Donnerstag, 30. November 2017

"Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave." Aristoteles (angeblich)

Pseudo-Aristoteles quote.
Der Autor oder die Autorin dieses bei der Piratenpartei beliebten Aphorismus ist unbekannt. Erst  im 21. Jahrhundert wird er Aristoteles unterschoben und ist in dessen Werken unauffindbar.

Der Spruch könnte aus dem lateinischen Sprichwort, "Lieber gefahrvolle Freiheit, als ruhige Sklaverei", entstanden sein: "Malo periculosam libertatem, quam quietum servitium", war das Motto von Rafał Leszczyński, das sein Sohn, der polnische König Stanisław Leszczyński, überliefert hat und von Jean Jacques Rousseau in seinem "Du Contrat Social" und später von vielen anderen zitiert wird.


Varianten, die fälschlich Aristoteles zugeschrieben werden:
  • "Wer Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, ist zu Recht ein Sklave.“
  • "Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt ist zurecht ein Sklave."
  • "Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave." 

Auch Benjamin Franklin könnte den Spruch angeregt haben:

  • "Wer bereit ist, eine fundamentale Freiheit aufzugeben, um eine kurzfristige kleine Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit."
  • "Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety."
    Benjamin Franklin, 1755 (Link)
Dieses Franklin-Zitat wird meistens verkürzt wiedergegeben:
  • "Der Mensch, der bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren."  
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Quellen:
Um 2002 erstmals Aristoteles zugeschrieben: Google
J.J. Rousseau: "Du Contrat Social" (Link); (Link)
Benjamin Franklin, 1755 (Link)  
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Artikel in Arbeit. Letzte Änderung 28/8 2019

Mittwoch, 29. November 2017

"Freiheit stirbt mit Sicherheit." Kurt Tucholsky (angeblich)

Pseudo-Tucholsky quote.


"Freiheit stirbt mit Sicherheit" war 1988 der Titel eines Kongresses gegen den Überwachungsstaat  und später der Titel eines Films von Horst Herbst (Link). Dieser Slogan einer unbekannten Autorin wird durch Graffiti und auf Transparenten verbreitet und seit kurzem auch manchmal fälschlich Kurt Tucholsky zugeschrieben (Link).
  
Autor: unbekannt.
Film von Horst Herbst, 1991, Youtube:


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Quellen:
Google
Horst Herbst: "Freiheit stirbt mit Sicherheit". Film, WDR, Köln: 1991 (Link)
Friedhelm Greis: Sudelblog, Angebliche Tucholsky-Zitate

Dienstag, 28. November 2017

"Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen." Aristoteles (angeblich)

Pseudo-Aristotle quote.

Dieser Spruch wird Aristoteles erst im 21. Jahrhundert zugeschrieben. Auf Englisch, Griechisch oder Französisch habe ich ihn sowenig gefunden wie eine Stelle in einem Werk von Aristoteles, die so ähnlich wie das Zitat klingt. Es ist also wahrscheinlich ein Falschzitat.  

Wer es geprägt hat, wissen wir nicht. Es könnte aus Sprichwörtern wie, "Wer seinen Fehler durch eine Lüge entschuldigt, der macht das Uibel noch ärger", entstanden sein (Link).

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Quellen:
Google
Erstmals zugeschrieben 2002:
Universitas, Band 57, Ausgaben 673-678, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart: 2002, S. 880 (Link)

Montag, 20. November 2017

"... nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch ..." Theodor W. Adorno

Dieses umstrittene, wahrscheinlich meistizitierte, provokative Adorno-Zitat ist das zentrale Element eines Satzes von ingesamt 37 Wörtern, die bei der Interpretation des Zitats mitgedacht gehören.

Theodor W. Adorno:


1949/1951
  • "Noch das  äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben." 
    Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft
1962

  • "Den Satz, nach Auschwitz noch Lyrik zu schreiben, sei barbarisch, möchte ich nicht mildern; negativ ist darin der Impuls ausgesprochen, der die engagierte Dichtung beseelt."
    Theodor W. Adorno: Engagement 

1966
  • "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim wie der, daß er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast worden wäre, und seine ganze Existenz danach lediglich in der Einbildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig Jahren Umgebrachten."
    Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Meditationen zur Metaphysik
Über dieses Zitat wurde jahrzehntelang schon viel Falsches und Richtiges geschrieben. Einen kurzen Überblick dazu findet man auf Wikipedia, lesenswert ist auch Burkhardt Lindners Artikel: "Was heißt: Nach Auschwitz? Adornos Datum" (Link).
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Quellen:
Burkhardt Lindner: "Was heißt: Nach Auschwitz? Adornos Datum", in: Stephan Braese ua. (Hg.): Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Campus Verlag, Frankfurt / New York: 1998, S. 283ff. (Link)
Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Band  10.1. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Suhrkamp, Frankfurt: 1977, S. 30. 
Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt: 1973, S. 355
Theodor W. Adorno: Engagement (Vorerst zitiert nach Wikipedia) 
Wikipedia

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Artikel in Arbeit. Zitate noch nicht überprüft.

