Montag, 18. Juni 2018

“Jeder intelligente Narr kann Dinge größer und komplexer machen. Es braucht ein Stück Genialität – und jede Menge Mut -, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.” Albert Einstein (angeblich)

Pseudo-Albert-Einstein quote.

Dieser Satz von E. F. Schumacher, dem Autor des Bestsellers "Small Is Beautiful: A Study of Economics As If People Mattered ", wird im 21. Jahrhundert sehr oft Albert Einstein unterschoben.

Albert Einstein war schon achtzehn Jahre tot als dieser Satz geprägt wurde.

E. F. Schumacher, 1973

  • "Any intelligent fool can make things bigger, more complex, and more violent. It takes a touch of genius — and a lot of courage to move in the opposite direction."
    E.F. Schumacher: "Small is Beautiful", 1973,  S. 22 (Link)
(E. F. Schumacher war ein Schüler des in Österreich geborenen Ökonomen und "philosophischen Anarchisten" Leopold Kohr, der den Slogan "Small is beautiful" geprägt hat.)


Pseudo-Albert-Einstein quote.

Dieses Pseudo-Einstein-Zitat wird nicht nur durch unseriöse Zitatsammlungen verbreitet, sondern taucht zum Beispiel auch in einem offiziellen Dokument einer UN-Organisation auf (Human Development Report, Berlin: 2014, S. 40).
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Quellen:
Google 
E.F. Schumacher: "Small is Beautiful", (Vorabdruck) in: "The Radical Humanist", Vol 37, Nr. 6, September 1973, Naya Hindustan Press, New Delhi: 1973,  S. 22 (Link)
Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011 (keine Erwähnung des Zitats)
"Human Development Report 2014. Sustaining Human Progress: Reducing Vulnerabilities and Building Resilence", United Nations Development Programme (UNDP), deutsche Fassung: "Bericht über die menschliche Entwicklung 2014 ...", (UNDP), Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V Berlin: 2014, S. 40.  
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Dank:
Ich danke Tobias Blanken für den Hinweis auf dieses Pseudo-Einstein-Schumacher-Zitat (Twitter).  
(In Arbeit.)

Freitag, 15. Juni 2018

"Die Toleranz ist eine schreckliche Tugend, und die nächsten Verwandten der Toleranz sind die Apathie und Schwäche." Oliver Goldsmith (angeblich)


Dieses angebliche Zitat aus dem 18. Jahrhundert des irischen Autors Oliver Goldsmith gibt es auf Deutsch in diesem Wortlaut erst seit ungefähr 3 Jahren. Es ist als politisches Argument von Gegnern der Asyl-Politik Angela Merkels entstanden und wird inzwischen auch schon in drei unseriösen deutschsprachigen Zitatsammlungen  Oliver Goldsmith unterschoben.


Auf Englisch wird ein ähnliches Zitat seit mehr als 30 Jahren dem Milliardär, Aktivisten und Politiker James Goldsmith, der im 20. Jahrhundert lebte, zugeschrieben.

1986
  • "Tolerance is a tremendous virtue, but the immediate neighbors of tolerance are apathy and weakness. -James Goldsmith" (Link)
In einer deutschen Übersetzung dieses Zitats aus dem Jahr 2011 wird als Autor nur mehr ein "Goldsmith" ohne Vornamen angegeben:

 2011
  • "Toleranz ist eine außerordentliche Tugend, aber ihre unmittelbaren Nachbarn sind Gleichgültigkeit und Schwäche.  Goldsmith"   (Link)
Aus dem Satz, "Toleranz ist eine außerordentliche Tugend, aber ..." entstand in der antiliberalen Fassung von 2015 der Satz, "Toleranz ist eine schreckliche Tugend und ...", den Oliver Goldsmith im 18. Jahrhundert gesagt haben soll.


