Montag, 16. Mai 2022

Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Gut gewonnen, weil die lieben Engelein selber Musikanten sein." (Martin Luther)


 Pseudo-Martin-Luther-Zitat.
Die mehrfach vertonten Verse "Wer sich die Musik erkiest" stammen aus einem erstmals 1707 publizierten Poesie-Lehrbuch des Kirchenlieddichters und Theologen Erdmann Neumeister; in den Schriften Martin Luthers sind diese Verse nicht zu finden.
 
Sebastian Bach hat fünf Lieder von Erdmann Neumeister, der auch einmal Docent für Dichtkunst war, vertont, und Neumeister hat sich, nachdem er Hamburger Pfarrer geworden ist, vergeblich für Sebastian Bachs Bewerbung als Organist für seine Kirche in Hamburg eingesetzt.
 

Erdmann Neumeister, 1707: 

 
"Wer sich die Music erkiest/
Hat ein himmlisch Gut bekommen, 
Denn ihr erster Ursprung ist 
Von dem Himmel hergenommen. 
Müssen in der letzten Zeit 
Alle Künste sonst vergehen;
Bleibet in der Ewigkeit  
Dennoch die Music bestehen/
Weil die Engel ingemein 
Selber Musikanten seyn."
 
 [Erdmann Neumeister:] "Die Allerneueste Art / Zur Reinen und Galanten / Poesie / zu gelangen. Allen Edlen und dieser Wissenshaft geneigten Gemüthern / Zum Vollkommenen Unterricht / Mit überaus deutlichen Regeln / und angenehmen Exempeln ans Licht gestellet / Von Menantes [Christian Friedrich  Hunold] ", Bey Gottfried Liebernickel,  Hamburg: 1707, S. 332 (Link)
 
Dieses Lehrbuch der Poesie von Erdmann Neumeister hat sein Freund Christian Friedrich Hunold unter seinem Pseudonym "Menantes" herausgegeben.
 
 Eduard Mörike hatte Neumeisters Verse in einer Kirche in Güglingen bei Hildesheim entdeckt, die bald nach Mörikes Entdeckung abgebrannt ist.
 
 Eduard Mörike bezeichnte das Gedicht, wenn er es in ein Stammbuch oder in ein Poesie-Album eintrug  als "Altes Verslein, von einer ehrlichen Malershand auf den Kasten der Orgel in der Kirche zu Güglingen geschrieben, welche vor etwa 20 Jahren abbrannte."
 
 In der Fassung Eduard Mörikes hat das Gedicht einen etwas anderen Wortlaut als in dem Original Erdmann Neumeisters, wobei man nicht weiss, ob die Änderungen von Mörike stammen oder ob er sie aus der Güglinger Kirche übernommen hat.

 "Altes Verslein", aufgeschrieben von Eduard Mörike:


 "Wer die Musik sich erkiest .."
 
Wer die Musik sich erkiest, 
Hat ein himmlisch Gut bekommen, 
Denn ihr erster Ursprung ist 
Von dem Himmel selbst genommen. 
Wenn einst in der letzten Zeit 
Alle Ding wie Rauch vergehen, 
Bleibet in der Ewigkeit  
Doch die Musik noch bestehen, 
Weil die Engel insgemein 
Selbsten Musikanten seyn.
(Link)

 

Varianten von Pseudo-Martin-Luther-Zitaten: 

 

 Die erste falsche Zuschreibung an Martin Luther könnte von Alfred von der Aue aus dem Jahr 1844 stammen, wie Bernd-Christoph Kämper herausgefunden hat:

Alfred von der Aue: Deutscher Dichtergarten,  1844 (Link).

Drei Jahre später fällt das angebliche Luther-Gedicht einem begeisterten Kritiker ein, nachdem er die Geschwister Neruda mit der achtjährigen Geigenvirtuosin Wilhelmine Neruda musizieren gehört hat. 

Nur das Wort "gewonnen" wurde in dieser Fassung durch das Wort "bekommen" ersetzt:

  •  "Wem fällt da nicht unsers Luther's trefflicher Sinnspruch ein: "Wer sich die Musik erkiest / Hat ein himmlisch Gut bekommen, / Denn ihr erster Ursprung ist / Von dem Himmel  hergenommen, / Da die lieben Engelein / Selber Musikanten sein."