Donnerstag, 16. November 2017

"Wenn ein Mann über eine Frau nachzudenken beginnt, gehört er ihr schon halb." Marcel Proust (angeblich)


Pseudo-Marcel-Proust quote.
Dieser Spruch wird seit 1974 dem französischen Autor und Regisseur Marcel Pagnol zugeschrieben und erst seit 2007 Marcel Proust unterschoben.

Da das Zitat erst im 21. Jahrhundert Marcel Proust zugeschrieben wurde und da ich es weder auf Französisch noch auf Deutsch oder Englisch in einem digitalisierten Text von oder über Marcel Proust gefunden habe, ist es höchstwahrscheinlich irrtümlich Marcel Proust unterschoben worden. Solche Verwechslungen bei ähnlichen Autorennamen kommen ja öfters vor.

Ein französische Quelle für die Zuschreibung an Marcel Pagnol kenne ich noch nicht.

Varianten:
  • "Wenn ein Mann über eine Frau nachzudenken beginnt, gehört er ihr schon halb."
  • "Wenn ein Mann über eine Frau nachzudenken beginnt, hat sie ihn schon halb gewonnen."
  • "Wenn ein Mann anfängt über eine Frau nachzudenken, dann hat sie gewonnen."
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Quellen:
Eine der ersten Zuschreibungen an Marcel Proust: 2007: (Link)
Google
Erste Zuschreibung an Marcel Pagnol: 1974:
Markus R. Ronner: "Die Treffende Pointe: humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts nach Stichwörtern alphabetisch geordnet." Ott Verlag, Thun: 1974, S. 216 (Link)

Dienstag, 14. November 2017

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache." Hanns Joachim Friedrichs (angeblich)

Pseudo-Hanns-Joachim-Friedrichs-Zitat.

Das ist ein Falschzitat, weil es eine Aussage des deutschen Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs aus einem SPIEGEL-Gespräch über die notwendige emotionale Distanz eines Fernsehmoderators zu der Nachricht, die er präsentiert, ins Unsinnige verallgemeinert.

Im ursprünglichen Satz geht es um die Notwendigkeit von Fernsehjournalisten, bei schlimmen Nachrichten nicht 'in öffentliche Betroffenheit' zu versinken, 'cool' zu 'bleiben, ohne kalt zu sein'. Nur so würde das Publikum TV-Moderatoren auf Dauer vertrauen.

Diese Aussage wird in entstellter Form als Berufs-Maxime für alle Journalisten verbreitet. Was darauf hinaus läuft, dass ein Journalist, dem zum Beispiel Menschenrechte oder der Rechtsstaat am Herzen liegen, seinen Beruf verfehlt hätte, weil er sich mit dieser Sache nicht gemein machen dürfte. Einige der angesehensten Journalisten der Welt wären nach dieser Definition keine guten Journalisten.

Hanns Joachim Friedrichs, 1995:
  • "SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?

    FRIEDRICHS: Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab' es gemacht, und ich hab' es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab' ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören."
    Der Spiegel, 13/1995, 27. März 1995  (Link)

Aus der Aussage, Zuschauer vertrauen einem Nachrichtenmoderator nur, wenn er Distanz hält und sich vor der Kamera nicht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, gemein mache, wurde das Motto des jährlich vergebenen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises in folgender Version fabriziert: 
  • "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört."
    Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis  (Link)
Dazu:
  • "Der Witz ist, dass Friedrichs diesen Satz so nie gesagt hat, und auch nie gesagt hätte. Denn es ist ein abgrundtief blöder Satz."
    Robert Misik (Link)
  • "Dieser Satz ziert die Anzeigen, mit denen ein Journalistenpreis ausgeschrieben wird – und er ist trotzdem falsch. Er ist falsch, wenn er so verstanden würde, dass einem Journalisten nichts und niemand angelegen sein soll."
    Heribert Prantl 
    (Link)
  • "Ich halte nichts von der These, man solle sich nicht verbünden. Gerade wir als Journalisten sollen uns interessieren, für die, die sonst nicht gehört werden. Für Menschen, die ausgenutzt und betrogen werden. Für die, die missbraucht und getötet werden. Das ist eine sehr wichtige Aufgabe, die wir erfüllen müssen. Als Anne Will im letzten Jahr diesen Preis gewonnen hat, fand ich es ganz toll, dass sie sich in ihrer Dankesrede von diesem Motto distanziert und einen reflektierten Blick auf diese Aussage geworfen hat."
    Maria von Welser
    (Link)
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Nachtrag, 24. Februar 2018: Klarstellung von Cordt Schnibben:
  • "Ich bin Transporteur dieses Zitats, weil ich damals am Sterbebett von Hanns Joachim Friedrichs diesen Satz gehört und nachgefragt habe. Er hat es eingegrenzt in einem sehr politischen, parteipolitischen Sinne: Also, wenn die SPD das Ehegattensplitting abschafft und ich als Moderator einer öffentl-rechtlichen Newssendung finde es gut, dann darf mir der Zuschauer das nicht anmerken. Daraus zu machen, dass ein Journalist quasi ein haltungsloser, emotionsloser Journalist sein sollte, dem man seine Haltung nicht anmerkt, ist eine Pervertierung. Und HJF gegen eine Solidaritätserklärung für DY zu instrumentalisieren, darauf kann nur kommen, wer nicht weiß, wer er war. Ist übrigens ein dämlicher Fehler von mir, die Konkretisierung dieses Satzes damals im Spiegel nicht abgedruckt zu haben."
    Cordt Schnibben, 23. Februar 2018, Twitter (Link)




