Mittwoch, 27. April 2022

"Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen." Sigmund Freud (angeblich)

Pseudo-Sigmund-Freud-Zitat auf Twitter.

Dieses Bonmot ist in den Schriften Sigmund Freuds weder so noch so ähnlich zu finden, wie auch Kenner der Materie wie der deutsche Autor Eike Christian Hirsch[1] und der amerikanische Kulturhistoriker Louis Kaplan[2] festgestellt haben.

Kurze Geschichte der Metapher von der "Waffe der Wehrlosen": 

 Die jüdische deutsche Autorin Fanny Lewald lässt in ihrem 1843 erschienen Roman "Jenny", in dem auch judenfeindliche Aussagen dokumentiert sind, eine Pfarrerin sagen, der schrille  jüdische Witz sei "die letzte Waffe der Sklaven": 

1843

  • "Was mir an Jenny mißfällt, ist das jüdische Element in ihr. Der Witz dieses Volkes ist eigenthümlich und fürchterlich, er hat mich oft erschreckt, gepeinigt, wenn mir mitten in dem Kreise des Meierchen Hauses wohl war, wie es Einem bei so braven, gebildeten Menschen wol werden muß. Ihr Witz hat etwas von dem Stilet eines Banditen, der aus dem Verborgenen hervorstürzt und den Wehrlosen um so sicherer damit trifft. Er ist die letzte Waffe des Sklaven, dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrücker genommen hat, die feige Rache für erduldete tiefempfundene Schmach."
    Fanny Lewald: "Jenny." Erster Theil, F.A. Brockhaus, Leipzig: 1843, Pfarrerin, S. 179 (Link)
1852
  • "Der Witz ist bekanntlich die Waffe des Unterdrückten, des Sclaven."
    Deutsche Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. 2. Jahrgang, Januar bis Juni 1852, S. 146  (Link)
1856
  • "wie ja Humor, Witz und Satyre die beliebteste Waffe des Waffenlosen und Schwachen sind"
    Wiener Zeitung, 20. Juni 1856, S. 1 (Link)
1860
  • "der kaustische Witz, als die Waffe des Schwachen"
    Wiener Zeitung, 26. Januar 1860, S. 365 (Link)
1861
  • "Nun ist zwar der politische Witz die gewöhnliche Waffe der unterliegenden Parteien"
    Morgen-Post, 7. April 1861, S. 1 (Link)

Der zu seiner Zeit populäre Heidelberger Philosoph Kuno Fischer definierte[3] 1871 den Witz als "spielendes Urteil", das den geistreich schnellen französischen sowie den Berliner Witz charakterisiere und ein souveränes Selbstgefühl verrate. 

Bei Leuten allerdings, die im Alltag ausgelacht, verspottet und geringgeachtet werden (Fischer nennt als Beispiele Bucklige und Juden), verwandle sich der Witz durch ihre ständige Gereiztheit im "Kampf ums Dasein" zur Waffe[4] (Link), die nicht kitzeln, sondern durchbohren soll.

Im Jahr 1905 nannte der österreichische Autor J.J. David Ironie, "die letzte Waffe der Wehrlosen"[5] und 1929 bezeichnete Joseph Roth in seinem Roman "Rechts und Links" die Tränen als "die einzige Waffe der Wehrlosen.(Link)"[6]

1905

  • "Ein Mensch, der ohne eigene Schuld aus seiner Bahn geschleudert worden ist durch unerhörten Verrat der Nächsten. Grundzug: eine fast leidenschaftliche Ironie, die letzte Waffe der Wehrlosen, die bespotten, was sie nicht zu bezwingen vermögen."

     J.J. David: "Mitterwurzer" Schuster u. Loeffler, Berlin u. Leipzig: 1905, S. 56 (Link)

1960 nannte Salcia Landmann in ihrem viel gelobten und von dem Wiener Autor Friedrich Torberg kritisierten Bestseller "Der jüdische Witz" den Witz  "die letzte Waffe des Geschlagenen, - dem der heroische Kampf, der direkte Weg versagt ist":[7] 

  • "Die Häufigkeit, Schärfe und Tiefe des jüdischen Witzes haben wir aus der besonderen Wehrlosigkeit der Exiljuden leicht erklären können. Der Witz ist die letzte Waffe des Geschlagenen, - dem der heroische Kampf, der direkte Weg versagt ist."

