Sonntag, 15. April 2018

"Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten." Platon (angeblich)


Pseudo-Plato quote.
In den Werken von Platon ist dieses Zitat nicht zu finden; es stammt so ähnlich aus den Enneaden des Neuplatonikers Plotin, der 600 Jahre nach Platon gelebt hat. 

In dem Kapitel "Vorsehung" des 3. Buchs der Enneaden schreibt Plotin von den Schwachen, die nicht auf Hilfe der Götter rechnen sollten, wenn sie zu feige sind, sich gegen Tyrannen aufzulehnen. 


Plotin, Enneaden, III, 2, 8


 Ἄρχουσι δὲ κακοὶ ἀρχομένων ἀνανδρίᾳ  

Árchousi dé kakoí archoménon anandría
(Link)


  • "Dominatur vero mali ignauia subditorum". (Link)
  • "Les méchants ne dominent que par l'effet de la lâcheté de ceux qui leur obéissent". (Link)   
  • "The wicked rule because of the cowardice of the ruled".  Richard Rawles
  • "Bad men rule by the feebleness of the ruled". (Link)
  • "Es herrschen aber die Schlechten durch das unmännliche Wesen der Beherrschten."(Link)
  • "Scheuen die Guten den Kampf, so siegen die Schlechten." Christoph Eucken  (Link)
  •  "Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten."  (Plato und Plotin zugeschrieben) (Link)(Link)
  • "Wenn die Guten nicht fechten, so siegen die Schlechten." Pseudo-Platon.
Aus diesen Übersetzungen sind dann wahrscheinlich folgende Aphorismen entstanden, die meistens ohne Bezug auf Plotin zitiert werden:

  • "Evil will win if good men do nothing".
  • "Evil will win if good people do nothing".
 -
Pseudo-Platon quote.

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Quellen:
Plotini. Platonicorum facile coryphaei. "Operum philosophicorum omnium". libri LIV: in sex enneades distributi /. ex antiquiss[imis] codicum fide nunc primùm Graecè editi, übersetzt und kommentiert von Marsilij Ficini. Basileae: Ad Perneam Lecythum: 1580, S. 262 (Link)
"Delphi Complete Works of Plotinus" - Complete Enneads (Illustrated), Übersetzung: Stephen MacKenna, Delphi Publishing Ltd, Hasting: 2105, ebook (Link)
Rudolf Eucken: "Die Lebensanschauungen der grossen Denker". Zwölfte Auflage. Verlag Von Veit u. Comp., Leipzig 1918, S. 126 (Link);   (Link); 1905: (Link)
Plotin: "Enneaden" (Vollständige deutsche Ausgabe) Übersetzer: Hermann Friedrich Müller, (EA 1878) e-artnow: 2017,  S. 116  (Link)
Plotin: "Enneaden", III, 2. Buch: Von der Vorsehung, 8, Die Enneaden. Band 1, Übers.:  Hermann Friedrich Müller, Berlin 1878 (Zeno.org)
Plotin: "Les Ennéades de Plotin", III, 2 "De La Providence", 8, Tome deuxième, Übersetzung: M.-N. Bouillet. Librairie de L. Hachette et C., Paris: 1859, S. 43 (Link)
Garson O'Toole (Quote Investigator):"The Only Thing Necessary for the Triumph of Evil is that Good Men Do Nothing. John F. Kennedy? Edmund Burke? R. Murray Hyslop? Charles F. Aked? John Stuart Mill?" 2010 (Link)
Deutsches Soldatenjahrbuch 1959, S. 15  (Link)
facebook.com/pg/mkunasek/about/?ref=page_internal
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Dank:

Ich danke Ralf Bülow für seinen Hinweis auf die Enneaden sehr (Link) und auch Richard Rawles für seinen Übersetzungsvorschlag.

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Artikel in Arbeit.
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Plotin: Enneaden III, 2, "Von der Vorsehung", 8:
"Denn aus Kriegen, sagt das Gesetz, müssen diejenigen gerettet werden, die sich tapfer zur Wehre setzen, nicht die, welche beten."
Übersetzung von Hermann Friedrich Müller, 1878


1822
  • "Zu einem fürchterlichen Grade müßte das Böse anwachsen, wenn die Guten nicht hemmend, hindernd, dagegen kämpften." (Link)
"The year 1952 is crucial — a year in which honest men, capable of rebuilding the Nation's sagging character, must be chosen for positions of public trust. Plato said: "The penalty good men pay for indifference to public affairs is to be ruled by evil men." And Edmund Burke's trite saying is equally pertinent to the present American crisis: "All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing."   (Link)