Seit Juni 2015 wird dieser Satz von anonymen Postern nach islamistischen Morden zitiert, um das europäische Bekenntnis zur Toleranz in Frage zu stellen, zum Beispiel findet man das Zitat in Kommentaren nach dieser Rede Angela Merkels:

Angela Merkel, 2015

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigte ihre bisherige Haltung und sagte am Samstag, neben einer Reaktion der Sicherheitskräfte müsse es auch eine der Bürger geben. „Und die heißt: Wir leben von der Mitmenschlichkeit, von der Nächstenliebe, von der Freude an der Gemeinschaft. Wir glauben an den Respekt vor dem anderen und an die Toleranz. Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.“  wiwo.de/
-
In antiliberalen Kreisen ist auch der fälschlich Aristoteles zugeschriebene Aphorismus, Toleranz und Apathie seien die letzten Tugenden einer sterbenden Gesellschaft, in diesem Zusammenhang sehr  beliebt.

Ich habe den Eindruck, dass bei den angeblich wahrheitsliebenden Kämpfern gegen die "Lügenpresse" erlogene und entstellte Zitate noch viel öfter vorkommen als in den von ihnen verachteten etablierten Medien.

Verachtung für Toleranz drückte übrigens auch der französische Experte für Grausamkeiten aller Art, Marquis de Sade, aus: "La tolérance est la vertu du faible" (Link), "Toleranz ist die Tugend der Schwachen."

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Quellen:
Google 
Sven Prange: Terror in Frankreich / "Was wir über die Anschläge von Paris wissen", Wirtschaftswoche, 15. November 2015 (Link)
Goldsmith: spectator.co.uk/2016/05
wikiquote
Frühe Erwähnungen:
2015 pi-news.net; 2015 volksbetrugpunktnet; 2016 contra-magazin.com 
Weitere Beispiele für falsche Zuschreibungen:
aphorismen.de/zitat/171405;   gutezitate.com/zitat/259641

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Dank:
Für seine Hinweise auf James Goldsmith danke ich Ralf Bülow sehr.

Letzte Änderung: 17. Juni 2018

Donnerstag, 14. Juni 2018

"Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal." Kurt Tucholsky (angeblich)



Dieses Sprichwort wird seit ungefähr 2005, also 70 Jahre nach seinem Tod, manchmal dem Satiriker Kurt Tucholsky unterschoben. Es scheint ein Kuckuckszitat zu sein, weil es in seinen Texten nicht zu finden ist. (Artikel in Arbeit.)

Kurt Tucholsky hatte sich mit seinem "Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch" bei Hundebesitzern unbeliebt gemacht, und mit seinem "Brief an einen Kater" bewiesen, dass er Katzen verehrte:


Kurt Tucholsky






  • "Einen Gruß, Mingo! An dich und an alles, was schön ist und rätselhaft, überflüssig und geschwungen, unergründlich und einsam und ewig getrennt von uns: also an die Katzen und an das Feuer und das Wasser und an die Frauen.
    Mit einem herzlichen Fellgestreichel"
    Kurt Tucholsky: Peter Panter an den Kater Mingo, "Brief an einen Kater", Vossische Zeitung, 25. November 1927, (Link)
Vielleicht werden Kurt Tucholsky heute Katzen-Zitate unterschoben, weil er Katzen mochte und verehrte.



Varianten


2004: "Hunde haben ein Herrchen oder Frauchen, Katzen ihr Personal. unbekannt" mietzmietz.de
2005: "Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal (Kurt Tucholsky)" razyboard.com
2006: "Ein Hund hat einen Herrn, Katzen haben Personal." anonym  chefkoch.de/forum 
2007: "Hunde brauchen ein Herrchen, Katzen haben Personal." anonym fotocommunity.de
2008: "Schmitz' Katze: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal". books.google
2009: "'Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal' – das soll der Schriftsteller und Satiriker Kurt Tucholsky einmal gesagt haben." welt.de

  • "Hunde brauchen einen Herren, Katzen haben Personal. (Volksmund)"
  • "Hunde haben ein Herrchen oder Frauchen, Katzen haben Personal. (unbekannt)" 
  • "Nur Hunde haben Besitzer... Katzen haben Personal!" anonym
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Ralf Schmitz: "Schmitz' Katze: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal", Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main: 2008 

Montag, 11. Juni 2018

"Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik." Josef Stalin (angeblich)

Pseudo-Stalin quote.
Dieser Satz wird Josef Stalin seit 1947 in verschiedenen Versionen auf Englisch zugeschrieben, in russischer Sprache ist er als Stalin-Zitat unbekannt. Er passt zur brutalen Mentaliät Josef Stalins, aber er hat ihn wahrscheinlich selbst nie gesagt.