    Salzia Landmann: "Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung
    ."  1960, S. 92 (Link)

Für die jahrhundertelang unbewaffneten europäischen Juden sei der Witz ihr einziges Kampfmittel gewesen: "Der Witz ist die einzige Waffe des wehrlosen Juden gegen seine innere und äußere Vergewaltigung." (Link)

Und 1972 schrieb die Philosophin Salcia Landmann in ihrem Buch "Neues von Salcia Landmann. Jüdischer Witz" ihre These über den Witz als Waffe der wehrlosen Juden erstmals Sigmund Freud zu:

  • "Der jüdische Witz ist formal und inhaltlich jedem anderen Volkswitz überlegen. Und zwar aus folgenden Gründen: Witz im allgemeinen erklärt Sigmund Freud als die letzte Waffe des völlig Wehrlosen. Voraussetzung hierbei ist allerdings, daß der Betreffende sein Leid nicht als Gottesschickung empfindet, mit der man sich innerlich protestlos abzufinden hat. Daher auch die relativ spärliche Witzliteratur der Juden im Mittelalter, als sie noch alle gläubig waren ."[8]
    "Neues von Salcia Landmann. Jüdischer Witz." Herbig, München: 1972, S. 9
    (Link)

Diese falsche Zuschreibung an Sigmund Freud hat sich in den folgenden Jahrzehnten langsam verbreitet[9] und kommt heute auch in Fachbüchern vor:

  • "Der Witz sei die letzte Waffe der Wehrlosen, meinte Sigmund Freud zu einer Zeit, als die Schoah noch nicht vorhergesehen wurde." (Link)

Sigmund Freud

Sigmund Freud geht in seiner berühmten Studie „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ auf die oft übermäßig selbstkritischen jüdischen Witze und die plumpen antisemitischen Judenwitze ein, spricht aber nirgends von der Wehrlosigkeit der Juden und dem Witz als Waffe.

Auch in späteren Schriften Sigmund Freuds findet man zwar Wendungen wie „Kranksein als einzige Waffe in der Lebensbehauptung“, oder die Krankheit einer Ehefrau als “Waffe im Kampfe gegen den überstarken Mann“, aber nirgendwo schreibt Sigmund Freud etwas über den Witz als Waffe der wehrlosen Juden.

  • „Es sind Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische Eigentümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden über Juden gemacht werden, sind zu allermeist brutale Schwänke, in denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der Jude den Fremden als komische Figur gilt. 

    Auch die Judenwitze, die von Juden herrühren, geben dies zu, aber sie kennen ihre wirklichen Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen, und der Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft die sonst schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witzarbeit.

    Ich weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig vorkommt, daß sich ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes Wesen lustig macht.“[10]

    Sigmund Freud: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten.“ Deuticke, Wien: 1905, S. 93 (Link)

Sigmund Freud charakterisierte das jüdische Volk nicht als wehrlos, sondern als widerstandsfähig, übermäßig selbstkritisch, vornehm und optimistisch:

  • "Man weiß, von allen Völkern, die im Altertum um das  Becken des Mittelmeers gewohnt haben, ist das jüdische Volk nahezu  das einzige, das heute dem Namen und wohl auch der Substanz nach noch besteht. Mit beispielloser Widerstandsfähigkeit hat es Unglücksfällen und Mißhandlungen getrotzt, besondere Charakterzüge entwickelt und sich nebstbei die herzliche Abneigung aller anderen Völker erworben.

    Woher diese Lebensfähigkeit der Juden kommt und wie ihr Charakter mit ihren Schicksalen zusammenhängt, davon  möchte man gerne mehr verstehen. Man darf von einem Charakterzug der Juden ausgehen, der ihr  Verhältnis zu den anderen beherrscht.

    Es ist kein Zweifel daran, sie haben eine besonders hohe Meinung von sich, halten sich für  vornehmer, höher stehend, den anderen überlegen, von denen sie auch durch viele ihrer Sitten geschieden sind. Dabei beseelt sie eine besondere Zuversicht im Leben, wie sie durch den geheimen Besitz eines kostbaren Gutes verliehen wird, eine Art von Optimismus; Fromme würden es Gottvertrauen nennen."