    Neue Musikalische Zeitung für Berlin, 27. April 1847  (anno)

Geschwister Neruda: Wilhelmine, Victor. Amalie (Wikipedia).

 
  •  "Wer sich der Musik erkiest hat ein himmlisch  Gut gewonnen, weil die lieben Engelein selber  Musikanten sein. (Martin Luther)"
  • "Wer sich die Musik erkiest,  hat ein himmlisch Gut bekommen,  denn ihr erster Ursprung ist  von dem Himmel selbst gekommen. Weil die lieben Engelein selbsten Musikanten sein! Wenn einst in der letzten Zeit  alle Ding wie Rauch vergehen, bleibet in der Ewigkeit  die Musik noch bestehen. Weil die lieben Engelein selbsten Musikanten sein." 

 

Da schon viele kompetente Personen nach dem Ursprung des Gedichts in einer Schrift Luthers oder eines seiner Zeitgenossen vergeblich gesucht haben, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es jemals in einem seiner Texte gefunden werden wird.

Also ist die Zuschreibung dieses mehr als 150 Jahre nach seinem Tod entstandenden Gedichts an Martin Luther falsch.

 

 

 

Artikel in Arbeit.

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 Quellen:

 "Deutscher Dichtergarten." Mustersammlung der besten Fabeln, Parabeln, poetischen  Erzählungen, Legenden, Sagen, Märchen, Romanzen, Balladen, Lieder, Hymnen, Oden,  Psalmen, Idyllen, Schilderungen und Satyren, den deutschen Klassikem entnommen zur Ausbildung des mündlichen Vortrages, herausgegeben von Alfred von der Aue [d.i. Heinrich Fitzau], Dietze, Anclam und Swinemünde: 1844, S. 839 (Link) 

E. K.: "Concerte" in: Neue Musikalische Zeitung für Berlin, herausgegeben von Gustav Beck, Erster Jahrgang Nr. 17, 27. April 1847, S. 149 (anno)

 [Erdmann Neumeister:] "Die Allerneueste Art / Zur Reinen und Galanten / Poesie / zu gelangen. Allen Edlen und dieser Wissenshaft geneigten Gemüthern / Zum Vollkommenen Unterricht / Mit überaus deutlichen Regeln / und angenehmen Exempeln ans Licht gestellet / Von Menantes", Bey Gottfried Liebernickel,  Hamburg: 1707, S. 332f. (Link)

Eduard Mörike: Werke und Briefe, Historisch-kritische Gesamtausgabe im Auttrag des Kultusministeriums Baden-Württemberg und in Zusammenarbeit mit dem Schiller-Nationalmuseum Marbach a.N, Neunter Band, Dritter Teil, herausgegeben von Hans-Ulrich Simon, Klett, Stuttgart: 2008, S. 130f. (Link)

Christofer Frey: "Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Werk gewonnen...", 2002 (ruhr-uni-bochum.de)

Max Liedtke: "Bildung durch Musik. Der Windsbacher Knabenchor."  in: "Bildung und Verwandlung als Chance für die Zukunft des Menschlichen." Herausgegebon von Mathias Hartmann und Peter Helbich, Kohlhammer, Stuttgart: 2018, S. 132-156, 135ff. (Link)

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Dank:

Ich bin Hans-Ulrich Simon, Christofer Frey und vor allem Max Liedtke für ihre Recherchen zu Dank verpflichtet.

 

 Letzte Änderung: 23/6 2022 (Zitat 1844)


Samstag, 14. Mai 2022

"Es gibt Würstchen in diesem Parlament, die sind den Mostrich nicht wert, den man auf sie streichen müsste, um sie genießbar zu machen." Herbert Wehner (angeblich)

 

Pseudo-Herbert-Wehner-Zitat.

Dieser Witz stammt so ähnlich aus Dieter Hildebrandts satirischer "Abschiedsrede Herbert Wehners vor dem Parlament" und nicht von dem schlagfertigen sozialdemokratischen deutschen Parlamentarier Herbert Wehner, den ein politischer Gegner aus der CDU einmal den "größten Schimpfbold im ganzen Bundestag" genannt hat.

