Dienstag, 17. September 2019

"Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken." Karl Kraus (angeblich)

Dieses Zitat wird Karl Kraus erst 70 Jahre nach seinem Tod erstmals zugeschrieben und ist in seinen digitalisierten Schriften und in seriösen Nachschlagwerken weder so noch so ähnlich zu finden.

Da das Zitat immer ohne Quellenangabe zitiert wird und erst - wie so viele andere Kuckuckszitate - im 21. Jahrhundert aufgekommen ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es jemals in einem Text von Karl Kraus gefunden werden wird.

 Wer den - inzwischen auch auf Twitter beliebten -  Satz geprägt hat, kann ich noch nicht sagen. Das Kuckuckszitat taucht 2006 in der Zeitschrift Publik-Forum auf und wird 4 Jahre danach erstmals in eine Zitate-Sammlung (ohne Belege) aufgenommen.




Pseudo-Karl-Kraus-Zitat


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Quellen:
Beispiele für falsche Zuschreibungen an Karl Kraus:
2006 Publik-Forum, 02/06, Schlußstein, Ausgaben 1-8, S. 73 (Link) (Früheste falsche Zuschreibung bei Google books).
2007
Jüdischer Kalender, Ölbaum (Link)
2010 
Hans Werner Wüst: "Zitate u. Sprichwörter", Bassermann, München: 2010 ebook  (Link)
2012
Georg Markus: "Wenn man trotzdem lacht: Geschichte und Geschichten des österreichischen Humors" Amalthea Signum Verlag, Wien: 2012 ebook  (Link)
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achgut.com/artikel/geben_sie_gedankenfreiheit

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Dank:
Ich danke Wolfgang Gruber für die Frage nach diesem Kuckuckszitat.

Montag, 16. September 2019

"I want you to panic!" Greta Thunberg

Greta Thunbergs Satz "Ich möchte, dass ihr Panik bekommt" war an einige der Hauptverantwortlichen für den vermehrten Ausstoß des Treibhausgases  CO2  im Davoser Witschaftsforum gerichtet.

Kritiker interpretieren diesen Satz falsch, wenn sie den Kontext vergessen und zum Beispiel glauben, er wäre ein Appell für alle jungen Aktivistinnen.

Der Appell für Alle lautet nicht "Panik", sondern "Hinter der Wissenschaft vereinen", "Unite behind the science".





Greta Thunberg wollte mit ihrer Rede in Davos einige der einflussreichsten Personen der Welt beunruhigen. Im Wirtschaftsforum Davos treffen sich Politiker mit Verantwortlichen der weltgrößten Konzerne, die außer Milliarden Dollar an Gewinnen nebenbei auch Milliarden Tonnen an CO2 produzieren.


Greta Thunberg, Davos, 25. Januar 2019

  •  "Die Erwachsenen sagen immer, wir müssen den jungen Menschen Hoffnung machen, aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich möchte nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich möchte, dass ihr in Panik geratet. Ihr sollt die Angst spüren, die ich jeden Tag spüre. Und ich möchte, dass ihr handelt. Dass ihr so handelt wie in einer Krise. Ich möchte, dass ihr so handelt, als wenn unser Haus brennen würde. Denn es brennt bereits."
  • "I don't want your hope. I want you to panic. I want you to feel the fear I do. Every day. And want you to act. I want you to behave like our house is on fire. Because it is."

Greta Thunberg hat die Rede am Freitag, dem 25. Januar 2019, zweimal gehalten: Einmal hinter verschlossenen Türen, ein zweites Mal bei einer Pressekonferenz. Das Video stammt von der Pressekonferenz. Angeblich waren die mächtigsten Teilnehmer des Davoser Wirtschaftsforums schon abgereist.


