Donnerstag, 11. Juli 2019

"Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn." Winston Churchill (angeblich)

Dieser in konservativen Kreisen auf der ganzen Welt beliebte Zynismus wurde im 19. Jahrhundert in Frankreich geprägt und wird dem britischen Premierminister Winston Churchill sowie dem französischen Ministerpräsident George Clemenceau und vielen anderen Politikern irrtümlich unterschoben. 
 "The Yale Book of Quotations". Edited by Fred R. Shapiro. Foreword by Joseph Epstein, Yale University Press, New Haven and London: 2006, S. 5/19, 158/5, 327/1, 705/48.

Dass Winston Churchill diesen Satz in keiner seiner Varianten je ausgesprochen hat, meint auch die International Churchill Society (Link), die einen Überblick über sämtliche veröffentlichten und unveröffentlichten Texte Churchills hat. 

Auf ihrer Webseite liest man auch, das Zitat "If you aren’t a liberal when you’re young ..." würde gar nicht zu Churchills Weltsicht passen, da er selbst ja mit 15 konservativ und erst mit 35 liberal wurde.

George Clemenceau hat anscheinend wenigstens einmal in einer sarkastischen Bemerkung über seinen Sohn auf das Zitat angespielt (quoteinvestigator.com), dessen früheste schriftliche Quelle meines Wissens aus dem Jahr 1873 stammt. 

Der weithin unbekannte Autor Félix Sordet hat damals den Spruch dem Gründungsvater des Konservativismus, Edmund Burke, zugeschrieben.

  • "Burke sagt: 'Wenn einer mit 20 kein revolutionärer Republikaner ist, muss man an der Größe seines Herzens zweifeln; aber wenn er es mit 30 immer noch ist, muss man an der Stärke seines Geistes zweifeln.' "
    "Burke a dit: 'Celui qui n’est pas républicain à 20 ans fait douter de la générosité de son âme; mais celui qui, après 30 ans, persévère, fait douter de la rectitude de son esprit.' "

    Félix Sordet: "1870-71, ou Une page d'histoire; administration et guerre." Sordet-Montalan, Chalon-sur-Saóne: 1873, S. 423 (Link)
Garson O'Toole hat  auch die Erwähnung des Zitats in einem 1875 publizierten Brief des französischen Rechtswissenschaftlerr und Politikers Anselme Polycarpe Batbie  herausgefunden, und O`Toole stellt auch fest, dass noch niemand dieses Zitat in einem Text von Edmund Burke entdecken konnte.



 Varianten des Pseudo-Winston-Churchill-Zitats:


  • If you aren’t a liberal when you’re young, you have no heart, but if you aren’t a middle-aged conservative, you have no head.  
  •  Not to be a républicain at twenty is proof of want of heart; to be one at thirty is proof of want of head.  
  • Show me a young conservative and I'll show you someone with no heart. Show me an old liberal and I'll show you someone with no brains.
  • If you’re not a socialist before you’re twenty-five, you have no heart; if you are a socialist after twenty-five, you have no head.       
  • Wer mit 20 Jahren kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 noch ist, hat kein Hirn. 
  • Wer in jungen Jahren nicht links ist, der hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, der hat kein Hirn.
  • Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!
  • Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.
  • Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!
  • Wer mit 19 kein Revolutionär ist hat kein Herz, wer mit 40 immer noch Revolutionär ist hat keinen Verstand.
  • Wer mit 16 kein Revoluzzer ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, hat kein Hirn
  • Wer mit 20 die Welt nicht verändern will, der hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch will, kein Hirn.

 

George-Clemenceau-Anekdote, 1944:


Über den 1929 verstorbenen George Clemenceau erschien im Jahr 1944 auf Englisch folgende Anekdote: 

Der französische Ministerpräsident Clemenceau antwortete einmal einem Besucher, der ihn besorgt darauf aufmerksam machte, sein Sohn sei jetzt Kommunist:


George Clemenceau:

  • "Monsieur, mein Sohn ist 22 Jahre alt. Wäre er mit 22 kein Kommunist geworden, hätte ich ihn verstoßen. Falls er mit 30 immer noch Kommunist ist, werde ich es tun."

    "Monsieur, my son is 22 years old. If he had not become a Communist at 22, I would have disowned him. If he is still a Communist at 30, I will do it then.”