Des griechischen Philosophen Plotins Wort (aus dem Jahre 205 unserer Zeitrechnung): „Wenn die Guten nicht kämpfen, so siegen die Schlechten", wird gefährdet durch diese Verharmlosung, diese aus Friede
Plotin, 1956 (Link)

"Wer eine gute, verständige und schöne Frau sucht, sucht nicht eine, sondern drei." Oscar Wilde (angeblich)

   
Dieser blöde Spruch taucht erst hundert Jahre nach Oscar Wildes Tod in den digitalisierten Texten auf.

Da ich ihn - wie zu erwarten - weder auf Deutsch noch auf Englisch in einem Text Oscar Wildes gefunden habe und auch in keinem seriösen Nachschlagwerk, ist das Zitat wohl ein typisches Kuckuckszitat aus dem 21. Jahrhundert.

Dieser inzwischen im Internet durch diverse unseriöse Zitatsammlungen schon weit verbreitete misogyne Zynismus wird auch immer ohne Quellenangabe zitiert.


Pseudo-Oscar-Wilde quote.
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Quellen:
Ralph Keyes: "The Wit and Wisdom of Oscar Wilde", Harper Collins Publishers, New York: 2009
Google
Beispiele für falsche Zuschreibungen:
gutezitate.com/zitat/173669
zitate-online.de
gutzitiert.de
aphorismen.de/zitat/70176
zitatekiste.com

Frühe Belege für das Falschzitat:
2004: www.chefkoch.de/forum/
2005: de.fitness.com/forum

Mittwoch, 11. April 2018

"Für Paneuropa wünsche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse ... Die Führer sollen die Juden stellen ..." Richard Coudenhove-Kalergi (angeblich)

Pseudo-Coudenhove-Kalergi-Zitat.

Dem Gründer der Paneuropa-Bewegung, Richard Coudenhove-Kalergi, wird von antisemitischen  Hobby-Historikern wie Gerd Honsik unterstellt, durch "Rassenmischung" und "Bevölkerungsaustausch" einen "Genozid an Weißen" geplant zu haben: mit diesem geheimen "Kalergi-Plan" solle Europa einer jüdischen Führung unterworfen werden (Link).
 
Diese Unterstellungen werden durch falsche Zitate und falsche Paraphrasierungen von Zitaten sowie mit  dümmlichen Herabsetzungen ("Buch des kriminellen Mischlings Kalergi: Praktischer Idealismus") begründet (Link).

In der Tat träumte der Pazifist Coudenhove-Kalergi nach dem Ersten Weltkrieg in dem 1920 verfasstem und 1922 erstmals publiziertem Buch "Adel" von einer im Entstehen begriffenen neuen Elite Europas, die sich angeblich aus altem "Blutadel" und jüdischem "Hirnadel" herausbilde.

Für Coudenhove-Kalergi waren Demokratien Übergangsformen zu neuen Staatsgebilden, die von neuen pazifistischen Eliten geführt werden würden. Für seine Typologien von Stadtmensch und Landmensch verwendet Coudenhove-Kalergi auch rassistisches Vokabular, das durch Arthur de Gobineau und Friedrich Nietzsche verbreitet wurde.

  • "Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur an die Zahl, die Masse glaubt, heben sich zwei Qualitätsrassen ab: Blutadel und Judentum. Voneinander geschieden, halten sie beide fest am Glauben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an menschliche Rangunterschiede. In diesen beiden heterogenen Vorzugsrassen liegt der Kern des europäischen Zukunftsadels: im feudalen Blutadel, soweit er sich nicht vom Hofe; im jüdischen Hirnadel, soweit er sich nicht vom Kapital korrumpieren ließ."
    Richard Coudenhove-Kalergi: "Adel", S. 35  (Link); "Praktischer Idealismus", S. 45 (Link)
Aus der Prognose Coudenhoves-Kalergis, die Menschen werden einander in ferner Zukunft durch Vermischung immer ähnlicher, unterschieben rechtsextreme Ideologen Coudenhove-Kalergi einen Plan, um diese Prognose bald in Europa zu verwirklichen.
  • "Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen."
    Richard Coudenhove-Kalergi: "Adel", S. 17 (Link); "Praktischer Idealismus", S. 22 (Link)

Jürgen Langowski hat schon vor Jahren die falschen Quellenangaben zu dem Zitat: "Fuer Deutschland wuensche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse unter Fuehrung der Juden", aufgedeckt (Link).

