Sonntag, 21. Oktober 2018

"Enttäuschungen sollte man verbrennen und nicht einbalsamieren." Mark Twain (angeblich)

Pseudo-Mark-Twain-Zitat.
Dieses Zitat scheint, wie so viele Kuckuckszitate, im Usenet auf Deutsch entstanden zu sein, bevor es vor etwa vier Jahren zum ersten Mal in einem gedruckten Buch erwähnt wird (Link).

Auf Englisch existiert dieser Aphorismus erst seit ein paar Jahren und ist im englischen Sprachraum kaum verbreitet, auf Deutsch wird er seit den 1990er Jahren Mark Twain unterschoben.

Da dieser Aphorismus weder in den digitalisierten Werken Mark Twains noch in seriösen Nachschlagwerken so oder so ähnlich zu finden ist, gehört dieses Zitat höchstwahrscheinlich zu den hunderten Falschzitaten, die Mark Twain unterschoben werden.

Ohne Quellennachweis sollte man es nicht zitieren.

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Quellen:
Google
Twitter
Früheste Zuschreibungen des Zitats an Mark Twain:
1996: groups.google
1998: groups.google
2005: seniorenportal.de
Gedruckt, laut Google books, erstmals 2013:
Gisela Stecker: "Trost und Zuspruch im Trauerfall", tredition, Hamburg: 2013 ebook (Link)

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Dank an Eva Kumar für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

"Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste." Heinrich Heine (angeblich)

Pseudo-Heinrich-Heine Zitat.
Dieser nicht nur in der Bücherbranche vielzitierte Satz klingt gar nicht nach einem Autor mit so unvergleichlichem Witz wie Heinrich Heine einer war. Und das Zitat wird ihm auch erst im 21. Jahrhundert unterschoben. Davor ist es in den digitalisierten Texten nicht zu finden.

Dieses angebliche Heinrich-Heine-Zitat ist die Paraphrase eines Satzes aus Hermann Hesses Essay "Magie des Buches":

 Hermann Hesse, 1930

  • "Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der Natur geschenkt bekam, sondern aus dem eigenen Geist erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die größte. Jedes Kind, wenn es die ersten Buchstaben auf seine Schultafel malt und die ersten Leseversuche macht, tut damit den ersten Schritt in eine künstliche und höchst komplizierte Welt, deren Gesetze und Spielregeln ganz zu erkennen und vollkommen zu üben kein Menschenleben ausreicht."

    Hermann Hesse: "Magie des Buches", Berliner Tageblatt, 14. November 1930 (Link)

Den Hinweis auf den Urspung des angeblichen Heinrich-Heine-Zitats bei Hermann Hesse verdanke ich der Webseite literatpro.de

Vielleicht führten die identischen Initialien "HH" beider Autoren zu der Verwechslung.  Das Zitat könnte erstmals in dem Forum der Webseite buechertreff.de im August 2004 falsch zugeschrieben worden sein.

Es ist völlig unwahrscheinlich, dass dieser Satz jemals an einer versteckten Stelle in einer Schrift Heinrich Heines gefunden werden wird, da die gesammelten Schriften Heines mehrfach digitalisiert sind.

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Quellen:
.Hermann Hesse: "Magie des Buches" (Erstdruck: Berliner Tageblatt, 14. November 1930), Sämtliche Werke, Band 14, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 2003, S. 403  (Link)
literatpro.de : "Von Welten, die der Mensch erschaffen hat ", 2016

Falsch zugeschrieben:
2004:  buechertreff.de/forum (Frühe falsche Zuschreibung an Heinrich Heine:

Zeitungen: GoogleNews

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Dank:


Ich danke auch Ralf Bülow für seine Recherchen.

Dienstag, 9. Oktober 2018

"Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken!" Rosa Luxemburg (angeblich)


Pseudo-Rosa-Luxemburg-Zitat.