    Sigmund Freud: "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", 1939

 

 



Fanny Lewald: "Jenny." Erster Theil, F.A. Brockhaus, Leipzig: 1843, Pfarrerin, S. 179 (Link)
Deutsche Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. 2. Jahrgang, Januar bis Juni 1852, S. 146 
(Link)

Wiener Zeitung, 20. Juni 1856, S. 1 (Link)  
Wiener Zeitung, 26. Januar 1860, S. 365 (Link)
 

Morgen-Post, 7. April 1861, S. 1 (Link)

[1] Eike Christian Hirsch: „Der Witzableiter oder Schule des Lachens.“ C.H. Beck Verlag, München: 2001, S. 264 (books.google)

[2] Louis Kaplan. "Vom jüdischen Witz zum Judenwitz: Eine Kunst wird entwendet." Die Andere Bibliothek, Berlin: 2021, S. 53

[3] Kuno Fischer: „Ueber die Entstehung und die Entwicklungsformen des Witzes.“ Zwei Vorträge. Verlagsbuchhandlung von Friedrich Wassermann, Heidelberg: 1871, S. 32

[4] Kuno Fischer: „Ueber die Entstehung und die Entwicklungsformen des Witzes.“ Zwei Vorträge. Verlagsbuchhandlung von Friedrich Wassermann, Heidelberg: 1871, S. 43f.

[5] J.J. David: "Mitterwurzer" Schuster u. Loeffler, Berlin u. Leipzig: 1905, S. 56

[6]  Joseph Roth: "Rechts und Links" in: Joseph Roth: Werke, Band 4, Romane und Erzählungen 1916-1929, Kiepenhauer und Witsch, 1989, S. 754 (Link)

[7]Salcia Landmann: „Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung.“ Geleitwort von Carlo Schmid. Walter, Olten: 1960, S. 92 (Link)

[8] "Neues von Salcia Landmann. Jüdischer Witz." Herbig, München: 1972, S. 9

[9] W. B. van der Grijn Santen: "Die Weltbühne und das Judentum: Eine Studie über das Verhältnis der Wochenschrift 'Die Weltbühne' zum Judentum, hauptsächlich die Jahre 1918-1926 betreffend." Königshausen und Neumann, Würzburg: 1994, S. 96 (books.google) Anmerkung 60: „Zitiert nach Landmann, Jüdische Witze, Nachlese, S. 16f.“

[10] Sigmund Freud: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten.“ Deuticke, Wien: 1905, S. 93

Sigmund Freud: "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", in: Sigm. Freud: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Sechzehnter Band. Werke aus den Jahren 1932 - 1939. Unter Mitwirkung von Marie Bonaparte, Prinzessin Georg von Griechenland, herausgegeben von Anna Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris und O. Isakower. Imago Publishing, London: 2. Auflage 1961,  S. 212 (freud-online.de/Texte/PDF/freud_werke_alle_bd.pdf)

 

 

Artikel in Arbeit. 

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Dank:

Ich bin Ralf Bülow  für seinen Hinweis auf Eduard von Hartmann und Arno Tator für seinen Hinweis auf Fanny Lewald sehr dankbar.




Freitag, 8. April 2022

"Die Welt wird nicht durch diejenigen zerstört, welche böses tun, sondern durch jene, die zuschauen und gar nichts dagegen unternehmen." Albert Einstein (angeblich)

Entstelltes Albert-Einstein-Zitat.

Dieses angebliche Zitat ist eine Paraphrase eines Satzes, den Albert Einstein am 30. März 1953 für eine Publikation zu Ehren des Cellisten Pau (Pablo) Casals, dem er persönlich nie begegnet war, verfasst hat.

Der auf der ganzen Welt bewunderte Katalane Pau Casals weigerte sich ab 1933 in Hitler-Deutschland zu musizieren und trat gegen das Franco-Regime in Spanien auf.

Im Original lautet Albert Einsteins Satz:
  • Pablo Casals "hat klar erkannt, dass die Welt mehr bedroht ist durch die, welche das Übel dulden oder ihm Vorschub leisten, als durch die Übeltäter selbst."
    Albert Einstein, 1953
Daraus entstanden im Lauf der Zeit die plakativen, unsinnigen Formulierungen:
  •  "Die Welt wird nicht bedroht, von Menschen, die böse sind ..." (Link)
oder:
  • "Die Welt wird nicht durch diejenigen zerstört, welche böses tun, sondern .." 


Albert Einstein, Typoskript, 30. März 1953


Albert Einstein, Typoskript, 30. März 1953, Einstein Archive, © The Hebrew University of Jerusalem.