Dieses Kuckuckszitat wurde wahrscheinlich in den 1990er-Jahren im Umkreis des rechtsextremen Thule-Netzes erlogen und wird seither in verschiedenen Varianten von einigen schlecht Informierten für wahr gehalten.

Den Terminus "Kalergi-Plan" hat der österreichische Neonazi Gerd Honsik seit 2003 verbreitet und vielleicht auch geprägt. Für Honsik ist der "Kalergi-Plan" eine Fortsetzung der "Protokolle der Weisen von Zion", also der einflußreichsten Verschwörungstheorie des 20. Jahrhunderts, von der inzwischen allgemein bekannt ist, dass sie eine von russischen Antisemiten verbreitete, erfundenene Geschichte über die jüdische "Weltherrschaft" war.

Mit falschen Zitaten verbreiten Kalergi-Plan-Ideologen weiter den Glauben an eine jüdische Weltverschwörung.


Varianten des Pseudo-Coudenhove-Kalergi-Zitats:

  •  "We intend to turn Euope into a mixed race of Asians and Negroes ruled over by the Jews"
  • "The white races of Europe should be destroyed and replaced with a race of Eurasian-Negroids who can be easily controlled by the ruling class."  
  • "Für Deutschland wünsche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse unter Führung der Juden." 
  • „Für Paneuropa wünsche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse. […] Die Führer sollen die Juden stellen, denn eine gütige Vorsehung hat Europa mit den Juden eine neue Adelsrasse von Geistes Gnaden geschenkt.“ (Link)
  •  

Der angebliche Kalergi-Plan:

 

Gerd Honsik: "Halt dem Kalergi-Plan!" 2005, S. 244


False Coudenhove-Kalergi quote. youtube 2015



Pseudo-Coudenhove-Kalergi quote.







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Quellen:
Richard Nicolaus Coudenhove-Kalergi: "Adel". Verlag der Neue Geist/ Dr. Peter Reinhold, Leipzig: 1922, S. 17, S. 35 (Link), (Link)
Richard N. Coudenhove-Kalergi: "Praktischer Idealismus: Adel - Technik - Pazifismus", Paneuropa Verlag, Wien - Leipzig: 1925, S. 22, S. 45 (Link)
Jürgen Langowski: "Herr Kleinsorg und die Bücherkiste. Ein Mann packt aus. Oder ein. Je nachdem" miscelle.de
Vanessa Conze: "Richard Coudenhove-Kalergi: umstrittener Visionär Europas." Muster-Schmidt, Gleichen/ Zürich: 2004
Wolfgang Dvorak-Stocker: "Die dumme Rechte und der 'Kalergi-Plan'", neue-ordnung.at Nr. II, 2006  (Link)
Steve Lerod: "Fragwürdige 'Zitate': Thomas Barnett und Richard Coudenhove-Kalergi", Kathon, 10. Juli 2016,  (Link)
Wilhelm Lasek: Funktionäre, Aktivisten und Ideologen der rechtsextremen Szene in Österreich, doew.at, undatiert,  S. 44-52  (pdf)

Beispiele für die Kalergi-Plan-Verschwörungstheorien:
Google
Gerd Honsik: " ... Halt dem Kalergi-Plan!" (EA 2003). Titel der 2. Auflage: "Rassismus legal? Der Juden Drittes Reich? Halt dem Kalergi-Plan! 28 Thesen Coudenhove-Kallergis. Eine Bittschrift an die deutsche Parlamente." Mit einem Vorwort von Göran Holming und Kommentaren von "Prof. Guido Raimund" (Pseudonym Honsiks mit Professoren-Titel) Bright-Rainbow Verlag, La Mancha: 2005, S. 244
MEP Nick Griffin, Europa-Parlament, 2014?:  About the Kalergi-Plan and Genocide on Europeans, lupocattivoblog.com 2015
Michael Mannheimer: "Der Kalergi-Plan zur Ausrottung der weissen Rasse mit einer Weltregierung jüdischer Zionisten" 2017 (Link)
"Der Kalergi-Plan zur Ausrottung der weissen Rasse mit einer Weltregierung jüdischer Zionisten" (Link). Übersetzung von Plan Kalergi, metapedia, Spanisch
"The Coudenhove-Kalergi plan – The genocide of the Peoples of Europe" 2017 (Link)

balder.org/judea/Richard-Coudenhove-Kalergi-Praktischer-Idealismus-Wien-1925-DE.php#negroide
quora.com/Is-the-Kalergi-plan-a-conspiracy-theory
westernspring.co.uk/the-coudenhove-kalergi-plan-the-genocide-of-the-peoples-of-europe/
katholischpur.xobor.de/t1927f102-Der-Plan-des-Freimaurers-Coudenhove-Kalergie.html
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Dank:
Ich danke Jürgen Langowski für seine mühsame Aufdeckung des erlogenen Falschzitats.



