    Bennett Cerf: "Try and Stop Me", Simon and Schuster, New York: 1944, S.  258 (googlebooks;
    quoteinvestigator.com)
 Die Entwicklung des Spruchs vom 19. bis ins 21. Jahrhundert hat Garson O'Toole in dem lesenswerten Artikel auf seiner Webseite quoteinvestigator.com dokumentiert.

Das Zitat wird auch François Guizot, Victor Hugo, König Oskar II. von Schweden, George Bernard Shaw, Benjamin Disraeli, Hitler, Goebbels, Stalin, Bruno Kreisky, Friedrich Hayek, Gerhard Schröder und Konrad Adenauer unterschoben.



(In Arbeit.)

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Quellen:
Félix Sordet: "1870-71, ou Une page d'histoire; administration et guerre." Sordet-Montalan, Chalon-sur-Saóne: 1873, S. 423 (Link)
Bennett Cerf: "Try and Stop Me", Simon and Schuster, New York: 1944, S.  258 (booksgoogle; zitiert nach quoteinvestigator.com)
 "The Yale Book of Quotations". Edited by Fred R. Shapiro. Foreword by Joseph Epstein, Yale University Press, New Haven and London: 2006, S. 5/19, 158/5, 327/1, 705/48  

Barry Popik: "If you’re not a liberal at 20 you have no heart, if not a conservative at 40 you have no brain", 2010 barrypopik.com
Garson O'Toole: "If You Are Not a Liberal at 25, You Have No Heart. If You Are Not a Conservative at 35 You Have No Brain. Edmund Burke? Anselme Batbie? Victor Hugo? King Oscar II of Sweden? George Bernard Shaw? François Guizot? Georges Clemenceau? Benjamin Disraeli? Winston Churchill? Anonymous?" 2014 quoteinvestigator.com

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Dank:
Ich danke @IdaundderGraf  für den Auftrag und bin Barry Popik und Garson O'Toole für ihre gründlichen Recherchen zu Dank verpflichtet.

Dienstag, 9. Juli 2019

"Sprache schafft Wirklichkeit." Ludwig Wittgenstein (angeblich)

Dieser Aphorismus wurde dem 1951 in Cambridge verstorbenen Philosophen Ludwig Wittgenstein ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod erstmals zugeschrieben und ist in seinen Texten nicht zu finden. 

Entstanden ist dieses Pseudo-Wittgenstein-Zitat anscheinend in den 1990er Jahren durch eine Interpretation von Ludwig Wittgensteins sprachanalytischen Thesen:

1994
 20 Jahre später wurde dieses kurze Pseudo-Zitat mit einem ungenau zitierten Halbsatz aus Wittgensteins erstem Hauptwerk, dem "Tractatus logico-philosophicus", verbunden:


Beispiele für Pseudo-Ludwig-Wittgenstein-Zitate:


2016
2018

Ludwig Wittgenstein, "Tractatus logico-philosophicus", 1918, 1921:

  •  5. 6 "Die Grenzen meiner Sprache  bedeuten die Grenzen meiner Welt."
  • 5. 62 "Daß die Welt meine  Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen  der  Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen  meiner Welt bedeuten."
    archive.org

Artikel in Arbeit.
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Quellen:

archive.org
 Bibliographische Angaben folgen.
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Dank:
Ich danke Stefan Hechl für den Hinweis auf dieses Falschzitat.






Montag, 17. Juni 2019

"Asylkritiker können das Land jederzeit verlassen". Walter Lübcke (angeblich)

Pseudo-Walter-Lübcke-Zitat. Facebook, 3. Juni 2019.

Dem ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke wurde dieser Satz seit dem Herbst 2015 im rechtsextremen Milieu unterschoben. Er hat ihn nie gesagt.

Walter Lübckes verärgerter Kommentar bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden bei Kassel am 14. Oktober 2015 war in einem anderen Wortlaut an beleidigende und hämische Zwischenrufer gerichtet, und keineswegs an alle "Asylkritiker" (Link).

Auf Zwischenrufe wie "Scheiß Staat!" versuchte Walter Lübcke die moralischen Verpflichtungen des deutschen Staates gegenüber Asylsuchenden zu erklären, um am Ende zu den hämischen und beleidigenden Zwischenrufern zu sagen:

Walter Lübcke, 14. Oktober 2015

  • ".. es lohnt sich in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist - das ist die Freiheit eines jeden Deutschen ..."