  • "Die Wertschätzung Pablo Casals(') als grossen Künstler braucht fürwahr nicht auf mich zu warten, denn hierin herrscht Einstimmigkeit unter den Auguren. Was ich aber an ihm besonders bewundere, ist seine charaktervolle Haltung nicht nur gegen die Unterdrücker seines Volkes, sondern auch gegen alle diejenigen Opportunisten, die immer bereit sind, mit dem Teufel zu paktieren. Er hat klar erkannt, dass die Welt mehr bedroht ist durch die, welche das Uebel dulden oder ihm Vorschub leisten, als durch die Uebeltäter selbst.
    Princeton N.J.  / 30. März 1953                  Albert Einstein."
  • "It is certainly unnecessary to await my voice in acclaiming Pablo Casals as a very great artist, since all who are qualified to speak are unanimous on this subject. What I particularly admire in  him is the firm stand he has taken, not only against the oppressors of his countrymen, but also against those opportunists who are always  ready to compromise with the Devil. He perceives very clearly that the world is in greater peril from those who tolerate or encourage  evil than from those who actually commit it."
    Albert Einstein, 30. März 1953, übersetzt von Andre Mangeot.

 Varianten des entstellten Einstein-Zitats:

 


  • "The world is a dangerous place to live, not because of the people who are evil, but because of the people who don't do anything about it."
  • "The world is a dangerous place, not because of those who do evil, but because of those who look on and do nothing."
  • "The world will not be destroyed by those who do evil, but by those who watch them without doing anything."
  • "Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen."
  • "Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben - nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen."
  • "Die Welt ist nicht gefährlich wegen denen, die Schlechtes tun, sondern wegen denen, die zusehen und machen lassen."
 
Entstelltes Albert-Einstein-Zitat.

    Entstelltes Albert-Einstein-Zitat.

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    Quellen:
    Albert Einstein: Typoskript, Princeton, 30. März 1953,  Einstein Archive 34 - 347, The Hebrew University of Jerusalem
    Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011, S. 115f. (Link)
    Josep Maria Corredor: "Conversations avec Pablo Casals: Souvenirs et opinions d'un musicien Pablo Casals". Éditions Albin Michel, Paris: 1955, S. 15 (Link)
    Josep Maria Corredor: "Conversations with Casals." With an Introduction by Pablo Casals and an appreciation by Thomas Mann. Übersetzt von Andre Mangeot, Dutton, New York: 1957, S. 11
    Wikiquote
    Juttas Zitateblog 2011 (Link)
    Die entstellte Version des Zitats ist weit verbreitet und in vielen Zitatsammlungen zu finden (Google).
     
    _____
    Dank:
    Ich danke Roni Grosz (und Orith Burla Barnea) von den Albert Einstein Archives der Hebrew University of Jerusalem für die Erlaubnis, das Original-Typoskript Albert Einsteins hier wiedergeben zu dürfen.

      (Bearbeite Fassung eines älteren Artikels.)

      Samstag, 2. April 2022

      "Das Glück ist wie ein Brillengestell. Man sucht es, bis man darauf tritt, und dann ist es hinüber." Annette von Droste-Hülshoff (angeblich)

       

      Pseudo-Annette-von-Droste-Hülshoff-Zitat.
      Dieser Kalenderspruch wurde der deutschen Komponistin und Autorin Annette von Droste-Hülshoff 150 Jahre nach ihrem Tod erstmals zugeschrieben und ist wohl ein Kuckuckszitat, da es in Droste-Hülshoffs digitalisierten Texten und in relevanten Nachschlagwerken nicht zu finden ist.

      Wer das Zitat geprägt hat, ist noch unbekannt.

      Einen ähnlichen Glücksspruch mit einer etwas andern Bedeutung hat Ralf Bülow in einem Band der humoristischen Wochenschrift "Fliegende Blätter" von 1891 gefunden:

      • "Mit dem Glück ist es wie mit einer Brille: man sucht sie und hat sie auf der Nase.
        E. R."
        Fliegende Blätter, Band 94, Nr. 2390, (1891), S. 177 (Link)  


      Ähnliche Sprichwörter in Wanders deutschem "Sprichwörter-Lexikon" von 1867:

