Mittwoch, 24. Mai 2017

"Kultur beginnt im Herzen jedes einzelnen." Johann Nestroy (angeblich)


Pseudo-Nestroy quote.
Dieses Pseudo-Nestroy-Bonmot ist zu unwitzig und entschieden zu wenig boshaft, um von Nestroy stammen zu können. Es ist erst ungefähr zehn Jahre alt, aber durch die Erwähnungen in vielen Online-Zitasammlungen ziemlich erfolgreich. Das erste Mal taucht es anscheinend 2007 im Ruhrpott auf; ob es dort geprägt oder aus einer anderen Quelle übernommen wurde, kann ich nicht sagen. In den Schriften Nestroys ist es so wenig zu finden wie in irgendeinem anderen Text vor dem 21. Jahrhundert. Der Autor oder die Autorin des Spruchs ist unbekannt.

  • 2007: "Ruhr-Guide", Online-Magazin für das Ruhrgebiet:
    "Kultur beginnt im Herzen jedes Einzelnen"
    Ruhrpott - Essen, Kulturhauptstadt 2010 - da stellte sich für die Macher der Pottgestalten zwangsläufig die Frage: Was ist Kultur? Jan Bahrenberg: "Unserer Meinung nach hat jeder Mensch seine eigene Kultur, die einem stetigen Wandel unterliegt. In jedem Fall wird Kultur von Menschen gestaltet. Kultur ist was jeder Einzelne von uns jeden Tag denkt, fühlt, macht und wünscht. Deshalb auch die Konzentration auf den 'Wunsch' als individuelle Zielvorstellung. Aufgrund dieser Überlegungen fanden wir das Zitat von Nestroy sehr passend." (Link)
Um an den originalen Sound von Nestroys Sprache zu erinnern, seien hier noch drei Sätze des Satirikers und Dramatikers Nestroy zur Kultur, die wirklich von ihm sind, zitiert:
  • "wir müssen allein seyn, wir sind Liebende; wo noch gar keine Cultur is, dort is es für
    uns am Schönsten."
    J.N. Nestroy: "Heimliches Geld, heimliche Liebe", 1853
  • "Wien zum Beyspiel war vor 2000 Jahren eine kleine römische Stadt, hatte wohl römische Kultur aber noch keine Vorstädte;"
    J.N. Nestroy: "Die schlimmen Buben in der Schule", 1847

  • "Wenn der Urwald der Unwissenheit noch durch keine Axt der Kultur gelichtet, die Prärie der Geistesflachheit noch durch keine Ansiedlung von Wissenschaft unterbrochen ist, wenn auf den starren Felsen der Albernheit die Gedanken wie Steinböck’ herumhupfen und das Ganze von keiner augenblendenden Aufklärungssonne bestrahlt, sondern nur von dem Mondlicht der Liebe ein wenig bemagischt wird – das wird doch, hoff’ ich, unbändig romantisch sein!"
    J.N. Nestroy: "Heimliches Geld, heimliche Liebe", 1853
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Quellen:
Google-Statistik: "Ungefähr 1 140 Ergebnisse"
"Ruhr-Guide", Online-Magazin für das Ruhrgebiet: "pottgestalten.net", 2007 (?) (Link)
Johann Nestroy: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Deuticke, Jugend und Volk, Wien:  1977-2003 (Link)
Johann Nestroy: "Heimliches Geld, heimliche Liebe", 1853 (Stücke 32, 5/1–102/27)
Johann Nestroy: "Die schlimmen Buben in der Schule", 1847 (Stücke 25/I, 5/1–47/37)