    Walter Lübcke, Bürgerversammlung in Lohfelden zu Erstaufnahmezentren für Flüchtlinge in Hessen, 14. Oktober 2015, vor über 800 Leuten  Youtube 
Walter Lübckes verärgerte Reaktion auf beleidigende und hämische Zwischenrufer wurden bis in sein Todesjahr oft entstellt wiedergegeben:

Beispiele für entstellte und erlogene Walter-Lübcke-Zitate:



Ohne die vielen falschen Zitate wäre der Hass auf den am 2. Juni 2019 ermordeten angeblichen "Volksverräter" Walter Lübcke wahrscheinlich nicht dermaßen ausgeufert. 

Sogar sein Tod wurde im rechtsextremen Milieu noch hämisch gefeiert.

Besonders wütend reagierte jene Gruppe im rechten politischen Spektrum, die an die Ideologie glaubt, Migranten und Asylwerber würden von einer geheimen Macht gesteuert, die einen "großen Austausch", eine im Nazijargon genannte "Umvolkung" plane (Link).


Der Journalist Matern Boeselager erinnerte nach der Ermordung Lübckes an die Hassreaktionen, Mordwünsche und Morddrohungen aus dem rechten Spektrum: "So hasserfüllt war die rechtsextreme Kampagne gegen den erschossenen CDU-Politiker. Eine Dokumentation der Attacken und Drohungen, die 2015 über Walter Lübcke hereinbrachen." Vice, 4. Juni 2019 (Link)  


Die entstellten Darstellungen der Rechtsextremen wurden auch von AfD-nahen Politikerinnen wie Erika Steinbach noch vier Jahre später, im Jahr der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübckes, weiter verbreitet. 

Ein Gericht wird entscheiden, ob die Tötung des CDU-Politikers wirklich ein politischer Mord war. 

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Quellen:
"Störer provozierten Regierungspräsidenten. Info-Abend zu Flüchtlingen: 800 Besucher in Lohfelden", HNA, 15. Oktober 2015 hna.de
"Walter Lübcke im Interview: 'Ich bleibe bei meiner Aussage'", HNA, 16. Oktober 2015  hna.de
"Ungeheuerlicher Vortrag des Dr. Walter Lübcke (Regierungspräsident Kassel): Deutsche sollen ihr Land verlassen, wenn sie mit der Asylpolitik nicht einverstanden sein!", 16. Oktober 2015,  
deutschelobbyinfo.com
"CDU-Politiker: Asylkritiker können „dieses Land jederzeit verlassen“, Junge Freiheit, 16. Oktober 2015 Jungefreiheit.de 
pi-news.net/2015/10/
michael-mannheimer.net/
wikipedia 
Lars Wienand: "Erika Steinbach heizte Hass auf Walter Lübcke neu an" 6. Juni 2019, t-online.de (Link)
Matern Boeselager: "So hasserfüllt war die rechtsextreme Kampagne gegen den erschossenen CDU-Politiker. Eine Dokumentation der Attacken und Drohungen, die 2015 über Walter Lübcke hereinbrachen." Vice, 4. Juni 2019 (Link) 

(Artikel in Arbeit.) 
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Dank:
Ich danke den Wikipedia-Mitarbeiter*innen für ihre Recherchen.

Donnerstag, 13. Juni 2019

"Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel." Paul Watzlawick (angeblich)

Pseudo-Paul-Watzlawick-Zitat.

Dieser Aphorismus wurde in den 1960er Jahren in Amerika geprägt und wird seit 2006 auf Deutsch dem Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick unterschoben.

Paul Watzlawick hat eine oft zitierte Geschichte mit einem Hammer und einem Nagel in seinem Bestseller "Anleitung zum Unglücklichsein"  erzählt, aber Watzlawicks "Geschichte mit dem Hammer" hat mit dem ihm später unterschobenen Aphorismus gar nichts zu tun:

 Paul Watzlawick, "Die Geschichte mit dem Hammer":

  • Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgetäuscht, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht‘s mir wirklich! – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor dieser »Guten Tag!« sagen kann, schreit ihn unser Mann an: »Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!«
    Paul Watzlawick:  »Anleitung zum Unglücklichsein«, Piper Verlag, München: 1983, S. 37f. (Wikipedia)

Auf Englisch wird der Aphorismus von Buddha bis Mark Twain vielen Berühmtheiten unterschoben.