UNITE BEHIND THE SCIENCE






Artikel in Arbeit.
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Quellen:
wikipedia

commondreams.org/news/2019/01/23/greta-thunbergs-demand-davos-elite-act-urgently-climate-sake-beautiful-living-planet
ZeitimBild/videos
Welt
zdf.de 

"In Österreich ist öfters schon alles drunter und drüber und schließlich doch ins Burgtheater gegangen." Karl Kraus (angeblich)

Dieses Pseudo-Karl-Kraus-Zitat ist noch kaum 20 Jahre alt und in den digitalisierten Texten von Karl Kraus unauffindbar.

Das Zitat wird anscheinend das erste Mal im Jahr 1997 ohne Quellenangabe in einem humoristischen  "Österreich-Lexikon" des Reclam Verlags Karl Kraus unterschoben, und später von Burgtheaterdirektor*innen öfters zitiert.

Das Falschzitat ist nicht sehr weit verbreitet, hat es aber immerhin in ein paar Tageszeitungen geschafft (Link) (Link) .

Wenn auch Kolleginnen und Kollegen von der Karl-Kraus-Forschung bestätigt haben werden, dass ihnen dieses Zitat noch nie untergekommen ist, kann man sicher sein, dass es ein Kuckuckszitat ist.
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Quellen:

Beispiele für falsche Zuschreibungen:

Gerd Holzheimer: "Wenn alle Strick' reissen, häng ich mich auf. Ein Österreich-Lexikon," Reclam Verlag, Leipzig: 1997, S. 32. (Link)

Beil (Link);  Burgtheater  (Link); Der Standard (Link); Die Presse (Link)

Artikel in Arbeit.
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Dank:
Ich danke Ralf Bülow und R. Boglowski für ihre Recherchen.


Samstag, 14. September 2019

"Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein." Marie von Ebner-Eschenbach (angeblich)


Pseudo-Oliver-Cromwell quote.
Dieses Sprichwort wird auf Englisch in mehreren Versionen Oliver Cromwell zugeschrieben, aber auf Deutsch im 21. Jahrhundert der österreichischen Aphoristikerin Marie von Ebner-Eschenbach unterschoben.
 
Pseudo-Marie-von-Ebner-Eschenbach-Zitat.

Marie von Ebner-Eschenbach hat ungefähr 900 Aphorismen verfasst, aber diesen nicht. Ich folge da dem Urteil von Daniela Strigl, der Biographin Ebner-Eschenbachs. Auch in keinem seriösen Zitate-Lexikon wird der Aphorismus Marie von Ebner-Eschenbach zugeschrieben.
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Der englische Soldat und Politiker Oliver Cromwell soll im 17. Jahrhundert in sein Bibel-Exemplar folgende Zeile eingetragen haben:

Oliver Cromwell: 

  • "If I cease becoming better I shall soon cease becoming good".
    "The Marks of a Man", 1906, S. 159 archive.org/
1933 scheint der Eintrag in die Bibel vergessen zu sein, und der Spruch wird Cromwell in folgender Version zugeschrieben:
  • "He who stops being better stops being good." (Link)
Ich kann noch nicht sagen, ob die Zuschreibungen an Oliver Cromwell wirklich ausreichend belegt sind.

Auf Deutsch wird das angebliche Ebner-Eschenbach-Zitat inzwischen in Schulen und Universitäten gerne zitiert.

Artikel in Arbeit.
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Quellen:
Robert Elliot Speer: "The Marks of a Man; Or The Essential of Christian Character", Fleming H. Revell Company, New York / London etc.: 1906; S. 159  archive.org
 Daniela Strigl - Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschenbach - Eine Biographie. Residenz Verlag, Salzburg Wien: 2018 ebook (Link)
wikiquote.org/wiki/Talk:Oliver_Cromwell
archive.org/
 (Link)

Frühe Zuschreibung an Marie von Ebner-Eschenbach:
2008 www.vogelforen.de/threads/grosser-textorweber.95424/,
robin1993game, 02.09.2008

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
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Dank:
Ich danke Daniela Strigl für den Hinweis auf die falsche Zuschreibung dieses Zitats.