Artikel in Arbeit.

Dienstag, 10. April 2018

"Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen." Albert Einstein (angeblich)


Dieses Zitat ist eine Paraphrase eines Satzes, den Albert Einstein am 30. März 1953 für eine Publikation zu Ehren des Cellisten Pau (Pablo) Casals, dem er persönlich nie begegnet war, verfasst hat; das entstellte Zitat ist wahrscheinlich aus einer Rückübersetzung aus dem Englischen entstanden.

Einsteins Worte über Pablo Casals wurden zuerst auf Französisch publiziert, dann auf Englisch und erst später auf Deutsch.

Der auf der ganzen Welt bewunderte Katalane Pau Casals weigerte sich ab 1933 in Hitler-Deutschland zu musizieren und trat gegen das Franco-Regime in Spanien auf.

Im Original lautet Einsteins Satz:
  • Pablo Casals "hat klar erkannt, dass die Welt mehr bedroht ist durch die, welche das Übel dulden oder ihm Vorschub leisten, als durch die Übeltäter selbst."
    Albert Einstein, 1953
Daraus entstand im Lauf der Zeit die plakative, unsinnige Formulierung: "Die Welt wird nicht bedroht, von Menschen, die böse sind ..." (Link)



Albert Einstein, Typoskript, 30. März 1953


Albert Einstein, Typoskript, 30. März 1953, Einstein Archive, © The Hebrew University of Jerusalem.

  • "Die Wertschätzung Pablo Casals(') als grossen Künstler braucht fürwahr nicht auf mich zu warten, denn hierin herrscht Einstimmigkeit unter den Auguren. Was ich aber an ihm besonders bewundere, ist seine charaktervolle Haltung nicht nur gegen die Unterdrücker seines Volkes, sondern auch gegen alle diejenigen Opportunisten, die immer bereit sind, mit dem Teufel zu paktieren. Er hat klar erkannt, dass die Welt mehr bedroht ist durch die, welche das Uebel dulden oder ihm Vorschub leisten, als durch die Uebeltäter selbst.
    Princeton N.J.  / 30. März 1953                  Albert Einstein."
  • "It is certainly unnecessary to await my voice in acclaiming Pablo Casals as a very great artist, since all who are qualified to speak are unanimous on this subject. What I particularly admire in  him is the firm stand he has taken, not only against the oppressors of his countrymen, but also against those opportunists who are always  ready to compromise with the Devil. He perceives very clearly that the world is in greater peril from those who tolerate or encourage  evil than from those who actually commit it."
    Albert Einstein, 30. März 1953, übersetzt von Andre Mangeot.

 Varianten des entstellten Einstein-Zitats:

 



 

  • "The world is a dangerous place to live, not because of the people who are evil, but because of the people who don't do anything about it."
  • "The world is a dangerous place, not because of those who do evil, but because of those who look on and do nothing."
  • "The world will not be destroyed by those who do evil, but by those who watch them without doing anything."
  • "Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen."
  • "Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben - nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen."
  • "Die Welt ist nicht gefährlich wegen denen, die Schlechtes tun, sondern wegen denen, die zusehen und machen lassen."
 
Entstelltes Albert-Einstein-Zitat.

Entstelltes Albert-Einstein-Zitat.

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Quellen:
Albert Einstein: Typoskript, Princeton, 30. März 1953,  Einstein Archive 34 - 347, The Hebrew University of Jerusalem
Alice Calaprice: "The Ultimate Quotable Einstein", Foreword: Freeman Dyson, Princeton University Press, Princeton and Oxford: 2011, S. 115f. (Link)
Josep Maria Corredor: "Conversations avec Pablo Casals: Souvenirs et opinions d'un musicien Pablo Casals". Éditions Albin Michel, Paris: 1955, S. 15 (Link)
Josep Maria Corredor: "Conversations with Casals." With an Introduction by Pablo Casals and an appreciation by Thomas Mann. Übersetzt von Andre Mangeot, Dutton, New York: 1957, S. 11
Wikiquote
Juttas Zitateblog 2011 (Link)
Die entstellte Version des Zitats ist weit verbreitet und in vielen Zitatsammlungen zu finden (Google).
 
