Sonntag, 25. Juni 2017

"Ich kann, weil ich will, was ich muss." Immanuel Kant (angeblich)


Pseudo-Immanuel-Kant quote.
Diese Maxime steht in keiner Schrift von Immanuel Kant und ist inzwischen hauptsächlich deswegen weit verbreitet, weil sie seit dem Jahr 2000 in Ratgeberbüchern für Manager und Führungskräfte oft Immanuel Kant fälschlich zugeschrieben wird.

Der Spruch erinnert an die Redensart: "Wer kann, der will und wer will, der kann", aber er könnte auch als Variante des weltweit beliebten Kant-Zitats: "Du kannst, denn du sollst", entstanden sein, das (Überraschung!) allerdings auch nicht von Immanuel Kant stammt, sondern von Friedrich Schiller, der so viele deutsche Redensarten und Sprichwörter wie kaum ein anderer Autor geprägt hat.

Kant hat sein Postulat, eine moralische Norm müsse auch erreichbar sein, einmal in der ersten Person Plural formuliert: "wir müssen es auch können." Bei Fichte wurde daraus: »Ich kann, denn ich soll«, bei Hegel und Schopenhauer wurde es zu: "Du kannst, weil du sollst." Friedrich Schiller prägte die Maxime allerdings schon 1796, also Jahrzehnte vor Hegel und Schopenhauer.




Nicht nur in Zeitungen, auch in der Sekundärliteratur zu Kant wird die Kurzformel "Du kannst, weil du sollst", die einen Gedanken Kants paraphrasiert, oft Immanuel Kant irrtümlich zugeschrieben und nicht korrekter Weise Friedrich Schiller.





  • "Die reine Vernunft enthält also, zwar nicht in ihrem spekulativen, aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen Gebrauche, Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte des Menschen anzutreffen sein könnten. Denn, da sie gebietet, daß solche geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können, ..."
    Immanuel Kant: "Kritik der Reinen Vernunft", 1781(Link)
Varianten:
  • "Du kannst, denn du sollst."
  • "Du kannst, weil du sollst."
  • "Ich kann, denn ich soll." 
  • "You can, because you must!"
  • "You can because you ought."

1794, Kant:
  • "Denn, wenn das moralische Gesetz gebietet, wir sollen jetzt bessere Menschen sein: so folgt unumgänglich, wir müssen es auch können."
    Immanuel Kant: "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft",  1793/94, AAVI, S. 50 (Link)
1796, Schiller:
  • "Auf theoretischem Feld ist weiter nichts mehr zu finden;
    Aber der praktische Satz gilt doch: Du kannst, denn du sollst!"
    Friedrich Schiller: "Die Philosophen", 1796
1798, Fichte:
  • "Nicht von der Möglichkeit wird auf die Wirklichkeit fortgeschlossen, sondern umgekehrt. Es heisst nicht: ich soll, denn ich kann; sondern: ich kann, denn ich soll."
    Johann Gottlieb Fichte: "Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Welt-Regierung", 1798 Zur Religionsphilosophie (Link)
1816, Hegel:
  • "Du kannst, weil du sollst, dieser Ausdruck, der viel sagen sollte, liegt im Begriffe des Sollens. Denn das Sollen ist das Hinausseyn über die Schranke; die Grenze ist in demselben aufgehoben, das Ansichseyn des Sollens ist so identische Beziehung auf sich, somit die Abstraktion des Könnens. Aber umgekehrt ist es eben so richtig: Du kannst nicht, eben weil du sollst. Denn im Sollen liegt ebenso sehr die Schranke als Schranke; jener Formalismus der Möglichkeit hat an ihr eine Realität, ein qualitatives Andersseyn, sich gegenüber, und die Beziehung beider auf einander ist der Widerspruch, somit das Nicht-Können oder vielmehr die Unmöglichkeit."
    Georg Wilhelm Friedrich Hegel: "Wissenschaft der Logik", 1816, (Projekt Gutenberg)
1839, Schopenhauer:
  • "Zudem es auch wohl nicht die Absicht der Königlichen Sozietät sein kann, durch eine Hinzuziehung des Gewissens in das Selbstbewußtsein, die Frage auf den Boden der Moral hinübergespielt und nun K a n t s moralischen Beweis, oder vielmehr Postulat, der Freiheit aus dem  a  p r i o r i  bewußten Moralgesetz, vermöge des Schlusses "du kannst, weil du sollst", wiederholt zu sehen."
    Arthur Schopenhauer: "Über die Freiheit des menschlichen Willens." Preisschrift, Drontheim: 1839 (Link)

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Quellen:
Google-Statistik:  "Ungefähr 8 950 Ergebnisse" für "Ich kann, weil ich will, was ich muss. Kant"
Elektronische Edition von Immanuel Kants Gesammelten Werken: Universität Duisburg
(Die Suchfunktion dieser Edition ist leider fehlerhaft.)
Immanuel Kant: "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft",  1793/94, AAVI, S. 50 (Link) 
Karl Friedrich Wilhelm Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon: Bd. Gott bis Lehren (Link)
Johann Gottlieb Fichte: "Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Welt-Regierung", 1798, in:  Zur Religionsphilosophie (Link)
Klaus Steigleder: "Kants Konzeption der Moralphilosophie als 'Metaphyik der Sitten'." In: "Interdisziplinäre Ethik. Festschrift für Dietmar Mieth." Hrsg. von Adrian Holderegger u. Jean-Pierre Wils, Universitätsverlag Freib. CH, Herder Verlag, Wien: 2001, S. 101ff.
(Link)
David Baumgardt: "Legendary Quotations and the Lack of References." In: Journal of the History of Ideas 7 (1946) S. 99-102 (Zitiert nach Steigleder.)
Wolfgang Mieder: "'Zitate sind des Bürgers Zierde.' Zum Weiterleben von Schiller-Zitaten." In: "Deutsche Redensarten, Sprichwörter und Zitate: Studien zu ihrer Herkunft, Überlieferung und Verwendung." Edition Praesens, Wien: 1995, S. 46 ff.

Einige Beispiele für das Falschzitat:
Thorsten Hadeler: "Zitate für Manager: Für Reden, Diskussionen und Papers immer das treffende Zitat." Gabler, Wiesbaden: 2000, S. 84 (Link)
Ingo Reichardt, Anne Reichardt: "Treffende Worte: 3000 Zitate für Führungskräfte." Linde Verlag, Wien: 2003, S. 23 (Link)
Krawiez Consulting: "69 Zitate für die Persönlichkeitsentwicklung." Ohne Datum. (Das ist eine Sammlung von vielen falschen Zitaten.)  (Link)
Zitate-Online.de
EAG-FPI.com
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"Ich kann besser werden; .... Ich kann es, wenn ich muß."
Christian Erhard Schmid: "Versuch einer Moralphilosophie". 1790
(Link)
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 Artikel in Arbeit
"Ich kann weil ich muss und will. "1911 (Link)


Wolle nur, so kannst du (Link)


Zizek: (Link)