Dieser Aphorismus einer unbekannten Autorin ist im 21. Jahrhundert aufgekommen und wird seit ungefähr 2005 Rosa Luxemburg zugeschrieben.

Ich habe bisher noch keine Quelle für dieses Zitats in einer Schrift Rosa Luxemburgs oder eines ihrer Zeitgenossen entdecken können und bin mir fast sicher, dass das ein Kuckuckszitat ist.


Artikel in Arbeit

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Quellen:

Frühe Zuschreibungen an Rosa Luxemburg:

2005: mish-geeks.de/blog/2005/07/
2007: soviet-empire.com
2007 (Link) ohne Zuschreibung
2011: derstandard.at
In den digitalisierten Büchern taucht das Zitat erst nach 2009 auf: google

"Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund!" Hildegard von Bingen (angeblich)

Pseudo-Hildegard-von-Bingen-Zitat.
 Dieser Reim wird der im Jahr 1098 geborenen Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen erst im 21. Jahrhundert unterschoben und ist meines Wissens weder in ihren lateinischen Schriften noch in den deutschen Übersetzungen ihrer Texte oder in seriösen Nachschlagwerken so oder so ähnlich zu finden.

Tatsächlich überliefert ist ein lateinischer Text Hildegard von Bingens über Hunde. Darin beschreibt sie die Liebe und Treue von Hunden, ihr menschenänliches Wesen sowie die Heilkraft ihrer warmen Zungen, wenn sie menschliche Geschwüre ablecken:


Hildegard von Bingen: "De Cane", "Über den Hund"



  • "Der Hund ist recht warm und hat in seinem Wesen und seinen Gewohnheiten etwas vom Menschen und deshalb fühlt und kennt er den Menschen und liebt ihn und hält sich gern bei ihm auf und ist ihm treu. Der Teufel haßt den Hund und schreckt vor ihm zurück wegen der Treue, die er zum Menschen empfindet. Der Hund erkennt Feindseligkeit, Zorn und Unredlichkeit am Menschen und knurrt oft deswegen. Und wenn er weiß, daß in einem Hause Feindse­ligkeit oder Zorn herrscht, knirscht er, mit den Zähnen und murrt. Auch wenn ein Mensch einen Verrat plant, knurrt er ihn an, und «zanckelt» ...

    Auch Freude und Trauer des Menschen fühlt er vorher. Wenn Freudiges bevorsteht, bewegt er fröhlich den Schwanz, wenn Trauriges bevorsteht, heult er traurig.

    Die Wärme seiner Zunge bringt Wunden und Geschwüren Heilung, wenn er sie mit seiner warmen Zunge leckt. Schuhe aus seinem Fell schwächen wegen dessen Unreinheit, denn es ist oft durch den unreinen Schweiß des Fleisches getränkt.

    Sein Fleisch ist für den Menschen nicht zu benutzen. Seine Leber und seine Eingeweide sind giftig. Etwas, wovon der Hund gegessen hat, soll der Mensch nicht mehr genießen, weil er sonst von dem Gift des Hundes etwas, das der Hund in die Überreste speit, mit aufnähme." 


    Übersetzt nach: Hildegard von Bingen, Alle Werke. Patrol. Lat. 197, Sp. 1327f.; hier zitiert nach mediaevistik.com


Aus diesen Zeilen kann man nicht den gereimten Aphorismus ableiten, ein Hund könne die kranken Seelen der Menschen heilen.

 In der katholischen Messe spricht man vor der Kommunion in der Kirche:
  • "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." (Dómine, non sum dignus, ut intres sub tectum meum: sed tantum dic verbo, et sanábitur ánima mea.) (Link)

 Dieses Gebet ist aus einer Erzählung aus dem Neuen Testament abgeleitet, in der der heidnische Hauptmann von Kafarnaum Jesus um die Heilung seines Dieners bittet. Als Jesus sein Kommen ankündigt, sagt der Hauptmann von Kafarnaum:
  • "Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund."
    Evangelium nach Matthäus 8,5–13 EU
Mit dem Spruch, "Gib dem Menschen einen Hund, so wird seine Seele gesund", wird dem Hund eine Fähigkeit unterstellt, die nach dem katholischen Glauben nur Jesus Christus auszeichnet: "Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund."
 
