Freitag, 5. Mai 2017

"Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist." Franz Kafka (angeblich)

Pseudo-Franz-Kafka-Zitat.
Dieses Zitat wurde erst im 21. Jahrhundert Franz Kafka unterschoben und ist inzwischen millionenfach verbreitet; die Autorin oder der Autor dieses Trauerspruchs ist unbekannt.

Bei Google Books und in "Der SPIEGEL" taucht dieses Pseudo-Franz-Kafka-Zitat im Jahr 2013 das erste Mal auf (Link), im Internet ist das Zitat schon ein paar Jahre länger verbreitet (Link).

Varianten des Falschzitats:

  • "Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist."
  • "Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel wird."
  • "You see the sun go down, very slowly, and yet one is still surprised when it's suddenly dark."
  • "You see the sun slowly set, yet you're surprised when it's suddenly dark."
In den Werken und Briefen Franz Kafkas ist das Zitat weder so noch so ähnlich zu finden.
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Quellen:
Google-Statistik, Deutsch: "Ungefähr 11 300 Ergebnisse"; 09/2017: "152.000 Ergebnisse"
Google-Statistik, Englisch: "6 Ergebnisse"
"Die schönsten Grablieder der Schweiz": Trauersprüche
Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld, 2009ff. "Trauersprüche"

Frühe falsche Zuschreibungen:
2008: Traueranzeige, 5. Januar 2008 (Link)
2010: Twitter 
2013: Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp und Jörg Schmitt: "Schrauber unter Heuschrecken", "Der SPIEGEL", 44/2013, 28. Oktober 2013 (Link)
Google Books

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Dank:
Ich danke Ulrich Seelbach und seinem Team, die als Erste auf dieses Kuckuckszitat aufmerksam machten.

Donnerstag, 4. Mai 2017

"Die Phönizier haben das Geld erfunden. - Aber warum so wenig?" Johann Nestroy (angeblich)

Pseudo-Johann-Nestroy-Zitat.
Dieser Witz ist nicht von Johann Nestroy, obwohl Fritz J. Raddatz 1981 in einem ZEIT-Artikel das Gegenteil behauptete und versicherte, das Zitat käme in Nestroys Posse "Der Schützling" vor:

Aber weder in diesem noch in einem anderen Stück Nestroys ist dieses Zitat so oder so ähnlich zu finden und das Wort "Phönizier" verwendet Johann Nestroy in keinem seiner Werke.

Der Witz stammt aus dem Gedicht "Ein Pole in Italien" von Marian Załucki.

    Fritz J. Raddatz, 1981:

     

    • "der österreichische Dramatiker Nestroy, stellte 1847 (in seinem Stück »Der Schützling«) allerdings die genaueste Frage: 'Die Phönizier haben das Geld erfunden - aber warum so wenig?'" (Link)

    Das inzwischen sehr populäre Nestroy-Zitat wurde durch Ratgeber und Zitatsammlungen für Manager sowie durch viele Zeitungsartikel und Online-Zitatsammlungen verbreitet.

    Der Wiener Sachbuchautor und Journalist Georg Markus erklärt sogar ausschließlich mit diesem von F. J.  Raddatz in die Welt gesetztem Kuckuckszitat die besondere Qualität des Satirikers Nestroy:


    Georg Markus, 2012:

    • "Nestroy

      Den Humor wie wir ihn heute verstehen, gibt es seit ca. 200 Jahren, beginnend mit Nestroy, dessen Satz 'Die Phönizier haben das Geld erfunden – aber warum so wenig?' auch in jedem modernen Kabarettprogramm Lacher erzeugen würde. 'Der Wiener fällt auf den Schmäh nur selten herein", meinte Wiens Lokalphilosoph Jörg Mauthe, 'der Fremde aber mit Sicherheit. Er nennt’s dann Charme.'"
      Georg Markus, KURIER, 2012 (Link)    

    Ralf Bülow hat herausgefunden, dass dieses angebliche Nestroy-Zitat von dem polnischen Lyriker und Satiriker Marian Załucki stammt und Tomasz Michalski verdanken wir die Quelle und Datierung dieses Zitats: Der Witz über die Phönizier steht in der letzten Strophe von Marian Załuckis satirischem Gedicht "Polak W Italii" (Der Pole in Italien), das 1969 verfasst und 1970 erstmals publiziert wurde. 


