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Samstag, 17. April 2021

"Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten." Karl Valentin (angeblich)

Pseudo-Karl-Valentin-Zitat.
Dieses Bonmot wird Oscar Wilde, Karl Valentin , Kurt Sowinetz und einigen anderen zugeschrieben, stammt aber so ähnlich von der viktorianischen Autorin George Eliot und dem amerikanischen Lyriker und Diplomaten James Russell Lowell.

Pseudo-Oscar-Wilde-Zitat.
 In den Texten Oscar Wildes oder Karl Valentins ist dieses Bonmot weder so noch so ähnlich zu finden und es ist unwahrscheinlich, dass es jemals dort gefunden werden wird.

Der amerikanische Diplomat James R. Rowell wollte bei einem Empfang in Boston nach einem brillanten Vorredner nicht sprechen und hat das mit elegantem Witz begründet (Link):

 1872, James R. Lowell

  • "James R. Lowell has invented a new beatitude, "Blessed are they who have nothing to say and who cannot be persuaded to say it."  (archive.org
    "James R. Lowell hat eine neue Seligkeit erfunden: 'Selig sind die, die nichts zu sagen haben und die nicht überredet werden können, es zu sagen.' "

George Eliot hat einen ähnlichen Witz in ihrem Roman "Impressions of Theophrastus Such" vielleicht unabhängig von James R. Lowell gemacht:

1879, George Eliot 

  • "Blessed is the man who, having nothing to say, abstains from giving us wordy evidence of the fact — from calling on us to look through a heap of millet-seed in order to be sure that there is no pearl in it."

  •  "Gepriesen sei derjenige, der nichts zu sagen hat und davon absieht, das zu beweisen".
  • "Selig der Mann, der nichts zu sagen hat und davon absieht, diese Tatsache durch Worte zu beweisen".

    George Eliot:  Impressions of Theophrastus Such, 1879, S. 89 (archive.org) 

 Im Jahr 1961 wird der Witz dem französischen Autor Jean Guéhenno zugeschrieben und taucht in deutschen Zeitungen in folgendem Wortlaut auf:

1961

  • "Gepriesen seien diejenigen, die nichts zu sagen haben und es trotzdem für sich behalten." Jean Guéhenno (Link)

Das Bonmot war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachraum schon in verschiedenen Varianten weit verbreitet und wurde einmal auch als "chinesisches Sprichwort" bezeichnet.

1974

  • "Selig der Synodale, der nichts zu sagen hat und trotzdem schweigt. Helmut Müller"
    Ronner: "Die Treffende Pointe", S. 280 (Link)

 1994

  • "ein Gelangweilter: 'Gepriesen seien diejenigen, die nichts zu sagen haben und es dennoch für sich behalten'." (Link)

 2000 

  • "Ist Ihnen bekannt, daß Gustav Heinemann einmal gesagt hat: 'Wohl dem Politiker, der nichts zu sagen hat und trotzdem schweigt'." (Link)

Mit der falschen Zuschreibung an Oscar Wilde hat im Jahr 1989 anscheinend - der auch bei anderen Zitaten problematische Autor -  Erich von Däniken in seinem Buch "Die Augen der Sphinx: neue Fragen an das alte Land am Nil"  begonnen.  

1989 Oscar-Wilde-Kuckuckszitat

  • "Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. Oscar Wilde (1856-1900)"

    Erich von Däniken: "Die Augen der Sphinx: neue Fragen an das alte Land am Nil" Bertelsmann, München: 1989, 2. Auflage, S. 185 (Link)


Mit der falschen Zuschreibung an Karl Valentin begonnen hat anscheinend der Autor des Buches "Böse Sprüche für jeden Tag" im Jahr 2003, wie der Aphoristiker M. Wollmann herausgefunden hat.


2003 Karl-Valentin-Kuckuckszitat

Pseudo-Karl-Valentin-Zitat in: Dietmar Bittrich: "Böse Sprüche für jeden Tag" 2003, 24. April (Link) 

Diese falsche Zuschreibung wurde bald auch von anderen Autoren übernommen. Ein Beispiel aus dem Jahr 2007:
  • "'Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.'
     Karl Valentin"
    Zwilling: 21. Mai bis 21. Juni" (Link)

Die erste Zuschreibung des Zitats an Karl Valentin ist in den digitalisierten Texten erst über 50 Jahre nach seinem Tod nach den Zuschreibungen an alle anderen im 21. Jahrhundert zu finden. 

Auch deswegen ist es unwahrscheinlich, dass Karl Valentin diesen alten Witz jemals verwendet hat; geprägt kann er ihn nicht haben, da das Bonmot im 19. Jahrhundert entstanden ist. 

 

 Artikel in Arbeit.