Pseudo-Hildegard-von-Bingen-Zitat.


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Quellen:

Wikipedia: Hauptmann von Kafarnaum 
Evangelium nach Matthäus 8,5–13 EU 
Hildegard von Bingen, Alle Werke. Patrol. Lat. 197, Sp. 1327f.; hier vorerst zitiert nach mediaevistik.com


Beispiele für falsche Zuschreibung an Hildegard von Bingen:
Vor dem 21. Jahrhundert ist der Spruch in keinem digitalisierten Text zu finden.

2007: dogforum.de/ (frühe Zuschreibung)
https://www.aphorismen.de/zitat/79231 
gloria.tv 
Twitter





Artikel in Arbeit.

Samstag, 6. Oktober 2018

"Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott." Werner Heisenberg (angeblich)

Pseudo-Werner-Heisenberg quote.
 Dieser religiöse Aphorismus wird seit 1979 - immer ohne Angabe einer Quelle in Heisenbergs Schriften - von physikalischen Laien ebenso wie von Naturwissenschaftlern dem deutschen Physiker Werner Heisenberg unterschoben.  


1979 
  • "Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. / Dieses Bekenntnis stammt von einem der größten Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Für seine 'Aufstellung der Quantenmechanik' erhielt er 1933 den Nobelpreis / Werner Heisenberg stammte aus Würzburg."

    "15 Jahrhunderte Würzburg. Eine Stadt und ihre Geschichte." Echter Verlag, Würzburg: 1979, S. 205 (Link) ; Link) (Im selben Jahr taucht dieses Zitat auch in einem anderen Buch auf.)

Im Juni 2015 stellt der Autor und Journalist Eike Christian Hirsch, der mit Heisenberg gut bekannt war, in einer E-Mail an Wikipedia-MitarbeiterInnen klar, dass dieser Satz - nach dem schon Viele vergeblich gesucht hatten - in keiner Schrift Werner Heisenbergs vorkommt und dass auch Verwandte Heisenbergs meinen, dieses metaphorische Glaubensbekenntnis könne nicht von ihm stammen.

Eike Christian Hirsch erinnert in dieser Zuschrift auch an den Philosophen Francis Bacon und den englischen Dichter Alexander Pope, die beide vor oberflächlichem Wissen warnten, und aus deren Aphorismen das Pseudo-Heisenberg-Zitat abgeleitet worden sein könnte.

 1601
  • "It is true, that a little philosophy inclineth man’s mind to atheism, but depth in philosophy bringeth men’s minds about to religion".

    Es stimmt, dass ein wenig Philosophie den Geist des Menschen dem Atheismus geneigt macht, aber philosophische Tiefe ihn zur Religion zurückführt."

    Francis Bacon: "Of Atheism", 1601 (Link)
1709
  • "A little learning is a dangerous thing;
    Drink deep, or taste not the Pierian spring:
    There shallow draughts intoxicate the brain,
    And drinking largely sobers us again.
    "

    "Ein wenig Wissenschaft, ein wenig Gelehrsamkeit ist eine gefährliche Sache. Schöpft tief, oder kostet den Pierischen Qell gar nicht. Ein seichter Trunk berauscht das Gehirn; aber volle Züge machen wieder nüchtern."

    Alexander Pope: "An Essay on Criticism" Part II, S. 12  (Link); deutsche Übersetzung von C. F. Gellert (Link)

Eike Christian Hirsch glaubt, ein frömmelnder Amerikaner habe den Spruch Heisenberg unterschoben, aber eine Wikipedia-Autorin fand heraus, dass 1948 Heisenbergs Schüler, Carl Friedrich von Weizsäcker, in einer Vorlesung einen sehr ähnlichen alten Aphorismus erwähnte:

1948
  • "Nach einem alten Satz trennt uns der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis von Gott, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott auf den, der ihn sucht."

