Montag, 7. März 2022

"Jeder Krieg ist eine Niederlage. Denn Krieg vernichtet Leben." Kurt Tucholsky (angeblich)

Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitat.
Die zwei kurzen Sätze dieses Zitats sind in den Schriften Kurt Tucholskys unauffindbar, worauf Friedhelm Greis, der Herausgeber einer Symposiums-Dokumentation über den Pazifisten und Antimilitaristen Kurt Tucholsky, hingewiesen hat (sudelblog.de).

Das Zitat wurde Kurt Tucholsky, dem sehr viele falsche Zitate zugeschrieben werden, erst fast 70 Jahre nach seinem Tod erstmals untergeschoben.

Die meisten Kuckuckszitate entstehen irrtümlich durch eine Verwechslung, aber dieses antimilitaristische Kuckuckszitat scheint nach dem Beginn des zweiten Irakkriegs absichtlich einem berühmten Autor zugeschrieben worden sein.

Die Zeitschrift "P.M. – Peter Moosleitners interessantes Magazin" (4/2003) brachte im März 2003 folgende 5 Grundsätze Kurt Tucholskys, die angeblich aus seinem Werk "Wenn sie wieder lügen" stammen. 

Aber, weder gibt es ein Werk Tucholskys mit dem Titel "Wenn sie wieder lügen", noch stammt einer dieser 5 Grundsätze so oder so ähnlich wirklich von dem 1935 verstorbenen Satiriker Kurt Tucholsky. 

Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitate:

Pseudo-Kurt-Tucholsky-Zitate in: P.M. Heft 4/2003, Seite 94, Auslieferung: 20. März 2003. 

  •  " Fünf Grundsätze aus 'Wenn sie wieder lügen', worin der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) die typischen Halbwahrheiten und Lügen der Propaganda entlarvt. Die Nazis fürchteten Tucholsky und bürgerten ihn 1933 aus.
  • 1. Alle Kriegsherren haben einen gemeinsamen Feind: DIE WAHRHEIT
  • 2. Kein VOLK ist besser oder schlechter als dein eigenes
  • 3. Jeder Krieg ist eine Niederlage. Denn Krieg vernichtet LEBEN
  • 4. Wer Kriege IM NAMEN GOTTES führt, ist stets des Teufels
  • 5. Es gibt weder GERECHTE noch HEILIGE KRIEGE" (Link)
Woher die P.M.--Redaktion diese angeblichen Tucholsky-Zitate, die der PM-Autor Frank Nicolaus und einige andere erwähnen, bezogen hat, weiß man nicht (pm-magazin.de).

Vor dem März 2003 ist keines dieser angeblichen Tucholsky-Zitate in den digitalisierten Texten zu finden. 

Ob das Zitat in der Redaktion des P.M.-Magazins entstanden ist oder ungeprüft aus einer unbekannten Quelle übernommen wurde, kann ich noch nicht sagen.

Ab Mitte März 2003 haben sich diese Kuckuckszitate schnell weiter verbreitet, vereinzelt oder zusammen, zum Beispiel auf Diskussions-Foren von Wirtschaftsseiten,  auf einer HipHop-Webseite, in Foren von Krankenschwestern  und von Studenten, bei einem kleinen SPD-Ortsverein sowie durch einen  Perry Rhodan-Roman, und seit 2011 auch in Zeitungen, Zitatsammlungen und auf Twitter.

Einige dieser Zitierenden gaben anfangs als Quelle des Pseudo-Tucholsky-Zitats P.M. 04/2003, S. 94 an. In den letzten zehn Jahren scheint man diese erste Quelle allerdings vergessen zu haben. 

Vorgeschichte des Kuckuckzitats: 

Die beiden prägnanten Sätze des Kuckuckszitats aus dem 21. Jahrhundert lassen sich so ähnlich schon bei verschiedenen Autoren im 20. Jahrhundert belegen:

  • "Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes." 
    Henry Miller: "Der Koloss von Maroussi" (Link)
  • "Every battle is a marriage conceived in blood and anguish, every war is a defeat to the human spirit."
    Henry Miller: "The Colossus Of Maroussi", (1941) London: 1945, S. 81 (archive.org)
  • "Jeder Krieg vernichtet Leben, Wohlstand und Ordnung". (books.google)
Neu an an dem vor allem in Kriegszeiten beliebtem Kuckuckszitat ist also die Zusammenstellung von Kurzfassungen zweier Sätze verschiedener Autoren.