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Dank:
Ich danke Roni Grosz (und Orith Burla Barnea) von den Albert Einstein Archives der Hebrew University of Jerusalem für die Erlaubnis, das Original-Typoskript Albert Einsteins hier wiedergeben zu dürfen.

Samstag, 7. April 2018

„Alle Bücher, die ich gelesen habe, haben mir den Trost nicht gegeben, den mir Psalm 23 Vers 4 gab." Immanuel Kant (angeblich)

Seit 120 Jahren suchen Kant-Spezialisten vergeblich nach dem Ursprung dieses Zitats in den Schriften und Briefen Immanuel Kants. Der Philosoph Hans Vaihinger publizierte im ersten Band der "Kantstudien" 1897 eine Umfrage, woher dieses Zitat, das durch Erbauungsliteratur seit etwa 1870 verbreitet wird, stammen könnte:

 
Kantstudien, Band 1, 1897, S. 156

Inzwischen sind sämtliche Texte Immanuel Kants digitalisiert und weder in seinen noch in anderen zeitgenössischen Texten ist dieses Zitat zu finden. Es ist also ein Kuckuckszitat, das über 60 Jahre  nach Kants Tod entstanden ist. Wer es geprägt hat, ist unbekannt, da noch Quellen vor 1870 gefunden werden könnten.

Dieses Pseudo-Immanuel-Kant-Zitat wird im Internet hauptsächlich durch protestantische, aber auch durch katholische Sprüche- und Predigtsammlungen verbreitet.


1874
  • "Alle Bücher, die ich gelesen habe, haben mir den Trost nicht gegeben, den mir das Wort in der Bibel Ps 23, 4 gab: ob ich schon wanderte im finsteren Thal, fürchte ich kein Unglück, denn Du, Herr, bist bei mir.(Link)
1935
  • "Und Kant: 'Alle Bücher, die ich gelesen habe, haben mir den Trost nicht gegeben, den mir Psalm 23 Vers 4 gab.'" (Link)
2011
  • "Kein Geringerer als Immanuel Kant schreibt zu Psalm 23, den man auch das protestantische Ave Maria genannt hat: 'Alle Bücher, die ich gelesen habe, haben mir diesen Trost nicht gegeben, den mir dieses Wort der Bibel gab.'" (Link)
2014
  • "Der große Philosoph Immanuel Kant soll folgendes festgestellt haben: "Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: 'Du bist bei mir!'“ (Link)
2015
  • "Mit dem Psalmisten beten wir: 'Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.' Dem Philosophen Immanuel Kant wird dazu ein tiefgründiges Bekenntnis in den Mund gelegt: 'Alle Bücher, die ich gelesen habe, haben mir den Trost nicht gegeben, den mir dies Wort der Bibel gab.'" (Link)
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Quellen:
Google
"Kantstudien." Herausgegeben von Hans Vaihinger, Erster Band, Verlag von Leopold Voss, Hamburg und Leipzig: 1897, S. 156 (Link)
Christofer Frey: "Hat sich Kant jemals auf den Psalm 23 bezogen und den hohen Wert der vier Wörter "du bist bei mir" hervorgehoben?" 2002 (Link).
Immanuel Kant: Gesammelte Werke, Akademieausgabe. Elektronische Edition: Universität Duisburg 
Erstmals zugeschrieben: 
Alice Salzbrunn:  "Das Wort Gottes in Zeugnissen von Theologen, Philosophen und Dichtern." (EA 1870, Leipzig) 2. Auflage, Friese, Berlin: 1874, S. 56 (zitiert nach Vaihinger) 

Donnerstag, 5. April 2018

"Wenn die Engel für Gott spielen, so spielen sie Bach, füreinander spielen sie Mozart." Isaiah Berlin (angeblich)

Dieses Lob Mozarts stammt von dem Schweizer Theologen Karl Barth, der es in einem "Dankbrief an Mozart" für eine Umfrage der  "Luzerner Neuesten Nachrichten" am 21. Januar 1956 erstmals publiziert hat. Dieser "Dankbrief" ist in Karl Barths kleinem Mozart-Buch von 1956 wieder abgedruckt.