Pseudo-Mark-Twain-Zitat.


Zitatexperten wie Ralph Keyes, Wolfgang Mieder und Garson O'Toole sind dem Fall gründlich nachgegangen und haben keine Spur dieses Zitats bei Mark Twain etc. gefunden.

Der Satz ist in unterschiedlichen Varianten von verschiedenen Personen zwischen 1962 und 1974 geprägt worden.

Abraham Kaplan (1962),  Silvan Tomkins (1963) und der Psychologe Abraham Maslow (1966) waren an der Entwicklung des Aphorismus beteiligt und er wird Abraham Maslow zurecht oft zugeschrieben, obwohl seine Fassung des Aphorismus erst nach ein paar späteren Veränderungen weltweit populär wurde.

Die Entwicklung des Aphorismus in Amerika ist online sehr übersichtlich auf Garson O'Tooles empfehlenswerter Webseite quoteinvestigator.com dokumentiert.


Varianten des Kuckuckszitats:

  • "If your only tool is a hammer then every problem looks like a nail."

  •  " »Wer nur einen Hammer hat, wird jedes Problem für einen Nagel halten«, sagte schon der Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick."  (2006) (Link)
  • "Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel."

  • "Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus."
  • "Wenn man als Werkzeug nur einen Hammer zur Verfügung hat, wird man jedes Problem wie einen Nagel betrachten."
Ich kann noch nicht ganz ausschließen, dass Watzlawick in seinen letzten Lebensjahren den Spruch einmal erwähnt hat -, aber geprägt hat er ihn nicht. 

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Quellen:
Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. 87
"The Dictionary of Modern Proverbs". Zusammengestellt von Charles Clay Doyle, Wolfgang Mieder und Fred R. Shapiro, Yale University Press, New Haven: 2012, S. 114
Paul Watzlawick:  »Anleitung zum Unglücklichsein«, Piper Verlag, München: 1983, S. 37f. (Wikipedia)

Garson O'Toole: "If Your Only Tool Is a Hammer Then Every Problem Looks Like a NailMark Twain? Abraham Maslow? Abraham Kaplan? Silvan Tomkins? Kenneth Mark Colby? Lee Loevinger? Anonymous?" 2014 (quoteinvestigator.com)

1998: Usenet ohne Zuschreibung an Paul Watzlawick

Beispiele für Zuschreibungen an Paul Watzlawick:

2006: Anita von Hertel: "Grrr! Warum wir miteinander streiten und wie wir davon profitieren können", Campus Verlag: 2006 ebook (eventuell früheste Zuschreibung)
2006: docplayer.org/18162342-
2007: forum.skywarn.de

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Ich danke Garson O'Toole, Wolfgang Mieder und Ralph Keyes für ihre gründlichen Arbeiten und Shirley für ihre Frage zu diesem Kuckuckszitat.


In Arbeit. 

Freitag, 7. Juni 2019

"Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden." John Maynard Keynes (angeblich)

Pseudo-Keynes-Zitat.
Der britische Ökonom John Maynard Keynes könnte dieses Bonmot gekannt haben, weil es ein Kollege von ihm, mit dem er gemeinsam eine Zeitschrift herausgab, 1941 so ähnlich erstmals publizierte:

  • "The great merit of the capitalist system, it has been said, is that it succeeds in using the nastiest motives of nasty people for the ultimate benefit of society." 

    E. A. G. Robinson: "Monopoly", Cambridge Economic Handbooks, Nisbet and Co, Ltd, London, Cambridge University Press, Cambridge: (1941) 1948, S. 276 (Vorerst zitiert nach Garson O'Toole: quoteinvestigator.)
 Doch gibt es keinerlei schriftliches Zeugnis, dass Keynes das Bonmot je selbst verwendet oder gar geprägt hat. Sein Kollege E. A. G. Robinson verrät die Quelle für sein Bonmot ("it has been said") nicht.

Ich folge hier den Recherchen von Steve Cotler, der vor 10 Jahren ergebnislos mit vielen Ökonomen über den Fall korrespondiert hat, sowie den Zitatforschern Barry Popik und vor allem den gründlichen Recherchen von Garson O'Toole.