    Marian Załucki,  1970:

     

    • "Do Fenicjan,
      którym wynaleźć pieniądze niegdyś się udało...
      Wynaleźli. To dobrze.
      Ale czemu tak mało?!!"


      Marian Załucki, "Polak W Italii", 1970

    • "An die Phönizier,
      denen es dereinst gelang,
      das Geld zu erfinden ...
      Sie haben es erfunden. Das ist gut.
      Aber warum so wenig?!!!"

      Marian Załucki, "Ein Pole in Italien", 1970, übersetzt von 
      Ron Mieczkowski.

     
    Marian Załucki, 1970

    Pseudo-Johann-Nestroy-Zitat.
    Georg Markus, KURIER, 2012 (Link) .

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    Quellen:
    "J.N. Nestroy. Stich- und Schlagworte." Zusammengestellt von Reinhard Urbach. Verlag Christian Brandstätter, Wien: 1984
    Fritz. J. Raddatz: "Warum?: Frage-Geschichten aus der ZEIT", Hoffmann u. Campe: 1982, S. 104; DIE ZEIT, 15/1981, 3. April 1981 (Link)
    Johann Nestroy: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe: Wörterverzeichnis, Nestroy-Wörterbuchsuche
    Georg Markus: "Die Geschichte des österreichischen Humors." KURIER, 22. September 2012 (Link)
    Centrum Nauki Kopernik, Copernicus Science Center: "Money, money, money ..." (ohne Datum)  (Link)
    "Polak W Italii" in: Marian Załucki: "Komu do śmiechu", Iskri: 1970 
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    Dank:
    Ich danke Ralf Bülow und Tomasz Michalski für ihre Recherchen zu Marian Załucki.
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    Letzte Änderung: 30/4 2020 

    "Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben." Albert Einstein (angeblich)

    Pseudo-Albert-Einstein-Zitat.

    Das ist ein sehr junges Pseudo-Einstein-Zitat. Es ist noch nicht einmal zehn Jahre alt und in dem Standardwerk der Einstein-Zitate von Alice Calaprice so wenig zu finden wie in den digitalisierten Texten von Albert Einstein

    Der angesehene Zitatforscher Garson O'Toole vermutet, das Zitat sei 2012 von einer Person geprägt worden, die vom Handy-Gebrauch der Kinder genervt war.

    Auch auf Deutsch taucht das inzwischen sehr weit verbreitete Zitat erstmals 2012/2013 in Foren auf und seit dem Jahr 2015 auch in Büchern (Google books).

    Varianten des Kuckuckzitats:


    Pseudo-Albert-Einstein-Zitate.
    • "Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft."
    • "Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben."
    • "Ich fürchte mich vor dem Tag an dem die Technologie unsere menschliche Interaktion übertrifft. Die Welt wird eine Generation von Idioten bekommen."
    • "I fear the day that technology will surpass our human interaction. The world will have a generation of idiots."
    Pseudo-Albert-Einstein quote.

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    Quellen:
    Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011
    Garson O'Toole (Quote Investigator): "I Fear the Day That Technology Will Surpass Our Human Interaction.- Albert Einstein? Cell Phone Critics? Pranksters? Apocryphal?", 2013 (Link) 

     
    Google books
    2012 gutefrage.net 
    2013 pdadmin-forum.de


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    Dank:
    Ich danke Garson O'Toole wieder einmal sehr für seine gründliche Recherche.