    Carl Friedrich v. Weizsäcker: "Die Geschichte der Natur. Zwölf Vorlesungen", Hirzel Verlag, Zürich: 1948, S. 152 (Link) (Zitiert via Wikipedia)
Dieser alte Aphorismus, dessen möglichen Wahrheitsgehalt Weizsäcker diskutiert, wurde in den folgenden Jahren oft zitiert und könnte 1979 durch eine Verwechslung Werner Heisenberg zugeschrieben worden sein.
.
 Carl Friedrich von Weizsäcker erwähnte keine Quelle für seinen "alten Satz", den er vielleicht aus dem Gedächtnis zitierte und dabei möglicher Weise einige Wörter veränderte.

Die Metapher vom Becher der Weisheit (poculum sapientiae) wird in verschiedenen Varianten (Becher der Erkenntnis,  Becher des Wissens, Becher der Wissenschaft) seit 2000 Jahren verwendet und auch die Formulierung, "der erste Trunk aus dem Becher der Erkenntniß (Link)", ist schon im 19. Jahrhundert nachweisbar.

Allerdings konnte ich nur Elemente des Aphorismus finden, aber nicht den fraglichen Aphorismus selbst. Dass Gott auf uns wartet, steht in vielen Erbauungsbüchern. Wann dieses Bild mit der Metapher des ersten Schlucks aus dem Wissens-Becher erstmals verschränkt wurde, konnte ich (noch?) nicht ermitteln.

1839
  • "Wie viele junge Thoren gibt es in unseren Tagen, welche kaum von dem Becher der Wissenschaft genippt haben, und schon, vergessend auf die Lehren des des himmlischen Vaters, ungerührt durch die Thränen ihrer Mutter, der heil. Kirche, berechtigt zu seyn wähnen, eine Religion zu verachten, vor welcher die größten Denker der Mit- und Vorwelt ehrerbietig ihre Vernunft beugten? Armselige, wahnwitzige Menschen, die ihr mit dem Titel eines Freigeistes stolziret ..."
    Alois Schalk: "Sechs Fastenreden über die Hindernisse der wahren Bekehrung zu Gott: nebst einer Charfreitags-Predigt." E. Etlinger'sche Buchhandlung, Würzburg: (1839), 2. Auflage: 1840, S.  107  (Link)
Bei einer Papstfeier der theologischen Fakultät der Universität Wien sprach im Februar 1924 der apostolische Nunzius Erzbischof Sibila in seiner auf Latein vorgetragenen Rede vom Becher der Wissenschaft, an der die Jugend nicht nur nippen sollte: 

1924
  • "daß die heranwachsende Jugend nicht nur mit den Lippen an dem Becher der Wissenschaft nippe, sondern sie mit vollen Zügen trinke, daß sie Zucht und Ordnung lerne, die Furcht Gottes als den Anfang der Weisheit erkenne, das Böse meide und einen reichen Schatz von Wissen sammle".
    Reichspost
    31. Jg., Nr. 43, Wien, 13. Februar 1924, S. 7 linke Spalte (Link)


Pseudo-Werner-Heisenberg-Zitat.


Es scheint zum Schicksal großer Physiker zu gehören, dass ihnen religiöse Bekenntnisse unterschoben werden, die religiöse Leute erfreuen. Albert Einstein ist das berühmteste Beispiel für diesen Brauch.


Artikel in Arbeit.

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Quellen:
Carl Friedrich v. Weizsäcker: "Die Geschichte der Natur", Hirzel Verlag, Zürich: 1948, S. 152 (Link) (Mit Dank zitiert via Wikipedia)
"15 Jahrhunderte Würzburg. Eine Stadt und ihre Geschichte." Echter Verlag, Würzburg: 1979, S. 205 (Link) ; Link) (Im selben Jahr taucht dieses Zitat auch in einem anderen Buch auf.)