Entstanden ist das Bonmot wahrscheinlich als satirische Zuspitzung eines Gedankens von Bernard Mandeville, der in seiner berühmten "Bienenfabel" darlegt, wie eine Gesellschaft mit lauter bescheidenen, tugendhaften Menschen verarmen würde, während eine Gesellschaft, in der viele Menschen gierig nach Luxus strebten, prosperierte.

Der Untertitel von Mandevilles Bienenfabel lautet: "Private Vices, Public Benefits", "Private Laster als gesellschaftliche Vorteile", Übersetzungsvariante: "Private Laster, Öffentliche Vorteile":




muss sein, damit ein Volk gedeih’"
Bernard Mandeville, 1714

Quelle: Wikipedia.


 Varianten, die seit 1951 John Maynard Keynes unterschoben werden:


  • "Capitalism is 'the astonishing belief that the nastiest motives of the nastiest men somehow or other work for the best results in the best of all possible worlds.'"
  • "Capitalism is the extraordinary belief that the nastiest of men for the nastiest of motives will somehow work for the benefit of all."
  • "Capitalism is the astounding belief that the most wickedest of men will do the most wickedest of things for the greatest good of everyone."
  • "Kapitalismus ist 'der erstaunliche Glaube, dass die gemeinsten Motive, der gemeinsten Menschen, auf irgendeine Art die besten Ergebnisse in der besten aller möglichen Welten bringen werden.'"
  • "Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen  werden."  
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Quellen:
E. A. G. Robinson: "Monopoly", Cambridge Economic Handbooks, Nisbet and Co, Ltd, London, Cambridge University Press, Cambridge: (1941) 1948, S. 276 (Vorerst zitiert nach Garson O'Toole: quoteinvestigator.)
Bernard Mandeville: "The Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits." (1714) With a Commentary Critical, Historical, and Explanatory by F. B. Kaye, Oxford: 1924 (Link)
Bernard Mandeville: "Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile." Einleitung Walter Euchner. Suhrkamp Verlag (stw 300), Frankfurt: 1980 
Steve Cotler: "John Maynard Keynes: Capitalism and the 'Nastiest/Wickedest of Men'", 2009 stevecotler.com
 Barry Popik: "“Capitalism is the belief that the wickedest of men will do wicked things for the greatest good", 2010  barrypopik.com
Garson O'Toole: "Capitalism: The Nastiest of Men for the Nastiest of Motives Will Somehow Work for the Benefit of All: John Maynard Keynes? E. A. G. Robinson? Fictional? Anonymous?" , 2011 quoteinvestigator.
    en.wikiquote 

    In Arbeit.

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    Dank:
    Ich danke Helge Hesse für den Hinweis auf dieses Kuckuckszitat.

    Donnerstag, 6. Juni 2019

    "Es ist die Freiheit eines jeden Deutschen dieses Land zu verlassen…" Walter Lübcke (angeblich)

    Walter Lübckes verärgerte Reaktion auf beleidigende und hämische Zwischenrufe bei einer Bürgerversammlung am 14. Oktober 2015 in Lohfelden bei Kassel wurde oft - absichtlich oder unabsichtlich - entstellt wiedergegeben.

    Auf Zwischenrufe wie "Scheiß Staat!" versuchte Walter Lübcke die moralischen Verpflichtungen des deutschen Staates gegenüber Asylsuchenden zu erklären, um am Ende an die Zwischenrufer gewendet zu sagen:

    14. Oktober 2015

    • ".. es lohnt sich in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist - das ist die Freiheit eines jeden Deutschen ..." (Pfui-Rufe aus dem Publikum)

      Walter Lübcke, Bürgerversammlung in Lohfelden zu Erstaufnahmezentren für Flüchtlinge in Hessen, 14. Oktober 2015, vor über 800 Leuten  Youtube 
     
     Zwei Tage später stellt Walter Lübcke in einem Interview klar, dass seine Worte an aggressive, staatsfeindliche Zwischenrufer gerichtet waren und keineswegs an alle Deutschen, die der großzügigen Flüchtlingspolitik im Herbst 2015 skeptisch oder ängstlich gegenüberstanden.

    Trotzdem war die Verbreitung des entstellten Zitates mit irreführenden Überschriften nicht mehr aufzuhalten. 

    Ohne die falschen Zitate wäre der Hass auf den am 2. Juni 2019 ermordeten angeblichen "Volksverräter" Walter Lübcke wahrscheinlich nicht dermaßen ausgeufert. Sogar sein Tod wurde im rechtsextremen Milieu noch hämisch gefeiert.