Der britische Philosoph Isaiah Berlin, dem dieses Mozart-Lob manchmal zugeschrieben wird,  hat diesen Spruch einmal ohne Hinweis auf Karl Barth zitiert ("It is said that the angels .."), aber er hat ihn nicht geprägt.
Pseudo-Isaiah-Berlin quote.

Karl Barth, Dankbrief an Mozart:

  • "Wie es mit der Musik dort steht, wo Sie sich jetzt befinden, ahne ich nur in Umrissen. Ich habe die Vermutung, die ich in dieser Hinsicht hege, einmal auf die Formel gebracht: ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen — ich sei aber sicher, daß sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und daß ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört."
    Karl Barth: "Dankbrief an Mozart", Basel, 23. Dezember 1955 (Aus der Umfrage der 'Luzerner Neuesten Nachrichten', 21. Januar 1956) in: Karl Barth: "Wolfgang Amadeus Mozart  1756/1956", EVZ Verlag, Zürich: 1956 (7. Auflage 1967), S. 13

Isaiah Berlin

  • "Isaiah Berlin, an English political scientist, once wrote, "It is said that the angels, when they play for God, play Bach, but when they play for each other, they play Mozart."
    Michael Samuel Aurelius: "High On Mozart", Chicago Tribune, 9. November 1993 (Link)
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Quellen:
Google
Karl Barth: "Dankbrief an Mozart", Basel, 23. Dezember 1955 (Aus der Umfrage der 'Luzerner Neuesten Nachrichten', 21. Januar 1956) in: Karl Barth: "Wolfgang Amadeus Mozart  1756/1956", EVZ Verlag, Zürich: 1956 (7. Auflage 1967), S. 13
Michael Samuel Aurelius: "High On Mozart", Chicago Tribune, 9. November 1993 (Link)
Time, 1962 (Link)

Mittwoch, 4. April 2018

"Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber." Bertolt Brecht (angeblich)

Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat.
 Dieses Sprichwort taucht erstmals 1874 auf einem Schweizer Stimmzettel zur Wahl der Züricher Steuerkommission auf, was damals von vielen deutschen und österreichischen Zeitungen  amüsiert berichtet wurde. 

Der Witz des unbekannten Autors wurde in den Jahren darauf weit verbreitet und von Sozialdemokraten schon vor dem 1. Weltkrieg bei Wahlen oft als Slogan verwendet.


Neues Fremden-Blatt, Abendausgabe, Wien, 27. Mai 1874, S. 2.
In den letzten Jahrzehnten wird der Spruch irrtümlich oft Bertolt Brecht und manchmal auch Wilhelm Busch oder Heinrich Heine zugeschrieben.
Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat.


Varianten:

  • "Nur die allerdümmsten Kälber // wählen ihren Schlächter selber."
  • "Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber."
  • "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber."
  • "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber." 

Bertolt Brecht spielt in dem "Kälbermarsch", seiner Parodie des Horst-Wessel-Liedes, in dem 1943 entstandenen Drama "Schwejk im Zweiten Weltkrieg" auf das Sprichwort an, aber er hat es selber weder geprägt noch in einer der ihm irrtümlich zugeschriebenen Versionen verwendet.

 

Bertolt Brecht

  • "Hinter der Trommel her
    Trotten die Kälber
    Das Fell für die Trommel
    Liefern sie selber.
    Der Schlächter ruft:
    Die Augen fest geschlossen
    Das Kalb marschiert.
    In ruhig festem Tritt.
    Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen
    Marschiern im Geist in seinen Reihen mit."
    _____







[Ist Ihnen ZITATFORSCHUNG etwas wert? (Link)]


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Quellen:
Google 
Bertolt Brecht: Stücke. Band 10 – Stücke aus dem Exil: Schweyk im Zweiten Weltkrieg; Der kaukasische Kreidekreis; Die Tage der Commune. Suhrkamp, Frankfurt am Main: (1957) 1959, S. 103
Neues Fremden-Blatt, Abendausgabe, Wien, 27. Mai 1874, S. 2 (Link)
Zitat in der Arbeiter Zeitung, Wien 1895-1933 (anno)

Beispiele für falsche Zuschreibungen:

An Bertolt Brecht:
 Google
Wiener Zeitung
facebook.com/CiceroMagazin

An  Wilhem Busch:
Michael Wolffsohn: Und wir stecken den Kopf in den Sand, Die Welt, 26. März 2019 (Link)


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Dank:
Ich danke Christian Seidl und Wolfgang Gruber für ihre Hinweise auf den Schweizer Stimmzettel.

Letzte Änderung: 17/6 2020