Der Autor oder die Autorin des Falschzitats stammt vielleicht aus der P.M.-Magazin-Redaktion des Jahres 2003.


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Quellen:
Friedhelm Greis: "Tucholsky und der Krieg", 1. März 2022 (sudelblog.de)
Friedhelm Greis, Ian King: "Der Antimilitarist und Pazifist Tucholsky - Dokumentation der Tagung 2007 'Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich'" Röhrig Universitätsverlag: 2008
Friedhelm Greis: "Angebliche Tucholsky-Zitate" (sudelblog.de)
Henry Miller: "The Colossus Of Maroussi", (EA: 1941) Secker and Warburg, London: 1945, p. 81 (archive.org)
Brage bei der Wieden: "Leben im 16. Jahrhundert: Lebenslauf und Lieder des Hauptmanns Georg Niege" Akademie Verlag, Berlin: 1996, S. 51 (books.google)

Beispiele für falsche Zuschreibungen an Kurt Tucholsky:

Frank Nicolaus: "Kriegspropaganda", P.M. Magazin 04/2003 (pm-magazin.de) [Zitat mit Hinweis auf das nicht digitalisierte Kästchen mit den 5 Pseudo-Tucholsky-Zitaten im selben Heft]
20. März 2003 zen.de "Gefunden am 20.03.2003 in der P.M. 4/2003"
20. März 2003 krankenschwester.de 
 20. März 2003 study-board.de
3. April 2003 wallstreet-online.de Mit Quellenangabe P.M.
April 2003 SPD-Ortsverein Tawern
5. Dezember 2003 "Multiterrormta" (mzee.com/forum)
Rainer Castor: "Perry Rhodan 2180: Objekt Armaire: Perry Rhodan-Zyklus "Das Reich Tradom", Pabel-Moewig Verlag: 2013 ebook (books.google)
2011: Twitter ; 
Hör Zu  Wissen, 20. Mai 2021, genios.de

 

Artikel in Arbeit.


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Dank:

Ich danke Friedhelm Greis für seinen Hinweis auf das Kuckuckszitat sowie Bernd-Christoph Kämper für seine vielen, für mich auch überraschenden Funde zum Ursprung des Zitats.


Letzte Änderung: 22/4 2022; Löschung eines Screenshots.


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Anhang

Danke, Bernd-Christoph Kämper.



"Die Missachtung des Lebens und die Brutalität gegen den Menschen lassen die Fähigkeit des Menschen zur Unmenschlichkeit erkennen. Sie kann und darf kein Mittel irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben.“ Rosa Luxemburg (angeblich)


Pseudo-Rosa-Luxemburg-Zitat.
Diese Maxime zur gewaltfreien Konfliktlösung steht auf den 1987 errichteten Berliner Gedenktafeln für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und wird erst im 21. Jahrhundert irrtümlich Rosa Luxemburg zugeschrieben.

Eine dieser Gedenktafeln findet man in Berlin-Tiergarten an jener Stelle, an der Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 ermordet wurde:

Gedenktafel 1 für Karl Liebknecht, Großer Weg, Tiergarten, Berlin (Link).

Karl Liebknecht wurde der letzte Satz auf seiner Gedenktafel, der mit dem auf der Gedenktafel für Rosa Luxemburg identisch ist, nie irrtümlich zugeschrieben.
Gedenktafel 2 für Rosa Luxemburg, Liechtensteinbrücke, Berlin (Link)

Der Text der Gedenktafeln stammt wahrscheinlich von den Stiftern und Gestaltern des Berliner Rosa-Luxemburg-Denkmals, dem Architekten Ralf Schüler und der Architektin Ursulina Schüler-Witte (Link).

Auf diesen Gedenktafeln wurde das Zitat noch eindeutig nicht Rosa Luxemburg untergeschoben, aber offenbar haben sich einige Vorbeigehende geirrt und dachten, am Ende der Gedenktafel stünde ein Rosa-Luxemburg-Zitat.

Gedenktafel für Rosa Luxemburg von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, 1987:

  • "Am Abend des 15. Januar 1919 wurden Dr. Rosa Luxemburg und Dr. Karl Liebknecht von Soldaten und Offizieren der Garde-Kavallerie-Schützen-Division misshandelt und ermordet.