Kurt Tucholsky hat diesen Zynismus eines unbekannten französischen Diplomaten 1925 überliefert, und seitdem wird er manchmal auch fälschlich Kurt Tucholsky ohne Erwähnung des französischen Diplomaten zugeschrieben.

In Stalins Reden, Briefen und Schriften ist dieser Zynismus bisher nicht gefunden worden.

Die Anekdoten, die über Stalin im Zusammenhang mit diesem Zitat erzählt werden, widersprechen einander sowohl im Wortlaut des Zitats als auch in den Jahreszahlen: Der Stalin-Biograph Stephen Kotkin kann die Authenzität keines dieser Stalin-Zitate bestätigen. Die Quellen dieser Stalin-Anekdoten gelten als nicht vertrauenswürdig.

Stalin-Anekdoten


1947 (1933)
  • "In the days when Stalin was Commissar of Munitions, a meeting was held of the highest ranking Commissars, and the principal matter for discussion was the famine then prevalent in the Ukraine. One official arose and made a speech about this tragedy — the tragedy of having millions of people dying of hunger. He began to enumerate death figures … Stalin interrupted him to say: 'If only one man dies of hunger, that is a tragedy. If millions die, that’s only statistics.'"
    Washington Post, 30. Januar 1947  (Quoteinvestigator)
1981/1992 (1943)
  • "Churchill had been arguing that a premature opening of a second front in France would result in an unjustified loss of tens of thousands of Allied soldiers. Stalin responded that 'when one man dies it is a tragedy, when thousands die it's statistics'".
    Anton Antonov-Ovseyenko: "The Time of Stalin" (Link)
2012 (1945)
  • "Mary Soames, the daughter of Winston Churchill, stated that she heard Stalin say this to her father at the Potsdam Conference. Stalin and Churchill were talking when Churchill received a note saying that one of his best friends had died. Churchill began to cry, then said: "Marshall Stalin, I have to apologize because I know it is absurd that the death of one person should make one weep while you on the eastern front have lost so many millions." Stalin replied: "No, I understand, because one death is a tragedy, but a million is just a statistic."
    Simon Sebag Montefiore in talk to Jaipur Literature Festival, 6 June 2012. Youtube (50:30)

Kurt Tucholsky

  • "Es wird von den Schrecknissen des Krieges gesprochen. Darauf sagt ein Diplomat vom Quai d'Orsay: »Der Krieg? Ich kann das nicht so schrecklich finden! Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!« Die Sprache der Diplomaten ist eben die französische, und die Definition des Berufes heißt so: »Ein Diplomat, mein liebes Kind, ist ein Mann, der das Geburtsdatum einer Frau kennt und ihr Alter vergessen hat!«"
    Kurt Tucholsky (Peter Panter): "Französischer Witz", 1925
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Quellen:
Kurt Tucholsky (Peter Panter): "Französischer Witz", Vossische Zeitung, 23. August 1925, in:  Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 4, Rowohlt,  Reinbek bei Hamburg: 1975, S. 189-191. (Link) (vorerst zitiert nach Zeno.org)
Garson O'Toole: "A Single Death is a Tragedy; a Million Deaths is a Statistic - Joseph Stalin? Leonard Lyons? Beilby Porteus? Kurt Tucholsky? Erich Maria Remarque?", 2010, 2015 (LInk)
Simon Sebag Montefiore in talk to Jaipur Literature Festival, 6 June 2012. Youtube (50:30) (Zitiert nach Wikipedia)
1947 January 30, Washington Post, Loose-Leaf Notebook by Leonard Lyons, Quote Page 9, Washington, D.C. (ProQuest) (Zitiert nach Garson O'Toole)
Anton Antonov-Ovseyenko: "The Time of Stalin: Portrait of a Tyranny", Harper Collins Publishers, 1981, S. 278 (Zitiert nach David McCullough: Truman, S. 509)  (Link)
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate
E-Mail von Stephen Kotkin vom 11. Juni 2018
defence.pk
(Artikel in Arbeit.)

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Dank:
Ich bin Garson O'Toole für seinen aufschlußreichen Artikel dankbar.

Sonntag, 10. Juni 2018

"Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft." Aristoteles (angeblich)


Pseudo-Aristoteles-Zitat.