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Wer heutzutage aufhört, besser  werden zu wollen, der hat schon aufgehört, gut zu sein. 
Deutsche Baumschule 1968 (Link)

Montag, 9. September 2019

"Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten." Marie von Ebner-Eschenbach (angeblich)

Aphorismus von Christopher Morley, fälschlich Marie von Ebner-Eschenbach zugeschrieben.
Dieser Aphorismus des amerikanischen Autors Christopher Morley wird im 21. Jahrhundert manchmal irrtümlich der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach unterschoben.


Christopher Morley, 1924:

  • "The real purpose of books is to trap the mind into doing its own thinking: to lull our outward restlessness with music so that the inner observation can break free."
    Christopher Morley: "A Cross Section", Saturday Review of Literature, 27. Dezember 1924, S. 415
    (Link), auch in:  (Link)


In einem "Heiteren Zitatenlexikon" aus dem Jahr 1963 wird der Satz in deutscher Übersetzung noch korrekt Christopher Morley zugeschrieben (Link).

Erst im 21. Jahrhundert wird Morleys Aphorismus  zuerst nur im Internet, später auch in  Büchern, der Aphoristikerin Marie von Ebner-Eschenbach unterschoben.

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Quellen:
Christopher Morley: "A Cross Section", Saturday Review of Literature, 27. Dezember 1924, S. 415 (Link), auch in:  (Link)


Artikel in Arbeit.
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Dank:
Ich danke Daniela Strigl für den Hinweis auf dieses Falschzitat.

Freitag, 6. September 2019

"Sprich, damit ich dich sehe." Sokrates (angeblich)

Die früheste schriftliche Erwähnung dieses Sokrates-Zitats stammt aus dem 2. Jahrhundert nach Christus von dem in Madauros (Algerien) geborenem lateinischen Autor, Redner und Philosophen Apuleius.

"Loquere, ut te videam / Loquere, ut videam te" (rede, damit ich dich sehe), die später geprägte lateinischen Kurzfassung dieses Zitats, wurde seit Erasmus von Rotterdam von vielen Philosophen zitiert, und manchmal Platon unterschoben. Eine griechische Version dieses Zitats aus dem Athen Platons ist nicht überliefert.

Apuleius, Florida



  • "At non itidem maior meus Socrates, qui cum decorum adulescentem et diutule tacentem conspicatus foret, 'ut te videam,' inquit, 'aliquid et loquere.' Scilicet Socrates tacentem hominem non videbat; etenim arbitrabatur homines non oculorum, sed mentis acie et animi obtutu considerandos".
    latin.packhum.org

Apuleius, Blütenlese


  •  "Doch nicht so mein Meister Sokrates; als er einen schönen Jüngling sah, der ziemlich lange schwieg, sagte er: 'Damit ich dich sehen kann, rede auch etwas!' Das heißt: Sokrates sah einen schweigenden Menschen nicht; er war der Überzeugung, man müsse die Menschen nicht mit der Schärfe der Augen, sondern mit der des Verstandes und in geistigem Anschauen betrachten."
    Übersetzt von Rudolf Helm

  •  "But such was not the opinion of my master Socrates. For once when he saw a youth of handsome appearance who remained for a long time without uttering a syllable, he said to him, 'Say something, that I may see what you are like.' For Socrates felt that a man who spoke not at all was in a sense invisible, since he held that it was not with the bodily vision, but with the mind's eye and the sight of the soul that men should be regarded."
    Übersetzt von H.E.Butler (1909) (Link)
 Diese Sokrates-Anekdote von Apuleius gilt als Anspielung auf Platons frühen Dialog "Charmides", in dem der spätere Oligarch Charmides noch ein  außerordentlich hübscher Teenager gewesen ist, dessen Schönheit auch Sokrates ganz verlegen machte.