    15. Oktober 2015 


    Auf Twitter wird behauptet, Walter Lübcke agitiere für den "Großen Austausch":
    Twitter, 15. Oktober 2015.
    Blogeintrag mit Tötungs-Szenario: "In vielen Ländern hätte ... Lübcke eine solche Äußerung nicht überlebt":

    15. Oktober 2015, michael-mannheimer.net/

     

    16. Oktober 2015


    Blogeintrag im Jargon von Neonazis:
    • "Es geht um Umvolkung, Austausch der einheimischen deutschen Bevölkerung gegen neue “Bürger” aus dem Nahen Osten und Afrika, die hierher auf unsere Kosten umgesiedelt werden, damit die Deutschen in Bedrängnis geraten, fliehen sollen, vertrieben von ihrem eigenen Land durch Häscher und Politik dieses Besatzungs-Regimes, das keinen Funken Deutschlandliebe in sich trägt.
    • Offenbar sollen die Deutschen zum Verlassen des eigenen Landes genötigt werden, anders kann es wohl nicht gedeutet, wenn man sich das einmal anhört, was dieser Systemling da so öffentlich von sich gibt ..."
      deutschelobbyinfo.com/2015/10/16/


    Weitere Beispiele für entstellte Wiedergaben von Walter Lübckes Worten:

     

    Die Walter Lübcke unterschobenen Worte: "Wir haben Quoten zu erfüllen. Wem das nicht passt ...", sind erlogen.

    Entstellende Überschrift der Zeitschrift "Junge Freiheit":
    • "Ungeheuerlicher Vortrag des Dr. Walter Lübcke (Regierungspräsident Kassel): Deutsche sollen ihr Land verlassen, wenn sie mit der Asylpolitik nicht einverstanden sein!
      deutschelobbyinfo.com/2015/10/16/
    Auch die Unterstellung, Walter Lübcke habe Deutschen, die mit der Asylpolitik nicht einverstanden sind, geraten, ihr Land zu verlassen, stimmt nicht.


    Später wurde Regierungspräsident Lübcke dann öfters im richtigen Wortlaut zitiert, aber ohne darauf hinzuweisen, an wen die Worte gerichtet waren und in welchem Kontext sie zu verstehen sind.  

    Walter Lübcke, Interview, 16. Oktober 2015:


    • "... Meine Aussage war an jene gerichtet, die durch Zwischenrufe ihre Verachtung unseres Staates artikuliert oder diesen Schmähungen applaudiert haben. ...
    •  Unser Zusammenleben beruht auf christlichen Werten. Damit eng verbunden sind die Sorge, die Verantwortung und die Hilfe für Menschen in Not. An diese christlichen Kernbegriffe hatte ich erinnert, als ich immer wieder durch Zwischenrufe wie „Scheiß Staat!“ und durch hämische Bemerkungen unterbrochen wurde. Ich wollte diese Zwischenrufer darauf hinweisen, dass in diesem Land für jeden und für jede, die diese Werte und die Konsequenzen aus unseren Werten so sehr ablehnen und verachten, die Freiheit besteht, es zu verlassen; im Gegensatz zu solchen Ländern, aus denen Mensch nach Deutschland fliehen, weil sie diese Freiheit dort nicht haben.
    • Halten Sie an der Aussage fest? 
      Walter Lübcke: Ich habe gerade ausführlich erklärt, wie diese Äußerung zustande kam. Und weil ich sie immer noch als eindeutig im Sinne der Vermittlung unserer Werte sehe und insofern als sie sich an diese Zwischenrufer richtete, bleibe ich auch dabei."

      hna.de/lokales/kreis-kassel/lohfelden

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    Besonders wütend reagierte jene Gruppe im rechten politischen Spektrum, die an die Ideologie glaubt, Migranten und Asylwerber würden von einer geheimen Macht gesteuert, die einen "großen Austausch", eine im Nazijargon genannte "Umvolkung" plane.


    Der Journalist Matern Boeselager erinnerte nach der Ermordung Lübckes an die Hassreaktionen, Mordwünsche und Morddrohungen aus dem rechten Spektrum: "So hasserfüllt war die rechtsextreme Kampagne gegen den erschossenen CDU-Politiker. Eine Dokumentation der Attacken und Drohungen, die 2015 über Walter Lübcke hereinbrachen." Vice, 4. Juni 2019 (Link)  


    Die entstellten Darstellungen der Rechtsextremen wurden auch von AfD-nahen Politikerinnen wie Erika Steinbach noch vier Jahre später, im Jahr der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübckes, weiter verbreitet. 