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Quellen:
Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, Webseite (Link) 
Jürgen Leinemann, Cordt Schnibben: "Cool bleiben, nicht kalt. Der Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs über sein Journalistenleben." Interview, Der Spiegel 13/1995, 27. März 1995 (Link)
Robert Misik: "Lob der Parteilichkeit", 2016 (Link)
Heribert Prantl: "Die Welt als Leitartikel: Zur Zukunft des Journalismus." Picus Verlag, Wien: 2012, ebook (Link) 
Steffen Burkhardt: "Praktischer Journalismus." Oldenbourg Verlag, München: 2009, Interview mit Maria von Welser, S. 99 (Link)  
Cordt Schnibben, 23. Februar 2018, Twitter (Link)
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Letzte Änderung: 24. Februar 2018 

Sonntag, 12. November 2017

"Symmetrie ist die Ästhetik der Dummen." Mies van der Rohe (angeblich)

Dieser Aphorismus scheint in Architektur- und Künstlerkreisen seit mindestens 60 Jahren bekannt zu sein und wird - immer ohne Quellenangabe - Mies van der Rohe, aber auch Picasso, Salvatore Dali und Friedensreich Hundertwasser unterschoben. Bisher ist es noch niemandem gelungen, den Spruch in einer ihrer Schriften oder Interviews nachzuweisen.

Wie so viele Sprichwörter ist auch dieser Aphorismus wahrscheinlich anonymen Ursprungs und in verschiedenen Versionen überliefert.

Varianten: 
Symmetrie sei die Ästhetik des kleinen Mannes / des Kleinbürgers / der Dummen / der Doofen / der Einfältigen / der Einfallslosen / der Primitiven / of fools.


 1965 (erstmals)
  • "Von einem für seine ironischen Bemerkungen bekannten Architekten stammt der Satz: 'Die Symmetrie ist die Ästhetik des kleinen Mannes', der hier offensichtlich zuzutreffen scheint ..." (Link)
1999
  • "Symmetrie ist die Ästhetik des Kleinbürgers." Der Spiegel, 51/1999 (Link)
2003
  • "'Symmetrie ist die Ästhetik der Dummen.' Ich behaupte, Picasso hat's gesagt. Ein Kollege von mir behauptet, Hundertwasser. Und Google hat keine Ahnung. Anyone?" (Link)
2004
  • " .. vor Jahren (vielen) habe ich den Spruch "Symmetrie ist die Ästhetik der Doofen" mal im SPIEGEL gelesen".
2006
  • "Bei uns im Studium hieß es wenigstens noch 'Symmetrie ist die Ästhetik des kleinen Mannes'." 
 
2007 
  • "Symmetrie ist die Ästhetik der Dummen" (Ludwig Mies van der Rohe) 
2009
  • "Symmetrie ist die Ästhetik der Einfallslosen"
  • "Respektlos vor dem Alten höhnte man damals: Symmetrie ist die Ästhetik der dummen Kerle."
2010
  • "Salvador Dali said that symmetry is the aesthetics of fools."
 2014
  • "'Symmetry is the aesthetics of fools.' Picasso, Mies van der Rohe, Schopenhauer? Whoever said it, Sister O. won’t know the name." 
2015
  • "Als ich ein Kind war, hat mir ein Nachbar den Satz „Symmetrie ist die Ästhetik der Primitiven“ beigebracht." 

  • "I think it was Picasso who supposedly said that symmetry is the aesthetics of fools."
     
2016
  • "'Symmetrie ist die Ästhetik der einfältigen.' — Ein ehemaliger Arbeitskollege meines Vaters."
 2017
  • "Symmetrie ist die Ästhetik der Doofen"  
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Quellen:
Google
Bauen auf dem Lande, Bände 16-17, 1965, S. 55 (Link) (Erstmals in einem digitalisierten Text nachweisbar; genauere bibliogr. Angaben folgen.)