      • Das Glück ist ein Vogel, der zwar des Narren Wald durchfliegt, aber nicht darin nistet.
      • Glück ist wie ein Ball, wer steigt, der fürcht’ den Fall. 
      • Glück ist wie Aprilwetter. Es kommt und geht wie der Mond, sagen die Bergamasken.
      • Glück ist wie ein Glass, darnach manns trägt, kans leicht brechen.
      • Das Glück ist wie ein Jung Weib, das liebt die Junge Männer und läst die Alten. 
      • Das Glück begegnet den Narren, aber sie ergreifen es nicht. 
      • Glück ist wie der Windt. 
      • Das Glück ist ein Aal in der Narren Teich. 
      • Das Glück beisst nicht immer, wenn’s sauer sieht, aber wenn’s lächelt, will’s berücken.
      • Das Glück besucht die Narren wol, ‘aber es setzt sich nicht bei ihnen nieder. 
      • Das Glück ist aus Flandern, es geht von einem zum andern.


      Ähnliche Kalendersprüche:

      • Das Glück ist wie ein Schmetterling. Jag` ihm nach und er entwischt dir. Setz` dich hin und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.
      • Das Glück ist wie das Echo: es antwortet, aber es kommt nicht.
      • Glück ist wie das Meer, seine Wellen kommen auch immer wieder.
      • Das Glück ist wie das Glas. Je dünner es ist, desto mehr strahlt es.

      Wer die historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe Droste-Hülshoffs nach dem Wort "Glück" durchsucht, findet zum Beispiel folgende Verse aus ihrem um 1840 entstandenem Gedicht "Die beste Politik":


      Annette von Droste-Hülshoff: "Die beste Politik" 


      "So hab' aus Allem ich gezogen

      Das treue Fazit mir zuletzt,

      Daß dem das Glück zumeist gewogen,

      Der es am mindesten gehetzt;

      Und daß, wo Wirken ein Geschick

      Nach eigner Willkür kann bereiten,

      Nur Offenheit zu allen Zeiten

      Die allerbeste Politik." 

      Annette von Droste-Hülshoff: "Die beste Politik" [Letzte Strophe] (zeno.org)




      In Arbeit.
      _________
      Quellen:
      Annette von Droste-Hülshoff: Historisch-kritische Ausgabe: Werke, Briefwechsel, Herausgegeben von Winfried Woesler,  Band 1,1 Gedichte zu Lebzeiten, M. Niemeyer Verlag, Tübingen: 1979, S. 218 (zeno.org)
      Fliegende Blätter, Band 94, Nr. 2390, (1891), S. 177 (Link)
      Karl Friedrich Wilhelm Wander: "Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk." Erster Band - A bis Gothen, F. A. Brockaus, Leipzig: 1867, S. 1747 (Link)

      Beispiele für falsche Zuschreibungen an Annette von Droste-Hülshoff: 

      Frankfurter Neue Presse, 25. Juli 2005 (genios.de) [Bislang früheste Zuschreibung.]

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      Dank:

      Ich danke Ralf Bülow für seinen Fund in den 'Fliegenden Blättern'.


      Dienstag, 29. März 2022

      "Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat." Heinrich Heine (angeblich)

       

      Pseudo-Heinrich-Heine-Zitat.
      Dieses Bonmot eines unbekannten Autors oder einer unbekannten Autorin ist seit den 1960er-Jahren nachweisbar und wurde drei Jahrzehnte später erstmals Heinrich Heine untergeschoben, wie M. Wollmann herausgefunden hat.

      In den Texten Heinrich Heines hat dieses Zitat noch niemand gefunden, obwohl schon einige danach gesucht haben.

      Am 20. Februar 1963 zum Beispiel wurde das Bonmot in den Oldenburger Nachrichten noch als anonymer "Spruch des Tages" präsentiert.


      Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom 20. Februar1963 S. 2.
      .Inzwischen ist dieses Zitat einer unbekannten Person durch diverse Zitatesammlungen und Zeitungen als Pseudo-Heinrich-Heine-Zitat nicht nur im Internet schon weit verbreitet.


      Artikel in Arbeit.