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Quellen: 

Google

genios.de 

 "Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate: mit 50000 Einträgen das umfassendste Werk in deutscher Sprache." (1997) 3. Auflage 2002, Harenberg Verlag, Dortmund: 2002, S. 1032  [George Eliot]

Markus M. Ronner: "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts nach Stichwörtern alphabetisch geordnet." Ott Verlag, Thun: 1974, S. 280 (Link)

Anonym: "His Imperial Highness the Grand Duke Alexis in the United States of America During the Winter of 1871-72", Riverside Press, For Private Distribution, Cambridge: 1872, S. 102 (Link)
George Eliot: "Impressions of Theophrastus Such", in: The Works of George Eliot. William Blackwood and Sons, Edinburgh and London, o.D. [1879], S. 80  (archive.org)  [Erstveröffentlichung vielleicht schon in: Felix Holt, the Radical, 1866] 

Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Kreiszeitung, 27. Juli 1961, S. 14 (Link)  

"Der gute Deutsche": Dokumente zur Diskussion um Steven Spielbergs "Schindlers Liste" in Deutschland, Röhrig: 1995, S. 270   (Link) 

Erich von Däniken: "Die Augen der Sphinx: neue Fragen an das alte Land am Nil" Bertelsmann, München: 1989, 2. Auflage, S. 185 (archive.org) [Oscar Wilde]
Dietmar Bittrich: "Böse Sprüche für jeden Tag" dtv, München: (2003) 12. Auflage 2009, 24. April (Link) Zitiert nach M. Wollmann [Karl Valentin]
Zwilling: 21. Mai bis 21. Juni"(Link) [Karl Valentin]

 


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Dank:

Ich danke Claire für die Frage nach diesem Zitat und M. Wollmann für den Hinweis auf Bittrichs Buch.


Letzte Änderung 3/7 2022 (Zusatz Bittrich, 2003

Samstag, 27. Mai 2017

"Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger." Kurt Tucholsky (angeblich)

Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitat.

Dieser beliebte Aphorismus wird seit etwa 50 Jahren in vielen Sprachen fäschlich Kurt Tucholsky zugeschrieben, und ist inzwischen auf Spanisch noch mehr verbreitet als auf Deutsch oder auf Englisch.

Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitat.

Bei einer chronologischen Durchsuchung deutschsprachiger Zeitungen taucht das Zitat erstmals am 11. Oktober 1971 als "Spruch des Tages" in der Oldenburger Ausgabe der Nordwest Zeitung auf:

 
Nordwest Zeitung, 11. Oktober 1971, S. 4.

Das von einer unbekannten Person geprägte Kuckuckszitat steht seit dem Jahr 1974 auch in  diversen Zitatesammlungen, zum Beispiel in Harenbergs "Lexikon der Sprichwörter und Zitate" sowie im Band "Zitate und Aussprüche" des DUDEN Verlags.

Dass dieser Aphorismus in den Briefen und Schriften des 1935 verstorbenen Satirikers Kurt Tucholsky nicht zu finden ist, hat Friedhelm Greis auf seinem amüsanten und informativen Sudelblog aufgedeckt.


Varianten des Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitats:


  • "Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger."
  • "Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger." 
  • "La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil." 
  • "The advantage of being intelligent is that you can pretend to be stupid. The opposite is rather difficult."
  • "The advantage of wisdom is that you can play dumb. The opposite is more difficult."


Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitat.

 
Pseudo-Woody-Allen-Zitat:
 
 
In Frankreich und in Italien wird dieser vor 50 Jahren in Deutschland entstandene Aphorismus im 21. Jahrhundert dem amerikanischen Regisseur Woody Allen untergeschoben.
 
Auf Französisch ist dieses angebliche Woody-Allen-Zitat seit dem Jahr 2007 auf Twitter zu finden, auf Italienisch seit 2008 und die englische Version erst seit dem Jahr 2009.
  • "The advantage of being smart is that you can always act like an idiot, but the opposite is completely impossible."  (twitter)
  •  "The advantage of being intelligent, is that we can always play stupid, however being the opposite is completely impossible"


  • "L'avantage d'être intelligent, c'est qu'on peut toujours faire l'imbécile, alors que l'inverse est totalement impossible." (twitter)
Pseudo-Woody-Allen-Zitat.
 
  • "Il vantaggio di essere intelligente è che si può sempre fare l'imbecille, mentre il contrario è del tutto impossibile." (twitter.)
Pseudo-Woody-Allen-Zitat.
 
Aber in Woody Allens Texten kommt dieses Zitat meines Wissens so wenig vor wie in den Texten Kurt Tucholskys. 
 

 
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Quellen:
Google Books; Suche ohne "Tucholsky": Google Books
Google-Statistik, Spanisch: "Ungefähr 3 050 Ergebnisse"
Google-Statistik, Deutsch: "Ungefähr 2 480 Ergebnisse"
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Nachrichten, Nr. 236, 11. Oktober 1971, S. 4 
Nordwest Zeitung, Nr. 105, 7. Mai 1974 [ohne Seitenangabe] "Spruch des Tages"
Markus M. Ronner: "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts nach Stichwörtern alphabetisch geordnet." Ott Verlag, Thun: 1974, S. 52 (archive.org)
Dudenredaktion: Duden - Zitate und Ausspüche, Band 12, Duden Verlag, Mannheim: 1993, S. 650
"Harenberg Lexikon der Sprichwörter u. Zitate: mit 50000 Einträgen das umfassendste Werk in deutscher Sprache." (1997) 3. Auflage 2002, Harenberg Verlag, Dortmund: 2002, S. 653
"Die Weltbühne", Hrsg. von  Hermann Budzislawski, Band 36, Ausgaben 1-26, Verlag der Weltbühne, Ost-Berlin: 1981, S. 352 (Link)
Humberto Herrera Carles: "1500 Frases, pensamientos para la vida." Verlag: unbekannt, Kindle Edition: 2011 (Link)
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Dank:
Ich danke Friedhelm Greis für seine Liste angeblicher Tucholsky-Zitate auf seinem  informativen Sudelblog zu Kurt Tucholsky.

Letzte Änderung: 29/11 2021; 9/1 2023 (Zusatz Ronner, dank Friedhelm Greis; Woody Allen.)