Dieter Hildebrandt:

  • "Ach, Herr Kollege Schmutzler [...] Sie sind doch den Mostrich nicht wert, den ich gebraucht hätte, um die Würstchen genießbar zu machen, die ich in diesem Hohen Hause schon verspeist habe."

    Dieter Hildebrandt: "Abschiedsrede Herbert Wehners vor dem Parlament", Fiktive Rede Wehners  (Link)

Herbert Wehner verstarb 1990 in Bonn und ungefähr fünfzehn Jahre nach seinem Tod wurde in Zeitungen und in den Sozialen Medien damit begonnen, ihm Witze mit Würstchen und Senf zu unterschieben:

Pseudo-Herbert-Wehner-Zitate: 

  • "Herbert  Wehner steigt noch einmal vom Grab in die Bütt und wiederholt seinen Satz:  'Es gibt Würstchen in diesem Parlament, die sind den Senf nicht wert, den  man draufstreichen müsste, um sie genießbar zu machen.'" Sächsische Zeitung, 28. Februar, 2004, S. 9 (Link)
  • "Herbert Wehner: Sie sind nicht mal den Senf wert, den ich auf ein Würstchen wie Sie schmieren würde." Twitter, 2009
  • "Hat hier jemand 'Senf' gerufen, daß sich jetzt alle kleinen Würstchen melden?" -- Herbert Wehner :o))" Twitter, 2010
  • "Mein Lieblingszitat von Herbert Wehner: 'Wer hat denn 'Senf' gerufen, daß sich jetzt alle Würstchen melden?'" Twitter 2013
  • "Auf Video sieht er alte Bundestagsreden, in denen Wehner vom Rednerpult keift: 'Es gibt Würstchen in diesem Parlament, die sind den Mostrich nicht wert, den man auf sie streichen müsste, um sie genießbar zu machen.'" Stuttgarter Nachrichten, 22. Mai 2013, S. 3 (Link)
  • "Es gibt Würstchen im dt. Parlament, die sind den Senf nicht wert, den man auf sie streichen müßte, um sie genießbar zu machen (Herbert Wehner)" Twitter 2013
  • "Wehner sagte mal 'Heute sitzen Würstchen im Parlament, die sind den Mostrich nicht wert , der auf sie gestrichen wird'." Twitter 2017
  • "Es gibt Würstchen in diesem Parlament, die sind den Mostrich nicht wert, den man auf sie streichen müsste, um sie genießbar zu machen." Twitter 2017

"Herbert Wehners Abschiedsrede vor dem Bundestag, die dieser leider nicht gehalten hat", vorgetragen von Thomas Freitag, war am 17. März 1983 im ARD zu sehen. (Text: Dieter Hildebrandt, Scheibenwischer).

ARD 17. März 1983, Youtube:



Das ist nicht der erste Fall, dass ein Zitat aus einem Roman, einer Satire oder einem Film über eine Person irrtümlich der realen Person untergeschoben wurde.

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Quellen:

Dieter Hildebrandt: "Abschiedsrede Herbert Wehners vor dem Parlament" in: Dieter Hildebrandt: "Was aber bleibt: Texte aus fünf Jahrzenten" Herausgegeben von Rolf Cyriax, Blessing Verlag, München: 2017 ebook (Link)
Thomas Freitag: "Herbert Wehners Abschiedsrede vor dem Bundestag, die dieser leider nicht gehalten hat", Text: Dieter Hildebrandt, Scheibenwischer,   ARD 17. März 1983 (Youtube)


Beispiele für falsche Zuschreibungen an Herbert Wehner:
Wolfgang Schaller: "Fast Nacht", Satire, Sächsische Zeitung vom 28. Februar, 2004 S. 9 (Link)
Claudia Lepping: "Der Letzte im Karussell: Die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gilt als Geburtsstunde der Sozialdemokratie. 150 Jahre später sind die Proletarier unter den SPD-Politikern zur absoluten Ausnahme geworden." Stuttgarter Nachrichten, 22. Mai 2013, S. 3 (Link)

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Dank:
Ich bin Ralf Bülow für die Aufdeckung dieses Falschzitats zu Dank verpflichtet.