      _________

      Quellen:

      Nordwest Zeitung, Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom 20. Februar1963 S. 2. (genios.de)

      Beispiele für falsche Zuschreibungen:

      Claudia Fischer, Vinzenz Karl Stranimaier: "Lebensweisheiten von A - Z", ohne Angabe, 1991 [Zitiert nach M. Wollmann]
      Ingo Reichardt, Anne Reichardt: "Treffende Worte: 3000 Zitate für Führungskräfte." Linde Verlag, Wien: 2003, S. 48 (Link)
      Bert Forschelen: "Kompendium der Zitate für Unternehmer und Führungskräfte: Über 5000 Aphorismen für Reden und Texte im Management." Springer Gabler, Wiesbaden: 2017, S. 428 (Link) 
      "Brennpunkt HEINRICH HEINE", Focus Magazin Nr. 2, 2006 (focus.de)

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      Dank:
      Ich danke M. Wollmann für seinen Hinweis auf dieses Kuckuckszitat sowie Zitante Christa und Ralf Bülow für ihre Recherchen.

      Sonntag, 27. März 2022

      "Demokratie ist die Diktatur der Dummen." Friedrich von Schiller (angeblich)

       

      Pseudo-Friedrich-Schiller-Zitat (Link).
      Dieses beliebte, angebliche Schiller-Zitat ist noch keine zwanzig Jahre alt und ist in seinen Schriften nicht zu finden.

      Das Kuckuckszitat taucht im Jahr 2007 erstmals in einem Forum auf, und wird seit 2014 auf Twitter und seit dem Jahr 2017 auch in Leserbriefen und Büchern fälschlich dem deutschen  Dramatiker und Historiker Friedrich Schiller zugeschrieben.

      Nach Matthias Tresselt, dem Autor der Studie  "Friedrich Schiller und die Demokratie", war Friedrich Schiller kein prinzipieller Anti-Demokrat, da er nachweislich die Demokratie unter "ethischen Voraussetzungen für möglich und erstrebenswert hielt" (Link).

      In Friedrich Schillers Dramen allerdings kommen bekanntlich viele Antidemokraten vor, zum Beispiel in dem Dramen-Fragment "Demetrius", in dem Fürst Leo Sapieha am Reichstag zu Krakau sein Veto gegen eine Kriegserklärung an Russland einlegt.

      In dem Drama "Demetrius" beschließt um 1600 die Mehrheit im Reichstag zu Krakau einen Krieg gegen Russland, um den Hochstapler Demetrius zum Zaren zu krönen. 

      Fürst Sapiehas Veto gegen diesen Mehrheitsbeschluss führt zu Tumulten im Krakauer Reichstag, Säbel werden gezogen und er verteidigt unter Lebensgefahr sein Veto mit folgenden Worten:


      Friedrich Schiller, "Demetrius", Fürst Leo Sapieha:


      " Laßt alles einig sein – Ich sage nein.

      Ich sage Veto, ich zerreiße den Reichstag.

      – Man schreite nicht weiter. Aufgehoben, null

      Ist alles, was beschlossen ward.

      [...]

      Die Mehrheit?

      Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn,

      Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen.

      Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?

      Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?

      Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,

      Um Brot und Stiefel seine Stimm verkaufen.

      Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen;

      Der Staat muß untergehn, früh oder spät,

      Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet." 

      (projekt-gutenberg)

       

      Vielleicht entstand das Kuckuckszitat durch eine Fehlerinnerung an diese berühmten Worte Friedrich Schillers, die zum Beispiel auch Ralf Dahrendorf einmal zitierte, als er darlegte, dass die Herrschaft des Rechts mit unabhängigen Gerichten für eine Demokratie mindestens so notwendig ist wie freie Wahlen (Link).


      ___________

      Quellen:

      Google

      Friedrich Schiller: "Demetrius. Ein Trauerspiel von Schiller." Nach dem hinterlassenen Entwurf des Dichters bearbeitet von Franz von Maltitz, Dr. R. Marx'schen Buchhandlung, Karlsruhe und Baden, 1817,  S. 27f. (books.google)(projekt-gutenberg)
      Matthias Tresselt: "Friedrich Schiller und die Demokratie." Duncker und Humboldt, Berlin: 2009, Inhaltsangabe (Link)
      Ralf Dahrendorf: "Demokratie Plus", übersetzt von  Reinhart R. Fischer, Schweizer Monat, Ausgabe 931, Februar 2004 (schweizermonat.ch)

      Beispiele für das Kuckuckszitat:

      1. August 2007, taheth, goldseiten-forum.com
      Twitter: Seit 2014 Twitter.com/search(Twitter 2017).
      Leserbrief Welt, 2017
      2020: heise.de/
      books.google


      Artikel in Arbeit.

