst und Sardon Adór für den Hinweis auf dieses Falschzitat.

    Montag, 17. Dezember 2018

    "The People Will Believe What the Media Tells Them They Believe." George Orwell (angeblich)

    Pseudo-George-Orwell quote.

    Dieses Pseudo-George-Orwell-Zitat ist vor etwa 10 Jahren entstanden und wird seit Donald Trumps Wahlkampf besonders gerne von russischen Propaganda-Seiten (bislang  nur auf Englisch) verbreitet.

    Es ist grenzenlose Dummheit oder purer Zynismus, wenn Leute, die Unwahrheiten und Lügen verbreiten, sich dabei mit einem falschen Zitat auf einen integeren Autor und Journalisten wie George Orwell berufen.
     

    Entwicklung des Kuckuckszitats



    1996
    • Huh? the news media never makes mistakes.  Everyone believes everything that the news media tells them to believe.
      groups.google
       

    1998
    • The specifics of who owns the media is irrelevant. The point is; DON'T BELIEVE ANYTHING THE MEDIA TELLS YOU. its that simple. Americans seem to bebrainwashed/sedated into believing what  the media tells them to believe. The media tells them what catch phrases to use, how to be cool/hip, what products to buy, what politicians to support /groups.google.com/forum
    2007
    • “The people believe what the Media tells them they believe."  George Orwell (unterschoben) /books.google
     2017


    Pseudo-George-Orwell quote.


    ________
     Quellen:
     Nicholas Thompson, Issie Lapowsky: "How Russian Trolls Used Meme Warfare to Divide America", Wired, 17. Dezember 2018 (Link)  (Danke für den Hinweis, Sociopathblog.)

    New Kowledge: "The Tactics & Tropes of the   Internet Research Agency." AN ALYSIS BY  Renee DiResta, Dr. Kris Shaffer, Becky Ruppel, David   Sullivan, Robert Matney, Ryan Fox (New Knowledge)  Dr. Jonathan Albright (Tow Center for Digital Journalism,   Columbia University)  Ben Johnson (Canfield Research, LLC) (Dezember 2018)  (pdf) Whitepaper%20final.pdf?dl=0 :

    "Tactic: Memetics

    The Internet Research Agency’s content relied extensively on memes, a popular format for the   transmission of information – and propaganda – across the social ecosystem. Memes can   take the form of pictures, icons, lyrics, catchphrases; they are a sort of ‘cultural gene’, part of   the body of society, transmitted from person to person, often mutating. While many people   think of memes as “cat pictures with words”, the Defense Department and DARPA have studied   them for years as a powerful tool of cultural influence, capable of reinforcing or even changing   values and behavior.   Memes turn big ideas into emotionally-resonant snippets, particularly because they fit   our information consumption infrastructure: big image, not much text, capable of being   understood thoroughly with minimal effort. Memes are the propaganda of the digital age. The   IRA extensively studied its American targets. It both created and appropriated highly relevant   memes for each target audience, sharing from other pages and encouraging its own audiences   to reshare to their personal accounts as well ".

    reddit.com/r/conspiracy/comments/5ha061/the_people_will_believe_what_the_media_tells_them/



    "Behandelt die Frauen mit Nachsicht! Aus krummer Rippe ward sie erschaffen; Gott konnte sie nicht ganz grade machen ...." Johann Wolfgang Goethe

      Dieser Vers aus Johann Wolfgang Goethes Gedichtsammlung "West-östliche Divan" stammt aus den mündlich überlieferten Worten Mohammeds, den sogenannten Hadithe, die Goethe durch die Übersetzung des Wiener Orientalisten Josef Hammer-Purgstalls kennen gelernt hat.

      Hammer-Purgstalls Auswahl der Hadithe erschien 1809, und Goethe hat das Buch "Fundgruben des Orients" nachweislich mehrmals aus der Weimarer Bibliothek ausgeliehen.

      Mohammed, übersetzt von Hammer-Purgstall, 1809

       

      • Behandelt die Frauen mit Nachsicht,
        denn das Weib ward erschaffen aus einer krummen Ribbe,
        und die beste von ihnen tragt die Spuren der krummen Ribbe.

        Wenn du sie gerade machen willst so brichst du sie,
        und wenn du sie ruhig läßt,
        so hört sie nicht auf krumm zu sein.
        Behandelt mit Nachsicht die Frauen.

        Josef von Hammer-Purgstall (Hammer): "Auszüge aus der mündlichen Überlieferung Mohammeds", Nr. 389, S. 278f.  "Fundgruben des Orients"

      Doch Goethe hat diesen Absatz nicht einfach übernommen, sondern einen Satz gestrichen und zwei ergänzt, wodurch der Stelle der ernste Tonfall genommen wurde. (Die hier fettgedruckten Wörter markieren die unterschiedlichen Fassungen.)