Dieses in konservativen und rechtsextremen Kreisen beliebte Zitat kann nicht von Aristoteles stammen, da der Begriff "Toleranz" erst am Ende des Mittelalters aufkam, und es stammt auch nicht von Aristoteles, sondern wurde am Ende des 20. Jahrhunderts in Amerika geprägt.

Dieses Kuckuckszitat, mit dem man seiner Geringschätzung für die der Idee der Toleranz philosophische Autorität verleihen will, geht auf  den konservativen amerikanischen Prediger D. James Kennedy zurück, der es allerdings nicht Aristoteles unterschob:

D. James Kennedy


1999
2000

2007
  • "Tolerance is the last virtue of a depraved society. When you have an immoral society that has blatantly, proudly, violated all of the commandments of God, there is one last virtue they insist upon: tolerance for their immorality."
    D. James Kennedy, 2007,  Christianpost.com
Seit dem Jahr 2007 wird dieses Zitat in leicht abgewandelten Versionen auch auf Deutsch Aristoteles unterschoben.


Pseudo-Aristotle quote.
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Quellen:
D._James_Kennedy: "The New Tolerance", The Christian Post, 17. Mai 2007 (Christianpost)
D. James Kennedy: "Led by the Carpenter: Finding God's Purpose for Your Life", Thomas Nelson Publishers, Nashville: 1999, S. 209
D. James Kennedy: "Solving Bible Mysteries: Unraveling the Perplexing and Troubling Passages of Scripture", The Kennedy Collection, Nashvillle: 2000, ebook (Link)

historum.com/general-history/22873-fake-quotes-5.html
answers.yahoo.com
merriam-webster.com/
wikiquote
Christian Feichtinger: "Warum Toleranz vielleicht doch nicht die Tugend einer untergehenden Gesellschaft ist", derStandard.at, 26. August 2014 (Link)
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Dank:
Ich danke Ralf Bülow sehr für die zusätzlichen Quellenfunde.

Freitag, 8. Juni 2018

"I hate being Bi-Polar / it's awesome". Kanye West (angeblich)

Dieser Witz ist ist seit mehr als 10 Jahren in verschiedenen Versionen im Usenet und seit ein paar Jahren als Aufschrift von T-Shirts und Kaffeetassen verbreitet.

Die Urheberin oder der Urheber des Spruchs, den der Rapper Kanye West 2018 auf dem Cover seines Albums "ye" verwendet, ist unbekannt.


2007  "I hate being bipolar. It's fantastic."  www.forum.hr/

2012 "I hate being bipolar, it's great." twitter

2013  "I hate being bipolar. It's amazing." books.google

2013 "I hate being bipolar, it's fucking awesome!" twitter

2014  "I hate being bipolar. It's awesome!" books.google 

  • "Ich hasse es Manisch-depressiv zu sein, es ist großartig."
  • "Ich hasse es, bipolar zu sein, es ist fantastisch".

Sonntag, 3. Juni 2018

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Chinesisches Sprichwort (angeblich)

Dieses Sprichwort hat seine Wurzeln im deutschen Sprachraum im 19. Jahrhundert, wird aber seit 100 Jahren als alte chinesische oder japanische Weisheit bezeichnet, auch wenn asiatische Ursprünge dieser Weisheit bis heute nicht nachgewiesen werden konnten.

 Auf Deutsch tauchen im 19. Jahrhundert Wendungen wie, "ein Kuss sagt mehr als tausend Worte", "die Röte ihrer Wangen sagen mehr als tausen Worte" auf,  und seit 1810 kennt man die Wendung "Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte." 

1914 erscheint die englische Übersetzung dieses Aphorismus in der Version "A look is worth a 1000 words" in einer Immobilien-Annonce der New York Times als angebliches japanisches Sprichwort.

1921 bringt die Washington Post eine Annonce mit den Worten: ‘The picture is worth ten thousand words’ als angeblich altes chinesisches Sprichwort.

Auf französisch steht in einem Text aus dem Jahr 1889 der Aphorismus "ein Bild sagt mehr als tausend Worte" ohne jeglichen Hinweis auf China oder Japan ...



Artikel in Arbeit. Fortsetzung und Nachweise folgen.


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Quellen:
 folgen