     Rosa Luxemburg, verwundet oder tot, wurde an dieser Stelle von ihren Mördern in den Landwehrkanal geworfen.
      
    Karl Liebknecht wenig später am Neuen See, einige hundert Meter von hier, erschossen.

    Der andere Teil des Mahnmals bezeichnet den Ort seiner Ermordung.  

    Im Kampf gegen Unterdrückung, Militarismus und Krieg starb die überzeugte Sozialistin Rosa Luxemburg als Opfer eines heimtückischen politischen Mordes.

    Die Missachtung des Lebens und die Brutalität gegen den Menschen lassen die Fähigkeit der Menschen zur Unmenschlichkeit erkennen. Sie kann und darf kein Mittel irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben.

    Berlin 1987"
     (Link)

Die irrtümlich falsche Zuschreibung begann vielleicht im Jahr 2005 und wurde inzwischen von der Partei "Die Linke", vielen Zitate-Sammlungen und sogar von der Rosa-Luxemburg-Stiftung übernommen.

In den digitalisierten Texten Rosa Luxemburgs ist ihr angebliches Zitat nicht zu finden und wird nach der Entstehungsgeschichte dieses Zitats zu schließen wahrscheinlich auch nie gefunden werden.

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Wenn man Rosa Luxemburgs Texte nach dem Stichwort "Brutalität" durchsucht, findet man zum Beispiel folgendes Zitat aus einer Rede bei einer Versammlung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 15. Dezember 1918:

  • "Sozialismus heißt nicht, sich in ein Parlament zusammensetzen und Gesetze beschließen, Sozialismus bedeutet für uns Niederwerfung der herrschenden Klassen mit der ganzen Brutalität (Großes Gelächter), die das Proletariat in seinem Kampfe zu entwickeln vermag." 
    Rosa Luxemburg: Rede bei der Außerordentlichen Verbandsgeneralversammlung der USPD von Groß-Berlin am 15. Dezember 1918
     (Link)

Auf Twitter begann die falsche Zuschreibung an Rosa Luxemburg im Jahr 2012. Im Jahr 2013 wurde aber noch auf den Facebook-Text der Gedenktafel korrekt verwiesen:

2014

Twitter (Link)

2021
(Facebook) Pseudo-Rosa-Luxemburg-Zitat. 
2020/2022
Twitter 2020/2022 (Link).

Pseudo-Rosa-Luxemburg-Zitat.



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Quellen:
Bildhauerei in Berlin, BiB: "Rosa-Luxemburg-Denkmal" (bildhauerei-in-berlin) 
Kathrin Chod: "Berlin Mitte: das Lexikon" Stapp, Berlin: 2001, S. 401 (Link) [Zitiert nach Bernd-Christoph Kämper]
Rosa Luxemburg: Rede bei der Außerordentlichen Verbandsgeneralversammlung der USPD von Groß-Berlin  am 15. Dezember 1918, Erstveröffentlichung: Die Freiheit (Berlin), Nr. 59 vom 17. Dezember 1918. (Link) in:  Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 4., August 1914 bis Januar 1919, Dietz Verlag, Berlin: 2000, S. 459 [Vorerst zitiert nach: Rosa Luxemburg Stiftung] sowie Rosa Luxemburg: "Reden", Projekt Gutenberg, Hamburg: o.J., S. 379 (Link)
wikipedia, Foto Gedenktafel2
wikipedia, Foto Gedenktafel 1

Beispiele für falsche Zuschreibungen:
"Rosa Luxemburg": fembio.org 2007 (Link)
Marcus Havel: "Politische Bildungsarbeit zu Konfliktzonen", Rosa Luxemburg Stiftung, April 2011 (Link)
Twitter, Rena Jacob, 5. März 2012 (Link)
Rosa Luxemburg Stiftung: "Rosa Luxemburg: Die Kassandra des 1. Weltkrieges - Reihe Friedensaktivistinnen des 20. Jahrhunderts", Dokumentation, München, 5. November 2014 (Link)


Artikel in Arbeit.

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Dank:

Ich danke Ingo Stützle für die Frage nach diesem Kuckuckszitat und seinen Hinweisen sowie Bernd-Christoph Kämper für seine umfangreichen Recherchen zum Ursprung und zur großen Verbreitung der falschen Zuschreibungen.