    Polizei und Justiz konnten noch nicht ermitteln, ob die Tötung des CDU-Politikers wirklich ein politischer Mord war. 



      Twitter, 16. Juni 2019:



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    Quellen:
    "Störer provozierten Regierungspräsidenten. Info-Abend zu Flüchtlingen: 800 Besucher in Lohfelden", HNA, 15. Oktober 2015 hna.de
    "Walter Lübcke im Interview: 'Ich bleibe bei meiner Aussage'", HNA, 16. Oktober 2015  hna.de
    "Ungeheuerlicher Vortrag des Dr. Walter Lübcke (Regierungspräsident Kassel): Deutsche sollen ihr Land verlassen, wenn sie mit der Asylpolitik nicht einverstanden sein!", 16. Oktober 2015,  
    deutschelobbyinfo.com
    "CDU-Politiker: Asylkritiker können „dieses Land jederzeit verlassen“, Junge Freiheit, 16. Oktober 2015 Jungefreiheit.de 
    pi-news.net/2015/10/
    michael-mannheimer.net/
    wikipedia 
    Lars Wienand: "Erika Steinbach heizte Hass auf Walter Lübcke neu an" 6. Juni 2019, t-online.de (Link)
    Matern Boeselager: "So hasserfüllt war die rechtsextreme Kampagne gegen den erschossenen CDU-Politiker. Eine Dokumentation der Attacken und Drohungen, die 2015 über Walter Lübcke hereinbrachen." Vice, 4. Juni 2019 (Link) 

    (Artikel in Arbeit. Letzte Änderung: 17/6) 
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    Dank:
    Ich danke den Wikipedia-Mitarbeiter*innen für ihre Recherchen.

    Mittwoch, 5. Juni 2019

    "Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer." Winston Churchill (angeblich)

    Pseudo-Winston-Churchill-Zitat.

    Winston Churchill hat dieses beliebte Aperçu, das ihm nur auf Deutsch (seit den 1980er Jahren) unterschoben wird, nie gesagt. 

    Ich habe es weder in Fachliteratur zu Churchill noch bei Google-books-Suchen in einer ihm zugeschriebenen englischen Version (etwa: A good speech should exhaust the topic and not the audience) gefunden.

    Vorläufer dieses angeblichen Churchill-Zitats findet man schon Mitte des 19. Jahrhunderts in einem englischen Parlamentsbericht, sowie zum Beispiel in Oscar Wildes 1891 erschienenem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray":


    Oscar Wilde

    • "Like all people who try to exhaust a subject, he exhausted his listeners."
      Oscar Wilde: The picture of Dorian Gray, 1891 (Link)
    • "Wie alle Menschen, die ein Thema erschöpfen wollen, erschöpfte er seine Zuhörer."
      Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, übersetzt von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer, Insel Verlag, Leipzig: 1908, S. 54 (Link) (Ich danke Ralf Bülow sehr für den Hinweis auf Oscar Wilde.)
     
    Auf Englisch wird Winston Churchill übrigens ein anderes Aperçu über eine gelungene Rede unterschoben:

    • "A good speech should be like a woman’s skirt: long enough to cover the subject and short enough to create interest."

     Wie der Historiker und Churchill-Experte Richard Langworth versichert, ist auch dieses angebliche Churchill-Zitat in keinem Text oder Interview Winston Churchills zu finden.

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    Quellen:
    Churchill By Himself: The Definitive Collection of Quotations. Herausgegeben von Richard Langworth. (2008) RosettaBooks, ebook: 2013  (Link)
    Richard Langworth: All the “Quotes” Winston Churchill Never Said (4), 2018 (Link)
    Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, übersetzt von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer, Insel Verlag, Leipzig: 1908, S. 54 (Link)
    1943  

    Beispiele für falsche Zuschreibungen:

    Wolfgang Gerke: "Risikokapital über die Börse." Springer-Verlag: 1986, S. 140 (books.google)  (früheste Zuschreibung an Winston Churchill) 

    zitat-des-tages.de/zitate
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    (In Arbeit.)