      __________________________
      Anhang

      Friedrich Schiller: "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua", 1783:


      "Fiesco. Das Volk gewann's. Die Regierung ward demokratisch. Jeder Bürger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenige Wochen vergingen, so kündigte der Mensch dem neugebackenen Freistaat den Krieg an. Das Reich kam zusammen. Roß, Löwe, Tiger, Bär, Elephant und Rhinoceros traten auf und brüllten laut zu den Waffen! Jetzt kam die Reih' an die Uebrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich der Insecten, der Vögel, der Fische ganzes menschenscheues Heer – alle traten dazwischen und wimmerten: Friede. Seht, Genueser! Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der Klugen – Mehrheit setzte durch. Das Thierreich streckte die Waffen, und der Mensch brandschatzte sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward also verworfen. Genueser, wozu wäret ihr jetzt geneigt gewesen?"

      :
       

      Mittwoch, 9. März 2022

      "Krieg kennt keine Sieger, jeder militärische Triumph erweist sich in Wahrheit als Niederlage aller Beteiligten." Carl von Clausewitz (angeblich)


      Pseudo-Carl-von-Clausewitz-Zitat.

      Diese pazifistisch klingende Weisheit hat so ähnlich einmal der englische Premierminister Neville Chamberlain ausgesprochen, aber nicht der von Militärs auf der ganzen Welt bewunderte preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz.


       Prime Minister Neville Chamberlain, Kettering, 3. Juli 1938: 


      • "in war, whichever side may call itself the victor, there are no winners, but all are losers." (archive.org)

      Das Kuckuckszitat tauchte Anfang März 2014 auf Twitter auf, wurde bald in diverse Zitatesammlungen aufgenommen und wird inzwischen auch auf deutschen Universitäten als Clausewitz-Weisheit verbreitet, was verwundert, da Clausewitz bekanntlich kein Pazifist war.

      Twitter, 6. März 2104:

       Pseudo-Carl-von-Clausewitz-Zitat. Twitter
      Ob diese Person mit dem Kopf Max Webers das Zitat selbst geprägt hat, oder aus einer mir unbekannten Quelle übernommen hat, weiß ich nicht.

      Vor dem 21. Jahrhundert ist das Zitat in diesem Wortlaut meines Wissens in keinem durchsuchbaren digitalisierten Text der Welt zu finden.

      Auch Clausewitz-Experten konnten in keinem Text des Generals von Clausewitz dieses Zitat entdecken, wie mir Birgit Heitfeld-Rydzik von der Universität Münster, in der ein Teil des Nachlasses von Clausewitz verwahrt wird, mitgeteilt hat.

      "Krieg kennt keine Sieger"


      Die Wendung "Krieg kennt keine Sieger" wurde in den Monaten vor dem März 2014 sehr oft auf Twitter zitiert, da diese Wendung der Titel eines Songs der deutschen Band Saltatio Mortis ist und der Song anscheinend vielen gefallen hat.

      Das Album "Das schwarze Einmaleins" dieser Mittelalter-Rock-Band mit dem Lied "Krieg kennt keine Sieger"  und den Versen: "Krieg kennt keine Sieger / Er verschlingt und gibt nichts wieder, / nur tote Krieger", kam am 16. August 2013, also ein halbes Jahr vor dem Kuckuckszitat, auf den Markt (Link).

      Youtube: Saltatio Mortis, "Krieg kennt keine Sieger"

      -

      Auf Twitter wurde der Titel des Songs und einzelne Verse daraus Dutzende Male zitiert. 

      Ein Beispiel:

      Twitter, 2. Februar 2014:

      Twitter
      Meine These nach der bisherigen Quellenlage, die sich noch ändern könnte: Aus dem Song "Krieg kennt keine Sieger" und dem berühmten Ausspruch Neville Chamberlains: "Im Krieg gibt es keine Gewinner", ist das Pseudo-Clausewitz-Zitat entstanden.

       Prime Minister Neville Chamberlain, 3. Juli 1938: 

      • "Im Krieg gibt es keine Gewinner, sondern alle sind Verlierer, ganz gleich, welche Seite sich zum Sieger erklären mag." (Twitter 2022)
      • "In war, whichever side may call itself the victor, there are no winners, but all are losers."
        Neville Chamberlain: Rede in Kettering, am 3. Juli 1938, in: Times 4. Juli 1938 (oxfordreference.com)


      3 Beispiele für die schnelle Verbreitung des Kuckuckzitats:


      1. Das Falschzitat wurde schon in seinem ersten Lebensjahr in mehrere Zitatesammlungen aufgenommen, vereinzelt auch mit der falschen Quellenangabe: Clausewitz: "Vom Kriege".