      Goethe, 1815 

       

      •  Behandelt die Frauen mit Nachsicht!
        Aus krummer  Rippe ward sie erschaffen,
        Gott konnte sie nicht ganz grade machen.
        Willst du sie biegen, sie bricht. 
        Lässt du sie ruhig, sie wird noch krümmer
        Du guter Adam, was ist denn schlimmer? 
        Behandelt die Frauen mit Nachsicht: 
        Es ist nicht gut daß euch eine Rippe bricht.
        Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan (Link)
      Ein der Allmacht Gottes Vertrauender könnte nicht wie Goethe sagen: "Gott konnte (die Frau) nicht  ganz grade machen". Die Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen hat auf diese humoristische Transformation von Mohammeds Worten aufmerksam gemacht. Auch die augenzwinkernde  rhetorische Frage an den "guten Adam" stammt von Goethe und nicht aus der muslimischen Tradition.

      Johann Wolfgang Goethe gehörte zu der Minderheit der Klassiker, die Frauen nicht als Menschen zweiter Ordnung beschrieb und hat die biblische Unterwerfungsforderung an die Frau, "Er soll dein Herr sein", als "Formel einer barbarischen Zeit" abgetan.

       

       Goethe: "Die guten Frauen", 1800 

       

      • ".. ich behaupte, daß es durchaus jetzt schwerer sei ein vollendeter Mann zu werden, als ein vollendetes Weib; der Ausspruch:  'Er soll dein Herr sein", ist die Formel einer barbarischen  Zeit, die lange vorüber ist. Die Männer konnten sich nicht völlig ausbilden, ohne den Frauen gleiche Rechte zuzugestehen; indem die Frauen sich ausbildeten, stand die Wageschale inne, und indem sie bildungsfähiger sind, neigt sich in der Erfahrung die Wageschale zu ihren Gunsten."
        Johann Wolfgang Goethe: Die guten Weiber, 1800 (Link); (zitiert nach K. Mommsen)

       Artikel in Arbeit.
       _______
      Quellen:
       Josef von Hammer-Prugstall (Hammer): "Auszüge aus der Sura (Sunna) oder der mündlichen Ueberlieferung Mohammeds", in: "Fundgruben des Orients". Bearbeitet durch eine Gesellschaft von Liebhabern. Druckerei Anton Schmid, K.K. Privil. Buchdrucker, Wien: 1809, S. 278f., Nr. 389 (Link)
      Katharina  Mommsen:  "Behandelt  die  Frauen  mit  Nachsicht!",  'Die Rolle der Frau in der deutschen Literatur und Sprache'. Neunte Folge, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik, 122.  Jahrgang,  XXIII  Heft 1, S. 122-127 (Pdf)
      Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan. Eigenhändige Niederschriften. Herausgegeben und kommentiert von Katharina Mommsen. Insel Verlag, Leipzig: 1996, 2. Band, S. 60; 228
      Johann Wolfgang Goethe: Die guten Weiber


      _________
      Dank:
      Ich danke Xof da Prof für die Frage, Sociopathblog für seinen Hinweis auf Katharina Mommsen und Katharina Mommsen für ihre Analysen.



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      1815 (Link)
      1820:
      Hammer Purgstall (Link)




      Abu Hurairah (May Allah be pleased with him) reported:
      Messenger of Allah (ﷺ) said: "Take my advice with regard to women: Act kindly towards women, for they were created from a rib, and the most crooked part of a rib is its uppermost. If you attempt to straighten it; you will break it, and if you leave it alone it will remain crooked; so act kindly toward women".

      [Al-Bukhari and Muslim].

      In another narration of Al-Bukhari and Muslim, Messenger of Allah (ﷺ) said: "A woman is like a rib, if you attempt to straighten it, you will break it; and if you benefit from her, you will do so while crookedness remains in her".

      In another narration of Muslim, Messenger of Allah (ﷺ) said: 'Woman has been created from a rib and will in no way be straightened for you; so if you want to benefit from her, you will benefit from her while crookedness remains in her. If you attempt to straighten her, you will break her, and breaking her is divorcing her".
      و عن أبي هريرة رضي الله عنه قال‏:‏ قال رسول الله صلى الله عليه وسلم ‏:‏ ‏"‏استوصوا بالنساء خيرًا، فإن المرأة خلقت من ضلع، وإن أعوج ما في الضلع أعلاه، فإن ذهبت تقيمه كسرته، وإن تركته، لم يزل أعوج، فاستوصوا بالنساء‏"‏ ‏(‏‏(‏متفق عليه‏)‏‏)‏‏.‏
      وفي رواية في ‏(‏‏(‏الصحيحين‏)‏‏)‏ ‏:‏ ‏"‏المرأة كالضلع إن أقمتها كسرتها، وإن استمتعت بها، استمتعت وفيها عوج‏"‏‏.‏
      وفي رواية لمسلم‏:‏ ‏"‏إن المرأة خلقت من ضلع ، لن تستقيم لك على طريقة، فإن استمعت بها وفيها عوج، وإن ذهبت تقيمها كسرتها ، وكسرها طلاقها‏"‏‏.
      Arabic/English book reference : Book 1, Hadith 273