Man traf sich auf einem Ringsportplatz und redete über die Heilung von Kopfschmerzen und über das Wesen der Besonnenheit (sophrosyne). Der morgens von Kopfweh geplagte Charmides galt nicht nur als besonders schön, sondern auch als ungewöhnlich besonnen (Link).




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Quellen:
Apuleius, Verteidigungsrede. Blütenlese. Lateinisch und deutsch von Rudolf Helm. Akademie-Verlag, Berlin: 1977 (Schriften und Quellen der alten Welt ; Band 36), S. 167
attalus.org
latin.packhum.org
Willis Goth Regier: "Quotology" University of Nebraska Press, Lincoln and London: 2010,  S. 26 (Link)
Platon, Charmides 158 e – 159 a
Platon, Sämtliche Werke. In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus Müller mit der Stephanus-Numerierung herausgegegeben von Walter F. Otto, Ernesto Grassi, Gert Plamböck. Band 1: Apologie, Kriton, Protagoras, Hippias II, Charmides, Laches, Ion, Euthyphron, Gorgias, Briefe. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988 (Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft : Band 1), S. 133 – 134 (vorerst zitiert nach (gutefrage.net) )


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Dank:
Ich danke Norbert Sterk für die Frage, Ralf Bülow für seinen Hinweis auf Lichtenberg sowie Albrecht für die übersichtliche Aufbereitung seiner Recherchen.

Artikel in Arbeit.
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Erasmus (Link)
Quotology (Link)
Nietzsche (Link) Bibliographische Angaben!
Petrarca (Link) (Link)
Hamann (Link) 
Lichtenberg (Link)
Kierkegaard /Link)
Kant (Link)
(gutefrage.net)

Schopenhauer (Link)
(Link)
 
books.google
 gutenberg.spiegel.de




"Die Menschen werfen alle ihre Dummheiten auf einen Haufen, konstruieren ein Ungeheuer und nennen es Schicksal." Thomas Hobbes (angeblich)

Das Zitat stammt nicht von dem Philosophen Thomas Hobbes aus dem 17. Jahrhundert, sondern so ähnlich von  der Autorin John Oliver Hobbes aus dem 19. Jahrhundert. John Oliver Hobbes war das Pseudonym der amerikanischen Schriftstellerin Pearl Mary Teresa Craigie.

Ausgangspunkt der Verwechslung war anscheinend eine Anthologie von "Lebensweisheiten berühmter Philosophen", die im Jahr 2008 im humboldt Verlag erschienen ist.  

Pseudo-Thomas-Hobbes-Zitat. Die korrekte Zuschreibung wäre: John Oliver Hobbes.

 

John Oliver Hobbes, 1892/94:

  • "Men heap together the mistakes of their lives and create a monster which they call Destiny. Some take a mournful joy in contemplating the ugliness of the idol. These are called Stoics. Others build it a temple like Solomon's, and worship the temple. These are called Epicureans. The Dean of Tenchester was a Stoic."

    John Oliver Hobbes: The Tales of John Oliver Hobbes, The Sinners Comedy, S. 147 Wikisource
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Quellen:
John Oliver Hobbes: The Tales of John Oliver Hobbes, The Sinners Comedy, T. Fischer Unwin, London: 1894, S. 147 Wikisource

Beispiele für die Verwechslung von Thomas Hobbes mit John Oliver Hobbes:

Stefan Knischek: "Lebensweisheiten berühmter Philosophen: 4000 Zitate von Aristoteles bis Wittgenstein", Humboldt, 7., aktualisierte Auflage, Hannover: 2008, S.  353 (Link)
"Die besten Lebensweisheiten der Welt: Eine sorgsame Auswahl der berühmtesten Sentenzen". Herausgegeben von Katharina Maier, 4. Auflage, marixverlag, Wiesbaden: 2014 ebook (ohne Seitenzahlen (Link)

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Dank:
Ich danke Helge Hesse für die Frage.