Francis Bacon: "Of Atheism" (1601), in: "The Works of Francis Bacon, Lord Chancellor of England: With a Life  of the Author. " By Basil Monatgu, 3 Bände, Vol I, Parry u. McMillan, Philadelphia: 1859, Essays, S. 24 (Link)
Alexander Pope: "An Essay on Criticism" Part II, S. 12  (Link); deutsche Übersetzung von C. F. Gellert (Link) 

 Reichspost 31. Jg., Nr. 43, Wien, 13. Februar 1924, S. 7 linke Spalte (Link)
Alois Schalk: "Sechs Fastenreden über die Hindernisse der wahren Bekehrung zu Gott: nebst einer Charfreitags-Predigt." E. Etlinger'sche Buchhandlung, Würzburg: (1839), 2. Auflage: 1840, S.  107  (Link)
Ludwig Neidhart: "Gibt es Gott? Hat der Mensch eine unsterbliche Seele? Eine Sammlung philosophischer Argumente", Universität Augsburg, 2016 pdf
fauxations, fatherhorton: "Heisenberg at the bottom of the glass", 2016 (Link) 
kěrěng, "Auf dem Grund des Bechers wartet Gott", 2017 (Link) 
de.wikiquote Diskussion
en.wikiquote


Der erste Trunk Sprichwörter (Link)
Werner Heisenberg, Ordnung der Wirklichkeit, Das große Gleichnis, 1942, Erstveröffentlichung 1981  cache 

Falsche Zuschreibungen:
Ursprünglich wurde  Werner Heisenberg das Zitat von phsykalischen Laien unterschoben, inzwischen auch von anerkannten Naturwissenschaftlern: Google 

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Dank:
Vielen Dank den Leuten von Wikipedia für die gründlichen Recherchen zu diesem Falschzitat.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

"Tu zuerst das Notwendige, dann das Mögliche und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“ Franz von Assisi (angeblich)

Pseudo-Franz-von-Assisi-Zitat.
Diese Maxime wurde Franz von Assisi in den digitalisieren Texten im Jahr 1987 das erste Mal in einer Ausgabe von Reader's Digest auf Englisch unterschoben. Die populäre Zeitschrift Reader's Digest ist der Ursprung vieler Falschzitate.

Erst Jahre danach taucht das Zitat auch auf Deutsch, Italienisch und Französisch auf. Kenner der Schriften Franz von Assisis  - wie Fr. George Corrigan - haben diesen Satz weder so noch so ähnlich in einem mittelalterlichen Text gefunden.

Eduard Habsburg, dem ich den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat verdanke, findet so wie ich oder Pater George Corrigan, dass der Sound dieses modernen Motivationsspruchs nicht zum Autor des "Sonnengesangs" passt.
  • This quote "does not even sound like Francis (at least to me) – and it too is mis-assigned to the saint from Assisi."
    Fr. George Corrigan, OFM, 2013 (Link)
Wikipedia/English hat das Zitat 2010 auf die Liste der Zitate ohne Quellenangabe zurückgesetzt und seitdem ist es noch niemandem gelungen, eine seriöse Quelle für das Zitat zu nennen.

Pseudo-Francis-of-Assisi quote.
 Dieser beliebte Spruch ist also ein Kuckuckszitat und könnte sich aus dem amerikanischen Motto, "The difficult we do immediately; the impossible takes a little longer", entwickelt haben. - Mit Franz von Assisi hat der Spruch anscheinend gar nichts zu tun.

Das angebliche Franz-von-Assisi-Zitat könnte auch aus dem Sprichwort, "Zuerst das Notwendige, dann das Nützliche und zuletzt das Angenehme", entstanden sein, das schon im 19. Jahrhundert in mehreren europäischen Sprachen verbreitet war. 