    Letzte Änderung: 14/9 2019

    ntv.de

    "Bedenke stets, dass alles vergänglich ist, dann wirst du im Glück nicht so fröhlich und im Leid nicht so traurig sein." Sokrates (angeblich)

    Pseudo-Sokrates-Zitat.
    Dieser inzwischen sehr beliebte Trauerspruch wird dem Athener Philosophen Sokrates erst im 21. Jahrhundert zugeschrieben.

    Der Spruch geht zurück auf den berühmten Psalm 90, Vers 12 der Bibel:
    • "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." (Link)
    Im Mittelalter wurde der lateinische Ausdruck "Memento mori!" (deutsch: "Sei dir der Sterblichkeit bewusst!" oder: "Bedenke, dass Du vergänglich bist!") geprägt, der damals in vielen Bußpredigten verbreitet wurde.

     Das von einer unbekannten Person geprägte Pseudo-Sokrates-Zitat wird  - wie bei Kuckuckszitaten üblich, immer ohne Quellennachweis -  dem Athener Philosophen in vielen philologisch unseriösen Zitatsammlungen und leider auch von der Duden-Redaktion unterschoben.

    In Texten aus dem klassischen Athen hat diesen Spruch noch niemand so oder so ähnlich nachweisen können.

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    Quellen:
    wikipedia
    Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"

    Ohne Zuschreibung an Sokrates:
     2007: (Link) (Link)
    Frühe Zuschreibungen an Sokrates:
    2007: (Link)
    -
    2016: Dudenredaktion: DUDEN: "Passende Worte im Trauerfall: Trauertexte stilsicher formulieren", Bibliographisches Institut, Berlin, 2016, ebook (Link)

    Artikel in Arbeit.

    "Danke für den Weg, den Du mit uns gegangen bist. Danke für die Hand, die uns so hilfreich war. Danke, dass es Dich gab." Rainer Maria Rilke (angeblich)

    Dieses Pseudo-Rilke-Zitat ist als Trauerspruch inzwischen weit verbeitet; der Verfasser, des erst im 21. Jahrhundert entstandenen Trauerspruchs, ist anonym.

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    Quellen:
    Google: "Ungefähr 1 310 Ergebnisse (0,67 Sekunden)"
    Gedenkseiten.de 
    Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"

    "Alles hat seine Zeit, / es gibt eine Zeit der Freude, / eine Zeit der Stille, / eine Zeit des Schmerzes, der Trauer / und eine Zeit der dankbaren Erinnerung." Dietrich Bonhoeffer (angeblich)

    Dieser im 21. Jahrhundert enstandene anonyme Trauerspruch, der auf einigen Parten zu finden ist,  wird manchmal irrtümlich Dietrich Bonhoeffer zugeschrieben.

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    Quelle:
    Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"

    "Unsere Toten sind nicht abwesend sondern nur unsichtbar. Sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer." Augustinus (angeblich)

    Erstmals taucht dieser irrtümlich Augustinus zugeschriebene Trauerspruch 1997 in den 
    'Hansischen Geschichtsblätter', Band 105 auf:
    • "Seine Familie hat Augustinus zitiert: 'Unsere Toten sind nicht abwesend, sondern nur unsichtbar. Sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer.'
      Münster, Pfingsten 1997, Wilfried Ehbrecht."
    Seither hat sich dieser Spruch millionenfach durch Bücher, Zitatsammlungen und auf Online-Seiten für Trauernde in Österreich, Deutschland und der Schweiz verbreitet.
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    Quellen:
    Google-Statistik: "Ungefähr 4 950 Ergebnisse (0,71 Sekunden)"
    Werner Burgheim: "Im Stehen sterben: Begleitung zu würdevollem Sterben und heilender Trauer", 2017
    Trauerspruch.de
    Kartenmacherei.at
    Arbeitsgruppe von Ulrich Seelbach von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld: "Trauersprüche"