       Pseudo-Carl-von-Clausewitz-Zitat. myzitate.de

      Da das posthum von seiner Witwe Marie von Clausewitz herausgegebene Hauptwerk  "Vom Kriege" mehrfach digitalisiert ist, kann man schnell herausfinden, dass die Quellenangabe "Vom Kriege" falsch ist.

      2. Einmal wurde das damals fünf Jahre alte Zitat mit einer alten Schrifttype um 100 Jahre älter gemacht als es ist:


       Pseudo-Carl-von-Clausewitz-Zitat. projekt-eindruck-le.de

      3. An der Universität Leipzig empfiehlt man zur Leistungsüberprüfung einer Schulklasse einen Test mit der Aufgabe, dieses Pseudo-Clausewitz-Zitat zu interpretieren: "Was könnte Clausewitz damit meinen?"
      oer.uni-leipzig.de Test: Kriegsalltag im 1. Weltkrieg.  Pseudo-Carl-von-Clausewitz-Zitat.

      Nicht jedes Kuckuckszitat gelangt schon ein paar Jahre nachdem es auf Twitter oder auf Facebook erfunden wurde in eine akademische Publikation, aber diese schnelle Verbreitung ist keine Ausnahme, wenn ein Zitat - so wie hier - ohne Überprüfung in viele große Zitatsammlungen aufgenommen worden ist.


      Nachtrag 11/3 2022:

      M. Wollmann hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass das Zitat schon seit dem Jahr 2005 nachweisbar gewesen ist (Link)

      Artikel in Arbeit.

      __________
      Quellen:
      E-Mail von Birgit Heitfeld-Rydzik,  (Gruppenleitung Nachlässe und Sammlungen -  Universitäts- und Landesbibliothek Münster) vom 3. März 2022
      Wilfred Lewis: "England is here: a selection from the speeches and writings of the prime ministers of England from Sir Robert Walpole to the Rt. Hon. Winston Spencer Churchhill" John Lane The Bodley Head, London:1943, p. 240 (archive.org)
      Saltatio Mortis: Das schwarze Einmaleins, Napalm: 2013, Erscheinungstermin: 16.8.2013, Track 3 "Krieg kennt keine Sieger" (Link)
      Wilhelm Bittorf: »Es zittern die morschen Knochen...«,  DER SPIEGEL 33/1989, 13. August 1989 (spiegel.de/)
      wikiquote.org Diskussion: Frage nach einem Beleg für das Zitat; ohne Antwort.

      Das Pseudo-Carl-von-Clausewitz-Zitat wurde zum Beispiel erwähnt  von:

      Twitter:  
      ACK
       
      @LawConcepts
      4:01 nachm. · 6. März 2014 (Bisher früheste falsche Zuschreibung.)
      Detlef W. Haas: "Hugh! Ich habe gesprochen." Pro Business, Berlin: 2014, S. 36  (books.google)
      ___________
      Dank:
      Ich danke wieder Bernd-Christoph Kämper für seine Recherchen und Frau Birgit Heitfeld-Rydzik für die Bestätigung, dass auch Clausewitz-Experten das angebliche Zitat in keinem seiner Texte gefunden haben. Dank auch an M. Wollmann für seinen Hinweis auf die früheste Erwähnung des Zitats auf aphorismen.de.


      Artikel in Arbeit.


      _______________
      Anhang




       Prime Minister Neville Chamberlain, Kettering, 3. Juli 1938: 


      "When I think of those four terrible years and I think of the seven million young men who were cut off in their prime, the thirteen million who were maimed and mutilated, the misery and the suffering of the mothers and the fathers, the sons and the daughters, and the relatives and the friends of those who were killed, and the wounded, then I am bound to say again what I have said before, and what I say now, not only to you, but to all the world — in war, whichever side may call itself the victor, there are no winners, but all are losers."

      Wilfred Lewis: "England is here: a selection from the speeches and writings of the prime ministers of England from Sir Robert Walpole to the Rt. Hon. Winston Spencer Churchhill" John Lane The Bodley Head, London:1943, p. 239f. (archive.org)

       

      • Letzte Änderung 11/3 2022. (Neu: Datierung aphorismen.de)