Und dieses Sprichwort geht wahrscheinlich auf Seneca zurück, der Wohltätern in seinem Buch "De beneficiis" ("Von den Wohltaten", liber I., 11) den Rat gab, zuerst das Notwendige, dann das Nützliche und zuletzt das Angenehme zu schenken.

"Das Nützliche" wurde von einer unbekannten Person im 21. Jahrhundert durch "das Mögliche" ersetzt und "das Angenehme" durch "das Unmögliche".


Seneca, De beneficiis I. 11

  • "Primo demus necessaria, deinde utilia, deinde iucunda, utique mansura."
    Seneca 1. Buch, 11 (Link)
  • "Man gebe erst das Nothwendige, dann das Nützliche hierauf das Angenehme, niemals aber was ganz Unbrauchbares.  (Link);  (Link)  
  • "First let us give what is necessary, next what is useful, and then what is pleasant, provided that they be lasting."
-

1808
  • Man lehre sie (die Kinder), daß immer zuerst das Nothwendige, dann das Nützliche, zuletzt aber das Angenehme befriediget werden soll.  (Link)

1828
  • Aus allen Anordnungen Joseph des Zweyten gehet hervor, daß er zuerst das Notwendige, dann das Nützliche thun, und das blos Glänzende, Angenehme auf die Letzt lassen wollte.  (Link)
1829
  • "Erst das Nothwendige, dann das Nützliche und dann das Angenehme! –" (Link)
1842
  • "that the rule invariably and constantly followed in all matters is: first, the necessary, then the useful, and last the pleasing. "
1987
  • "Start by doing what's necessary; then what's possible; and suddenly you are doing the impossible." Reader's Digest

Varianten des Kuckuckzitats

 

Pseudo-Francis-of-Assisi quote.

  • "Tue zuerst das Notwendige, dann das Mögliche und plötzlich schaffst du das Unmögliche."  - Franz von Assisi (Google)
  • "Start by doing what's necessary; then what's possible; and suddenly you are doing the impossible." - St. Francis of Assisi (Link)
  • "Cominciate col fare ciò che è necessario, poi ciò che è possibile. E all'improvviso vi sorprenderete a fare l'impossibile". - San Francesco d'Assisi  (google)
  • "Commence par faire le nécessaire, puis fait ce qu'il est possible de faire et tu réaliseras l'impossible sans t'en apercevoir. 
    - Saint François d'Assise (Google)


  • Pseudo-Francis-of-Assisi quote.

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Quellen:
Google
Lucius Aenneus Seneca: "De beneficiis", liber I., 11  (Link)
"Allgemeine Schulzeitung", Hrsg. von Ernst Zimmermann, Darmstadt, Erste Abtheilung, Für das allgemeine und Volksschulwesen, Abth. 1, Nr 1, 1. Januar 1829  (Link)
Fr. George Corrigan, OFM: "Francis of Assisi – An Introduction", 2013 (Link)
Fauxtations: "St. Francis and doing the impossible", 2015 (Link)
Michael Halm: "Are Quotes True?", "My People" Vol. 31, Issue 6, June 2018 (Link)
Trent Horn: "What the Saints Never Said: Pious Misquotes and the Subtle Heresies They Teach You", Catholic Answers Press, El Cajon: 2018 (Vorerst zitiert nach Halm)
The Franciscan Archive, A WWW Resource on St. Francis and Franciscanism   franciscan-archive.org
Garson O'Toole (Quote Investigator): "The Difficult We Do Immediately. The Impossible Takes a Little Longer. -  Charles Alexandre de Calonne? Lady Aberdeen? George Santayana? Fridtjof Nansen? Nicolas Beaujon? Baron de Breteuil? Mrs. William Tilton?", 2015 (Link) 
http://www.documentacatholicaomnia.eu/
wikiquote Talk

 Beispiele für falsche Zuschreibungen:
1987: Reader's Digest, The Reader's Digest, Volume 130, S. 33 (Link) (Früheste falsche Zuschreibung.)
1998: Norbert Schmidt, de.etc.notfallrettung groups.google  (Frühe falsche Zuschreibung auf Deutsch.)
2002: NZZ Folio, Aufkleber mit dem Spruch books.google.
Christliche Zitate Datenbank: evangeliums.net/zitate
Sowie viele Online-Zitatsammlungen (Google)

Artikel in Arbeit.

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Dank:
Ich danke Eduard Habsburg für den Hinweis auf das Falschzitat und Ralf Bülow für den Hinweis auf das deutsche Sprichwort.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

"Wir sind alle Ausländer — fast überall!" Unbekannt


Dieser von einer unbekannten Person geprägte Slogan ist in den 1980er Jahren in Deutschland als Antwort auf rechte "Ausländer raus!"-Parolen entstanden.
Klaus Staeck, Plakat 1986, Galerie für Moderne Kunst und Plakatkunst.

Der Spruch "Wir sind alle Ausländer ..." wurde vor dem Aufkommen des Internets auf Hauswänden, Plakaten, Stickers, Transparenten und schon 1992 kommerziell auch auf T-Shirts verbreitet. 1988 erschien das erste Buch mit diesem Graffiti-Spruch als Titel.

Um 2007 beklagt man sich, dass dieser Spruch Goethe, Tucholsky und anderen berühmten Schriftstellern unterschoben wird.

Doch im Jahr 2018 sind diese falschen Zuschreibungen fast gänzlich wieder aus der digitalen Öffentlichkeit verschwunden.

Viele Kuckuckszitate halten sich über Jahrzehnte; diese Kuckuckszitate hatten interessanter Weise anscheinend nur eine kurze Lebenszeit.

Nur noch sehr vereinzelt findet man falsche Zuschreibungen an Bertolt Brecht oder Karl Valentin.

Varianten



Friedhelm Greis hat in seinem  Tucholsky-Sudelblog auf einen ähnlichen Gedanken bei Kurt Tucholksy hingewiesen:


Kurt Tucholsky: "Nationales"

  • "Man ist in Europa ein Mal Staatsbürger und zweiundzwanzig Mal Ausländer. Wer weise ist: dreiundzwanzig Mal."
    Peter Panter, "Die Weltbühne", 25. November 1924 (Link)

Ralf Bülow verdanke ich den Hinweis auf Karl Valentins wunderbares Dramolett "Die Fremden", in dem Valentin das Thema "Wir sind alle Ausländer" im Jahr 1940 mit seinem unvergleichlichen Wortwitz umkreist:

Karl Valentin: "Die Fremden"

  • "Valentin: Nein! – Ein Fremder bleibt nicht immer ein Fremder.
    Professor:
    Wieso?
    Valentin:
    Fremd ist der Fremde nur in der Fremde."
    Karl Valentin, 1940 (Link)
    
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Quellen:
1988: Manfred Budzinski (Hg.) "Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall." Ein Aktionshandbuch Mit Beiträgen von Peter Bick, Manfred Budzinski etc., Lamuv-Verlag, Göttingen: 1988
Kurt Tucholksy (Peter Panter): "Nationales", Die Weltbühne, XX. Jahrgang, 25. November 1924, Nr. 48, S. 804 (Link)
Karl Valentin: "Sämtliche Werke". Band 4, Piper Verlag, München 1994; hier zitiert nach dem Nachdruck in der TAZ, 9. April 2015, S. 5 (Link) 
Friedhelm Greis: "Wir sind alle Zitatgeber", 2007, Sudelblog, (Link);  Angebliche Tucholsky-Zitate
geschichtsforum.de/

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
Karl Valentin: "Handbuch der Ausländer- und Zuwanderungspolitik: von Afghanistan bis Zypern" Hrsg. von von Wolfgang Gieler, LIT Verlag, Münster Hamburg London: 2003, S. 17 books.google
Bertolt Brecht: meinbezirk.at/tag/aai-wien

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Dank:
Ich danke Ralf Bülow sehr für den wichtigen Hinweis auf Karl Valentin.